Aufbau einer eigenen Existenz

Für 7.000 Mark etwas zu kaufen oder irgendwo einzuheiraten, war aussichtslos. So blieb ich vorerst daheim und diente bei meinem Bruder. Ich bekam zwar einen Lohn, aber für die Rente wurde nichts geklebt. Auch war ich nicht krankenversichert. Das war ein großer Leichtsinn von meinem Bruder. So vergingen die Jahre.

1934 wurden nach der Flurbereinigung die Äcker zum ersten Mal angebaut. Ich hatte die Gelegenheit, etwas über 3 ha Feld zu kaufen. Ich dachte mir, mein Geld soll nicht noch einmal kaputt gehen. Ich bezahlte für das Feld nicht ganz 10.000 Mark. Ich verpachtete es. Nun konnte kommen was da wollte! Ich war abgesichert. Ich hatte aber noch zu kämpfen, bis ich es vom Bauerngericht zugesprochen bekam. Ich war viermal auf dem Bauerngericht, bis es der Richter genehmigte. Zwei Beisitzern von Gelchsheim habe ich es letztlich zu verdanken, dass ich die Acker erhalten habe.

Dann kam am 9. November die Kristallnacht, in der aller jüdischer Besitz zerschlagen wurde. Ich schaute mir am nächsten Tag den Schaden an und sprach den Betroffenen mein Mitleid aus. Ich kam auch in das Haus, das ich jetzt bewohne. Die Türen waren eingeschlagen und die Möbel zertrümmert. Die Frau war all ein im Haus. Der Mann und die Kinder waren abgeführt worden. Sie sagte zu mir: „Herr Dürr, möchten Sie so gut sein, und den Schrank aufheben? Ich möchte meine Kleider herausnehmen. Dann möchte ich zu meinen Eltern nach Wiesenfeld fahren.“ Ich sagte: „Ja, selbstverständlich.“ Ich musste meine ganze Kraft aufwenden, um den Schrank, der mit den Türen auf dem Boden lag, wieder aufzustellen. Es war nämlich ein dreitüriger Schrank. Die Judenfrau packte ein paar Kleidungsstücke zusammen und ging fort. Sie bat mich, ich möchte die Haustüre von innen zuriegeln, denn das Schloss war ja eingeschlagen worden. Ich verriegelte die Tür und stieg zum Fenster hinaus. Ich habe es gemacht, aber es war ein großes Risiko. Hätte mich jemand gesehen, hätte es mir den Kopf kosten können. Ich dachte damals nicht einmal im Schlaf daran, dass dieses Haus einmal mein Besitz sein würde.

Im Frühjahr 1939 wurden die jüdischen Anwesen verkauft. Ich bewarb mich und nach langem Hin und Her erhielt ich mein jetziges Anwesen. Haus und Hof waren leer. Es war kein Licht, nicht einmal ein Schalter vorhanden. Was das heißt, das muss man einmal mitgemacht haben. Mein Plan war, nach der Ernte in den erworbenen Besitz zu ziehen. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt.

Gleich nach Kriegsbeginn wurde mein Anwesen von einer Kompanie des Flugplatzes Giebelstadt beschlagnahmt. Sie richteten sich häuslich ein. Im Hause waren eine Schreibstube, ein Wachlokal, eine Krankenstube und einige Schlafzimmer. Hof und Scheune waren Abstellraum für die LKWs und für die Feldküche. Die Entschädigung war gleich null, der Schaden aber riesengroß.

Am 26. August 1939, nachts um 2 Uhr, wurde ich aus dem Bett geholt. „Sofort einrücken“ hieß es. Früh 6 Uhr musste ich nach Randersacker zum Sammeln. Einen Tag später wurden wir mit LKWs an die polnische Grenze gefahren. Nach dem Polenfeldzug kamen wir sofort an die Westfront.

Das war meine vierte Einkleidung als Soldat. Mir reichte es schon, aber immer wieder neuen Drill. Nach dem Frankreichfeldzug wurde ich von zu Hause reklamiert, weil mein Bruder krank war. So kehrte ich in die Heimat zurück und konnte wieder Bauer sein. Mit dem Gespann meines Bruders konnte ich auch meine eigenen Felder bewirtschaften.

Meine Frau und ich richteten uns nun selbst häuslich ein und zogen i n das eigene Haus. Bis zum Kriegsende arbeitete ich noch bei meinem Bruder. Meine Frau blieb meistens daheim. Nur wenn Not am Mann war, half sie mit. Im Herbst 1944 musste ich noch einmal für sechs Wochen zum Bunkerbau und zum Panzergräbenausheben an den Westwall. Dort hörten wir, wie die Kampfhandlungen immer näher kamen.

Zum Glück durften wir eines Nachts nach Hause fahren. Doch der Krieg war für mich noch nicht zu Ende. Ich sollte noch einmal zum Volkssturm einrücken. Der Amerikaner aber kam 1945 so überraschend schnell, dass nichts mehr daraus wurde. Da sagte ich mir: „Jetzt reicht’s! Du musst auch einmal Ruhe haben!“

Es war ein harter Anfang als Bauer. Nach und nach habe ich alles herbeigeschafft und angeschafft, was zu einem richtigen Betrieb gehört. Doch das Härteste kam noch. Weil unser Besitz in jüdischen Händen gewesen ist, mussten wir ihn ein schließlich des Ackers 1948 noch einmal mit gutem Geld zurückkaufen. Wir mussten damals 14.000 DM bezahlen. Im Jahre 1964 haben wir für 40.000 DM das Haus aufgestockt, denn die Familie war ja größer geworden. Wir haben im Leben immer auf Gott vertraut, und es war gut so.

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