Der Kampf gegen die Spartakisten

Es war im April 1919. Fast ganz Deutschland war in den Händen der Spartakisten. Da wurde überall in den Gemeinden und in den Zeitungen geworben, die Jugend solle sich doch einsetzen im Kampf gegen den Kommunismus. Auch unser Bürgermeister setzte sich bei den jungen Soldaten der beiden letzten Kriegsjahrgänge ein und ermunterte uns, dass wir uns melden. Mein Bruder Adam, der als Fliegerleutnant aus dem Kriege heimkehrte, besaß eine große Liebe zu seinem Vaterland. So hatte er sich schon Monate vorher für die Befreiung des Vaterlandes eingesetzt und ließ nicht nach, an der Befreiung unseres lieben Bayernlandes mitzumachen. Von Gaukönigshofen waren wir drei Burschen vom Jahrgang 1898/99, die sich freiwillig meldeten. Das Freikorps Würzburg wurde aufgestellt. In der Realschule waren wir einquartiert. Wir wurden zusammengestellt zu einer Kompanie von 250 Mann und dazu kam noch eine Batterie Artillerie. Höchste Eile war geboten, denn ganz München war schon in der Hand der Spartakisten. Wir wurden auch neu eingekleidet. Auf der Uniform trugen wir eine weiß/blaue Armbinde mit einem Querstreifen der fränkischen Farben weiß/rot. Auch bekamen wir neue Gewehre, Handgranaten und Munition in jeder Menge. Nach zwei Tagen Aufenthalt in Würzburg marschierten wir zum Bahnhof, und ab ging die Fahrt in Richtung München. Unsere erste Station war Genderkingen an der Donau, wo wir auch übernachteten. Von hier wurden wir nach Olching bei München verlegt. Von da marschierten wir zur Schwabinger Bräu, wo wir während des Aufenthaltes in München einquartiert waren. Als wir in München ankamen, war schon alles von jungen Soldaten übervoll, die sich für die Befreiung unseres Bayernlandes einsetzten. Nach einigen Tagen des Kampfes war der Aufstand niedergeschlagen. Nun begann unsere Aufgabe in der Säuberung der Stadt von versteckten Kommunisten. Täglich machten wir von früh bis spät Hausdurchsuchungen. Straße um Straße wurde abgesperrt und die Häuser durchsuchte man nach Waffen.

Nach Wochen war der Spartakismus niedergeschlagen, und die Stadt München und das Bayernland konnten wieder aufatmen. Wir waren wieder frei. Nach einigen Monaten Aufenthalt in München, fuhren wir wieder heim nach Würzburg, wo wir unter großem Jubel der Bevölkerung empfangen wurden.

Ich hätte ja zur Reichswehr übertreten können, doch die Liebe zur heimatlichen Scholle war größer. Im Innersten war ich froh, dass ich zur Befreiung unseres Vaterlandes beigetragen habe. Ich besitze heute noch eine Karte, die wir erhalten haben, um Grüße nach Hause zu senden. Der Text darauf lautet: „Im Bayernland hat sich der Spartakist durch russ’sche Fremdherrschaft eingenist. Das Freikorps Würzburg zog zum Kampfe aus, und sendet treugemeinten Gruß nach Haus.“

Es wird wohl nicht mehr viele Lebende geben, die damals dabei waren, denn inzwischen sind doch schon 66 Jahre vergangen.

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Das Kaisermanöver im Herbst 1910

Es war im Herbst 1910, und ich war 10 Jahre alt. In den Wirtshäusern und im Dorfe sprach es sich herum, dass im Herbst in Unterfranken ein großes Manöver stattfände. Eines Tages kamen dann die Quartiermacher ins Dorf, um für die Truppenteile Unterkünfte zu finden. In den ländlichen Gemeinden wurden meistens Reitertruppen und Artillerie untergebracht, weil ja Scheunen vorhanden und Stroh und Heu da waren. Wir bekamen 20 Pferde und 20 Mann zugeteilt. Es waren Ulanen. Wir räumten unsere Scheunentennen aus und stellten Wagen und Maschinen in den Hof. Am nächsten Tag gegen Abend kamen sie angeritten. Die Lanzen mit den weißblauen Fähnchen staken im Sattelschaft. Wir hatten schon alles vorbereitet. Längs der Scheunentenne hatten wir Eisenkloben eingeschlagen, damit sie die Pferde anbinden konnten. Heu und Hafer wurde im Oberdorf ausgegeben; das mussten die Reiter selbst holen. Da musste unser Schubkarren herhalten. Die Reiter übernachteten in der Futterkammer. Wir hatten sie während des Manövers als Strohlager eingerichtet. Wie hatten wir Buben es notwendig und was gab es da nicht alles zu erzählen! Beim Pferdeputzen und Geschirreinigen war jeden Morgen etwas los im Hof. Danach war dann Pferdeappell in der Hauptstraße. Das war ein Bild! Die ganze Hauptstraße entlang auf beiden Seiten Pferd an Pferd und dazu die Lanzen mit den Fähnchen und die schönen Uniformen. Es war ein unvergesslich schönes Bild!

Neben den Ulanen war auch Artillerie im Dorfe untergebracht. Als das Manöver begann, war es verboten, die Flur zu betreten. Über der mittleren, Ochsenfurter und Brunnensteige, vom Tückelhäuser Wald bis zum Kreutberg stand eine Batterie der Artillerie. In Richtung Lohe wurde dann scharf geschossen. Am Waldrand stand eine bewegliche Attrappe. Auf sie wurde geschossen. Was gab es da für uns Buben nicht alles zu sehen. Oh, wenn wir nur auch schon groß wären ,sagten wir uns. Doch es dauerte nicht lange, bekamen wir es zu spüren, was wirklich Krieg ist. Doch damals dachten wir anders.

Das Hauptkampfgebiet des Manövers lag in der Gegend Sulzdorf, Giebelstadt, Rinderfeld und Kirchheim, weil es da viel Wald gab. Dort wurde auch eine markierte Reiterschlacht durchgeführt. Ich kann mich noch gut an das tägliche Wecken des Trompeters und an den abendlichen Zapfenstreich erinnern. Da die Felder mit Kartoffeln und Rüben noch nicht abgeerntet waren, sah es bös aus. Ein Regiment Artillerie überquerte, von der Lohe kommend, die ganze Breite unserer Gemarkung. Da brauchte man dann von manchem Acker nichts mehr ernten. Es wurde zwar gut entschädigt, doch um ein Feld ackern zu können, brauchte man schon vier Pferde. Es war alles in Grund und Boden gefahren, regelrecht untergestampft.

Wir bekamen 3000 Mark Entschädigung,doch mussten wir viel Futter kaufen, damit wir das Vieh über den Winter bringen konnten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als die Ulanen zu uns sagten, morgen gehe es in den Kampf. Da standen wir Buben sehr früh auf, denn wir wollten ja alles sehen. Es war vielleicht gegen 5 Uhr früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen, da waren die Pferde schon geputzt, gefüttert und gesattelt. Die Soldaten holten ihr Frühstück aus der Feldküche. Kaum waren sie mit dem Frühstück fertig, erscholl das Trompetensignal zum Fertigmachen und Aufsetzen. Auf zum Kampf ritten sie mit Fanfarenklang durch das Dorf in Richtung Sulzdorf/Kirchheim. Im Wald sammelten sie sich. Auch die Reiter der Umgebung schlossen sich den hiesigen an. Es war ein Bild, das man nie vergisst. Die Straße gegen Wolkshausen und Giebelstadt zeigte ein einziges Fahnenmeer. Kaum war der Tag angebrochen, dröhnte schon die Artillerie, und das zwei Tage lang. Viele von hier gingen in das Manövergebiet, um das Gefecht aus der Nähe zu sehen. Auch unser Kaiser und der bayerische König waren da und sahen sich das Manöver an. Den Bauern in dieser Gegend ging es auch nicht anders als uns. Auch sie mussten mit Vorspann ackern und das Futter für den Winter kaufen.

Was war doch das früher im Kaiserreich für eine schöne und glückliche Zeit! Die Bevölkerung war zufrieden.

Und wie ist es heute mit unserer Regierung? Die Parteien rangeln hin und her, streiten sich und sind bloß auf ihren Vorteil aus, natürlich auf Kosten der Kleinen.

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Wie ich die Reichskristallnacht erlebte

Am 9. November 1938 lag es wie ein schweres Gewitter in der Luft. Der Judenhass der Nazis hatte einen Höhepunkt erreicht und kannte keine Grenzen mehr. Was sich die Nazis in ihrem Hass nur ausdenken konnten, das wurde ausgeführt. Selbst den Brand des Reichstagsgebäudes schob man ihnen in die Schuhe, obwohl er von den eigenen Nazis ausgeführt worden ist. Am Abend des 9. November 1938 war es dann so weit. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel brach der Sturm gegen die Juden los.

