Das schreckliche Unwetter vom Jahre 1910

Am 20.Mai 1910, abends 6 Uhr, ver­fins­terte sich der Him­mel. Erst fiel star­ker Regen, dann brach ein furcht­ba­res Hagel­un­wet­ter los. Die Hagel­kör­ner lagen bis zu 20 cm hoch. Wer nicht seine Fens­ter geöff­net hatte, dem wur­den sie zer­schla­gen. Keine Maus, kein Vogel blieb ver­schont. Hasen und Reb­hüh­ner lagen erschla­gen auf den Fel­dern. Ein Jahr har­ter Arbeit war inner­halb kur­zer Zeit zunichte gemacht wor­den. Man brachte aus ande­ren Gegen­den Rang­er­sen­pflan­zen, damit man wenigs­tens etwas für das Vieh im Win­ter hatte. Auch Klee und Wie­sen haben sich wie­der erholt und nach Fut­ter gebracht. Der Scha­den am Getreide aber war groß, ebenso der Scha­den an den Gebäuden.

Und an den Fol­gen des Hagel­schlags hat sich mein Vater den Tod geholt. Er mähte mit einem Dienst­bo­ten auf dem Feld ver­ha­gel­tes Getreide. Das war eine große Schin­de­rei. Ver­schwitzt kam er nach Hause. Er wollte unbe­dingt in die Kir­che zur Mai­an­dacht gehen. Rasch wech­selte er seine Klei­dung und ging immer noch stark erhitzt in die kalte Kir­che. Dort erkäl­tete er sich und bekam Gelenk­rheuma, an des­sen Fol­gen er am 19. Juli 1910 starb. Anfangs spürte ich den Ver­lust mei­nes Vaters nicht so sehr. Ich war ja noch jung, erst 10 Jahre alt. Doch mit den Jah­ren ver­misste ich ihn immer mehr. Er fehlte mir.

Für uns war es keine leichte Zeit. Die einen woll­ten, dass sich meine Mut­ter wie­der ver­hei­rate. Aber wie sollte es bei zehn min­der­jäh­ri­gen Kin­dern gehen? Andere woll­ten uns ins Wai­sen­haus ste­cken und den Hof verkaufen.

Doch mein Pate, der Bru­der mei­nes Vaters und ein guter Mensch, hatte das letzte Wort. Sein „Nein, wir wer­den es schon schaf­fen“, war unser Glück. Ich habe es ihm in Dank­bar­keit ver­gol­ten. Lei­der starb er auch schon 1917.

Als seine fünf Buben und meine älte­ren Brü­der im Ers­ten Welt­krieg waren, musste ich mit 17 Jah­ren beide Betriebe füh­ren und die Manns­bil­der­ar­beit erle­di­gen. Das war schon ein har­tes Stück Arbeit. Von früh bis spät musste ich auf den Bei­nen sein. Oft saß ich in der Ernte von 10 Uhr mor­gens bis 10 Uhr abends auf der Flü­gel­ma­schine und mähte das Getreide. Beim Heim­fah­ren der Gar­ben in die Scheune musste alles auf dem Feld und daheim gega­belt wer­den. Dann kam das Dre­schen. Damals gab es noch kein Bin­de­garn für die Stroh­presse. Auch fehl­ten die kräf­ti­gen Bur­schen zum Sack­tra­gen. Sie waren ja alle drau­ßen im Krieg. So musste ich mit 17 Jah­ren die Säcke mit zwei Zent­nern tra­gen. Im Herbst muss­ten die Kar­tof­fel­sä­cke in den Kel­ler geschleppt wer­den. Im Jahre 1917 hol­ten sie unser bes­tes Pferd aus dem Stall zur Wehr­macht. Wir erhiel­ten zwar wie­der eins, doch das war noch nicht ein­ge­wöhnt. Oft war mir das Wei­nen näher als das Lachen, wenn ich allein drau­ßen beim Ackern war. Ein­mal haben die Pferde beim Ackern gescheut: Sie wie­her­ten auf und gin­gen mir durch.

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