Der Kampf gegen die Spartakisten

Es war im April 1919. Fast ganz Deutsch­land war in den Hän­den der Spar­ta­kis­ten. Da wurde über­all in den Gemein­den und in den Zei­tun­gen gewor­ben, die Jugend solle sich doch ein­set­zen im Kampf gegen den Kom­mu­nis­mus. Auch unser Bür­ger­meis­ter setzte sich bei den jun­gen Sol­da­ten der bei­den letz­ten Kriegs­jahr­gänge ein und ermun­terte uns, dass wir uns mel­den. Mein Bru­der Adam, der als Flie­ger­leut­nant aus dem Kriege heim­kehrte, besaß eine große Liebe zu sei­nem Vater­land. So hatte er sich schon Monate vor­her für die Befrei­ung des Vater­lan­des ein­ge­setzt und ließ nicht nach, an der Befrei­ung unse­res lie­ben Bay­ern­lan­des mit­zu­ma­chen. Von Gau­kö­nigs­ho­fen waren wir drei Bur­schen vom Jahr­gang 1898/99, die sich frei­wil­lig mel­de­ten. Das Frei­korps Würz­burg wurde auf­ge­stellt. In der Real­schule waren wir ein­quar­tiert. Wir wur­den zusam­men­ge­stellt zu einer Kom­pa­nie von 250 Mann und dazu kam noch eine Bat­te­rie Artil­le­rie. Höchste Eile war gebo­ten, denn ganz Mün­chen war schon in der Hand der Spar­ta­kis­ten. Wir wur­den auch neu ein­ge­klei­det. Auf der Uni­form tru­gen wir eine weiß/blaue Arm­binde mit einem Quer­strei­fen der frän­ki­schen Far­ben weiß/rot. Auch beka­men wir neue Gewehre, Hand­gra­na­ten und Muni­tion in jeder Menge. Nach zwei Tagen Auf­ent­halt in Würz­burg mar­schier­ten wir zum Bahn­hof, und ab ging die Fahrt in Rich­tung Mün­chen. Unsere erste Sta­tion war Gen­der­kin­gen an der Donau, wo wir auch über­nach­te­ten. Von hier wur­den wir nach Olching bei Mün­chen ver­legt. Von da mar­schier­ten wir zur Schwa­bin­ger Bräu, wo wir wäh­rend des Auf­ent­hal­tes in Mün­chen ein­quar­tiert waren. Als wir in Mün­chen anka­men, war schon alles von jun­gen Sol­da­ten über­voll, die sich für die Befrei­ung unse­res Bay­ern­lan­des ein­setz­ten. Nach eini­gen Tagen des Kamp­fes war der Auf­stand nie­der­ge­schla­gen. Nun begann unsere Auf­gabe in der Säu­be­rung der Stadt von ver­steck­ten Kom­mu­nis­ten. Täg­lich mach­ten wir von früh bis spät Haus­durch­su­chun­gen. Straße um Straße wurde abge­sperrt und die Häu­ser durch­suchte man nach Waffen.

Nach Wochen war der Spar­ta­kis­mus nie­der­ge­schla­gen, und die Stadt Mün­chen und das Bay­ern­land konn­ten wie­der auf­at­men. Wir waren wie­der frei. Nach eini­gen Mona­ten Auf­ent­halt in Mün­chen, fuh­ren wir wie­der heim nach Würz­burg, wo wir unter gro­ßem Jubel der Bevöl­ke­rung emp­fan­gen wurden.

Ich hätte ja zur Reichs­wehr über­tre­ten kön­nen, doch die Liebe zur hei­mat­li­chen Scholle war grö­ßer. Im Inners­ten war ich froh, dass ich zur Befrei­ung unse­res Vater­lan­des beige­tra­gen habe. Ich besitze heute noch eine Karte, die wir erhal­ten haben, um Grüße nach Hause zu sen­den. Der Text dar­auf lau­tet: „Im Bay­ern­land hat sich der Spar­ta­kist durch russ’sche Fremd­herr­schaft ein­ge­nist. Das Frei­korps Würz­burg zog zum Kampfe aus, und sen­det treu­ge­mein­ten Gruß nach Haus.“

Es wird wohl nicht mehr viele Lebende geben, die damals dabei waren, denn inzwi­schen sind doch schon 66 Jahre vergangen.

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Das Kaisermanöver im Herbst 1910

Es war im Herbst 1910, und ich war 10 Jahre alt. In den Wirts­häu­sern und im Dorfe sprach es sich herum, dass im Herbst in Unter­fran­ken ein gro­ßes Manö­ver statt­fände. Eines Tages kamen dann die Quar­tier­ma­cher ins Dorf, um für die Trup­pen­teile Unter­künfte zu fin­den. In den länd­li­chen Gemein­den wur­den meis­tens Rei­ter­trup­pen und Artil­le­rie unter­ge­bracht, weil ja Scheu­nen vor­han­den und Stroh und Heu da waren. Wir beka­men 20 Pferde und 20 Mann zuge­teilt. Es waren Ula­nen. Wir räum­ten unsere Scheu­nen­ten­nen aus und stell­ten Wagen und Maschi­nen in den Hof. Am nächs­ten Tag gegen Abend kamen sie ange­rit­ten. Die Lan­zen mit den weiß­blauen Fähn­chen sta­ken im Sat­tel­schaft. Wir hat­ten schon alles vor­be­rei­tet. Längs der Scheu­nen­tenne hat­ten wir Eisen­klo­ben ein­ge­schla­gen, damit sie die Pferde anbin­den konn­ten. Heu und Hafer wurde im Ober­dorf aus­ge­ge­ben; das muss­ten die Rei­ter selbst holen. Da musste unser Schub­kar­ren her­hal­ten. Die Rei­ter über­nach­te­ten in der Fut­ter­kam­mer. Wir hat­ten sie wäh­rend des Manö­vers als Stroh­l­a­ger ein­ge­rich­tet. Wie hat­ten wir Buben es not­wen­dig und was gab es da nicht alles zu erzäh­len! Beim Pfer­de­put­zen und Geschir­rei­ni­gen war jeden Mor­gen etwas los im Hof. Danach war dann Pfer­deap­pell in der Haupt­straße. Das war ein Bild! Die ganze Haupt­straße ent­lang auf bei­den Sei­ten Pferd an Pferd und dazu die Lan­zen mit den Fähn­chen und die schö­nen Uni­for­men. Es war ein unver­gess­lich schö­nes Bild!

Neben den Ula­nen war auch Artil­le­rie im Dorfe unter­ge­bracht. Als das Manö­ver begann, war es ver­bo­ten, die Flur zu betre­ten. Über der mitt­le­ren, Och­sen­fur­ter und Brun­nen­steige, vom Tückel­häu­ser Wald bis zum Kreut­berg stand eine Bat­te­rie der Artil­le­rie. In Rich­tung Lohe wurde dann scharf geschos­sen. Am Wald­rand stand eine beweg­li­che Attrappe. Auf sie wurde geschos­sen. Was gab es da für uns Buben nicht alles zu sehen. Oh, wenn wir nur auch schon groß wären ‚sag­ten wir uns. Doch es dau­erte nicht lange, beka­men wir es zu spü­ren, was wirk­lich Krieg ist. Doch damals dach­ten wir anders.

Das Haupt­kampf­ge­biet des Manö­vers lag in der Gegend Sulz­dorf, Gie­bel­stadt, Rin­der­feld und Kirch­heim, weil es da viel Wald gab. Dort wurde auch eine mar­kierte Rei­ter­schlacht durch­ge­führt. Ich kann mich noch gut an das täg­li­che Wecken des Trom­pe­ters und an den abend­li­chen Zap­fen­streich erin­nern. Da die Fel­der mit Kar­tof­feln und Rüben noch nicht abge­ern­tet waren, sah es bös aus. Ein Regi­ment Artil­le­rie über­querte, von der Lohe kom­mend, die ganze Breite unse­rer Gemar­kung. Da brauchte man dann von man­chem Acker nichts mehr ern­ten. Es wurde zwar gut ent­schä­digt, doch um ein Feld ackern zu kön­nen, brauchte man schon vier Pferde. Es war alles in Grund und Boden gefah­ren, regel­recht untergestampft.

Wir beka­men 3000 Mark Entschädigung,doch muss­ten wir viel Fut­ter kau­fen, damit wir das Vieh über den Win­ter brin­gen konn­ten. Ich kann mich noch gut daran erin­nern, als die Ula­nen zu uns sag­ten, mor­gen gehe es in den Kampf. Da stan­den wir Buben sehr früh auf, denn wir woll­ten ja alles sehen. Es war viel­leicht gegen 5 Uhr früh, die Sonne war noch nicht auf­ge­gan­gen, da waren die Pferde schon geputzt, gefüt­tert und gesat­telt. Die Sol­da­ten hol­ten ihr Früh­stück aus der Feld­kü­che. Kaum waren sie mit dem Früh­stück fer­tig, erscholl das Trom­pe­ten­si­gnal zum Fer­tig­ma­chen und Auf­set­zen. Auf zum Kampf rit­ten sie mit Fan­fa­ren­klang durch das Dorf in Rich­tung Sulzdorf/Kirchheim. Im Wald sam­mel­ten sie sich. Auch die Rei­ter der Umge­bung schlos­sen sich den hie­si­gen an. Es war ein Bild, das man nie ver­gisst. Die Straße gegen Wolks­hau­sen und Gie­bel­stadt zeigte ein ein­zi­ges Fah­nen­meer. Kaum war der Tag ange­bro­chen, dröhnte schon die Artil­le­rie, und das zwei Tage lang. Viele von hier gin­gen in das Manö­ver­ge­biet, um das Gefecht aus der Nähe zu sehen. Auch unser Kai­ser und der baye­ri­sche König waren da und sahen sich das Manö­ver an. Den Bau­ern in die­ser Gegend ging es auch nicht anders als uns. Auch sie muss­ten mit Vor­spann ackern und das Fut­ter für den Win­ter kaufen.

Was war doch das frü­her im Kai­ser­reich für eine schöne und glück­li­che Zeit! Die Bevöl­ke­rung war zufrieden.

Und wie ist es heute mit unse­rer Regie­rung? Die Par­teien ran­geln hin und her, strei­ten sich und sind bloß auf ihren Vor­teil aus, natür­lich auf Kos­ten der Kleinen.

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Wie ich die Reichskristallnacht erlebte

Am 9. Novem­ber 1938 lag es wie ein schwe­res Gewit­ter in der Luft. Der Juden­hass der Nazis hatte einen Höhe­punkt erreicht und kannte keine Gren­zen mehr. Was sich die Nazis in ihrem Hass nur aus­den­ken konn­ten, das wurde aus­ge­führt. Selbst den Brand des Reichs­tags­ge­bäu­des schob man ihnen in die Schuhe, obwohl er von den eige­nen Nazis aus­ge­führt wor­den ist. Am Abend des 9. Novem­ber 1938 war es dann so weit. Wie ein Blitz aus hei­te­rem Him­mel brach der Sturm gegen die Juden los.