Unser Garten grenzte an die Judenschule und die Synagoge an. Auch das Kaufhaus des Getreidehändlers Kleemann stand in unserer Nachbarschaft. In dieser Zeit konnte man kaum noch ruhig schlafen. Ein böses Wort gegen Hitler oder die Partei konnte einem schon das Leben kosten. Ich wollte am Abend des 9. November gerade ins Bett gehen, als ich draußen Lärmen und Schreien hörte. Ich dachte: „Was ist denn da los?“. Als gar noch das Klirren von Fenstern zu hören war, glaubte ich, der Teufel sei los. Ich schaute zu meinem Fenster hinaus und schaute zum Anwesen Kleemann hinüber. Wie bei einem Schneegestöber flogen die Federn der aufgeschlitzten Betten durch die Luft. Kein Fenster war mehr ganz. Alle Haustüren waren mit schweren Schlegeln eingeschlagen worden. Die ganze Hauseinrichtung, Schränke, Bettstellen, Lampen und Küchengeschirr, lag zertrümmert auf dem Boden. Als der Tumult los ging, war das ganze Dorf versammelt, um dagegen zu protestieren. Mich hat es nicht mehr zu Hause gehalten. Ich kleidete mich schnell an und lief zum hinteren Gartentürchen hinaus auf die Straße. Schon stand ich mitten drin. Die Nazis waren gerade dabei, die Synagoge zu zertrümmern. Die Bundeslade, das Allerheiligste der Juden, wurde auf dem Boden zerschlagen. Voller Empörung darüber konnte ich mich nicht mehr halten. „Pfui“, schrie ich. Sofort war ein Nazi mit einem dicken Gummiknüppel da. „Wer hat da gerufen?“ brüllte er. Zum Glück konnte ich in der Menge untertauchen. Hätte er mich erwischt,wer weiß, was mir geblüht hätte. Im Oberdorf an der Hauptstraße stand ein offenes Sandauto. Dorthin wurden alle männlichen Juden geschleppt. Die meisten hatten bloß Hemd und Hose an; keine Strümpfe und viele keine Schuhe. So mussten sie bei bitterer Kälte stundenlang auf dem Lastauto kauern. Ich glaube, es hatte einige Grade unter Null, bis der Abtransport ins Ungewisse geschah. Ein Bild werde ich in meinem Leben nie vergessen, wie sie den Judenlehrer, der bloß mit Hemd und Hose bekleidet war, in der Seitengasse zum Auto hinauf schleppten. Zwei SAler schleppten ihn, ein Dritter ging mit einem Knüppel hinterher. Er versetzte dem Juden laufend Schläge und trat ihn mit den Füßen in den Hintern, dabei fluchte er: „Saujud, verdammter, heb deine Latschen und beweg dich etwas schneller!“ Das ganze war ein Bild des Grauens. Man konnte sagen: „Volk, was habe ich dir getan, dass du mich so peinigst? Habe ich nicht im Ersten Weltkrieg meine Pflicht getan? Wie viele von uns haben auf dem Schlachtfeld ihr Leben für das deutsche Vaterland gelassen?“. Fünf Juden von hier hatten für ihre Tapferkeit das Eiserne Kreuz erhalten; das sei nebenbei gesagt.

Nun wieder zurück zur Kristallnacht. Am nächsten Tag sah man erst das Gräuel, das die Nazis angestellt hatten. Im Unterdorf, wo das sogenannte Judenviertel war, hatten sie ein großes Feuer angemacht. Sämtliche Papiere, wie Rechnungen , Versicherungen, Bücher und sonstige Sachen wurden ein Raub der Flammen. Sogar Betten und ausgehängte Haustüren wurden verbrannt. Eine gute Judenfrau, die sich vor den Nazis verstecken konnte, stieg über unseren Zaun und versteckte sich in bitterkalter Nacht hinter einem Strauch. Sie erkältete sich so stark, dass sie ein paar Tage später verstarb. Es durfte ja kein Arzt zu einem kranken Juden.

Das Schlimmste war, dass SAler von Ochsenfurt und leider auch von hier, die bei den Juden ihr Brot verdient haben, die bestialischen Umtreiber gewesen sind. Auch das Ausleihen von Hammerschlegeln aus dem Dorf soll erwähnt sein. Es ist eine Schande für das Dorf. Man schweigt darüber um des Friedens willen. Es war ein himmelschreiendes Unrecht, das man den Juden angetan hatte. Die gerechte Strafe für das deutsche Volk ist nicht ausgeblieben.

Unter Mittag des nächsten Tages bin ich schnell einmal in die zerstörten Häuser gegangen um mir das Ausmaß einmal näher zu betrachten. Wie hat es da ausgeschaut! Ich habe mit den Leuten gefühlt und meine Anteilnahme und mein Bedauern ausgesprochen. Da kam ich in ein Haus, in dem eine ältere Frau wohnte . Sie wollte zu ihren Eltern fahren, die in der Nähe von Lohr wohnten. Der Mann und ihre Buben waren von den Nazis mitgenommen worden. Sie wollte etwas Kleider aus dem Schrank mitnehmen, doch der lag mit den Türen am Boden. Sie bat mich, ob ich nicht den Schrank aufheben könnte. Mit letzter Kraft ist es mir gelungen, den schweren Schrank aufzuheben. Sie nahm einige Kleider heraus und sagte zu mir: „Herr Dürr, ich hätte noch eine kleine Bitte: Nachdem das Türschloss eingeschlagen wurde, ist es mir nicht mehr möglich, das Haus abzuschließen. Wenn ich das Haus verlassen habe, sind sie so gut und riegeln die Tür von innen zu.“ Ich tat es und hüpfte dann zum Fenster hinaus. Für mich war es ein großes Wagnis. Hätte mich jemand gesehen, hätte es geheißen, dass ich geplündert habe. Das hätte mir meinen Kopf kosten können. Heute bin ich froh, dass ich ihr diesen Dienst erwiesen habe.

Ja, es war damals ein großes Verbrechen und eine große Schande für das deutsche Volk, dass sie den Juden das angetan haben. Die Strafe dafür mussten wir leider alle büßen! Soviel meine Erinnerungen von der Kristallnacht vom 9. November 1938.

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Die Juden in unserem Dorf

Wieviele Juden gab es in unserem Dorf? Welcher Arbeit gingen sie nach?

In der Nähe unseres Hauses, in der Brunnenstraße, wohnten David, Sara, Miriam und Schiefel. Sie lebten in einem verwahrlosten Hause. Nach ihrem Tode wurde es abgerissen und der Platz ging in den Besitz von Peter Busch über. Es waren vier ledige Geschwister, verdreckt in Haus und Hof. Ich kann den David heute noch sehen, wie er bei Vollmond bei unserem Anwesen auf- und abging, mit seiner Gebetsrolle in seiner Hand, den Blick zum Mond gerichtet. Sie waren ohne Beruf, ohne Einkommen und lebten wahrscheinlich von den Almosen der hiesigen Juden. Gleich hinter unserem Obstgarten über der Straße war die Judenschule mit Lehrerwohnung. Dahinter stand die Synagoge. Neben der Judenschule stand ein kleine, einschössiges Häuschen von Katz. Es waren noch zwei ledige Judenmädchen da. Katz hatte ein Kind. Er ernährte sich vom Pelzhandel und nebenbei war er noch Packjude. Sie sind alle im KZ umgekommen. Das Häuschen wurde von der Gemeinde erworben und weggerissen. Gleich neben unserem Garten stand das Kaufhaus von Levis Braunschild. Es lebte zuletzt eine Witfrau dort. Sie starb schon vor der Kristallnacht. Das Anwesen ging in den Besitz von Alois Rummel über. Die Synagoge und die Judenschule erwarb die Gemeinde. Gleich neben dem Haus von Braunschild war auch die Judentauche. Diese erwarb Martin Herrmann und baute sie zu einer Bulldoghalle um. Am Ende unseres Gartens, über der Straße, war das Schlösschen mit einem Getreidespeicher und Pferdestall. Speicher und Stall erwarb Franz Mark. Das stolze Schloss erwarb die Gemeinde. Nach dem Krieg wurde es abgerissen und auf dem Grundstück die neue Grundschule erbaut. Der ehemalige Besitzer hieß Kleemann, hatte vier Kinder und war Getreidehändler. Nebenbei führte er noch ein großes Textilgeschäft. Teilweise sind die Familienmitglieder nach Amerika ausgewandert, teilweise umgekommen. Einige Häuser weiter begann dann das eigentliche Judenviertel. Da gab es zunächst das Anwesen Bernhard Weil. Er war Viehhändler, auch Pferdehändler. Er besaß eine kleine Landwirtschaft und hatte zwei Kinder. Zum Glück sind sie alle ausgewandert, bevor die Vernichtung der Juden begann. Der jetzige Besitzer ist Alfred Endres. In der Straße „Königshof“ lagen drei jüdische Besitze. Königshof Nr. 2 war der Besitz von Ferdinand Weil, ein Bruder von Bernhard Weil. Er war auch Vieh- und Pferdehändler. Er hatte zwei Kinder. Alle sind im KZ umgekommen. Der jetzige Besitzer ist meine Wenigkeit. Ein Haus weiter nach unten gehörte Josef Thalheimer. Er besaß ein kleines Kauflädelchen mit etwas Viehhandel. Er war ein armer Jude. Seine Frau ist an den Folgen der Kristallnacht gestorben. Er und seine beiden Kinder sind im KZ umgekommen. Der Jetzige Besitzer ist Karl Sieber. Dann wieder ein Haus weiter, das Eckhaus war im Besitz von Samuel Krebs. Er war auch Viehhändler und hatte zwei Kinder. Sie sind auch im KZ umgekommen. Der jetzige Besitzer ist Oskar Schrod. Über der Straße lag dann das Anwesen von Bernhard Weikersheimer. Er war ledig und hatte einen Bruder, der Doktor in Amerika war, und eine Schwester. Bernhard war der Große bei den Juden: Häusermakler, Vieh- und Pferdehändler. Er ist noch vor der Verfolgung nach Amerika aus gewandert. Nebenan lag das Anwesen Rotstein. Er war auch Viehhändler. Er hatte zwei Kinder. Sind alle im KZ umgekommen. Der jetzige Besitzer ist Georg Brumann. Hinten in der Julius-Echter-Straße hatten die Mainzer zwei Anwesen. Sie sind auch alle umgekommen. Ein Anwesen hat Elisabeth Wehr, das andere und größere Martin Hemm. Gleich nebenan waren Haus und Fabrik von Ignaz und Vitus Weikersheimer. Der Besitzer hatte schon vor der Nazizeit bankrott gemacht. Alle sind ausgewandert. Gärtner Konrad Michel hat alles erworben. Vorne in der Mühlstraße war das Anwesen von Grünebaum. Er war auch ein armer Packjude mit einem kleinen Lädelchen. Er hatte ein Kind. Sie sind alle umgekommen. Das Anwesen wurde abgerissen. Der Platz wurde geteilt, eine Hälfte erwarb Valentin Michel, die andere Johann Michel. Ein Haus weiter wohnte Familie Forchheimer. Sie hatten ein Kind. Er war auch Packjude mit einem kleinen Geschäft. Sie sind auch alle umgekommen. Der jetzige Besitzer ist Andreas Fleck. Über der Straße dann ein Einzelhaus. Es gehörte drei ledigen alten Juden. Die Familie Bach waren Öl- und Fetthändler. Sie sind auch alle umgekommen. Der jetzige Besitzer ist Andreas Busch. Dann über ein Haus weiter, auf der linken Seite, wohnte Max Sichel. Er besaß einen Laden und war Viehhändler. Er hatte drei oder vier Kinder. Alle sind schon beizeiten ausgewandert. Der jetzige Besitzer ist Oskar Höfner.

