Jugendzeit

Wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges gab es kein Fahr­rad­ma­te­rial: Kei­nen Schlauch und auch kei­nen Man­tel. Gedrehte Holz­män­tel oder Feder­spi­ral­män­tel waren der Ersatz. Als Schuh­werk gab es nur Holz­schuhe. Was war das für eine Qual, wenn man den gan­zen Tag auf dem Felde arbei­tete. Beson­ders beim Ackern kam es vor, dass am Abend die Füße ganz wund waren. An Klei­der brauchte man gar nicht zu den­ken. Zum Glück hat­ten wir aber einen Schnei­der zu Hause. Aus selbst­ge­mach­ten Tuch­bal­len, die noch in der Truhe auf­be­wahrt wor­den waren, wurde das Not­wen­digste geschnei­dert. Die Frauen ver­stan­den es, das Tuch zu fär­ben und zu mus­tern. Für uns Manns­bil­der sah es schlecht aus. Ja, wenn die Beklei­dungs­not am größ­ten war, lie­ßen meine Schwes­tern das Tuch schön blau fär­ben, und der Schnei­der machte uns Hosen davon.

Und wie war es mit den Lebens­mit­teln? Man brauchte Lebens­mit­tel­mar­ken. Für man­che brachte die schreck­li­che Kriegs­zeit gro­ßen Hun­ger. So waren unge­wollte Hun­ger­ku­ren an der Tages­ord­nung. Wir Bau­ers­leute hat­ten es da schon bes­ser, besa­ßen wir doch eigene Milch und But­ter. Und wir beka­men ab und zu vom Mül­ler einen Sack Rog­gen schwarz gemah­len. Das Brot back­ten wir sel­ber. Den Armen hal­fen wir nach Mög­lich­keit mit Lebens­mit­teln aus, beson­ders den Taglöhnern.

Man schrieb das Jahr 1917. Da die älte­ren Brü­der im Krieg waren, musste ich hin­aus zum Dre­schen gehen. Der Schloß­marks Andreas war gerade auf Hei­mat­ur­laub. Auf die Frage, wer an die Säck gehe, d.h. wer die Säcke tra­gen musste, meinte er: „Kon­rad, du musst Säck troch!“„Aber Andreas, das kann ich nicht.“, erwi­derte ich zag­haft, „Zwei Zent­ner tra­gen, das ist zu viel!“. „Es geht scho“, meinte er. Zu die­ser Zeit gab es auch noch kei­nen mecha­ni­schen Sack­he­ber an der Dre­schma­schine, und die Säcke muss­ten daher mit der Hand auf­ge­schla­gen wer­den. Der erste Sack! Don­ner­wet­ter, der drückte aber auf die Schul­ter. Und dann noch die Sack­lei­ter hoch auf den Rüst­wa­gen hinauf!

Andreas ging hin­ter mir und hielt beim Auf­stei­gen die Balance. Es ging ganz gut, aber es war doch noch zu viel. Die Sack­trä­ger beka­men im Neben­zim­mer eine extra Brot­zeit mit Wurst und Schin­ken. Auch musste die Dre­schma­schine immer nach dem Dre­schen im Hof mit einem lan­gen Seil gedreht wer­den. Da musste schon die ganze Mann­schaft anpa­cken! War der Hof zum Wen­den zu klein, musste die schwere Dre­schma­schine bis auf die Straße gezo­gen wer­den. Das war für die Maschi­nen­leute ein har­tes Stück Arbeit. Für die Dampf­ma­schine, die die Dre­schma­schine antrieb, muss­ten im Laufe eines Tages drei bis vier Fäs­ser Was­ser geholt wer­den. So hatte ein Mann des Hau­ses dau­ernd zu fuhr­wer­ken: Getreide fort­fah­ren, Was­ser holen und Bier holen für die Dreschleute.

Wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges gab es für das Dre­schen eine Koh­le­zu­tei­lung. Die reichte oft bloß für die halbe Dreschzeit. Da musste halt ein Holz­stoß her­hal­ten. Bis zum Jahre 1907 gab es auch noch kei­nen elek­tri­schen Strom. Für die Beleuch­tung benutzte man Later­nen. Wir besa­ßen damals noch eine ganz aus Holz. Sie war mit schö­nen Schnit­ze­reien ver­ziert. Schade, dass sie nim­mer da ist! Es geschah beim Dre­schen. Die Laterne hing im Süd­loch und wurde bei der Brot­zeit ver­ges­sen. Zufäl­lig hielt ein Ein­le­ger nach dem Maschi­nen­schmie­ren Umschau. Die Kerze in der Laterne war abge­brannt. Das Holz fing Feuer, das sich schon über die Spreu aus­brei­tete. Da rannte der Mann in die Stube, wo die Dre­schleute ves­per­ten und schrie: „Feuer! Feuer! Es brennt!“. Da spran­gen alle von ihren Plät­zen auf und rann­ten zum Löschen. Zum Glück war das Feuer mit zehn Eimern Was­ser gelöscht, aber das Alter­tum, unsere schöne Lampe, war dahin.