Unser Gar­ten grenzte an die Juden­schule und die Syn­agoge an. Auch das Kauf­haus des Getrei­de­händ­lers Klee­mann stand in unse­rer Nach­bar­schaft. In die­ser Zeit konnte man kaum noch ruhig schla­fen. Ein böses Wort gegen Hit­ler oder die Par­tei konnte einem schon das Leben kos­ten. Ich wollte am Abend des 9. Novem­ber gerade ins Bett gehen, als ich drau­ßen Lär­men und Schreien hörte. Ich dachte: „Was ist denn da los?“. Als gar noch das Klir­ren von Fens­tern zu hören war, glaubte ich, der Teu­fel sei los. Ich schaute zu mei­nem Fens­ter hin­aus und schaute zum Anwe­sen Klee­mann hin­über. Wie bei einem Schnee­ge­stö­ber flo­gen die Federn der auf­ge­schlitz­ten Bet­ten durch die Luft. Kein Fens­ter war mehr ganz. Alle Haus­tü­ren waren mit schwe­ren Schle­geln ein­ge­schla­gen wor­den. Die ganze Haus­ein­rich­tung, Schränke, Bett­stel­len, Lam­pen und Küchen­ge­schirr, lag zer­trüm­mert auf dem Boden. Als der Tumult los ging, war das ganze Dorf ver­sam­melt, um dage­gen zu pro­tes­tie­ren. Mich hat es nicht mehr zu Hause gehal­ten. Ich klei­dete mich schnell an und lief zum hin­te­ren Gar­ten­tür­chen hin­aus auf die Straße. Schon stand ich mit­ten drin. Die Nazis waren gerade dabei, die Syn­agoge zu zer­trüm­mern. Die Bun­des­lade, das Aller­hei­ligste der Juden, wurde auf dem Boden zer­schla­gen. Vol­ler Empö­rung dar­über konnte ich mich nicht mehr hal­ten. „Pfui“, schrie ich. Sofort war ein Nazi mit einem dicken Gum­mi­knüp­pel da. „Wer hat da geru­fen?“ brüllte er. Zum Glück konnte ich in der Menge unter­tau­chen. Hätte er mich erwischt,wer weiß, was mir geblüht hätte. Im Ober­dorf an der Haupt­straße stand ein offe­nes Sand­auto. Dort­hin wur­den alle männ­li­chen Juden geschleppt. Die meis­ten hat­ten bloß Hemd und Hose an; keine Strümpfe und viele keine Schuhe. So muss­ten sie bei bit­te­rer Kälte stun­den­lang auf dem Last­auto kau­ern. Ich glaube, es hatte einige Grade unter Null, bis der Abtrans­port ins Unge­wisse geschah. Ein Bild werde ich in mei­nem Leben nie ver­ges­sen, wie sie den Juden­leh­rer, der bloß mit Hemd und Hose beklei­det war, in der Sei­ten­gasse zum Auto hin­auf schlepp­ten. Zwei SAler schlepp­ten ihn, ein Drit­ter ging mit einem Knüp­pel hin­ter­her. Er ver­setzte dem Juden lau­fend Schläge und trat ihn mit den Füßen in den Hin­tern, dabei fluchte er: „Sau­jud, ver­damm­ter, heb deine Lat­schen und beweg dich etwas schnel­ler!“ Das ganze war ein Bild des Grau­ens. Man konnte sagen: „Volk, was habe ich dir getan, dass du mich so pei­nigst? Habe ich nicht im Ers­ten Welt­krieg meine Pflicht getan? Wie viele von uns haben auf dem Schlacht­feld ihr Leben für das deut­sche Vater­land gelas­sen?“. Fünf Juden von hier hat­ten für ihre Tap­fer­keit das Eiserne Kreuz erhal­ten; das sei neben­bei gesagt.

Nun wie­der zurück zur Kris­tall­nacht. Am nächs­ten Tag sah man erst das Gräuel, das die Nazis ange­stellt hat­ten. Im Unter­dorf, wo das soge­nannte Juden­vier­tel war, hat­ten sie ein gro­ßes Feuer ange­macht. Sämt­li­che Papiere, wie Rech­nun­gen , Ver­si­che­run­gen, Bücher und sons­tige Sachen wur­den ein Raub der Flam­men. Sogar Bet­ten und aus­ge­hängte Haus­tü­ren wur­den ver­brannt. Eine gute Juden­frau, die sich vor den Nazis ver­ste­cken konnte, stieg über unse­ren Zaun und ver­steckte sich in bit­ter­kal­ter Nacht hin­ter einem Strauch. Sie erkäl­tete sich so stark, dass sie ein paar Tage spä­ter ver­starb. Es durfte ja kein Arzt zu einem kran­ken Juden.

Das Schlimmste war, dass SAler von Och­sen­furt und lei­der auch von hier, die bei den Juden ihr Brot ver­dient haben, die bes­tia­li­schen Umtrei­ber gewe­sen sind. Auch das Aus­lei­hen von Ham­mer­schle­geln aus dem Dorf soll erwähnt sein. Es ist eine Schande für das Dorf. Man schweigt dar­über um des Frie­dens wil­len. Es war ein him­mel­schrei­en­des Unrecht, das man den Juden ange­tan hatte. Die gerechte Strafe für das deut­sche Volk ist nicht ausgeblieben.

Unter Mit­tag des nächs­ten Tages bin ich schnell ein­mal in die zer­stör­ten Häu­ser gegan­gen um mir das Aus­maß ein­mal näher zu betrach­ten. Wie hat es da aus­ge­schaut! Ich habe mit den Leu­ten gefühlt und meine Anteil­nahme und mein Bedau­ern aus­ge­spro­chen. Da kam ich in ein Haus, in dem eine ältere Frau wohnte . Sie wollte zu ihren Eltern fah­ren, die in der Nähe von Lohr wohn­ten. Der Mann und ihre Buben waren von den Nazis mit­ge­nom­men wor­den. Sie wollte etwas Klei­der aus dem Schrank mit­neh­men, doch der lag mit den Türen am Boden. Sie bat mich, ob ich nicht den Schrank auf­he­ben könnte. Mit letz­ter Kraft ist es mir gelun­gen, den schwe­ren Schrank auf­zu­he­ben. Sie nahm einige Klei­der her­aus und sagte zu mir: „Herr Dürr, ich hätte noch eine kleine Bitte: Nach­dem das Tür­schloss ein­ge­schla­gen wurde, ist es mir nicht mehr mög­lich, das Haus abzu­schlie­ßen. Wenn ich das Haus ver­las­sen habe, sind sie so gut und rie­geln die Tür von innen zu.“ Ich tat es und hüpfte dann zum Fens­ter hin­aus. Für mich war es ein gro­ßes Wag­nis. Hätte mich jemand gese­hen, hätte es gehei­ßen, dass ich geplün­dert habe. Das hätte mir mei­nen Kopf kos­ten kön­nen. Heute bin ich froh, dass ich ihr die­sen Dienst erwie­sen habe.

Ja, es war damals ein gro­ßes Ver­bre­chen und eine große Schande für das deut­sche Volk, dass sie den Juden das ange­tan haben. Die Strafe dafür muss­ten wir lei­der alle büßen! Soviel meine Erin­ne­run­gen von der Kris­tall­nacht vom 9. Novem­ber 1938.

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Die Juden in unserem Dorf

Wie­viele Juden gab es in unse­rem Dorf? Wel­cher Arbeit gin­gen sie nach?

In der Nähe unse­res Hau­ses, in der Brun­nen­straße, wohn­ten David, Sara, Miriam und Schie­fel. Sie leb­ten in einem ver­wahr­los­ten Hause. Nach ihrem Tode wurde es abge­ris­sen und der Platz ging in den Besitz von Peter Busch über. Es waren vier ledige Geschwis­ter, ver­dreckt in Haus und Hof. Ich kann den David heute noch sehen, wie er bei Voll­mond bei unse­rem Anwe­sen auf– und abging, mit sei­ner Gebets­rolle in sei­ner Hand, den Blick zum Mond gerich­tet. Sie waren ohne Beruf, ohne Ein­kom­men und leb­ten wahr­schein­lich von den Almo­sen der hie­si­gen Juden. Gleich hin­ter unse­rem Obst­gar­ten über der Straße war die Juden­schule mit Leh­rer­woh­nung. Dahin­ter stand die Syn­agoge. Neben der Juden­schule stand ein kleine, ein­schös­si­ges Häus­chen von Katz. Es waren noch zwei ledige Juden­mäd­chen da. Katz hatte ein Kind. Er ernährte sich vom Pelz­han­del und neben­bei war er noch Pack­jude. Sie sind alle im KZ umge­kom­men. Das Häus­chen wurde von der Gemeinde erwor­ben und weg­ge­ris­sen. Gleich neben unse­rem Gar­ten stand das Kauf­haus von Levis Braun­schild. Es lebte zuletzt eine Wit­frau dort. Sie starb schon vor der Kris­tall­nacht. Das Anwe­sen ging in den Besitz von Alois Rum­mel über. Die Syn­agoge und die Juden­schule erwarb die Gemeinde. Gleich neben dem Haus von Braun­schild war auch die Juden­tau­che. Diese erwarb Mar­tin Herr­mann und baute sie zu einer Bull­do­g­halle um. Am Ende unse­res Gar­tens, über der Straße, war das Schlöss­chen mit einem Getrei­de­spei­cher und Pfer­de­stall. Spei­cher und Stall erwarb Franz Mark. Das stolze Schloss erwarb die Gemeinde. Nach dem Krieg wurde es abge­ris­sen und auf dem Grund­stück die neue Grund­schule erbaut. Der ehe­ma­lige Besit­zer hieß Klee­mann, hatte vier Kin­der und war Getrei­de­händ­ler. Neben­bei führte er noch ein gro­ßes Tex­til­ge­schäft. Teil­weise sind die Fami­li­en­mit­glie­der nach Ame­rika aus­ge­wan­dert, teil­weise umge­kom­men. Einige Häu­ser wei­ter begann dann das eigent­li­che Juden­vier­tel. Da gab es zunächst das Anwe­sen Bern­hard Weil. Er war Vieh­händ­ler, auch Pfer­de­händ­ler. Er besaß eine kleine Land­wirt­schaft und hatte zwei Kin­der. Zum Glück sind sie alle aus­ge­wan­dert, bevor die Ver­nich­tung der Juden begann. Der jet­zige Besit­zer ist Alfred End­res. In der Straße „Königs­hof“ lagen drei jüdi­sche Besitze. Königs­hof Nr. 2 war der Besitz von Fer­di­nand Weil, ein Bru­der von Bern­hard Weil. Er war auch Vieh– und Pfer­de­händ­ler. Er hatte zwei Kin­der. Alle sind im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist meine Wenig­keit. Ein Haus wei­ter nach unten gehörte Josef Thal­hei­mer. Er besaß ein klei­nes Kauf­lä­del­chen mit etwas Vieh­han­del. Er war ein armer Jude. Seine Frau ist an den Fol­gen der Kris­tall­nacht gestor­ben. Er und seine bei­den Kin­der sind im KZ umge­kom­men. Der Jet­zige Besit­zer ist Karl Sie­ber. Dann wie­der ein Haus wei­ter, das Eck­haus war im Besitz von Samuel Krebs. Er war auch Vieh­händ­ler und hatte zwei Kin­der. Sie sind auch im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Oskar Schrod. Über der Straße lag dann das Anwe­sen von Bern­hard Wei­kers­hei­mer. Er war ledig und hatte einen Bru­der, der Dok­tor in Ame­rika war, und eine Schwes­ter. Bern­hard war der Große bei den Juden: Häu­ser­mak­ler, Vieh– und Pfer­de­händ­ler. Er ist noch vor der Ver­fol­gung nach Ame­rika aus gewan­dert. Nebenan lag das Anwe­sen Rot­stein. Er war auch Vieh­händ­ler. Er hatte zwei Kin­der. Sind alle im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Georg Bru­mann. Hin­ten in der Julius-Echter-Straße hat­ten die Main­zer zwei Anwe­sen. Sie sind auch alle umge­kom­men. Ein Anwe­sen hat Eli­sa­beth Wehr, das andere und grö­ßere Mar­tin Hemm. Gleich nebenan waren Haus und Fabrik von Ignaz und Vitus Wei­kers­hei­mer. Der Besit­zer hatte schon vor der Nazi­zeit bank­rott gemacht. Alle sind aus­ge­wan­dert. Gärt­ner Kon­rad Michel hat alles erwor­ben. Vorne in der Mühl­straße war das Anwe­sen von Grü­ne­baum. Er war auch ein armer Pack­jude mit einem klei­nen Lädel­chen. Er hatte ein Kind. Sie sind alle umge­kom­men. Das Anwe­sen wurde abge­ris­sen. Der Platz wurde geteilt, eine Hälfte erwarb Valen­tin Michel, die andere Johann Michel. Ein Haus wei­ter wohnte Fami­lie Forch­hei­mer. Sie hat­ten ein Kind. Er war auch Pack­jude mit einem klei­nen Geschäft. Sie sind auch alle umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Andreas Fleck. Über der Straße dann ein Ein­zel­haus. Es gehörte drei ledi­gen alten Juden. Die Fami­lie Bach waren Öl– und Fett­händ­ler. Sie sind auch alle umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Andreas Busch. Dann über ein Haus wei­ter, auf der lin­ken Seite, wohnte Max Sichel. Er besaß einen Laden und war Vieh­händ­ler. Er hatte drei oder vier Kin­der. Alle sind schon bei­zei­ten aus­ge­wan­dert. Der jet­zige Besit­zer ist Oskar Höfner.