Das waren vor der Vernichtung die Juden unseres Dorfes. Teils waren sie wohlhabend, die meisten aber waren arm. Es war ein Auskommen mit ihnen. Sie haben uns Christen respektiert und keinem etwas zuleide getan. Es ist freilich auch einmal vorgekommen, dass sie einen, auf deutsch gesagt, ausgehackt haben. Dann war aber meistens derselbe selbst schuld. Es sind seitdem fast 50 Jahre vergangen. Das Unrecht, das man ihnen angetan hat, soll für die Jugend und die späteren Generationen als Mahnung erhalten bleiben. Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, einen Rückblick über die Juden des Dorfes zu schreiben.

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Meine Erinnerungen vom Zweiten Weltkrieg

Es war im August 1939. Schwere Angst der Bevölkerung lag in der Luft. Wird es zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommen? Das deutsche Volk lebte in großer Aufregung, zumal der Erste Weltkrieg erst 20 Jahre zurücklag, und ihn alle noch gut in Erinnerung hatten. Am 28. August hatten wir gerade die Dreschmaschine. Nach dem Abendessen sagte ich zu den Einlegern und dem Maschinisten: „Wenn wir in der Nacht nicht geholt werden, machen wir morgen früh weiter!“ Meine Vorahnung trat ein. Von der schweren Arbeit übermüdet, fand ich keinen festen Schlaf. Der Gedanke an den Ausbruch eines Krieges ließ mir keine Ruhe. Da, plötzlich, gegen 2 Uhr früh schlug der Hofhund an. Gepolter an der Pforte. „Ja, was ist denn los?“ fragte ich mich. „Du musst sofort aufstehen und unterschreiben“, sagten der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter. „Du musst mit dem 6-Uhr-Zug nach Randersacker und dich melden. Es ist Krieg!“ Von Schlaf war keine Rede mehr. Ich zog mich an und ordnete meine Sachen. Man wusste ja nicht, was einem im Krieg widerfahren würde, denn im Krieg bleibt niemand verschont.

Als ich am Bahnhof ankam, standen schon eine Menge Reservisten da. Aktive Soldaten hatten wir ja noch nicht soviel. Es mussten daher die beiden letzten Jahrgänge vom Ersten Weltkrieg dran glauben. Von Begeisterung war keine Rede. Der Zug war übervoll. Doch nach und nach wurde er ab der Station Ochsenfurt nach Würzburg leerer, denn bei jeder Station stieg ein schöner Trupp aus, um sich bei seinen Truppenteilen zu melden. Mein Ziel war Randersacker. Ich stieg in Winterhausen aus und lief zu Fuß über die Brücke über Sommerhausen und Eibelstadt nach Randersacker. Auf dem Marsch dorthin traf ich viele Bekannte aus dem Ochsenfurter Gau. In Randersacker angekommen, musste ich mich in der Gastwirtschaft Schmidt melden. Zum Essen gab es am Mittag Gulasch mit Nudeln, der in der Wirtschaftsküche gekocht worden war. Eine Feldküche war noch nicht da. Nach dem Essen wurde die ärztliche Untersuchung durchgeführt. Nach und nach kam alles herbei: 20 LKW, die Feldküche, Stiefel, Uniform, Ausrüstung, Erkennungsmarke und so weiter. Am Abend gab es Tee mit Wurst. Unser Nachtlager war der Tanzsaal. Wir schliefen auf dem blanken Boden ohne Decke. Am zweiten Tag ging es dann schon recht militärisch zu. Die Parole hieß Einkleiden, Militärpass abholen, Essgeschirr, Gewehr mit Seitengewehr und Patronentasche mit Munition fassen. Die Zivilkleider mussten eingepackt und abgeliefert werden. Jetzt bist du Soldat und kein eigener Herr mehr. Es begann das Exerzieren wie in der Rekrutenzeit – eine ungewohnte Sache. Die Abfahrt mit den LKWs begann am 30. August. Nun hieß es „Lebe wohl mein Heimatland: Wir wurden nach Kitzingen zum Bahnhof gefahren. Dort stand ein Zug schon mit Viehwaggons bereit. Doch bis alles verladen war, wurde es Abend. Endlich ein Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Ab ging es in Richtung nach Polen. Über Berlin und Stade gelangten wir zur Grenze. Dort wurden wir ausgeladen. Mit Autos fuhren wir weiter über die Grenze ins Feindesland. Einen vollen Tag fuhren wir durch die Tucholer Heide, in der zwei Divisionen Polen versteckt lagen. Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, uns zu überfallen. Jetzt hörten wir schon Kanonendonner. Die Front kam immer näher. Auf den Straßen kamen uns gefangene Polen entgegen, massenhaft. Viele hatten eine Runkelrübe in der Hand. Sie aßen sie vor Hunger. Wir bekamen das ganze Elend des Krieges zu spüren. Die Zivilbevölkerung, besonders die Kinder, litten besonders darunter. Sie bettelten einen vor Hunger an. Man gab ihnen, was man konnte. Lieber ließ man es selbst abgehen.

Der Polenfeldzug war ja bald zu Ende, doch das Ausmaß der Zerstörung war groß. „Was wird wohl jetzt kommen?“ fragten wir uns „Kommen wir wieder heim?“. Die Antwort bekamen wir bald. Eines Tages hieß es „fertigmachen“. Wir wurden zu einem größeren Bahnhof gefahren und wieder in einen Zug eingeladen. Das war immer eine Qual, tagelang in den Viehwaggons sitzen, keinen Halt für den Rücken, kein Ausstrecken der Beine und wenn jemand austreten musste, stand ein Eimer in der Ecke oder er musste während der Fahrt durch den Türspalt pinkeln. Ein Zivilist kann sich davon überhaupt keine Vorstellungen machen, welche Entbehrungen ein Soldat durchmachen muss. „Wo werden wir jetzt landen?“ fragten wir uns wieder. Nach tagelanger Fahrt hielt unser Zug in Gemünden am Main. Wir hatten schon die große Hoffnung, dass es vielleicht ins Lager Hammelburg geht und wir von dort nach Hause geschickt werden. Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Gemünden war nur Zwischenstation. Es gab Kaffee und Kommissbrot und jeder konnte im nahen Wald seine Notdurft verrichten. Auch stand Wasser zum Waschen bereit. Die Ungewissheit, was mit uns geschieht, lag über uns. Viele Kameraden waren aus dem Spessart und hatten die Heimat vor Augen. Die beiden Lokomotiven an unserem Zug wurden ausgewechselt. Die beiden neuen tankten Kohle und Wasser und wurden am anderen Ende des Zuges angehängt. Jetzt wussten wir, was gespielt wurde.

