Vereinsleben und kirchliches Leben

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete man in Gaukönigshofen einen Krieger- und einen Schützenverein. Ich wurde zum Fahnenbegleiter gewählt. Mein Cousin Alois war Fahnenträger. Als er nach Eichelsee heiratete, musste ich dieses Amt übernehmen. Das war gar nicht so einfach: den ganzen Sommer hindurch war jeden Sonntag ein Fest, immer in einem anderen Dorf. Die Fahne musste dabei immer beim Festzug mitgetragen werden. Manchmal konnte man dabei ein köstliches Stückchen erleben.

Am Dorfeingang wurde der Gastverein mit Musik abgeholt und zum Festplatz geleitet. Oft waren auch einige Reiter zum Empfang dabei. Bei so einem Empfang in Wolkshausen passierte uns so ein nettes Stückchen. In der Nacht von Samstag auf Sonntag tobte ein Gewitter, und es regnete bis Sonntagmittag. Die Straßen waren damals noch nicht so ausgebaut wie heute, da gab es nach den Regengüssen Pfütze an Pfütze und aufgeweichten Straßendreck. Am Ortseingang von Wolkshausen stand zu unserem Empfang alles bereit. Musiker und Reiter standen Spalier, um die Gäste aus Gaukönigshofen in Empfang zu nehmen. Als die Musikkapelle mit lautem Spiel einsetzte, scheute ein Pferd, und der Reiter fiel mit Gehrock und Zylinder im hohen Bogen in eine große Pfütze. Während der Gaul auf kürzestem Wege zu seinem Stall galoppierte, schlich sich der Reiter, über und über mit Schmutz bedeckt, auf einem einsamen Pfade nach Hause, damit ihn kein Mensch in seinem Aufzug sehen konnte. Wir wussten uns vor Lachen nicht zu helfen!

Auf dem Galgenberg hatte der Schützenverein sein Schießhaus. In dem war alle Sonntage etwas los. Den Höhepunkt im Vereinsleben bildete im Herbst das Strohpreisschießen. Zu diesem Fest stiftete fast jeder einen Preis. Die Preise wurden in Strohbüscheln versteckt. Jeder Strohbüschel sah aus wie der andere. Dann wurden die Büschel geöffnet. Jeder war gespannt, was aus dem Büschel hervorkam.

Auch beim Fronleichnamszug wurde die Fahne mitgetragen und der ganze Verein schloss sich dem Zuge an. Was war damals Fronleichnam gegen heute! Das ganze Dorf war ein einziges Spalier aus gesteckten Baumwedeln, Blumen, Fahnen und Bildern. Jedes Heiligenbild, das man im Hause auftreiben konnte, wurde als Bildschmuck verwendet. Auch durch das Judenviertel ging die Prozession. Die Juden standen beim Straßenschmücken nicht zurück, ausgenommen religiöse Zierde.

Auch an den Bitttagen war hier einiges los. Zu unserer Zeit kamen vier Ortschaften zu uns. Früher sollen es sogar sechs gewesen sein. In der Hauptstraße hatten die Geschäftsleute ihre Stände aufgeschlagen. Bäcker und Metzger machten sich einander Konkurrenz, sogar die Zuckerbäcker aus Walldürn waren mit etlichen Ständen vertreten. Die Bitttage waren immer ein Höhepunkt im Leben des Dorfes.

An den Bitttagen bekamen die Dienstboten vom Bauern immer das Zehrgeld. Je nach Rang waren es zwei bis drei Mark. Die Kinde des Hauses erhielten 50 Pfennig oder eine Mark für den sogenannten Wallweck mit Knackwurst und Limonade. Kinder und Dienstboten freuten sich schon darauf. Wenn es aber regnete, gab es nichts.

 

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