Das waren vor der Ver­nich­tung die Juden unse­res Dor­fes. Teils waren sie wohl­ha­bend, die meis­ten aber waren arm. Es war ein Aus­kom­men mit ihnen. Sie haben uns Chris­ten respek­tiert und kei­nem etwas zuleide getan. Es ist frei­lich auch ein­mal vor­ge­kom­men, dass sie einen, auf deutsch gesagt, aus­ge­hackt haben. Dann war aber meis­tens der­selbe selbst schuld. Es sind seit­dem fast 50 Jahre ver­gan­gen. Das Unrecht, das man ihnen ange­tan hat, soll für die Jugend und die spä­te­ren Gene­ra­tio­nen als Mah­nung erhal­ten blei­ben. Aus die­sem Grunde habe ich mich ent­schlos­sen, einen Rück­blick über die Juden des Dor­fes zu schreiben.

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Meine Erinnerungen vom Zweiten Weltkrieg

Es war im August 1939. Schwere Angst der Bevöl­ke­rung lag in der Luft. Wird es zum Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges kom­men? Das deut­sche Volk lebte in gro­ßer Auf­re­gung, zumal der Erste Welt­krieg erst 20 Jahre zurück­lag, und ihn alle noch gut in Erin­ne­rung hat­ten. Am 28. August hat­ten wir gerade die Dre­schma­schine. Nach dem Abend­es­sen sagte ich zu den Ein­le­gern und dem Maschi­nis­ten: „Wenn wir in der Nacht nicht geholt wer­den, machen wir mor­gen früh wei­ter!“ Meine Vor­ah­nung trat ein. Von der schwe­ren Arbeit über­mü­det, fand ich kei­nen fes­ten Schlaf. Der Gedanke an den Aus­bruch eines Krie­ges ließ mir keine Ruhe. Da, plötz­lich, gegen 2 Uhr früh schlug der Hof­hund an. Gepol­ter an der Pforte. „Ja, was ist denn los?“ fragte ich mich. „Du musst sofort auf­ste­hen und unter­schrei­ben“, sag­ten der Bür­ger­meis­ter und der Orts­grup­pen­lei­ter. „Du musst mit dem 6-Uhr-Zug nach Rand­er­sa­cker und dich mel­den. Es ist Krieg!“ Von Schlaf war keine Rede mehr. Ich zog mich an und ord­nete meine Sachen. Man wusste ja nicht, was einem im Krieg wider­fah­ren würde, denn im Krieg bleibt nie­mand verschont.

Als ich am Bahn­hof ankam, stan­den schon eine Menge Reser­vis­ten da. Aktive Sol­da­ten hat­ten wir ja noch nicht soviel. Es muss­ten daher die bei­den letz­ten Jahr­gänge vom Ers­ten Welt­krieg dran glau­ben. Von Begeis­te­rung war keine Rede. Der Zug war über­voll. Doch nach und nach wurde er ab der Sta­tion Och­sen­furt nach Würz­burg lee­rer, denn bei jeder Sta­tion stieg ein schö­ner Trupp aus, um sich bei sei­nen Trup­pen­tei­len zu mel­den. Mein Ziel war Rand­er­sa­cker. Ich stieg in Win­ter­hau­sen aus und lief zu Fuß über die Brü­cke über Som­mer­hau­sen und Eibel­stadt nach Rand­er­sa­cker. Auf dem Marsch dort­hin traf ich viele Bekannte aus dem Och­sen­fur­ter Gau. In Rand­er­sa­cker ange­kom­men, musste ich mich in der Gast­wirt­schaft Schmidt mel­den. Zum Essen gab es am Mit­tag Gulasch mit Nudeln, der in der Wirt­schafts­kü­che gekocht wor­den war. Eine Feld­kü­che war noch nicht da. Nach dem Essen wurde die ärzt­li­che Unter­su­chung durch­ge­führt. Nach und nach kam alles her­bei: 20 LKW, die Feld­kü­che, Stie­fel, Uni­form, Aus­rüs­tung, Erken­nungs­marke und so wei­ter. Am Abend gab es Tee mit Wurst. Unser Nacht­la­ger war der Tanz­saal. Wir schlie­fen auf dem blan­ken Boden ohne Decke. Am zwei­ten Tag ging es dann schon recht mili­tä­risch zu. Die Parole hieß Ein­klei­den, Mili­tär­pass abho­len, Ess­ge­schirr, Gewehr mit Sei­ten­ge­wehr und Patro­nen­ta­sche mit Muni­tion fas­sen. Die Zivil­klei­der muss­ten ein­ge­packt und abge­lie­fert wer­den. Jetzt bist du Sol­dat und kein eige­ner Herr mehr. Es begann das Exer­zie­ren wie in der Rekru­ten­zeit – eine unge­wohnte Sache. Die Abfahrt mit den LKWs begann am 30. August. Nun hieß es „Lebe wohl mein Hei­mat­land: Wir wur­den nach Kit­zin­gen zum Bahn­hof gefah­ren. Dort stand ein Zug schon mit Vieh­wag­gons bereit. Doch bis alles ver­la­den war, wurde es Abend. End­lich ein Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewe­gung. Ab ging es in Rich­tung nach Polen. Über Ber­lin und Stade gelang­ten wir zur Grenze. Dort wur­den wir aus­ge­la­den. Mit Autos fuh­ren wir wei­ter über die Grenze ins Fein­des­land. Einen vol­len Tag fuh­ren wir durch die Tucho­ler Heide, in der zwei Divi­sio­nen Polen ver­steckt lagen. Es wäre für sie ein Leich­tes gewe­sen, uns zu über­fal­len. Jetzt hör­ten wir schon Kano­nen­don­ner. Die Front kam immer näher. Auf den Stra­ßen kamen uns gefan­gene Polen ent­ge­gen, mas­sen­haft. Viele hat­ten eine Run­kel­rübe in der Hand. Sie aßen sie vor Hun­ger. Wir beka­men das ganze Elend des Krie­ges zu spü­ren. Die Zivil­be­völ­ke­rung, beson­ders die Kin­der, lit­ten beson­ders dar­un­ter. Sie bet­tel­ten einen vor Hun­ger an. Man gab ihnen, was man konnte. Lie­ber ließ man es selbst abgehen.

Der Polen­feld­zug war ja bald zu Ende, doch das Aus­maß der Zer­stö­rung war groß. „Was wird wohl jetzt kom­men?“ frag­ten wir uns „Kom­men wir wie­der heim?“. Die Ant­wort beka­men wir bald. Eines Tages hieß es „fer­tig­ma­chen“. Wir wur­den zu einem grö­ße­ren Bahn­hof gefah­ren und wie­der in einen Zug ein­ge­la­den. Das war immer eine Qual, tage­lang in den Vieh­wag­gons sit­zen, kei­nen Halt für den Rücken, kein Aus­stre­cken der Beine und wenn jemand aus­tre­ten musste, stand ein Eimer in der Ecke oder er musste wäh­rend der Fahrt durch den Tür­spalt pin­keln. Ein Zivi­list kann sich davon über­haupt keine Vor­stel­lun­gen machen, wel­che Ent­beh­run­gen ein Sol­dat durch­ma­chen muss. „Wo wer­den wir jetzt lan­den?“ frag­ten wir uns wie­der. Nach tage­lan­ger Fahrt hielt unser Zug in Gemün­den am Main. Wir hat­ten schon die große Hoff­nung, dass es viel­leicht ins Lager Ham­mel­burg geht und wir von dort nach Hause geschickt wer­den. Doch wir hat­ten die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Gemün­den war nur Zwi­schen­sta­tion. Es gab Kaf­fee und Kom­miss­brot und jeder konnte im nahen Wald seine Not­durft ver­rich­ten. Auch stand Was­ser zum Waschen bereit. Die Unge­wiss­heit, was mit uns geschieht, lag über uns. Viele Kame­ra­den waren aus dem Spes­sart und hat­ten die Hei­mat vor Augen. Die bei­den Loko­mo­ti­ven an unse­rem Zug wur­den aus­ge­wech­selt. Die bei­den neuen tank­ten Kohle und Was­ser und wur­den am ande­ren Ende des Zuges ange­hängt. Jetzt wuss­ten wir, was gespielt wurde.