Gegen Mittag kam das Kommando „fertigmachen“. Ein schriller Pfiff, und der riesenlange Zug setzte sich in Bewegung in Richtung Pfalz. In Mainz war die Zugfahrt zu Ende. Wir wurden ausgeladen, in unsere Autos verstaut und weiter westwärts gefahren. Unser Ziel lag in der Nähe von Kaiserslautern. Das kleine Dorf hieß Kusel. Dort war unser Quartier ein Getreideschuppen. Nach einigen Tagen bekamen wir ein festes Quartier mit Strohlager. In einem Stübchen in der Größe 3 mal 3 Meter waren wir zu sechst untergebracht. Mit einem kleinen Kanonenöfchen konnten wir heizen. Das war schon zum Aushalten. Am Vormittag wurde exerziert und am Nachmittag halfen wir der Bevölkerung bei der Kartoffelernte, denn wegen des Krieges waren noch viele Kartoffeln auf dem Feld. Es waren meistens kleine, arme Landwirte. Die Männer arbeiteten in Kaiserslautern in den Fabriken. Es war interessant, einen solchen landwirtschaftlichen Betrieb kennenzulernen. Scheunen gab es nicht oder nur ganz wenige. In den Ställen standen ein paar armselige, magere Kühe. Die Getreidegarben wurden mittels eines Flaschenzuges in den oberen Speicher befördert. Dort lagerten sie, bis die Dreschmaschine kam. Die Dreschmaschine wurde von Haus zu Haus gefahren und an den Giebel gestellt. Dann wurden die Garben vom Speicher auf die Maschine geworfen und gedroschen. Wenn jemand Dreschgut für zwei Stunden hatte, war es schon viel. Am Abend wurde dann mit allen, die am Dreschen beteiligt waren, groß gefeiert. Das Gras für die Kühe wurde damals noch mit dem Grastuch auf dem Kopf heimgetragen. In Kusel blieben wir ungefähr vier Wochen im Quartier, dann wurden wir näher an die Front gebracht. Wir kamen in die Nähe von Saarbrücken. Der Ort hieß Dirmingen. Die männlichen Bewohner waren lauter Grubenarbeiter. Ich kam mit einem Kameraden von Burgerroth zu einem Bergarbeiter ins Quartier. Er hatte vier Kinder und eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen. Es waren sehr gute Leute.

Nun mussten wir alle Tage nach Baumholder, den größten Truppenübungsplatz Deutschlands. Dort wurden wir eingesetzt. Man hörte schon den Kanonendonner von der Front her. Doch es war noch kein richtiger Krieg, mehr ein Geplänkel hin und her. Doch es gab schon einige Gefallene. Man war sich bei den Oberen noch nicht so recht einig, soll es Ernst werden oder nicht. Vielleicht war man mit der Aufrüstung noch nicht so weit. Der Winter 1939/40 war streng, und man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte. Freilich waren die Strapazen tagsüber groß. Mussten wir doch jeden Tag um 5 Uhr mit dem Auto drei Stunden bei 30 Grad Kälte fahren. Als wir ankamen, mussten wir uns fast vom Wagen heben, so steif waren wir gefroren. So verging der Winter. Der Frühling war sehr schön. Dazwischen hatte ich einmal 14 Tage Urlaub. Unser Kompaniechef stammte aus Nürnberg und war ein sehr guter Mensch. Er war schon 65 Jahre alt und ist später in Russland gefallen.

Das Sprichwort heißt: Der Mai bringt so allerlei. So war es auch. Es war ein schöner Maientag. Kaum hatten wir am 6. Mai Mittag gemacht, hieß es „fertimachen und alles mitnehmen“. Im Nu war alles gepackt. Nach dem Kommando „aufgesessen“ fuhren wir in Richtung Saarbrücken-Röchlingen ab.

Wir fuhren durch das schöne Saarland, an der Saarburg vorbei. Die schönen Weinberge, es war einfach eine märchenhafte Gegend. Die Moselstraße entlang, über die Moselbrücke ging es nach Luxemburg. In einem großen Musiksaale wurden wir einquartiert. Mit dem Strohlager waren wir zufrieden. Jetzt merkte man schon, dass sich etwas zusammenbraute. Es wurde ernst mit der Sache. Dann am 8. Mai begann der Kampf auf Leben und Tod. Wir mussten jeden Tag Granaten mit unseren Wagen an die Front fahren. Es war eine harte und gefährliche Arbeit. Im Wald waren unzählige Granaten jeglichen Kalibers aufgestapelt. So weit das Auge reichte, nichts als Granaten. Hätte eine feindliche Granate oder Bombe das Lager getroffen, es wäre ein unvorstellbares Ausmaß an Verwüstung aufgetreten. Doch Luxemburg war neutral. Es wurde von Hitler überfallen, weil er es als Aufmarschgebiet benötigte.

Wir waren in Luxemburg 8 Tage eingesetzt, dann ging es über die Grenze nach Belgien. Vorbei an der Festung Belfort, die von den Franzosen hart verteidigt wurde. Jetzt sah alles nach Krieg aus. Belfort ist eine der größten Festungen Frankreichs, die schon im Ersten Weltkrieg schwere Menschenopfer kostete. Die Kämpfe nahmen jetzt Tag für Tag an Härte zu, doch das französische Heer war nicht mehr das von 1914/18. Es war eben nicht gerüstet und auf einen Krieg eingestellt. Frankreich wurde schon im Ersten Weltkrieg von Amerika mit Ausrüstung beliefert und auch beim Zweiten Weltkrieg, als sich die Deutschen zurückziehen mussten. An Zähigkeit und Ausdauer war der französische Soldat dem deutschen ebenbürtig. Nachdem die Festung Belfort in deutschen Händen war, ging es schon etwas zügiger vorwärts. Nach kurzer Zeit war Belgien in deutscher Hand. Nun ging es über die Grenze nach Sedan. Wieviel Kriegserinnerungen aus dem 70er Krieg kommen da in den patriotischen Liedern zum Ausdruck: „Fern bei Sedan …“. Im Morgengrauen kamen wir mit der Bahn nach Sedan. Am Bahnhof wurde eine Rast für ein Kaffeefrühstück eingelegt. Da kam der Bahnvorstand mit Hemd und Hose und Pantoffeln aus dem Haus. Er rieb sich die Augen. Ja, was ist denn da los? Er dachte, wir seien Franzosen. Er wollte wieder ins Haus zurück. Wir dolmetschten: „Du, dableiben. Wir Dir nichts machen!“. Er ließ sich überzeugen und gab uns die Hand.

Zurückdenken muss ich auch an die Stadt Bar-le-Duc. Es war eine große Stadt und wir waren als erste dort. Allmählich kam das Heeresgros nach. Was gab es da nicht alles in den großen Kaufhäusern. Es war wie in Friedenszeiten. Von der Stecknadel bis zur kompletten Möbeleinrichtung war noch alles vorhanden. Zwei Tage später musste man über meterhohen Unrat steigen. Wein gab es in Mengen. In einer Brauerei fanden wir volle Bierfässer, aufgestapelt bis zur Decke. Sie waren ein willkommener Trunk für die nachfolgende Infanterie. Ein jeder Küchenwagen lud auf. Da war das lager bald geleert. Als die Artillerie nachkam, die vor Durst kaum reden konnte, gab es nur noch etwas Wein. Da in der Stadt nur Ziehbrunnen vorhanden waren, dauerte es Stunden, bis die Pferde der Artillerie getränkt waren. Nach zwei weiteren Tagen gab es auch keinen Wein mehr. Die Herrlichkeit war wieder vorbei.

Jetzt kam erst das schwerste Stück Arbeit für die deutschen Truppen; das war der Aisneübergang. Das muss man sich vorstellen. Ein großer Fluss und hundert Meter weiter der Aisnekanal. Dreimal wurde von den deutschen Pionieren die Brücke geschlagen und immer wieder von der französischen Artillerie zusammengeschossen. Haufenweise lagen tote deutsche Soldaten vor der Brücke. Auch im Wiesengrunde lagen Hunderte Kühe und Rinder; von den Artilleriegeschossen zerfetzt und zerstückelt. Ein grausamer Anblick! Als der Übergang über den Fluss gelungen war, gab es keinen Halt mehr für die deutsche Truppe. In kurzer Zeit waren wir his Lyon durchgestoßen. Das französische Heer brach auseinander. Die meisten Soldaten waren gefangen. Frankreich ergab sich und schloss Frieden mit uns, aber leider nicht von Dauer. Als Besatzung kamen jüngere Soldaten in Frage. Wir wurden zurückverlegt nach Elsaß-Lothringen, in die Nähe von Mühlhausen. Wir wurden dort zur Heuernte eingesetzt, denn das Futter stand noch auf der Wiese. Auch kam nach und nach die Zivilbevölkerung wieder zurück. Wir bekamen aus Deutschland 60 junge Männer für die Kompanie. Da sagte eines Tages unser Spieß beim Appell: „Ich bekomme 60 Mann Ersatz von zu Hause. Wer denkt, dass er daheim dringend benötigt wird, kann eine Reklamation einreichen“. Bei mir lief schon ein Gesuch meines Bruders. Er hatte im Ersten Weltkrieg eine schwere Vergiftung erlitten und war nicht voll arbeitsfähig. Ich kam zurück und wurde in Bamberg entlassen.

Natürlich war der Krieg noch nicht vorbei. Immer musste ich damit rechnen, dass ich wieder geholt werden konnte. Ja, so war es dann im September 1944. Ich musste noch einmal fort zum Stellungsbau am Westwall, diesmal bei Zweibrücken. Täglich war früh um 5 Uhr Appell, dann zwei Stunden Anmarsch zur Arbeitsstelle. Zum Mittagessen gab es Reis- oder Grießsuppe. Gearbeitet wurde bis 5 Uhr abends, dann wieder zwei Stunden Heimmarsch. Dann gab es erst eine richtige Mahlzeit. Ein hartes Strohlager war die Schlafstelle. Jede Nacht zwei- bis dreimal Fliegeralarm. Auf vom Strohlager, die Decke umgehängt und hinein in den Luftschutzkeller. Kaum war man darinnen, krachten draußen die Bomben.

