Aus meiner Kinderzeit

Wir waren zehn Kinder, vier Buben und sechs Mädchen. Meine Eltern bewirtschafteten ein landwirtschaftliches Anwesen mit 23 ha. Einige Hektar hatte mein Vater erst angekauft. Der Besitz meines Großvaters wurde bei der Übergabe in zwei Teile geteilt: Den ersten bekam mein Vater, den anderen der Bruder meines Vaters, mein Onkel. Hinzu kam auch noch ein Anwesen, das mein Großvater gekauft hatte.

Mein Onkel hatte sechs Kinder, vier Buben und zwei Mädchen. Vier von seinen Kindern leben noch. Von meinen zehn Geschwistern leben nur noch vier, zwei Buben und zwei Mädchen.

Mein Bruder Adam hatte Arzt studiert. Im Ersten Weltkrieg meldete er sich freiwillig an die Front zu den Fliegern. Er kehrte nach dem Kriege als Fliegerleutnant in die Heimat zurück. Am 19. Juli 1921 stürzte er im Alter von 23 Jahren bei einer Bergtour in den Tiroler Bergen tödlich ab. Wir holten ihn heim und beerdigten ihn auf unserem Heimatfriedhof.

Die Zahl „19“ war für unsere Familie eine Unglückszahl. Mein Vater starb am 19. Juli 1910 und meine Mutter am 19. September 1913.

Meine Kinderjahre habe ich noch gut in Erinnerung. Ich war immer mit Leib und Seele bei der Sache. Schon als kleiner Bub durfte ich öfters mit hinaus aufs Feld. In meiner Kinderzeit saßen 16 Personen am Tisch. Es waren meine Eltern, die Tante, die Großtante, drei Dienstboten und wir zehn Kinder. Für meine Mutter war das schon eine Arbeit, für diese vielen Mäuler zu sorgen.

Zum Glück half ihr unsere Großtante bei der vielen Arbeit im Haushalt, denn es gab auf einem Bauernhof für die Hausfrau immer einiges zu tun: Das Essen bereiten und kochen, buttern, Geschirr spülen, backen, Wäsche waschen, bügeln und ausbessern, Strümpfe stopfen, Betten machen, das Haus sauber halten, Garten- und Stallarbeit , Brot backen, Gras- und Heuarbeiten und die vielfältige Feldarbeit.

Zu dieser Zeit gab es noch keine Zentrifuge, mit der man den Rahm von der Milch trennen konnte. Die mit der Hand gemolkene Milch kam in viereckige, flache Blechbehälter, die am Boden ein Ablasshähnchen besaßen. In diesen Behältern blieb nun die Milch einige Tage am warmen Ofen stehen, dann wurde sie abgelassen. Der zurückgehaltene Dickrahm kam in das Butterfass zum Buttern.

Wie schmeckte uns da das Butterbrot, vor allem nach der harten Arbeit im Hof und auf dem Feld. Bei so einer frischen Butter vom Fass, mit frischem Brunnenwasser ausgewaschen, womöglich noch auf ein frisches Brot gestrichen, konnte ich mir nichts Besseres wünschen. Mit keinem König hätte ich getauscht!

Die abgelassene Milch wurde in Schüsseln aufgefangen, die in den Keller gestellt wurden. Das gab köstliche Sauermilch. Eine solche Schüssel mit Sauermilch, frisch aus dem kühlen Keller geholt und Bauernbrot hineingebrockt – an heißen Sommertagen konnte es nichts Feineres geben. Noch heute läuft mir das Wasser im Munde zusammen, wenn ich daran denke.

Am Essen hat es meine Mutter nie fehlen lassen. Sie wusste auch, was dem Dienstpersonal, den Knechten und Mägden, gehörte. So vergingen die ersten Lebensjahre.

Zu unserem Hof gehörten ein großer Obstgarten, drei bis vier Jüchten Bibele, junge Gänse und Enten. Er war ein idealer Bauernhof. Etliche Jahre betrieben wir auch Pferdezucht. So gab es auf dem Hof immer wieder Fohlen. Sie waren der Stolz der Buben. Auch hatten wir immer tüchtige Oberknechte. Meistens waren es nachgeborene Bauernsöhne.

Zurückschauend kann ich sagen: Unser Hof war ein Musterbetrieb. Im Jahre 1906 kam ich in die Grundschule. Wir hatten einen Lehrer namens Weigler. Er war ledig. Er wohnte im Rathaus und war ein leidenschaftlicher Jäger. Öfters brachte er in den Unterricht Hasen, Rebhühner, Fasanen und manchmal auch eine Wachtel mit. Das war halt ein richtiger Anschauungsunterricht. Unser Lehrer war ein ganzer Kerl. Und heute? Die Wachtel ist bereits ausgestorben und Rebhühner und Fasanen werden bald folgen.

Der Kindergarten wurde 1907 gebaut. Mein Vater und Herr Meintzer, ein Jude aus Gaukönigshofen, waren die größten Befürworter. Gott sei Dank mußte ich nicht mehr hinein. Einmal sagte ein hiesiger Mann: Das ist die größte Freiheitsberaubung der Kinder! Man kann es nehmen wie man will.

Ich sehe noch heute, wie meine drei jüngsten Schwestern mit großen Strohhütchen auf dem Kopf hineinmarschiert sind. An Weihnachten gab es immer eine große Kinderbescherung und das beliebte Kindertheater. Ferien im Kindergarten kannte man nicht; es gab höchstens ein paar freie Tage.

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Ein Kommentar zu Aus meiner Kinderzeit

  1. Linus Vetter sagt:

    Toll, dass Du Dir für Deinen Opa so eine Arbeit machst!

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