Gegen Mit­tag kam das Kom­mando „fer­tig­ma­chen“. Ein schril­ler Pfiff, und der rie­sen­lange Zug setzte sich in Bewe­gung in Rich­tung Pfalz. In Mainz war die Zug­fahrt zu Ende. Wir wur­den aus­ge­la­den, in unsere Autos ver­staut und wei­ter west­wärts gefah­ren. Unser Ziel lag in der Nähe von Kai­sers­lau­tern. Das kleine Dorf hieß Kusel. Dort war unser Quar­tier ein Getrei­de­schup­pen. Nach eini­gen Tagen beka­men wir ein fes­tes Quar­tier mit Stroh­l­a­ger. In einem Stüb­chen in der Größe 3 mal 3 Meter waren wir zu sechst unter­ge­bracht. Mit einem klei­nen Kano­nen­öf­chen konn­ten wir hei­zen. Das war schon zum Aus­hal­ten. Am Vor­mit­tag wurde exer­ziert und am Nach­mit­tag hal­fen wir der Bevöl­ke­rung bei der Kar­tof­fel­ernte, denn wegen des Krie­ges waren noch viele Kar­tof­feln auf dem Feld. Es waren meis­tens kleine, arme Land­wirte. Die Män­ner arbei­te­ten in Kai­sers­lau­tern in den Fabri­ken. Es war inter­es­sant, einen sol­chen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ken­nen­zu­ler­nen. Scheu­nen gab es nicht oder nur ganz wenige. In den Stäl­len stan­den ein paar arm­se­lige, magere Kühe. Die Getrei­degar­ben wur­den mit­tels eines Fla­schen­zu­ges in den obe­ren Spei­cher beför­dert. Dort lager­ten sie, bis die Dre­schma­schine kam. Die Dre­schma­schine wurde von Haus zu Haus gefah­ren und an den Gie­bel gestellt. Dann wur­den die Gar­ben vom Spei­cher auf die Maschine gewor­fen und gedro­schen. Wenn jemand Dresch­gut für zwei Stun­den hatte, war es schon viel. Am Abend wurde dann mit allen, die am Dre­schen betei­ligt waren, groß gefei­ert. Das Gras für die Kühe wurde damals noch mit dem Gras­tuch auf dem Kopf heim­ge­tra­gen. In Kusel blie­ben wir unge­fähr vier Wochen im Quar­tier, dann wur­den wir näher an die Front gebracht. Wir kamen in die Nähe von Saar­brü­cken. Der Ort hieß Dir­min­gen. Die männ­li­chen Bewoh­ner waren lau­ter Gru­ben­ar­bei­ter. Ich kam mit einem Kame­ra­den von Bur­ger­roth zu einem Berg­ar­bei­ter ins Quar­tier. Er hatte vier Kin­der und eine kleine Land­wirt­schaft mit zwei Kühen. Es waren sehr gute Leute.

Nun muss­ten wir alle Tage nach Baum­hol­der, den größ­ten Trup­pen­übungs­platz Deutsch­lands. Dort wur­den wir ein­ge­setzt. Man hörte schon den Kano­nen­don­ner von der Front her. Doch es war noch kein rich­ti­ger Krieg, mehr ein Geplän­kel hin und her. Doch es gab schon einige Gefal­lene. Man war sich bei den Obe­ren noch nicht so recht einig, soll es Ernst wer­den oder nicht. Viel­leicht war man mit der Auf­rüs­tung noch nicht so weit. Der Win­ter 1939/40 war streng, und man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte. Frei­lich waren die Stra­pa­zen tags­über groß. Muss­ten wir doch jeden Tag um 5 Uhr mit dem Auto drei Stun­den bei 30 Grad Kälte fah­ren. Als wir anka­men, muss­ten wir uns fast vom Wagen heben, so steif waren wir gefro­ren. So ver­ging der Win­ter. Der Früh­ling war sehr schön. Dazwi­schen hatte ich ein­mal 14 Tage Urlaub. Unser Kom­pa­nie­chef stammte aus Nürn­berg und war ein sehr guter Mensch. Er war schon 65 Jahre alt und ist spä­ter in Russ­land gefallen.

Das Sprich­wort heißt: Der Mai bringt so aller­lei. So war es auch. Es war ein schö­ner Mai­en­tag. Kaum hat­ten wir am 6. Mai Mit­tag gemacht, hieß es „fert­i­ma­chen und alles mit­neh­men“. Im Nu war alles gepackt. Nach dem Kom­mando „auf­ge­ses­sen“ fuh­ren wir in Rich­tung Saarbrücken-Röchlingen ab.

Wir fuh­ren durch das schöne Saar­land, an der Saar­burg vor­bei. Die schö­nen Wein­berge, es war ein­fach eine mär­chen­hafte Gegend. Die Mosel­straße ent­lang, über die Mosel­brü­cke ging es nach Luxem­burg. In einem gro­ßen Musik­saale wur­den wir ein­quar­tiert. Mit dem Stroh­l­a­ger waren wir zufrie­den. Jetzt merkte man schon, dass sich etwas zusam­men­braute. Es wurde ernst mit der Sache. Dann am 8. Mai begann der Kampf auf Leben und Tod. Wir muss­ten jeden Tag Gra­na­ten mit unse­ren Wagen an die Front fah­ren. Es war eine harte und gefähr­li­che Arbeit. Im Wald waren unzäh­lige Gra­na­ten jeg­li­chen Kali­bers auf­ge­sta­pelt. So weit das Auge reichte, nichts als Gra­na­ten. Hätte eine feind­li­che Gra­nate oder Bombe das Lager getrof­fen, es wäre ein unvor­stell­ba­res Aus­maß an Ver­wüs­tung auf­ge­tre­ten. Doch Luxem­burg war neu­tral. Es wurde von Hit­ler über­fal­len, weil er es als Auf­marsch­ge­biet benötigte.

Wir waren in Luxem­burg 8 Tage ein­ge­setzt, dann ging es über die Grenze nach Bel­gien. Vor­bei an der Fes­tung Bel­fort, die von den Fran­zo­sen hart ver­tei­digt wurde. Jetzt sah alles nach Krieg aus. Bel­fort ist eine der größ­ten Fes­tun­gen Frank­reichs, die schon im Ers­ten Welt­krieg schwere Men­schen­op­fer kos­tete. Die Kämpfe nah­men jetzt Tag für Tag an Härte zu, doch das fran­zö­si­sche Heer war nicht mehr das von 1914/18. Es war eben nicht gerüs­tet und auf einen Krieg ein­ge­stellt. Frank­reich wurde schon im Ers­ten Welt­krieg von Ame­rika mit Aus­rüs­tung belie­fert und auch beim Zwei­ten Welt­krieg, als sich die Deut­schen zurück­zie­hen muss­ten. An Zähig­keit und Aus­dauer war der fran­zö­si­sche Sol­dat dem deut­schen eben­bür­tig. Nach­dem die Fes­tung Bel­fort in deut­schen Hän­den war, ging es schon etwas zügi­ger vor­wärts. Nach kur­zer Zeit war Bel­gien in deut­scher Hand. Nun ging es über die Grenze nach Sedan. Wie­viel Kriegs­er­in­ne­run­gen aus dem 70er Krieg kom­men da in den patrio­ti­schen Lie­dern zum Aus­druck: „Fern bei Sedan …“. Im Mor­gen­grauen kamen wir mit der Bahn nach Sedan. Am Bahn­hof wurde eine Rast für ein Kaf­fee­früh­stück ein­ge­legt. Da kam der Bahn­vor­stand mit Hemd und Hose und Pan­tof­feln aus dem Haus. Er rieb sich die Augen. Ja, was ist denn da los? Er dachte, wir seien Fran­zo­sen. Er wollte wie­der ins Haus zurück. Wir dol­metsch­ten: „Du, dablei­ben. Wir Dir nichts machen!“. Er ließ sich über­zeu­gen und gab uns die Hand.

Zurück­den­ken muss ich auch an die Stadt Bar-le-Duc. Es war eine große Stadt und wir waren als erste dort. All­mäh­lich kam das Hee­res­gros nach. Was gab es da nicht alles in den gro­ßen Kauf­häu­sern. Es war wie in Frie­dens­zei­ten. Von der Steck­na­del bis zur kom­plet­ten Möbe­l­ein­rich­tung war noch alles vor­han­den. Zwei Tage spä­ter musste man über meter­ho­hen Unrat stei­gen. Wein gab es in Men­gen. In einer Braue­rei fan­den wir volle Bier­fäs­ser, auf­ge­sta­pelt bis zur Decke. Sie waren ein will­kom­me­ner Trunk für die nach­fol­gende Infan­te­rie. Ein jeder Küchen­wa­gen lud auf. Da war das lager bald geleert. Als die Artil­le­rie nach­kam, die vor Durst kaum reden konnte, gab es nur noch etwas Wein. Da in der Stadt nur Zieh­brun­nen vor­han­den waren, dau­erte es Stun­den, bis die Pferde der Artil­le­rie getränkt waren. Nach zwei wei­te­ren Tagen gab es auch kei­nen Wein mehr. Die Herr­lich­keit war wie­der vorbei.

Jetzt kam erst das schwerste Stück Arbeit für die deut­schen Trup­pen; das war der Ais­ne­über­gang. Das muss man sich vor­stel­len. Ein gro­ßer Fluss und hun­dert Meter wei­ter der Ais­ne­ka­nal. Drei­mal wurde von den deut­schen Pio­nie­ren die Brü­cke geschla­gen und immer wie­der von der fran­zö­si­schen Artil­le­rie zusam­men­ge­schos­sen. Hau­fen­weise lagen tote deut­sche Sol­da­ten vor der Brü­cke. Auch im Wie­sen­grunde lagen Hun­derte Kühe und Rin­der; von den Artil­le­rie­ge­schos­sen zer­fetzt und zer­stü­ckelt. Ein grau­sa­mer Anblick! Als der Über­gang über den Fluss gelun­gen war, gab es kei­nen Halt mehr für die deut­sche Truppe. In kur­zer Zeit waren wir his Lyon durch­ge­sto­ßen. Das fran­zö­si­sche Heer brach aus­ein­an­der. Die meis­ten Sol­da­ten waren gefan­gen. Frank­reich ergab sich und schloss Frie­den mit uns, aber lei­der nicht von Dauer. Als Besat­zung kamen jün­gere Sol­da­ten in Frage. Wir wur­den zurück­ver­legt nach Elsaß-Lothringen, in die Nähe von Mühl­hau­sen. Wir wur­den dort zur Heu­ernte ein­ge­setzt, denn das Fut­ter stand noch auf der Wiese. Auch kam nach und nach die Zivil­be­völ­ke­rung wie­der zurück. Wir beka­men aus Deutsch­land 60 junge Män­ner für die Kom­pa­nie. Da sagte eines Tages unser Spieß beim Appell: „Ich bekomme 60 Mann Ersatz von zu Hause. Wer denkt, dass er daheim drin­gend benö­tigt wird, kann eine Rekla­ma­tion ein­rei­chen“. Bei mir lief schon ein Gesuch mei­nes Bru­ders. Er hatte im Ers­ten Welt­krieg eine schwere Ver­gif­tung erlit­ten und war nicht voll arbeits­fä­hig. Ich kam zurück und wurde in Bam­berg entlassen.

Natür­lich war der Krieg noch nicht vor­bei. Immer musste ich damit rech­nen, dass ich wie­der geholt wer­den konnte. Ja, so war es dann im Sep­tem­ber 1944. Ich musste noch ein­mal fort zum Stel­lungs­bau am West­wall, dies­mal bei Zwei­brü­cken. Täg­lich war früh um 5 Uhr Appell, dann zwei Stun­den Anmarsch zur Arbeits­stelle. Zum Mit­tag­es­sen gab es Reis– oder Grieß­suppe. Gear­bei­tet wurde bis 5 Uhr abends, dann wie­der zwei Stun­den Heim­marsch. Dann gab es erst eine rich­tige Mahl­zeit. Ein har­tes Stroh­l­a­ger war die Schlaf­stelle. Jede Nacht zwei– bis drei­mal Flie­ger­alarm. Auf vom Stroh­l­a­ger, die Decke umge­hängt und hin­ein in den Luft­schutz­kel­ler. Kaum war man dar­in­nen, krach­ten drau­ßen die Bomben.

Wer arbei­tete am West­wall? Da waren alle Natio­nen ver­tre­ten. Durch den dau­ern­den Flie­ger­alarm und Beschuss von oben war man sei­nes Lebens nicht mehr sicher. Ein Glück, dass unsere Arbeits­stelle am Wald­rand lag. Da war man doch etwas siche­rer. Wenn wir früh zur Arbeit gin­gen, sah man auf allen Stra­ßen und Wegen anmar­schie­rende Arbeits­ko­lon­nen. Gefan­gene, Dienst­ver­pflich­tete, selbst Beamte aus der Stadt, die noch nie eine Schau­fel in den Hän­den gehabt haben, muss­ten Arbeit bei­steu­ern zum Siege.