Wer arbeitete am Westwall? Da waren alle Nationen vertreten. Durch den dauernden Fliegeralarm und Beschuss von oben war man seines Lebens nicht mehr sicher. Ein Glück, dass unsere Arbeitsstelle am Waldrand lag. Da war man doch etwas sicherer. Wenn wir früh zur Arbeit gingen, sah man auf allen Straßen und Wegen anmarschierende Arbeitskolonnen. Gefangene, Dienstverpflichtete, selbst Beamte aus der Stadt, die noch nie eine Schaufel in den Händen gehabt haben, mussten Arbeit beisteuern zum Siege.

Und dann das brutale Behandeln der Gefangenen. Zwei Beispiele möchte ich anführen. Beim Anmarsch war früh vor uns eine Kolonne gefangener Russen. Wir mussten durch ein Eichenwäldchen. Auf dem Boden lagen haufenweise Eicheln. Ein Gefangener hatte sich vor Hunger ein paar Eicheln aufgelesen. Der Kolonnenführer, ausstaffiert wie ein Viehtreiber, nahm seinen Gummiknüppel und haute ihm fünf- bis sechsmal über den Rücken. Wir hielten natürlich nicht unser Maul: „Wenn Du das noch einmal machst, dann kriegst Du von uns! Merk Dir das!“ Wir arbeiteten im Graben. Als Nachbarkolonne arbeiteten Zivilausländer. Am Rande des Westwalls arbeiteten Mädchen, die Runkelrüben herauszogen. Ein Arbeiter gab dem Mädchen ein Zeichen, dass es eine Runkelrübe in den Graben wirft zum Essen. Der Aufseher sah das und wollte mit seinem Knüppel zu dem Mädchen laufen. Wir ergriffen sofort Partei: „Wenn Du nicht augenblicklich ablässt, dann bekommst Du es mit uns zu schaffen!“. Er ließ von seinem Vorhaben ab und verdrückte sich. Unser Anführer war der Gauleiter von Brückenau, eine vollgefressene Plunze von zwei Zentnern. Bei unserem Anmarsch zur Arbeitsstätte mussten wir eine halbe Stunde eine steile Steige hinaufsteigen. Da kam jedemal das Kommando „singen“. Wir sagten uns: „Du kannst uns …“. „Na, wartet nur, wenn der Krieg aus ist, dann kommt die große Auslese. Dann wird gesiebt. Wer nicht pariert, kommt nach Sibirien.“ Leider ist die Auslese für die Bonzen nicht gekommen, die laufen immer noch ungeschoren herum.

Als unsere vereinbarte Zeit beim Westwall vorüber war, rückte die Front immer näher. Man hörte schon die Maschinengewehre knattern. Just an dem Tag wurde von Hitler der Volkssturm zur Verteidigung der Heimat aufgerufen. Als wir am Abend nach Hause kamen, war Appell angesagt. „Na was ist denn jetzt schon wieder los, dass einer mit einer braunen Uniform kommt?“ Es war der Gauleiter von Zweibrücken. Er begann eine große Rede über den Ernst der Lage. „Leute, die Lage ist ernst! Heute hat unser geliebter Führer den Volkssturm aufgerufen zur Verteidigung der Heimat. Ab heute seid ihr mir unterstellt. Was die nächsten Tage bringen werden, wissen wir nicht, aber wir müssen und werden siegen!“ „Au weh“, haben wir gesagt, „jetzt sehen wir unseren Hain nicht wieder!“ Doch ein klein wenig Glück muss der Mensch haben, und siehe da, am andern Morgen stand unser Gauleiter Hellmuth aus Würzburg da. „Leute“, sagte er, „ihr braucht keine Angst zu haben.“ Zum Gauleiterkollegen von Zweibrücken sagte er, dass seine Leute heimkämen. Er organisierte den Zug und abends marschierten wir zum Bahnhof. Doch fast wäre es noch schief gegangen. Wir saßen schon im Zug und die Lokomotive war schon angehängt. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Die Lok wurde abgehängt und fuhr aus dem Bahnhof. Uns ließen sie stehen. Die Bomben krachten auf die Stadt nieder, dass die Erde zitterte. Doch der Fliegerangriff ging glücklich vorüber.

Noch zweimal mussten wir auf der Fahrt nach Würzburg vor Fliegern Halt machen. Mein einziger Gedanke war auf der Heimfahrt „Ihr kriegt mich nicht mehr! Gehe es, wie es wolle!“. Als der Volkssturm in Gaukönigshofen aufgerufen wurde, war ich krank. Die Amerikaner waren schon in Euerhausen. Da wollte so ein Fanatiker den Volkssturm einsetzen und mich holen. „Es tut mir leid, ich bin krank!“ sagte ich ihm. Aus dem Vorhaben ist aber nichts geworden, denn die Amis waren schneller als er und dies war auch gut so. Wer weiß, was aus unserem Dorf geworden wäre! Dies ist ein kleiner Ausschnitt von den Erlebnissen vom Zweiten Weltkrieg.

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Was mir ein Tagebuch eines Veteranen erzählte

Am 17. Juli 1870 war Mobilmachung. Die bayerische Armee war bereits am 18. eingekleidet und stand für den Einsatz marschbereit. Um 6 Uhr in der Frühe marschierten wir von der Kaserne aus zum Würzburger Bahnhof. Ein unendlich langer Eisenbahnzug stand bereit, uns ins Ungewisse zu befördern. Eine Menschenmenge bis weit hinein in die Stadt war versammelt, um von uns Abschied zu nehmen. Für viele ein Abschied für immer, weinend und wehmütig. Ein letzter Händedruck, dann bestiegen wir den Zug, nichts ahnend, was Krieg heißt. Die Musikkapelle betrat den Vorplatz und spielte die bayerische Nationalhymne. Ein kurzer Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Auf allen Bahnhöfen standen unübersehbare Mengen von Menschen. Die Bahnhöfe Lauda und Heidelberg mussten von der Polizei gesperrt werden wegen des großen Andrangs der Leute. In Mosbach bekamen wir nachts um 1 Uhr unsere erste Kriegsverpflegung. Am Morgen gab es Kaffee. Dann hieß es marschieren, für uns etwas ungewohnt. Unser erstes Ziel war Schwetzingen. Man konnte schon pausenlos Geschützdonner vernehmen. Zum Unglück fing es noch an zu regnen, und durchnässt bis auf die Haut, ging der Marsch weiter über Speyer nach Neustadt an der Hardt. Anfangs ging es ganz gut. Doch als die Sonne brannte und der Tornister drückte, hat so manch einer schlapp gemacht. Die Straße war förmlich übersät mit Fußkranken. An Körperpflege war nicht mehr zu denken. In Welsheim war ein Feldbiwak. Zum Mittagessen gab es Kartoffelsuppe und Feldzwieback. Doch der Krieg kennt keinen Haltepunkt. Weiter ging es nach Weißenburg, wo die erste Feindberührung und eine große Schlacht stattfand. Danach wurde weitermarschiert nach Schweigern. Plötzlich kam das Kommando: „Ladet die Gewehre!“ Wieder kam es zu einem Gefecht. Wir warfen die Franzosen zurück. Tausende Gefangene waren der Lohn für unseren Einsatz. Viele Tote, Freund und Feind, darunter auch viele Schwarze, bedeckten das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Rast marschierten wir weiter über Climbach in die Vogesen. Nach Lembach brach ein schweres Gewitter über uns herein, das uns schwer zu schaffen machte. Die Straßen waren übersät mit französischen Ausrüstungsstücken. Dazwischen Gefechte. Das Schlachtfeld war eine einzige Wasserlache. Wieder mussten einige Kameraden ihr Leben lassen. Durchnässt kamen wir um Mitternacht in Reichshoffen an. Die deutsche Verpflegung kam ins Stocken. Nun hieß es requirieren. Doch wo sollte man etwas holen, wenn nichts mehr da war? Es kam öfter vor, dass wir hungern mussten. Die Dorfbewohner waren meistens geflüchtet und hatten alles Essbare mitgenommen, auch den ganzen Viehbestand. Als wir in Bitche angekommen waren, hatten wir wieder einmal Gelegenheit zum Ausschlafen. Was war das für eine Wohltat, wenn wir auch für diese Nacht in der Montur schlafen mussten. Am Morgen ging es dann weiter nach Moselle. Ich wurde zum Requirieren bestimmt. Mir war es peinlich, den armen Leuten ihr Letztes wegzunehmen. Die Not wurde riesengroß. Es gab nichts mehr zu holen und unser Nachschub blieb aus. In der größten Not entdeckten wir auf dem Bahnhof von Lemberg, nicht weit von Bitche gelegen, einen stehengebliebenen Zug. In den Waggons fanden wir reichlich Lebensmittel: Wein, Zwieback, Branntwein und sogar Zigarren.