In die­ser Zeit musste das Stroh zum Füt­tern alles noch mit der Hand geschnit­ten wer­den, auch der Klee für die Pferde. Das war für die Dienst­bo­ten eine harte Arbeit. Als der elek­tri­sche Strom kam, wurde es bes­ser. Zuvor musste alles mit der Hand gemacht wer­den: Rüben mah­len, aus­mis­ten und mel­ken. Die Dienst­bo­ten muss­ten ihren Lohn schon sauer ver­die­nen. Die arbeits­reichste Zeit war der Som­mer. Von 5 Uhr früh bis oft­mals 9 Uhr abends stand man in der Arbeit. Es musste doch täg­lich früh für 20 Stück Vieh Fut­ter geholt wer­den. Es wurde alles mit der Sense gemäht, mit der Hand zusam­men­ge­recht und auf­ge­la­den. Zu Hause musste es wie­der mit der Hand abge­la­den und in die Fut­ter­kam­mer gezo­gen wer­den. Da konnte man zur Brot­zeit schon ein gro­ßes Käse­brot mit einem Glas Most ver­tra­gen. Dann ging es zu Fuß wie­der hin­aus aufs Feld bis 10 Uhr, dann wie­der heim zum Füt­tern. Im Som­mer muss­ten die Stroh­seile ein­ge­weicht und auf­ge­la­den wer­den. Schlag 12 Uhr ver­ließ das Gespann den Hof. Auf dem Feld ging die Arbeit wie­der wei­ter bis abends 7 bis 8 Uhr. Kam man heim, stand die Stall­ar­beit an. Es musste aus­ge­mis­tet, ein­ge­streut, gemol­ken und gefüt­tert wer­den. So waren die Nächte im Som­mer sehr kurz. Ich hätte öfter gern noch ein paar Stun­den geschla­fen, aber man kannte es nicht anders und war zufrieden.

Eine harte Arbeit war für die Mägde das Rüben­ab­blät­tern. Das Rüben­blatt wurde zum Füt­tern genom­men. Sie muss­ten oft 70 bis 80 Büschel blät­tern. Sie wur­den gegen Mit­tag mit dem Fuhr­werk geholt. Da hat sich man­che Magd einen gesund­heit­li­chen Scha­den für das Leben geholt, denn die Blät­ter waren nass, kalt und schwer.

Dann kam der Herbst. Auch die Kar­tof­feln muss­ten mit Hand­ar­beit her­aus­ge­macht und geern­tet wer­den. 1917 ver­kauf­ten wir 1000 Zent­ner Kar­tof­feln. Da musste unter­tags schon eine große Fuhre nach Hause gefah­ren wer­den. Die musste ich mit 17 Jah­ren allein her­aus­schla­gen und in den Kel­ler tra­gen. Wie haben da die Säcke auf dem Rücken gedrückt! Am Abend kamen noch zwei Fuh­ren dazu. Da wurde es oft 9 Uhr, bis ich zum Ves­pern kam. Da war der Most eine Wonne, und er gab Kraft. Auch das Rüben­her­aus­ma­chen und –ein­gra­ben bedeu­te­ten harte Arbeit. Zuerst musste die Rüben­miete her­aus­ge­schau­felt wer­den. Die Rüben wur­den mit der Hand her­aus­ge­ris­sen und auf den Boden gelegt. Mit dem Rüben­mes­ser trennte man die Blät­ter ab. Da war man bis zum Abend ganz krumm und hatte Kreuzschmerzen.

Selbst im Win­ter gab es keine Ruhe. So nach der Kirch­weih wurde das Korn mit Dresch­fle­geln gedro­schen. Wenn man da durch das Dorf ging, hörte man in jedem Hof den Takt der Dre­scher. In die­ser Dreschzeit gab es immer eine beson­dere Vesperzulage.

Etwas möchte ich hier noch erwäh­nen. Zufäl­lig ist mir eine Auf­zeich­nung aus der Infla­ti­ons­zeit in die Hände gefal­len. Sie stammt aus dem Jahre 1923.

12. Mai 1923:

  • Ein Laib Brot (6 Pfund) 1.028 Mark
  • Ein Liter Milch 620 Mark
  • Ein Pfund Schwei­ne­fleisch 6.000 Mark
  • Ein Pfund But­ter 6.300 Mark
  • Ein Ei 320 Mark
  • Ein Liter Bier 800 Mark
  • Ein Paar Schuhe 80.000 Mark
  • Ein Anzug 8.000.000 Mark
  • Eine Kuh 5.000.000 Mark
  • Ein Pferd 10.000.000 Mark

22. April 1923:

  • Ein Her­ren­fahr­rad 420.000 Mark
  • Eine Näh­ma­schine 3.000.000 Mark

11. Juni 1923:

  • Ein Fahr­rad 1.050.000 Mark

17. Juli 1923:

  • Ein Fahr­rad 1.430.000 Mark
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