Und dann das bru­tale Behan­deln der Gefan­ge­nen. Zwei Bei­spiele möchte ich anfüh­ren. Beim Anmarsch war früh vor uns eine Kolonne gefan­ge­ner Rus­sen. Wir muss­ten durch ein Eichen­wäld­chen. Auf dem Boden lagen hau­fen­weise Eicheln. Ein Gefan­ge­ner hatte sich vor Hun­ger ein paar Eicheln auf­ge­le­sen. Der Kolon­nen­füh­rer, aus­staf­fiert wie ein Vieh­trei­ber, nahm sei­nen Gum­mi­knüp­pel und haute ihm fünf– bis sechs­mal über den Rücken. Wir hiel­ten natür­lich nicht unser Maul: „Wenn Du das noch ein­mal machst, dann kriegst Du von uns! Merk Dir das!“ Wir arbei­te­ten im Gra­ben. Als Nach­bar­ko­lonne arbei­te­ten Zivil­aus­län­der. Am Rande des West­walls arbei­te­ten Mäd­chen, die Run­kel­rü­ben her­aus­zo­gen. Ein Arbei­ter gab dem Mäd­chen ein Zei­chen, dass es eine Run­kel­rübe in den Gra­ben wirft zum Essen. Der Auf­se­her sah das und wollte mit sei­nem Knüp­pel zu dem Mäd­chen lau­fen. Wir ergrif­fen sofort Par­tei: „Wenn Du nicht augen­blick­lich ablässt, dann bekommst Du es mit uns zu schaf­fen!“. Er ließ von sei­nem Vor­ha­ben ab und ver­drückte sich. Unser Anfüh­rer war der Gau­lei­ter von Brü­ckenau, eine voll­ge­fres­sene Plunze von zwei Zent­nern. Bei unse­rem Anmarsch zur Arbeits­stätte muss­ten wir eine halbe Stunde eine steile Steige hin­auf­stei­gen. Da kam jede­mal das Kom­mando „sin­gen“. Wir sag­ten uns: „Du kannst uns …“. „Na, war­tet nur, wenn der Krieg aus ist, dann kommt die große Aus­lese. Dann wird gesiebt. Wer nicht pariert, kommt nach Sibi­rien.“ Lei­der ist die Aus­lese für die Bon­zen nicht gekom­men, die lau­fen immer noch unge­scho­ren herum.

Als unsere ver­ein­barte Zeit beim West­wall vor­über war, rückte die Front immer näher. Man hörte schon die Maschi­nen­ge­wehre knat­tern. Just an dem Tag wurde von Hit­ler der Volks­sturm zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat auf­ge­ru­fen. Als wir am Abend nach Hause kamen, war Appell ange­sagt. „Na was ist denn jetzt schon wie­der los, dass einer mit einer brau­nen Uni­form kommt?“ Es war der Gau­lei­ter von Zwei­brü­cken. Er begann eine große Rede über den Ernst der Lage. „Leute, die Lage ist ernst! Heute hat unser gelieb­ter Füh­rer den Volks­sturm auf­ge­ru­fen zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat. Ab heute seid ihr mir unter­stellt. Was die nächs­ten Tage brin­gen wer­den, wis­sen wir nicht, aber wir müs­sen und wer­den sie­gen!“ „Au weh“, haben wir gesagt, „jetzt sehen wir unse­ren Hain nicht wie­der!“ Doch ein klein wenig Glück muss der Mensch haben, und siehe da, am andern Mor­gen stand unser Gau­lei­ter Hell­muth aus Würz­burg da. „Leute“, sagte er, „ihr braucht keine Angst zu haben.“ Zum Gau­lei­ter­kol­le­gen von Zwei­brü­cken sagte er, dass seine Leute heim­kä­men. Er orga­ni­sierte den Zug und abends mar­schier­ten wir zum Bahn­hof. Doch fast wäre es noch schief gegan­gen. Wir saßen schon im Zug und die Loko­mo­tive war schon ange­hängt. Plötz­lich gab es Flie­ger­alarm. Die Lok wurde abge­hängt und fuhr aus dem Bahn­hof. Uns lie­ßen sie ste­hen. Die Bom­ben krach­ten auf die Stadt nie­der, dass die Erde zit­terte. Doch der Flie­ger­an­griff ging glück­lich vorüber.

Noch zwei­mal muss­ten wir auf der Fahrt nach Würz­burg vor Flie­gern Halt machen. Mein ein­zi­ger Gedanke war auf der Heim­fahrt „Ihr kriegt mich nicht mehr! Gehe es, wie es wolle!“. Als der Volks­sturm in Gau­kö­nigs­ho­fen auf­ge­ru­fen wurde, war ich krank. Die Ame­ri­ka­ner waren schon in Euer­hau­sen. Da wollte so ein Fana­ti­ker den Volks­sturm ein­set­zen und mich holen. „Es tut mir leid, ich bin krank!“ sagte ich ihm. Aus dem Vor­ha­ben ist aber nichts gewor­den, denn die Amis waren schnel­ler als er und dies war auch gut so. Wer weiß, was aus unse­rem Dorf gewor­den wäre! Dies ist ein klei­ner Aus­schnitt von den Erleb­nis­sen vom Zwei­ten Weltkrieg.

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Was mir ein Tagebuch eines Veteranen erzählte

Am 17. Juli 1870 war Mobil­ma­chung. Die baye­ri­sche Armee war bereits am 18. ein­ge­klei­det und stand für den Ein­satz marsch­be­reit. Um 6 Uhr in der Frühe mar­schier­ten wir von der Kaserne aus zum Würz­bur­ger Bahn­hof. Ein unend­lich lan­ger Eisen­bahn­zug stand bereit, uns ins Unge­wisse zu beför­dern. Eine Men­schen­menge bis weit hin­ein in die Stadt war ver­sam­melt, um von uns Abschied zu neh­men. Für viele ein Abschied für immer, wei­nend und weh­mü­tig. Ein letz­ter Hän­de­druck, dann bestie­gen wir den Zug, nichts ahnend, was Krieg heißt. Die Musik­ka­pelle betrat den Vor­platz und spielte die baye­ri­sche Natio­nal­hymne. Ein kur­zer Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewe­gung. Auf allen Bahn­hö­fen stan­den unüber­seh­bare Men­gen von Men­schen. Die Bahn­höfe Lauda und Hei­del­berg muss­ten von der Poli­zei gesperrt wer­den wegen des gro­ßen Andrangs der Leute. In Mos­bach beka­men wir nachts um 1 Uhr unsere erste Kriegs­ver­pfle­gung. Am Mor­gen gab es Kaf­fee. Dann hieß es mar­schie­ren, für uns etwas unge­wohnt. Unser ers­tes Ziel war Schwet­zin­gen. Man konnte schon pau­sen­los Geschütz­don­ner ver­neh­men. Zum Unglück fing es noch an zu reg­nen, und durch­nässt bis auf die Haut, ging der Marsch wei­ter über Speyer nach Neu­stadt an der Hardt. Anfangs ging es ganz gut. Doch als die Sonne brannte und der Tor­nis­ter drückte, hat so manch einer schlapp gemacht. Die Straße war förm­lich über­sät mit Fuß­kran­ken. An Kör­per­pflege war nicht mehr zu den­ken. In Wels­heim war ein Feld­bi­wak. Zum Mit­tag­es­sen gab es Kar­tof­fel­suppe und Feld­zwie­back. Doch der Krieg kennt kei­nen Hal­te­punkt. Wei­ter ging es nach Wei­ßen­burg, wo die erste Feind­be­rüh­rung und eine große Schlacht statt­fand. Danach wurde wei­ter­mar­schiert nach Schwei­gern. Plötz­lich kam das Kom­mando: „Ladet die Gewehre!“ Wie­der kam es zu einem Gefecht. Wir war­fen die Fran­zo­sen zurück. Tau­sende Gefan­gene waren der Lohn für unse­ren Ein­satz. Viele Tote, Freund und Feind, dar­un­ter auch viele Schwarze, bedeck­ten das Schlacht­feld. Nach einer kur­zen Rast mar­schier­ten wir wei­ter über Clim­bach in die Voge­sen. Nach Lem­bach brach ein schwe­res Gewit­ter über uns her­ein, das uns schwer zu schaf­fen machte. Die Stra­ßen waren über­sät mit fran­zö­si­schen Aus­rüs­tungs­stü­cken. Dazwi­schen Gefechte. Das Schlacht­feld war eine ein­zige Was­ser­la­che. Wie­der muss­ten einige Kame­ra­den ihr Leben las­sen. Durch­nässt kamen wir um Mit­ter­nacht in Reichs­hof­fen an. Die deut­sche Ver­pfle­gung kam ins Sto­cken. Nun hieß es requi­rie­ren. Doch wo sollte man etwas holen, wenn nichts mehr da war? Es kam öfter vor, dass wir hun­gern muss­ten. Die Dorf­be­woh­ner waren meis­tens geflüch­tet und hat­ten alles Ess­bare mit­ge­nom­men, auch den gan­zen Vieh­be­stand. Als wir in Bit­che ange­kom­men waren, hat­ten wir wie­der ein­mal Gele­gen­heit zum Aus­schla­fen. Was war das für eine Wohl­tat, wenn wir auch für diese Nacht in der Mon­tur schla­fen muss­ten. Am Mor­gen ging es dann wei­ter nach Moselle. Ich wurde zum Requi­rie­ren bestimmt. Mir war es pein­lich, den armen Leu­ten ihr Letz­tes weg­zu­neh­men. Die Not wurde rie­sen­groß. Es gab nichts mehr zu holen und unser Nach­schub blieb aus. In der größ­ten Not ent­deck­ten wir auf dem Bahn­hof von Lem­berg, nicht weit von Bit­che gele­gen, einen ste­hen­ge­blie­be­nen Zug. In den Wag­gons fan­den wir reich­lich Lebens­mit­tel: Wein, Zwie­back, Brannt­wein und sogar Zigarren.