Nach einer kurzen Rast ging es trotz strömenden Regens bis 10 Uhr in der Nacht weiter. Müde wie ein Hund hätte ich sogar mit einem Schweinestall vorlieb genommen. Ich lehnte mich an einen Baumstamm und schlief ein. Morgens in der Früh um 5 Uhr sammelten wir Holz für ein Feuer, damit wir unsere Kleider trocknen konnten. Plötzlich kam die Nachricht, dass sich der Feind zurückgezogen hätte. Aber die Heckenschützen machten uns schwer zu schaffen. So mancher Kamerad wurde hinterrücks erschossen. Als wir uns zum Abmarsch aufgestellt hatten, hieß es, dass unser Gepäckwagen Achsbruch habe und wir einige Stunden Aufenthalt hätten. Da bekamen wir endlich die Gelegenheit, unsere Unterwäsche zu wechseln. Doch ach nur zu bald ging es weiter nach Pisdorf. Auch hier war alles belegt. Wenigstens hatten wir Stroh. Wir machten uns ein Strohlager unter Apfelbäumen und schliefen die ganze Nacht bis in die Frühe. Gleich nach dem Kaffeefassen ging es weiter nach Ketting. Die Zeit drängte, dass wir dem Franzmann auf den Fersen blieben. Bis jetzt hatten wir es mit halb deutscher und halb französischer Bevölkerung zu tun. Nun kamen wir aber in rein französisches Gebiet. Vereinzelt konnten wir noch Inschriften in Deutsch und in Französisch an Wirtshäusern und Kaufhäusern antreffen, zum Beispiel „Hotel de Ville – Gasthaus zum Schlösschen“. Die Gegend war hier sehr schön. Wir sahen keine freudigen, sondern nur mürrische Gesichter, die meisten auf der Flucht vor den verhassten Deutschen. In Ketting hatten wir ein großes Biwak. Wir brachten zwei Ochsen und zwei Schweine mit. Was war das für so viele Soldaten, die hier lagerten? Sie waren vom Hunger ausgemergelt. Die große Schlacht stand noch bevor. Die Nächte waren auch schon kalt. Am Morgen waren wir stocksteif gefroren, wenn wir in der Nacht im Freien logieren mussten. Das Gros des Heeres marschierte jetzt in Richtung Mars-la-Tour. Dort fand eine große Schlacht statt. Schon in der Schule sangen wir „Siehst du nicht bei Mars-la-Tour die Kolonnen stehen?“. Mit den Franzosen konnten wir uns nur durch Zeichensprache verständigen. Einmal verlangte ich von einer Französin Essig. „Na, verstehst mich denn gar nicht?“ fragte ich. „Nix verstehen“ war die Antwort. Die Herren Offiziere bekamen ihre Quartiere immer in besseren Häusern, wir dagegen mussten uns mit Mutter Erde begnügen. So war es noch bei jedem Krieg. Es ist traurig, dass nicht alle Menschen gleich sind.

Nach einigen Tagen Rast ging dann der Marsch über Toul weiter. Undurchdringliche Wälder sahen wir in dieser Gegend. Wie uns mitgeteilt wurde, war Toul bereits von deutschen Truppen umzingelt. Das nahmen wir mit Freude zur Kenntnis.

Es blieb uns diesmal der Kampf erspart. Doch es kam anders. Nachts um drei Uhr hörten wir ein heftiges pochen an der Stalltür. „Alles raus! Fertig machen! Schnell einen heißen Kaffee trinken!“, so hieß es. Noch einen Brocken Brot dazu, und ab ging es nach Melipy. Endlich mal zwei Resttage. Am Abend gab es Glühwein mit Kartoffeln und Käse. Nach den Ruhetagen war es dann noch schlimmer als bisher. Jetzt begann erst die Hauptsache des 70er Krieges. Wir wurden in das Hauptkampfgebiet versetzt und hatten kaum noch Ruhe, bis sich die Belagerung von Paris vollzogen hatte. Die Zivilbevölkerung von Paris ist buchstäblich ausgehungert worden. Nach langer Belagerung ergab sich endlich der Franzose, und der Einmarsch der deutschen Truppen in Paris begann. Es war ein nicht auszusprechender Jubel beim Triumphzug durch die Stadt. Trotzdem war dieser Krieg das reinste Kinderspiel im Vergleich zu den beiden folgenden Weltkriegen.

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Erinnerungen vom Ersten Weltkrieg

Der Sommer 1914 ließ sich friedlich an. Kein Mensch dachte, dass sich ein Weltkrieg entfachen würde, den die Menschheit bis dahin noch nicht gesehen hatte. Unser Kaiser unternahm eine große Nordlandreise und dachte nicht im Schlafe daran, dass am Horizont ein so schrecklicher Krieg heraufzog. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel niederzuckt, so passierte in Sarajewo an einem schönen Sonntag die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares Erzherzog Franz Ferdinand und Gattin. Noch dachte niemand daran, dass sich daraus ein blutiger Krieg entwickeln könnte. Die deutsche Regierung zögerte lange und bahnte Verhandlungen an, doch die Feindmächte gingen nicht darauf ein. Serbien wollte auf keinen Fall für diese Bluttat Sühne leisten. Es wollte es auf alle Fälle zum Äußersten kommen lassen. So blieb Österreich nichts anderes übrig, als Serbien den Krieg zu erklären. Nachdem Österreich mit Deutschland verbündet war, galt die Kriegserklärung auch für Deutschland. Am 28. Juli 1914 wurden die diplomatischen Beziehungen zu Serbien abgebrochen und am l. August wurde der Krieg erklärt. Sofort kam es zur Mobilmachung sämtlicher Truppen. Alle Reservisten, Landwehrmänner und Landsturmmänner wurden zur Fahne gerufen. Die aktiven Truppen hatten schon die Grenzen besetzt. England, Frankreich, Belgien und Russland erklärten ebenfalls Deutschland den Krieg. Mit der Zeit folgten noch viele Staaten, so dass die Truppen sich sehr verzetteln mussten. Am 3. August marschierten die Franzosen über die Grenze und besetzten einige deutsche Ortschaften. Es kam am Spicherer Berg in der Nähe von Saarbrücken und in Wellertsweiler zu schweren Kämpfen. Ich bin im Zweiten Weltkrieg auch in diesen Ortschaften gewesen. Eine alte Frau sagte zu mir, dass die Gefallenen klafterhoch gelegen wären. Auch an der Ostfront begannen schwere Kämpfe. Die Russen überschritten die deutsche Grenze und besetzten große Gebiete in Ostpreußen.

Am 28. Juli 1914 waren wir früh auf dem Feld am Eßfelder Weg. Die Ernte hatte just an diesem Tag begonnen. Wir räumten einen Gerstenacker auf. Seinerzeit gab es nur Flügelmaschinen. Da musste bei jedem Feldstück ein 1 1/2 m breiter Streifen mit dem Raft gemäht werden. Mit der Sichel wurden die Halme aufgenommen, zu Garben gelegt und mit der Hand gebunden. So konnten die Pferde die Maschine ohne Getreideschaden ziehen.

Wir hatten einen hiesigen Bauernsohn als Pferdeknecht, der erst im vergangenen Herbst seinen Wehrdienst abgelegt hatte. Gegen Mittag kam auf einmal meine älteste Schwester weinend gesprungen. Sie versorgte seit dem Tod meiner Mutter den Haushalt. Zunächst dachten wir, es sei ein Unglück geschehen. Erregt sagte sie: „Josef muss sofort heim und mit dem Zwölfuhrzug fort. Es ist Krieg!“ Natürlich waren alle Leute auf dem Feld kopflos und hatten keine Lust mehr, weiterzumachen. Unser Knecht lief schnell heim und machte sich fertig. In aller Eile legte er sein Wetzfass, das damals jeder Mäher umhängen hatte, auf den Boden. Das Wetzfass war ein länglicher Behälter aus Blech oder ein Horn vom Rind, in dem der Wetzstein und Wasser waren. Als wir nach Mittag mit der Flügelmaschine kamen, schnitten wir das Wetzfass durch. Das Mähmesser hatte dabei Schaden genommen. Wir konnten ihn wieder beheben und weiterschneiden. Gerade jetzt in der Erntezeit hätten wir eine starke männliche Kraft benötigt, doch dies war aussichtslos. Mein ältester Bruder war 18 Jahre alt und musste auch einrücken zur Ausbildung. Ich war 14 Jahre alt, mein Bruder 13. Nun denn, in Gottes Namen, haben wir gesagt. Es wird schon gehen. Ich hatte noch einen Bruder, der studierte Arzt. Er war ein Hühne von Gestalt; der hat uns in den Ferien immer fest geholfen. Auch hatten wir noch drei Schwestern, da haben wir es gepackt, wenn auch unter großen Opfern. lm Herbst hat uns schon eine starke männliche Person sehr gefehlt, denn die schweren Kartoffelsäcke in den Keller zu tragen, das war für uns Buben zu schwer. Aber es ist uns nichts anderes übrig geblieben.

Gleich nach Beginn des Krieges mussten die Pferde zur Musterung nach Ochsenfurt. Den ganzen Tag über bis spät in die Nacht haben wir sie strapaziert. Als sie vorgeführt wurden, hinkten sie. Sie hatten Muskelkater. So wurden sie für untauglich erklärt. Was hatten wir für eine Freude, als wir unseren Hans und Fuchs wieder hatten. Im Jahre 1916 musste dann doch einer daran glauben. Wir bekamen aber zum Glück einen Ersatz. Die meisten Bauern mussten ihre Pferde abliefern und sich mit Ochsen behelfen. Ja es war eine harte Zeit. Unser Onkel, der unser Vormund war, hatte auch fünf Buben. Sie mussten alle in den Krieg. 1917 starb mein Onkel. Da mussten wir Buben diesen Betrieb auch noch mitführen. Dann hatte der Arbeitstag oftmals keine 10 Stunden, sondern 16 und noch mehr. In der Kriegszeit durfte auch am Sonntag gearbeitet werden. Da gab es oft in vier Wochen keinen einzigen Ruhetag. Wie hätte auch sonst die viele Arbeit bewältigt werden können?

