Als das Dorfleben noch in Ordnung war

Man schrieb das Jahr 1904. Eines Tages kam eine Abordnung der Bahnverwaltung, um das Bahngelände abzumessen. Zugleich begannen sie mit den Bohrlöchern, um für die Trassenführung. und die Grabarbeiten den Untergrund zu untersuchen. Kurze Zeit später kamen auch die Hauderer des Bahnbaus mit schweren Wägen, bespannt mit vier Pferden. Sie brachten hölzerne Rollwägen und Geleise. Was gab es da für uns Buben alles zu sehen! Auch ein großer Trupp Italiener kam ins Dorf, um am Bahnbau zu arbeiten. Es musste ja alles mit Handarbeit geleistet werden. Im Garten von Johann Eck wurde extra für sie eine Baracke gebaut, in der sie etliche Jahre wohnten. Dann im Jahre 1907 war es soweit: Wir Buben standen am Bahnhof. Plötzlich ein schriller Pfiff! Und schon sahen wir die dampfende Lokomotive heransausen. Der Zug hielt an. Der Schaffner schrie: „Alles einsteigen!“. Wie wir waren, angetan mit einer blauen Bauernschürze, stiegen wir in die Waggons zu einer Extrafahrt nach Röttingen und wieder retour. Natürlich hatten wir von unserem Vater ein Zehrgeld von 20 Pfennigen bekommen. „Da könnt ihr euch einen Kipf und eine Knackwurst kaufen“, meinte er. Was war das für eine Freude für uns Buben! Es war unvergesslich für uns.

Zu jener Zeit hatte noch jeder Bauer im Dorf seine Gänse. Sie hielt man schon wegen der Federn. Vom Frühjahr bis zum Herbst trieb ein Gänsehirt die Tiere zum „Seebuk“, wo sich ein eingezäunter Gänseweiher befand. Früh, schon beizeiten, wurde die große Schar von Haus zu Haus abgeholt. Mit lautem Geschnatter zogen sie die Dorfstraße hinunter bis zum Weiher. Dort wurden sie eingesperrt. Erst mittags nach der Schule durften sie einige Zeit auf die Weide. Nach der Schule gingen auch die Buben und Mädchen mit ihren Junggänsen, die sie in einem Henkelkorb trugen, zum Seebuk und hüteten die jungen Gänse bis zum Abend. Um 6 Uhr abends wurde das Zauntor am Gänseweiher geöffnet und die Gänse flogen, in eine Staubwolke gehüllt, bis zum Dorf, wo sie alle ihren Stall allein fanden. Für jede Gans bekam der Gänsetreiber einen Lohn von 50 Pfennigen. An den Festtagen, dem Schutzengelfest und auch an Kirchweih bekam er auch etwas vom Festkuchen. Auch etliche Pfund Schwarzbrot wurden ihm gegeben.

Nicht vergessen möchte ich den Gemeindediener, den Kreutzers Engelbert. Da es zu seiner Zeit noch kein elektrisches Licht gab, mussten alle Tage die Laternen geputzt und das Petroleum nachgefüllt werden. Ich sehe es noch wie heute, wie der Engelbert früh mit seiner Leiter, die Petroleumkanne und den Putzlappen in der Hand, von Laterne zu Laterne ging und seinen Dienst verrichtete. Am Abend, wenn es dunkel wurde, musste er sie anzünden. Auch musste er nachts die Stunden ausrufen und sein Horn dazu blasen. Ferner musste er ins Wirtshaus gehen und die Polizeistunde bieten. Da ist es manchmal vorgekommen, dass mein Engelbert sitzen geblieben ist, und sich so die Polizeistunde um einige Stunden hinauszog, denn meistens waren etliche Zecher da, die zu ihm sagten: „Komm Engelbert, setz’ dich her! Wir bezahlen deine Zeche!“ Das hat sich Engelbert nicht zweimal sagen lassen. So war die gute alte Zeit auch schön und hatte ihr Gutes.

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