Nach einer kur­zen Rast ging es trotz strö­men­den Regens bis 10 Uhr in der Nacht wei­ter. Müde wie ein Hund hätte ich sogar mit einem Schwei­ne­stall vor­lieb genom­men. Ich lehnte mich an einen Baum­stamm und schlief ein. Mor­gens in der Früh um 5 Uhr sam­mel­ten wir Holz für ein Feuer, damit wir unsere Klei­der trock­nen konn­ten. Plötz­lich kam die Nach­richt, dass sich der Feind zurück­ge­zo­gen hätte. Aber die Hecken­schüt­zen mach­ten uns schwer zu schaf­fen. So man­cher Kame­rad wurde hin­ter­rücks erschos­sen. Als wir uns zum Abmarsch auf­ge­stellt hat­ten, hieß es, dass unser Gepäck­wa­gen Achs­bruch habe und wir einige Stun­den Auf­ent­halt hät­ten. Da beka­men wir end­lich die Gele­gen­heit, unsere Unter­wä­sche zu wech­seln. Doch ach nur zu bald ging es wei­ter nach Pis­dorf. Auch hier war alles belegt. Wenigs­tens hat­ten wir Stroh. Wir mach­ten uns ein Stroh­l­a­ger unter Apfel­bäu­men und schlie­fen die ganze Nacht bis in die Frühe. Gleich nach dem Kaf­fee­fas­sen ging es wei­ter nach Ket­ting. Die Zeit drängte, dass wir dem Franz­mann auf den Fer­sen blie­ben. Bis jetzt hat­ten wir es mit halb deut­scher und halb fran­zö­si­scher Bevöl­ke­rung zu tun. Nun kamen wir aber in rein fran­zö­si­sches Gebiet. Ver­ein­zelt konn­ten wir noch Inschrif­ten in Deutsch und in Fran­zö­sisch an Wirts­häu­sern und Kauf­häu­sern antref­fen, zum Bei­spiel „Hotel de Ville – Gast­haus zum Schlöss­chen“. Die Gegend war hier sehr schön. Wir sahen keine freu­di­gen, son­dern nur mür­ri­sche Gesich­ter, die meis­ten auf der Flucht vor den ver­hass­ten Deut­schen. In Ket­ting hat­ten wir ein gro­ßes Biwak. Wir brach­ten zwei Och­sen und zwei Schweine mit. Was war das für so viele Sol­da­ten, die hier lager­ten? Sie waren vom Hun­ger aus­ge­mer­gelt. Die große Schlacht stand noch bevor. Die Nächte waren auch schon kalt. Am Mor­gen waren wir stock­steif gefro­ren, wenn wir in der Nacht im Freien logie­ren muss­ten. Das Gros des Hee­res mar­schierte jetzt in Rich­tung Mars-la-Tour. Dort fand eine große Schlacht statt. Schon in der Schule san­gen wir „Siehst du nicht bei Mars-la-Tour die Kolon­nen ste­hen?“. Mit den Fran­zo­sen konn­ten wir uns nur durch Zei­chen­spra­che ver­stän­di­gen. Ein­mal ver­langte ich von einer Fran­zö­sin Essig. „Na, ver­stehst mich denn gar nicht?“ fragte ich. „Nix ver­ste­hen“ war die Ant­wort. Die Her­ren Offi­ziere beka­men ihre Quar­tiere immer in bes­se­ren Häu­sern, wir dage­gen muss­ten uns mit Mut­ter Erde begnü­gen. So war es noch bei jedem Krieg. Es ist trau­rig, dass nicht alle Men­schen gleich sind.

Nach eini­gen Tagen Rast ging dann der Marsch über Toul wei­ter. Undurch­dring­li­che Wäl­der sahen wir in die­ser Gegend. Wie uns mit­ge­teilt wurde, war Toul bereits von deut­schen Trup­pen umzin­gelt. Das nah­men wir mit Freude zur Kenntnis.

Es blieb uns dies­mal der Kampf erspart. Doch es kam anders. Nachts um drei Uhr hör­ten wir ein hef­ti­ges pochen an der Stall­tür. „Alles raus! Fer­tig machen! Schnell einen hei­ßen Kaf­fee trin­ken!“, so hieß es. Noch einen Bro­cken Brot dazu, und ab ging es nach Melipy. End­lich mal zwei Rest­tage. Am Abend gab es Glüh­wein mit Kar­tof­feln und Käse. Nach den Ruhe­ta­gen war es dann noch schlim­mer als bis­her. Jetzt begann erst die Haupt­sa­che des 70er Krie­ges. Wir wur­den in das Haupt­kampf­ge­biet ver­setzt und hat­ten kaum noch Ruhe, bis sich die Bela­ge­rung von Paris voll­zo­gen hatte. Die Zivil­be­völ­ke­rung von Paris ist buch­stäb­lich aus­ge­hun­gert wor­den. Nach lan­ger Bela­ge­rung ergab sich end­lich der Fran­zose, und der Ein­marsch der deut­schen Trup­pen in Paris begann. Es war ein nicht aus­zu­spre­chen­der Jubel beim Tri­umph­zug durch die Stadt. Trotz­dem war die­ser Krieg das reinste Kin­der­spiel im Ver­gleich zu den bei­den fol­gen­den Weltkriegen.

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Erinnerungen vom Ersten Weltkrieg

Der Som­mer 1914 ließ sich fried­lich an. Kein Mensch dachte, dass sich ein Welt­krieg ent­fa­chen würde, den die Mensch­heit bis dahin noch nicht gese­hen hatte. Unser Kai­ser unter­nahm eine große Nord­land­reise und dachte nicht im Schlafe daran, dass am Hori­zont ein so schreck­li­cher Krieg her­auf­zog. Wie ein Blitz aus hei­te­rem Him­mel nie­der­zuckt, so pas­sierte in Sara­jewo an einem schö­nen Sonn­tag die Ermor­dung des öster­rei­chi­schen Thron­fol­ger­paa­res Erz­her­zog Franz Fer­di­nand und Gat­tin. Noch dachte nie­mand daran, dass sich dar­aus ein blu­ti­ger Krieg ent­wi­ckeln könnte. Die deut­sche Regie­rung zögerte lange und bahnte Ver­hand­lun­gen an, doch die Feind­mächte gin­gen nicht dar­auf ein. Ser­bien wollte auf kei­nen Fall für diese Blut­tat Sühne leis­ten. Es wollte es auf alle Fälle zum Äußers­ten kom­men las­sen. So blieb Öster­reich nichts ande­res übrig, als Ser­bien den Krieg zu erklä­ren. Nach­dem Öster­reich mit Deutsch­land ver­bün­det war, galt die Kriegs­er­klä­rung auch für Deutsch­land. Am 28. Juli 1914 wur­den die diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zu Ser­bien abge­bro­chen und am l. August wurde der Krieg erklärt. Sofort kam es zur Mobil­ma­chung sämt­li­cher Trup­pen. Alle Reser­vis­ten, Land­wehr­män­ner und Land­sturm­män­ner wur­den zur Fahne geru­fen. Die akti­ven Trup­pen hat­ten schon die Gren­zen besetzt. Eng­land, Frank­reich, Bel­gien und Russ­land erklär­ten eben­falls Deutsch­land den Krieg. Mit der Zeit folg­ten noch viele Staa­ten, so dass die Trup­pen sich sehr ver­zet­teln muss­ten. Am 3. August mar­schier­ten die Fran­zo­sen über die Grenze und besetz­ten einige deut­sche Ort­schaf­ten. Es kam am Spi­che­rer Berg in der Nähe von Saar­brü­cken und in Wel­lerts­wei­ler zu schwe­ren Kämp­fen. Ich bin im Zwei­ten Welt­krieg auch in die­sen Ort­schaf­ten gewe­sen. Eine alte Frau sagte zu mir, dass die Gefal­le­nen klaf­ter­hoch gele­gen wären. Auch an der Ost­front began­nen schwere Kämpfe. Die Rus­sen über­schrit­ten die deut­sche Grenze und besetz­ten große Gebiete in Ostpreußen.

Am 28. Juli 1914 waren wir früh auf dem Feld am Eßfel­der Weg. Die Ernte hatte just an die­sem Tag begon­nen. Wir räum­ten einen Gers­te­n­a­cker auf. Sei­ner­zeit gab es nur Flü­gel­ma­schi­nen. Da musste bei jedem Feld­stück ein 1 1/2 m brei­ter Strei­fen mit dem Raft gemäht wer­den. Mit der Sichel wur­den die Halme auf­ge­nom­men, zu Gar­ben gelegt und mit der Hand gebun­den. So konn­ten die Pferde die Maschine ohne Getrei­de­scha­den ziehen.

Wir hat­ten einen hie­si­gen Bau­ern­sohn als Pfer­de­knecht, der erst im ver­gan­ge­nen Herbst sei­nen Wehr­dienst abge­legt hatte. Gegen Mit­tag kam auf ein­mal meine älteste Schwes­ter wei­nend gesprun­gen. Sie ver­sorgte seit dem Tod mei­ner Mut­ter den Haus­halt. Zunächst dach­ten wir, es sei ein Unglück gesche­hen. Erregt sagte sie: „Josef muss sofort heim und mit dem Zwöl­fuhr­zug fort. Es ist Krieg!“ Natür­lich waren alle Leute auf dem Feld kopf­los und hat­ten keine Lust mehr, wei­ter­zu­ma­chen. Unser Knecht lief schnell heim und machte sich fer­tig. In aller Eile legte er sein Wetz­fass, das damals jeder Mäher umhän­gen hatte, auf den Boden. Das Wetz­fass war ein läng­li­cher Behäl­ter aus Blech oder ein Horn vom Rind, in dem der Wetz­stein und Was­ser waren. Als wir nach Mit­tag mit der Flü­gel­ma­schine kamen, schnit­ten wir das Wetz­fass durch. Das Mäh­mes­ser hatte dabei Scha­den genom­men. Wir konn­ten ihn wie­der behe­ben und wei­ter­schnei­den. Gerade jetzt in der Ern­te­zeit hät­ten wir eine starke männ­li­che Kraft benö­tigt, doch dies war aus­sichts­los. Mein ältes­ter Bru­der war 18 Jahre alt und musste auch ein­rü­cken zur Aus­bil­dung. Ich war 14 Jahre alt, mein Bru­der 13. Nun denn, in Got­tes Namen, haben wir gesagt. Es wird schon gehen. Ich hatte noch einen Bru­der, der stu­dierte Arzt. Er war ein Hühne von Gestalt; der hat uns in den Ferien immer fest gehol­fen. Auch hat­ten wir noch drei Schwes­tern, da haben wir es gepackt, wenn auch unter gro­ßen Opfern. lm Herbst hat uns schon eine starke männ­li­che Per­son sehr gefehlt, denn die schwe­ren Kar­tof­fel­sä­cke in den Kel­ler zu tra­gen, das war für uns Buben zu schwer. Aber es ist uns nichts ande­res übrig geblieben.

Gleich nach Beginn des Krie­ges muss­ten die Pferde zur Mus­te­rung nach Och­sen­furt. Den gan­zen Tag über bis spät in die Nacht haben wir sie stra­pa­ziert. Als sie vor­ge­führt wur­den, hink­ten sie. Sie hat­ten Mus­kel­ka­ter. So wur­den sie für untaug­lich erklärt. Was hat­ten wir für eine Freude, als wir unse­ren Hans und Fuchs wie­der hat­ten. Im Jahre 1916 musste dann doch einer daran glau­ben. Wir beka­men aber zum Glück einen Ersatz. Die meis­ten Bau­ern muss­ten ihre Pferde ablie­fern und sich mit Och­sen behel­fen. Ja es war eine harte Zeit. Unser Onkel, der unser Vor­mund war, hatte auch fünf Buben. Sie muss­ten alle in den Krieg. 1917 starb mein Onkel. Da muss­ten wir Buben die­sen Betrieb auch noch mit­füh­ren. Dann hatte der Arbeits­tag oft­mals keine 10 Stun­den, son­dern 16 und noch mehr. In der Kriegs­zeit durfte auch am Sonn­tag gear­bei­tet wer­den. Da gab es oft in vier Wochen kei­nen ein­zi­gen Ruhe­tag. Wie hätte auch sonst die viele Arbeit bewäl­tigt wer­den können?