Beim Ausbruch des Krieges herrschte in der breiten Bevölkerung helle Begeisterung. Radio und Fernsehen gab es noch nicht. Die wichtigsten Kriegsereignisse wurden an der Post angeschlagen. Die Meldungen wurden per Fernmelder an die Post gesandt. Dort war eine Aushängetafel angebracht. Bei einer wichtigen Kriegsmeldung wurde ein schwarz-weiß-rotes Fähnchen aufgesteckt. Da wußte man, was draußen so alles geschah. Bei einem großen Sieg wurden alle Glocken geläutet. Aber das war eines Tages auch vorbei, denn die Glocken wurden beschlagnahmt und zusammengeschlagen und als Kriegsmaterial verwendet. Und von da an war es vorbei mit dem Siegen. Unsere Truppen schlugen sich an allen Fronten sehr tapfer, hielten die Stellungen und warfen den Feind zurück. Große Verdienste hat sich unser Feldmarschall von Hindenburg im Osten erworben. Nachdem der Russe schon sehr weit in Ostpreußen vorgedrungen war, hat er es durch ein geschicktes Manöver fertig gebracht, ihn weit über die Grenze in russisches Gebiet zurückzuwerfen. Durch sein rasches und überlegtes Handeln gelang es ihm, eine ganze russische Armee in den masurischen Seen umkommen zu lassen. Im Westen lief zunächst auch alles gut. Eine Festung nach der anderen wurde von unseren siegreichen Truppen erobert und der Feind weit zurückgeworfen. Doch, was zu viel ist, ist zu viel! Ein Sprichwort heißt: „Viele Hunde sind des Hasen Tod“. Mit der Zeit kam Kriegserklärung um Kriegserklärung, und die Truppen mussten auf viele Fronten im Westen, Osten, Südosten und Süden verteilt werden. Aus dem anfänglichen Vormarschkrieg wurde 1915/16 allmählich der Stellungskrieg. Er riss große Lücken in die Kriegsführung und forderte ungeheuere Opfer und Verluste. Die Fronten waren zudem recht weit von der Heimat entfernt. Der Nachschub bereitete große Schwierigkeiten. In der Heimat fehlte es an Fachkräften in den Munitions- und Kriegsrüstungsfabriken. Es mangelte an Rohstoffen. Auch in der Landwirtschaft ging der Ertrag der Felder zurück. Frauen, Kinder und Greise mussten die harte Arbeit verrichten.

Die Verluste der Elitetruppen waren nicht mit den jungen Truppen zu ersetzen. Die Feindestruppen wurden von Amerika mit Ausrüstung und Lebensmitteln versorgt. Unsere Soldaten hatten nichts mehr in den Knochen. Mit Tee und Kunsthonig lässt sich auf die Dauer kein Krieg führen. Ich habe es noch selbst am eigenen Leibe verspürt in der Garnison bei meiner Ausbildung 1918. Es gab Kleienbrot, in dem das Messer beim Schneiden stecken blieb. Am Morgen gab es Kaffee ohne Milch und ohne Zucker, eine kleine Scheibe Brot; zum Mittagessen wurden Gemüse ohne Einbrenne, eine kleine Handvoll kleiner Kartoffeln mit Schale und ein Stückchen Fleisch serviert. Als Abendbrot gab es ungezuckerten Tee, eine Schnitte mit mit Kunsthonig, ab und zu eine Scheibe Wurst in der Größe eines Fünfmarkstücks, aber doppelt so dick.

Als Löhnung bekamen wir pro Tag 2o Pfennig. Dafür mussten wir noch Seife, Zahnpasta und die Stiefelwichs kaufen, während der Franzose mit Kleidung und Proviant aus USA gut versorgt war. Bis 1915 ging noch alles einigermaßen gut, dann setzte 1916 unsere Heeresführung Gas als Kampfmittel ein. Bei den ersten Gasangriffen waren unsere Truppen noch nicht genügend ausgerüstet und mit Gasmasken versorgt. Der Franzose besaß kein Gas und dachte nicht daran, dass wir mit verbotenen Mitteln Krieg führen würden. Unsere Heeressführung setzte große Hoffnung auf den Gaseinsatz. Der Wind war günstig. Die Gasflaschen wurden geöffnet. Doch plötzlich kam Gegenwind auf, und statt der Feindestruppen mussten unsere Soldaten massenhaft daran sterben. Leider auch ein junger Bursche von hier. War es Fügung oder Schicksal, dass es so gekommen ist?

Wasser und Lebensmittel waren durch das Gas bis weit in das Hinterland verseucht. Viele Soldaten mussten daran sterben oder hatten sich den Todeskeim geholt. Es war ein entsetzliches, grausames Morden.

Und wie sah es in der Heimat aus? Es gab nur noch Frauen, Greise, Jungen und Kriegsgefangene für die Arbeit. Wie konnten da noch Höchsterträge erzielt werden? Es fehlte an Arbeitskleidung. Man bekam keine Schuhe mehr, nur Holzschuhe. Die Gespanne fehlten. Es war kein Material für Reparaturen, kein Eisen zum Beschlagen der Pferde usw. vorhanden. Von oben wurde vorgeschrieben, welche Mengen an Vieh, Eiern, Butter, Milch und Getreide abgeliefert werden mussten. Sogar Milchkühe und Gespannochsen wurden beschlagnahmt und mussten abgeliefert werden. Kurzum, es ging von Jahr zu Jahr mit Ernährung und mit den Rohstoffen abwärts. Trotz alledem hielten unsere Truppen ihre Stellungen und hielten den Feind von den Grenzen fern. 1917 fiel dann die Entscheidung. Amerika erklärte uns den Krieg und lieferte bestes Kriegsmaterial an die Front. Flugzeuge modernster Bauart und Panzer. Der Amerikaner hatte nur motorisierte Fahrzeuge und lauter Elitekampftruppen. Sie waren gut genährt. Lebensmittelnachschub gab es in reicher Fülle.

Die Lazarette im Land reichten nicht mehr aus. Schulen, Tanzsäle und Kinderheime wurden genommen. Auch hier in Gaukönigshofen war im Kinderheim ein Ersatzlazarett. Die Verwundeten wurden von Schwestern und dem hiesigen Arzt betreut. Die gefangenen Franzosen, die hier bei den Bauern zur landwirtschaftlichen Arbeit eingesetzt wurden, waren im Tanzsaal von Johann Eck untergebracht. Sie wurden von zwei Wachposten bewacht. Nun kamen die beiden letzten Jahrgänge des ersten Weltkrieges zur Musterung und zum Einsatz. Da ich von zu Hause auf bestimmte Zeit reklamiert war, waren mein Bruder und ich zur gleichen Zeit in Ausbildung. Was war da nicht alles los! Abgetragene Uniformen und Schuhe und eine miserable Verpflegung. Nun waren wir alle vier Brüder als Soldaten fort von zu Hause. Auf unserem Hof gab es keine männliche Arbeitskraft mehr. Meine älteste Schwester führte den Hof. Was konnte da noch erzeugt werden? Und so war es überall. Mein Bruder Adam, der Arzt studierte, meldete sich mit 17 Jahren freiwillig zu den Fliegern. Er erhielt das Eiserne Kreuz und war bald Fliegerleutnant. Das Eiserne Kreuz hatte auch mein ältester Bruder erhalten. Er hatte eine Gasvergiftung und geriet 1917 in englische Kriegsgefangenschaft.

Dann kam der Sommer 1918. Überall gärte es schon. Die Truppen an der Front wehrten sich verzweifelt gegen übermächtige Feinde. Dann am 9. November 1918 brach das Unglück über uns herein. Es war ein mieser, nebliger Tag. Russische Agenten überfluteten unser Land und brachten unsere Truppen so weit, dass sie aufgaben. Allen voran meuterten die Matrosen. Andere Truppenteile folgten, unsere Heeresleitung kapitulierte. Bei jeder Formation wurden Soldatenräte gewählt. Sie trugen eine rote Binde am Arm. Den Soldaten bis hinauf zum General riss man die Achselstücke und die Kokarden am Käppi ab. Man war plötzlich Soldat zweiter Klasse. Unsere Soldaten verließen die Front und marschierten in Richtung Heimat. Der Feind folgte ihnen nach. Da geriet noch mancher in Gefangenschaft, wenn er nicht schnell genug war. Ungeheures Kriegsmaterial fiel ihnen in die Hände.

Das Rheinland, die Pfalz, das Saargebiet mit den ganzen Kohlebergwerken und das Ruhrgebiet mit seiner Stahlindustrie und den Kohlebergwerken wurden vom Feind besetzt und von ihnen ausgebeutet. Die deutschen Truppen wurden in Städten und Dörfern einquartiert und so nach und nach entlassen.

Pferde- und Wagenmaterial wurden versteigert. Die Bauern nahmen sie mit Freuden an, konnten sie doch ihr lang entbehrtes Gespann und ihr heruntergekommenes Wagenmaterial wieder etwas auffrischen. Die Soldaten, die in den besetzten Gebieten wohnten, durften vorerst nicht heimkehren. Erst nach einer Abmachung mit den Siegern konnten sie nach Jahresfrist, jedoch nur in Zivilkleidung, heim. Wir zu Hause hatten auch vier Soldaten aus der Pfalz in Quartier. Sie wurden wohl aus der Feldküche verpflegt, doch man gab ihnen meistens das Essen.