Beim Aus­bruch des Krie­ges herrschte in der brei­ten Bevöl­ke­rung helle Begeis­te­rung. Radio und Fern­se­hen gab es noch nicht. Die wich­tigs­ten Kriegs­er­eig­nisse wur­den an der Post ange­schla­gen. Die Mel­dun­gen wur­den per Fern­mel­der an die Post gesandt. Dort war eine Aus­hän­ge­ta­fel ange­bracht. Bei einer wich­ti­gen Kriegs­mel­dung wurde ein schwarz-weiß-rotes Fähn­chen auf­ge­steckt. Da wußte man, was drau­ßen so alles geschah. Bei einem gro­ßen Sieg wur­den alle Glo­cken geläu­tet. Aber das war eines Tages auch vor­bei, denn die Glo­cken wur­den beschlag­nahmt und zusam­men­ge­schla­gen und als Kriegs­ma­te­rial ver­wen­det. Und von da an war es vor­bei mit dem Sie­gen. Unsere Trup­pen schlu­gen sich an allen Fron­ten sehr tap­fer, hiel­ten die Stel­lun­gen und war­fen den Feind zurück. Große Ver­dienste hat sich unser Feld­mar­schall von Hin­den­burg im Osten erwor­ben. Nach­dem der Russe schon sehr weit in Ost­preu­ßen vor­ge­drun­gen war, hat er es durch ein geschick­tes Manö­ver fer­tig gebracht, ihn weit über die Grenze in rus­si­sches Gebiet zurück­zu­wer­fen. Durch sein rasches und über­leg­tes Han­deln gelang es ihm, eine ganze rus­si­sche Armee in den masu­ri­schen Seen umkom­men zu las­sen. Im Wes­ten lief zunächst auch alles gut. Eine Fes­tung nach der ande­ren wurde von unse­ren sieg­rei­chen Trup­pen erobert und der Feind weit zurück­ge­wor­fen. Doch, was zu viel ist, ist zu viel! Ein Sprich­wort heißt: „Viele Hunde sind des Hasen Tod“. Mit der Zeit kam Kriegs­er­klä­rung um Kriegs­er­klä­rung, und die Trup­pen muss­ten auf viele Fron­ten im Wes­ten, Osten, Süd­os­ten und Süden ver­teilt wer­den. Aus dem anfäng­li­chen Vor­marsch­krieg wurde 1915/16 all­mäh­lich der Stel­lungs­krieg. Er riss große Lücken in die Kriegs­füh­rung und for­derte unge­heuere Opfer und Ver­luste. Die Fron­ten waren zudem recht weit von der Hei­mat ent­fernt. Der Nach­schub berei­tete große Schwie­rig­kei­ten. In der Hei­mat fehlte es an Fach­kräf­ten in den Muni­ti­ons– und Kriegs­rüs­tungs­fa­bri­ken. Es man­gelte an Roh­stof­fen. Auch in der Land­wirt­schaft ging der Ertrag der Fel­der zurück. Frauen, Kin­der und Greise muss­ten die harte Arbeit verrichten.

Die Ver­luste der Eli­te­trup­pen waren nicht mit den jun­gen Trup­pen zu erset­zen. Die Fein­des­trup­pen wur­den von Ame­rika mit Aus­rüs­tung und Lebens­mit­teln ver­sorgt. Unsere Sol­da­ten hat­ten nichts mehr in den Kno­chen. Mit Tee und Kunst­ho­nig lässt sich auf die Dauer kein Krieg füh­ren. Ich habe es noch selbst am eige­nen Leibe ver­spürt in der Gar­ni­son bei mei­ner Aus­bil­dung 1918. Es gab Klei­en­brot, in dem das Mes­ser beim Schnei­den ste­cken blieb. Am Mor­gen gab es Kaf­fee ohne Milch und ohne Zucker, eine kleine Scheibe Brot; zum Mit­tag­es­sen wur­den Gemüse ohne Ein­brenne, eine kleine Hand­voll klei­ner Kar­tof­feln mit Schale und ein Stück­chen Fleisch ser­viert. Als Abend­brot gab es unge­zu­cker­ten Tee, eine Schnitte mit mit Kunst­ho­nig, ab und zu eine Scheibe Wurst in der Größe eines Fünf­mark­stücks, aber dop­pelt so dick.

Als Löh­nung beka­men wir pro Tag 2o Pfen­nig. Dafür muss­ten wir noch Seife, Zahn­pasta und die Stie­fel­wichs kau­fen, wäh­rend der Fran­zose mit Klei­dung und Pro­vi­ant aus USA gut ver­sorgt war. Bis 1915 ging noch alles eini­ger­ma­ßen gut, dann setzte 1916 unsere Hee­res­füh­rung Gas als Kampf­mit­tel ein. Bei den ers­ten Gas­an­grif­fen waren unsere Trup­pen noch nicht genü­gend aus­ge­rüs­tet und mit Gas­mas­ken ver­sorgt. Der Fran­zose besaß kein Gas und dachte nicht daran, dass wir mit ver­bo­te­nen Mit­teln Krieg füh­ren wür­den. Unsere Hee­ress­füh­rung setzte große Hoff­nung auf den Gas­ein­satz. Der Wind war güns­tig. Die Gas­fla­schen wur­den geöff­net. Doch plötz­lich kam Gegen­wind auf, und statt der Fein­des­trup­pen muss­ten unsere Sol­da­ten mas­sen­haft daran ster­ben. Lei­der auch ein jun­ger Bur­sche von hier. War es Fügung oder Schick­sal, dass es so gekom­men ist?

Was­ser und Lebens­mit­tel waren durch das Gas bis weit in das Hin­ter­land ver­seucht. Viele Sol­da­ten muss­ten daran ster­ben oder hat­ten sich den Todes­keim geholt. Es war ein ent­setz­li­ches, grau­sa­mes Morden.

Und wie sah es in der Hei­mat aus? Es gab nur noch Frauen, Greise, Jun­gen und Kriegs­ge­fan­gene für die Arbeit. Wie konn­ten da noch Höchs­ter­träge erzielt wer­den? Es fehlte an Arbeits­klei­dung. Man bekam keine Schuhe mehr, nur Holz­schuhe. Die Gespanne fehl­ten. Es war kein Mate­rial für Repa­ra­tu­ren, kein Eisen zum Beschla­gen der Pferde usw. vor­han­den. Von oben wurde vor­ge­schrie­ben, wel­che Men­gen an Vieh, Eiern, But­ter, Milch und Getreide abge­lie­fert wer­den muss­ten. Sogar Milch­kühe und Gespan­noch­sen wur­den beschlag­nahmt und muss­ten abge­lie­fert wer­den. Kurzum, es ging von Jahr zu Jahr mit Ernäh­rung und mit den Roh­stof­fen abwärts. Trotz alle­dem hiel­ten unsere Trup­pen ihre Stel­lun­gen und hiel­ten den Feind von den Gren­zen fern. 1917 fiel dann die Ent­schei­dung. Ame­rika erklärte uns den Krieg und lie­ferte bes­tes Kriegs­ma­te­rial an die Front. Flug­zeuge moderns­ter Bau­art und Pan­zer. Der Ame­ri­ka­ner hatte nur moto­ri­sierte Fahr­zeuge und lau­ter Eli­te­kampf­trup­pen. Sie waren gut genährt. Lebens­mit­tel­nach­schub gab es in rei­cher Fülle.

Die Laza­rette im Land reich­ten nicht mehr aus. Schu­len, Tanz­säle und Kin­der­heime wur­den genom­men. Auch hier in Gau­kö­nigs­ho­fen war im Kin­der­heim ein Ersatz­la­za­rett. Die Ver­wun­de­ten wur­den von Schwes­tern und dem hie­si­gen Arzt betreut. Die gefan­ge­nen Fran­zo­sen, die hier bei den Bau­ern zur land­wirt­schaft­li­chen Arbeit ein­ge­setzt wur­den, waren im Tanz­saal von Johann Eck unter­ge­bracht. Sie wur­den von zwei Wach­pos­ten bewacht. Nun kamen die bei­den letz­ten Jahr­gänge des ers­ten Welt­krie­ges zur Mus­te­rung und zum Ein­satz. Da ich von zu Hause auf bestimmte Zeit rekla­miert war, waren mein Bru­der und ich zur glei­chen Zeit in Aus­bil­dung. Was war da nicht alles los! Abge­tra­gene Uni­for­men und Schuhe und eine mise­ra­ble Ver­pfle­gung. Nun waren wir alle vier Brü­der als Sol­da­ten fort von zu Hause. Auf unse­rem Hof gab es keine männ­li­che Arbeits­kraft mehr. Meine älteste Schwes­ter führte den Hof. Was konnte da noch erzeugt wer­den? Und so war es über­all. Mein Bru­der Adam, der Arzt stu­dierte, mel­dete sich mit 17 Jah­ren frei­wil­lig zu den Flie­gern. Er erhielt das Eiserne Kreuz und war bald Flie­ger­leut­nant. Das Eiserne Kreuz hatte auch mein ältes­ter Bru­der erhal­ten. Er hatte eine Gas­ver­gif­tung und geriet 1917 in eng­li­sche Kriegsgefangenschaft.

Dann kam der Som­mer 1918. Über­all gärte es schon. Die Trup­pen an der Front wehr­ten sich ver­zwei­felt gegen über­mäch­tige Feinde. Dann am 9. Novem­ber 1918 brach das Unglück über uns her­ein. Es war ein mie­ser, neb­li­ger Tag. Rus­si­sche Agen­ten über­flu­te­ten unser Land und brach­ten unsere Trup­pen so weit, dass sie auf­ga­ben. Allen voran meu­ter­ten die Matro­sen. Andere Trup­pen­teile folg­ten, unsere Hee­res­lei­tung kapi­tu­lierte. Bei jeder For­ma­tion wur­den Sol­da­ten­räte gewählt. Sie tru­gen eine rote Binde am Arm. Den Sol­da­ten bis hin­auf zum Gene­ral riss man die Ach­sel­stü­cke und die Kokar­den am Käppi ab. Man war plötz­lich Sol­dat zwei­ter Klasse. Unsere Sol­da­ten ver­lie­ßen die Front und mar­schier­ten in Rich­tung Hei­mat. Der Feind folgte ihnen nach. Da geriet noch man­cher in Gefan­gen­schaft, wenn er nicht schnell genug war. Unge­heu­res Kriegs­ma­te­rial fiel ihnen in die Hände.

Das Rhein­land, die Pfalz, das Saar­ge­biet mit den gan­zen Koh­le­berg­wer­ken und das Ruhr­ge­biet mit sei­ner Stahl­in­dus­trie und den Koh­le­berg­wer­ken wur­den vom Feind besetzt und von ihnen aus­ge­beu­tet. Die deut­schen Trup­pen wur­den in Städ­ten und Dör­fern ein­quar­tiert und so nach und nach entlassen.

Pferde– und Wagen­ma­te­rial wur­den ver­stei­gert. Die Bau­ern nah­men sie mit Freu­den an, konn­ten sie doch ihr lang ent­behr­tes Gespann und ihr her­un­ter­ge­kom­me­nes Wagen­ma­te­rial wie­der etwas auf­fri­schen. Die Sol­da­ten, die in den besetz­ten Gebie­ten wohn­ten, durf­ten vor­erst nicht heim­keh­ren. Erst nach einer Abma­chung mit den Sie­gern konn­ten sie nach Jah­res­frist, jedoch nur in Zivil­klei­dung, heim. Wir zu Hause hat­ten auch vier Sol­da­ten aus der Pfalz in Quar­tier. Sie wur­den wohl aus der Feld­kü­che ver­pflegt, doch man gab ihnen meis­tens das Essen.