In Würzburg, wo während des Krieges eine große Heeresschneiderei war, wurden jetzt Einheitsanzüge für die Soldaten aus den besetzten Gebieten gefertigt, denn sie durften laut Anordnung der feindlichen Militärbehörde nur in Zivil heimkehren. Da wurde das Dorf wieder leer, denn wir hatten hier eine ganze Kompanie Pfälzer in Quartier. Es haben sich auch Heiraten angebahnt, was nicht zu verwundern ist.

Ein jeder Soldat bekam bei der Entlassung 60 Mark Entlassungsgeld. Die Kleidungsstücke, die er trug, durfte er behalten. Die Soldaten, die aus besetzten Gebieten waren, erhielten einen Zivilanzug. Unser Kaiser und die Könige mussten abdanken und das Land verlassen. Sie gingen ins Exil. Es war ein trauriger Untergang für unser Vaterland, und es dachte niemand im entferntesten daran, dass sich das gleiche Schicksal, jedoch weit schlimmer, nach 20 Jahren wiederholen würde.

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Der Einmarsch der Amerikaner

Es war am 30. März 1945, Karfreitagabend. Ringsum sah man brennende Gebäude, die von unseren Truppen angezündet worden waren, weil sie mit Heeresgut gefüllt waren. Aus dem Taubergrund kommend, versuchten die Amerikaner nach Ochsenfurt und in den Gau vorzustoßen. In Oesfeld und Stalldorf tobten schon harte Kämpfe. Bei uns wurde der Flugplatz Giebelstadt geräumt und von drei Kompanien mit je 100 Mann besetzt, meistens Ochsenfurter Volkssturmleute. Die Soldaten vom Flugplatz Giebelstadt gruben entlang der Wolkshäuser Straße Schützenlöcher. Ein Lastauto mit Panzerfäusten kam angefahren. Sie sollten ausgeladen und verteilt werden, es kam aber nicht dazu. Am Karsamstag zogen einige kleine Trupps durchs Dorf. Ein trauriger Rest von der einstmals so stolzen Armee. Am Abend des Karsamstages hieß es, die Amerikaner seien bereits in Euerhausen. Angst und Schrecken im ganzen Dorf. Unsere Dreschhalle war mit Heeresgut gefüllt, Flugzeugmotoren und andere Ersatzteile. Ein fanatischer Nazi fuhr Stroh hinunter und brannte es an. Halle und Inventar waren vernichtet. Sonntag früh, am 1. April kamen die Oberdörfer mit Betten, Wäschestücken und Kühen zu uns. Wir schliefen noch. Das Außendorf wurde bereits beschossen.

Die Soldaten in den Schützenlöchern an der Wolkshäuser Straße waren meist gefallen. Am Rande des Dorfes brannte es lichterloh. Entlang der Straße nach Wolkshausen hatten an die 60 Panzer Aufstellung genommen. Sie trauten sich nicht durchs Dorf zu fahren. Die Bewohner von Gaukönigshofen hissten weiße Fahnen. Bei mir war ein Pole, der beim Sieber arbeitete, ein guter Kerl. Wir saßen alle im Keller. Wir schickten ihn mit einem weißen Fähnchen zur Vorhut der Panzerabteilung. Wegen des Beschusses musste er sich an den Häusern entlang schleichen. Er verhandelte polnisch mit den Amerikanern und berichtete ihnen, dass kein deutscher Soldat mehr im Dorfe sei. Erst dann fuhr die Abteilung los, nicht durchs Dorf, sondern außen vorbei in Richtung Ochsenfurt. Im Stalldorfer Wald dauerten die Kämpfe noch an. Auch wir mussten noch öfters in den Keller. Der Ruf, die SS mache einen Gegenangriff, schreckte uns immer wieder auf. Wenn wir draußen auf den Feldern waren, tobten immer noch Kämpfe im Taubertal und in Richtung Aub und Uffenheim. Wegen der Luftkämpfe mussten wir uns auch öfters in die Furchen legen. Es war unser Glück, dass die Deutschen bei uns keinen Gegenangriff durchführten. Erst nach einer Woche bekamen wir amerikanische Einquartierung. Das untere Ortsviertel musste geräumt werden. Auch das Vieh musste aus den Ställen und anderswo untergebracht werden. Unsere beiden Scheunentennen standen voller Vieh. Die Gebäude vom Faulhaber wurden auch beschlagnahmt. Dort wurde die Ortskommandantur eingerichtet. Vorhandene Gewehre, Revolver, Fotoapparate, Uniformen und Fahnen mussten abgeliefert werden. Im Hof wurde alles auf einen großen Haufen geworfen und verbrannt. Zwei Tage dauerte es, bis alles verbrannt war. Unten am Bahnhof standen zwei Waggons mit Heeresgut, das nicht mehr weggebracht werden konnte. Die Lokomotive war zerschossen. Als der erste Trupp Amerikaner durchgezogen war, riss man die Plomben ab und gab den Inhalt frei. Was gab es da für einen Tumult und eine Schlägerei! Jeder wollte vom Heeresgut etwas bekommen. Meistens waren es Bekleidungsstücke, z.B. Stiefel, Schuhe, Bettwäsche u.a. Für die Flüchtlinge kamen diese Gaben zur rechten Zeit. Für sie war es eine Wohltat. Erst langsam kehrten die geordneten Verhältnisse wieder zurück. Wolle Gott, dass es nie wieder zu einem Krieg kommt!

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Originale

Zu ihnen gehörte der Kreutzers Engelbert. Er war Polizeidiener und musste alle gemeindlichen Sachen austragen, das Ausschellen im Dorf verrichten und für die Ortsbeleuchtung sorgen. Elektrisches Licht gab es damals ja noch nicht. Abends, wenn es dunkel wurde, musste er die Petroleumlampen anzünden. Sie brannten so lange, bis das Petroleum aufgebraucht war. Am Morgen musste er die Lampen putzen und für den Abend wieder mit Petroleum auffüllen. Er war auch Totengräber und Fahnenträger bei den Prozessionen. Er trank auch gern einmal über den Durst.

Dann gehörte noch der Blomeiers Pilg dazu. Er war erster Viehtreiber bei den Juden und kam in ganz Deutschland herum. Im Frühjahr begleitete er die Ochsentransporte nach Norddeutschland zu den Gütern. Vier, manchmal fünf Waggons musste er da betreuen. Immer trug er einen festen Knüppelstock bei sich. Mit dem hätte ich keinen über den Rücken gemocht. Er erzählte, dass er manchmal 50.000 Mark in der Tasche gehabt hätte. Es war der Kaufpreis für die Ochsen. Den Heimweg lief er meistens zu Fuß. Ganze Tage und Nächte sei er gelaufen, und es hätte nur einer kommen sollen, meinte er, er wäre nicht mehr gesund nach Hause gekommen. Man konnte ihm stundenlang zuhören.

Weiter gab es noch den Rupperts Klaus. Er war Handlanger bei den Bauern; später arbeitete er im Lagerhaus. Er war ein guter und leutseliger Mann und ein begeisterter Sänger. Besonders die alten Bauernschnörkel hatten es ihm angetan. Der Hüfners Michl war in den 90-er Jahren freiwillig in Afrika da bei. Er hatte als Maurer gelernt. Als er wieder in der Heimat war, betätigte er sich als Polizeidiener und Totengräber. Er hat die ganze Friedhofsumbettung mit gemacht. Er war ein leutseliger Mensch. Er besaß ein paar Äckerlein und hat sich so recht und schlecht durchs Leben gekämpft.

Und dann noch der Lutza Martin. Als Handlanger bei den Maurern hat er sich elend durchschlagen müssen. Nebenbei war er noch Nachtwächter. Eine Zeitlang war er auch Maschinist bei der Dreschmaschine. Da ist es halt öfter vorgekommen, dass Morgens, wenn das Dreschen beginnen sollte, das Lokomobil keinen Dampf, dafür der Martin einen Dampf gehabt hatte. Er hatte fünf Töchter. Sie waren alle bei Bauern verdingt. Neben ein paar Äckerlein hatte er auch einige Ziegen. Er hat halt gar zu gern den Maßkrug gestemmt. Es ist vorgekommen, dass er um Mitternacht in die Wirtsstube kam, um die Polizeistunde anzuzeigen. Die Anwesenden meinten: „Na Martin, setz dich her! Wir Zahlen dir einige Maß!“ Es ist halt dann 2 Uhr oder 3 Uhr geworden, bis dann einer sein Tuthorn ergriffen und geblasen hat. „Sou, du hast racht, etz mössa mir aufhör!“ meinte dann der Martin und mahnte noch: „Buaba, getts scho hemm und macht keen Radau!“
Oft höwa se awer an Martin mit‘m Schubkarra hemmfoahra mössa.

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Die Veteranen von 1870/71

Beim Krieg 1870/71 waren von hier drei junge Männer dabei. Das war einmal der Pfeuffers Hans Jörg; er ist ledig geblieben. Dann der Göbels Odl. Auch er blieb ledig. Er soll auf Wache vor dem Feind eingeschlafen sein. Bekanntlich ruht darauf die Todesstrafe. Er hätte dann gelobt, ledig zu bleiben, wenn er unversehrt da von käme. Der dritte war der Häfners Ludwig. Wie waren wir Buben begeistert, wenn diese drei Veteranen vom Krieg erzählten. Zwei von ihnen waren beim Einzug in Paris da bei.

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