In Würz­burg, wo wäh­rend des Krie­ges eine große Hee­res­schnei­de­rei war, wur­den jetzt Ein­heits­an­züge für die Sol­da­ten aus den besetz­ten Gebie­ten gefer­tigt, denn sie durf­ten laut Anord­nung der feind­li­chen Mili­tär­be­hörde nur in Zivil heim­keh­ren. Da wurde das Dorf wie­der leer, denn wir hat­ten hier eine ganze Kom­pa­nie Pfäl­zer in Quar­tier. Es haben sich auch Hei­ra­ten ange­bahnt, was nicht zu ver­wun­dern ist.

Ein jeder Sol­dat bekam bei der Ent­las­sung 60 Mark Ent­las­sungs­geld. Die Klei­dungs­stü­cke, die er trug, durfte er behal­ten. Die Sol­da­ten, die aus besetz­ten Gebie­ten waren, erhiel­ten einen Zivil­an­zug. Unser Kai­ser und die Könige muss­ten abdan­ken und das Land ver­las­sen. Sie gin­gen ins Exil. Es war ein trau­ri­ger Unter­gang für unser Vater­land, und es dachte nie­mand im ent­fern­tes­ten daran, dass sich das glei­che Schick­sal, jedoch weit schlim­mer, nach 20 Jah­ren wie­der­ho­len würde.

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Der Einmarsch der Amerikaner

Es war am 30. März 1945, Kar­frei­tag­abend. Ringsum sah man bren­nende Gebäude, die von unse­ren Trup­pen ange­zün­det wor­den waren, weil sie mit Hee­res­gut gefüllt waren. Aus dem Tau­ber­grund kom­mend, ver­such­ten die Ame­ri­ka­ner nach Och­sen­furt und in den Gau vor­zu­sto­ßen. In Oes­feld und Stall­dorf tob­ten schon harte Kämpfe. Bei uns wurde der Flug­platz Gie­bel­stadt geräumt und von drei Kom­pa­nien mit je 100 Mann besetzt, meis­tens Och­sen­fur­ter Volks­sturm­leute. Die Sol­da­ten vom Flug­platz Gie­bel­stadt gru­ben ent­lang der Wolks­häu­ser Straße Schüt­zen­lö­cher. Ein Last­auto mit Pan­zer­fäus­ten kam ange­fah­ren. Sie soll­ten aus­ge­la­den und ver­teilt wer­den, es kam aber nicht dazu. Am Kar­sams­tag zogen einige kleine Trupps durchs Dorf. Ein trau­ri­ger Rest von der einst­mals so stol­zen Armee. Am Abend des Kar­sams­ta­ges hieß es, die Ame­ri­ka­ner seien bereits in Euer­hau­sen. Angst und Schre­cken im gan­zen Dorf. Unsere Dreschhalle war mit Hee­res­gut gefüllt, Flug­zeug­mo­to­ren und andere Ersatz­teile. Ein fana­ti­scher Nazi fuhr Stroh hin­un­ter und brannte es an. Halle und Inven­tar waren ver­nich­tet. Sonn­tag früh, am 1. April kamen die Ober­dör­fer mit Bet­ten, Wäsche­stü­cken und Kühen zu uns. Wir schlie­fen noch. Das Außen­dorf wurde bereits beschossen.

Die Sol­da­ten in den Schüt­zen­lö­chern an der Wolks­häu­ser Straße waren meist gefal­len. Am Rande des Dor­fes brannte es lich­ter­loh. Ent­lang der Straße nach Wolks­hau­sen hat­ten an die 60 Pan­zer Auf­stel­lung genom­men. Sie trau­ten sich nicht durchs Dorf zu fah­ren. Die Bewoh­ner von Gau­kö­nigs­ho­fen hiss­ten weiße Fah­nen. Bei mir war ein Pole, der beim Sie­ber arbei­tete, ein guter Kerl. Wir saßen alle im Kel­ler. Wir schick­ten ihn mit einem wei­ßen Fähn­chen zur Vor­hut der Pan­zer­ab­tei­lung. Wegen des Beschus­ses musste er sich an den Häu­sern ent­lang schlei­chen. Er ver­han­delte pol­nisch mit den Ame­ri­ka­nern und berich­tete ihnen, dass kein deut­scher Sol­dat mehr im Dorfe sei. Erst dann fuhr die Abtei­lung los, nicht durchs Dorf, son­dern außen vor­bei in Rich­tung Och­sen­furt. Im Stall­dor­fer Wald dau­er­ten die Kämpfe noch an. Auch wir muss­ten noch öfters in den Kel­ler. Der Ruf, die SS mache einen Gegen­an­griff, schreckte uns immer wie­der auf. Wenn wir drau­ßen auf den Fel­dern waren, tob­ten immer noch Kämpfe im Tau­ber­tal und in Rich­tung Aub und Uffen­heim. Wegen der Luft­kämpfe muss­ten wir uns auch öfters in die Fur­chen legen. Es war unser Glück, dass die Deut­schen bei uns kei­nen Gegen­an­griff durch­führ­ten. Erst nach einer Woche beka­men wir ame­ri­ka­ni­sche Ein­quar­tie­rung. Das untere Orts­vier­tel musste geräumt wer­den. Auch das Vieh musste aus den Stäl­len und anderswo unter­ge­bracht wer­den. Unsere bei­den Scheu­nen­ten­nen stan­den vol­ler Vieh. Die Gebäude vom Faul­ha­ber wur­den auch beschlag­nahmt. Dort wurde die Orts­kom­man­dan­tur ein­ge­rich­tet. Vor­han­dene Gewehre, Revol­ver, Foto­ap­pa­rate, Uni­for­men und Fah­nen muss­ten abge­lie­fert wer­den. Im Hof wurde alles auf einen gro­ßen Hau­fen gewor­fen und ver­brannt. Zwei Tage dau­erte es, bis alles ver­brannt war. Unten am Bahn­hof stan­den zwei Wag­gons mit Hee­res­gut, das nicht mehr weg­ge­bracht wer­den konnte. Die Loko­mo­tive war zer­schos­sen. Als der erste Trupp Ame­ri­ka­ner durch­ge­zo­gen war, riss man die Plom­ben ab und gab den Inhalt frei. Was gab es da für einen Tumult und eine Schlä­ge­rei! Jeder wollte vom Hee­res­gut etwas bekom­men. Meis­tens waren es Beklei­dungs­stü­cke, z.B. Stie­fel, Schuhe, Bett­wä­sche u.a. Für die Flücht­linge kamen diese Gaben zur rech­ten Zeit. Für sie war es eine Wohl­tat. Erst lang­sam kehr­ten die geord­ne­ten Ver­hält­nisse wie­der zurück. Wolle Gott, dass es nie wie­der zu einem Krieg kommt!

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Originale

Zu ihnen gehörte der Kreut­zers Engel­bert. Er war Poli­zei­die­ner und musste alle gemeind­li­chen Sachen aus­tra­gen, das Aus­schel­len im Dorf ver­rich­ten und für die Orts­be­leuch­tung sor­gen. Elek­tri­sches Licht gab es damals ja noch nicht. Abends, wenn es dun­kel wurde, musste er die Petro­le­um­lam­pen anzün­den. Sie brann­ten so lange, bis das Petro­leum auf­ge­braucht war. Am Mor­gen musste er die Lam­pen put­zen und für den Abend wie­der mit Petro­leum auf­fül­len. Er war auch Toten­grä­ber und Fah­nen­trä­ger bei den Pro­zes­sio­nen. Er trank auch gern ein­mal über den Durst.

Dann gehörte noch der Blom­ei­ers Pilg dazu. Er war ers­ter Vieh­trei­ber bei den Juden und kam in ganz Deutsch­land herum. Im Früh­jahr beglei­tete er die Och­sen­trans­porte nach Nord­deutsch­land zu den Gütern. Vier, manch­mal fünf Wag­gons musste er da betreuen. Immer trug er einen fes­ten Knüp­pel­stock bei sich. Mit dem hätte ich kei­nen über den Rücken gemocht. Er erzählte, dass er manch­mal 50.000 Mark in der Tasche gehabt hätte. Es war der Kauf­preis für die Och­sen. Den Heim­weg lief er meis­tens zu Fuß. Ganze Tage und Nächte sei er gelau­fen, und es hätte nur einer kom­men sol­len, meinte er, er wäre nicht mehr gesund nach Hause gekom­men. Man konnte ihm stun­den­lang zuhören.

Wei­ter gab es noch den Rup­perts Klaus. Er war Hand­lan­ger bei den Bau­ern; spä­ter arbei­tete er im Lager­haus. Er war ein guter und leut­se­li­ger Mann und ein begeis­ter­ter Sän­ger. Beson­ders die alten Bau­ern­schnör­kel hat­ten es ihm ange­tan. Der Hüf­ners Michl war in den 90-er Jah­ren frei­wil­lig in Afrika da bei. Er hatte als Mau­rer gelernt. Als er wie­der in der Hei­mat war, betä­tigte er sich als Poli­zei­die­ner und Toten­grä­ber. Er hat die ganze Fried­hofs­um­bet­tung mit gemacht. Er war ein leut­se­li­ger Mensch. Er besaß ein paar Äcker­lein und hat sich so recht und schlecht durchs Leben gekämpft.

Und dann noch der Lutza Mar­tin. Als Hand­lan­ger bei den Mau­rern hat er sich elend durch­schla­gen müs­sen. Neben­bei war er noch Nacht­wäch­ter. Eine Zeit­lang war er auch Maschi­nist bei der Dre­schma­schine. Da ist es halt öfter vor­ge­kom­men, dass Mor­gens, wenn das Dre­schen begin­nen sollte, das Loko­mo­bil kei­nen Dampf, dafür der Mar­tin einen Dampf gehabt hatte. Er hatte fünf Töch­ter. Sie waren alle bei Bau­ern ver­dingt. Neben ein paar Äcker­lein hatte er auch einige Zie­gen. Er hat halt gar zu gern den Maß­krug gestemmt. Es ist vor­ge­kom­men, dass er um Mit­ter­nacht in die Wirts­stube kam, um die Poli­zei­stunde anzu­zei­gen. Die Anwe­sen­den mein­ten: „Na Mar­tin, setz dich her! Wir Zah­len dir einige Maß!“ Es ist halt dann 2 Uhr oder 3 Uhr gewor­den, bis dann einer sein Tut­horn ergrif­fen und gebla­sen hat. „Sou, du hast racht, etz mössa mir auf­hör!“ meinte dann der Mar­tin und mahnte noch: „Buaba, getts scho hemm und macht keen Radau!“
Oft höwa se awer an Mar­tin mit‘m Schub­karra hemm­foahra mössa.

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Die Veteranen von 1870/71

Beim Krieg 1870/71 waren von hier drei junge Män­ner dabei. Das war ein­mal der Pfeuf­fers Hans Jörg; er ist ledig geblie­ben. Dann der Göbels Odl. Auch er blieb ledig. Er soll auf Wache vor dem Feind ein­ge­schla­fen sein. Bekannt­lich ruht dar­auf die Todes­strafe. Er hätte dann gelobt, ledig zu blei­ben, wenn er unver­sehrt da von käme. Der dritte war der Häf­ners Lud­wig. Wie waren wir Buben begeis­tert, wenn diese drei Vete­ra­nen vom Krieg erzähl­ten. Zwei von ihnen waren beim Ein­zug in Paris da bei.

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