Allerlei vom Dorf

Bis in die fünf­zi­ger Jahre war es üblich, dass Fron­ar­beit, Hand– und Spann­dienst geleis­tet wer­den muss­ten. Was habe ich da in mei­nem Leben nicht alles in der Gemeinde arbei­ten geholfen!

1926 war der Beginn des Baus der Was­ser­lei­tung. Vom Biber­lein an der Straße Eichelsee-Ochsenfurt wurde die Lei­tung nach Gau­kö­nigs­ho­fen gelegt. Es wurde alles in Hand­ar­beit aus­ge­führt, auch im Dorf. Nur die Rohre wur­den von der hie­si­gen Firma Wei­kers­hei­mer ver­legt. Nach dem Ers­ten Welt­krieg wurde auch der Tor­buk abge­tra­gen und die Stra­ßen­füh­rung etwas zügi­ger gestal­tet. Vor­her war er so steil, dass man ein gutes Gespann haben musste, um mit einem bela­de­nen Wagen hin­auf­zu­kom­men. Zu die­ser Zeit ist die Dorf­ein­fahrt noch durchs Tor­haus gegan­gen. Ich weiß es noch. Die bei­den Tore waren noch vor­han­den. In einem hing ein gro­ßes Kru­zi­fix über dem Tor. Oben war eine kleine Woh­nung für den Tor­wäch­ter. Zuletzt war sie nur eine Not­un­ter­kunft für Obdach­lose. Am Tor­buk ent­lang lag der Schieß­gar­ten. Er war mit Gemein­de­obst bepflanzt. Heute ist er mit Häu­sern bebaut.

Als der Ver­kehr immer stär­ker wurde, brach man das Tor­haus ab. Spä­ter hob man auch die Brun­nen­steige und die mitt­lere Steige etwas ab und baute sie zügig aus. Sie wur­den rol­liert und geschot­tert. Heute sind sie mit einer schwar­zen Decke ver­se­hen. Als dies gesche­hen war, wurde auch die Straße nach Rit­ters­hau­sen von der Gemeinde aus­ge­baut. Die Stei­gun­gen wur­den abge­ho­ben, ja fast eben gemacht. Danach wurde die Straße rol­liert, beschot­tert und gewalzt. Beim Anwe­sen Lutz am Ende des Dor­fes war so ein Buckel. Da musste man sein Gespann erst ver­schnau­fen las­sen, bevor es dann mit Tempo die Stei­gung hin­auf­ging. Heute ist die Straße ganz eben.

Die meis­ten im Dorf kön­nen sich daran nicht mehr erin­nern. Und dazu kamen noch die vie­len Feld­wege, die wir mit Beton aus­ge­baut haben. Und das alles in Fron­ar­beit. Was muss­ten für den Stra­ßen­bau aus den Stein­brü­chen bei Achols­hau­sen für Steine gefah­ren wer­den! Alles mit Pfer­den und dazu noch über Wolks­hau­sen, weil man über die Rol­lie­rung nicht fah­ren konnte. Und um wel­chen Preis? Die Gerte, das waren fünf bis sechs Fuh­ren und je nach Gespann­größe, oft nur 10 bis 12 Mark. Auch der Fried­hof wurde ver­grö­ßert. Die Steine bra­chen wir sel­ber im Achols­häu­ser Stein­bruch. Pfer­de­ge­spanne trans­por­tier­ten sie ab zum Fried­hof. Alles Fronarbeit.

Nach dem Kriegs­ende hat­ten wir viele Flücht­linge im Dorf. Auch in unse­rem Anwe­sen waren einige unter­ge­bracht. Da kam eines Abends eine Kolonne aus Ost­preu­ßen mit Kühen und Plan­wa­gen hier an. Sie waren von Ost­preu­ßen bis hier­her gefah­ren. Was für eine Leis­tung hat­ten sie voll­bracht und wel­che Ent­beh­run­gen muss­ten sie ertra­gen! Meine bei­den Scheu­nen­ten­nen waren schon über­voll mit Kühen und Leu­ten. Man half ihnen so gut man konnte. Man stellte ihnen die Küche zur Ver­fü­gung; gekocht haben sie selbst. Ja, wer die Not und das Elend nicht mit­er­lebt hat, kann sich keine Vor­stel­lun­gen davon machen. Was das heißt, Haus und Hof zu ver­las­sen und in ein unbe­kann­tes Land zu flüch­ten, kann nur der emp­fin­den, der es erlebt hat. Möge uns Gott davor bewahren!

Als die Ame­ri­ka­ner 1945 schon in Euer­hau­sen waren, sollte der Volks­sturm aus Gau­kö­nigs­ho­fen aus­rü­cken. Ich dachte mir: „Sollst du dich jetzt erschie­ßen las­sen? Bist ein­fach krank.“ Dann ging aber der Ein­marsch so schnell, dass der Volks­sturm nicht mehr zum Ein­satz kam. Es wäre ja wirk­lich ein Unsinn gewe­sen. Ich meine, es waren schon zuviel Opfer gebracht wor­den, und wofür? Für die Laune eines Fana­ti­kers! Ja, was man alles in sei­nem Leben erlebt hat, das würde ein gan­zes Buch und noch mehr füllen.

Gau­kö­nigs­ho­fen besaß auch eine Dreschhalle, in der die klei­nen Leute ihr Getreide auf­sta­peln und dre­schen konn­ten. Über Win­ter war die Halle der Abstell­platz für die Dre­schma­schine und die Dre­schma­schi­nen­gar­ni­tur. In den letz­ten Mona­ten des Krie­ges wurde die Halle vom Flug­platz Gie­bel­stadt beschlag­nahmt und als Lager für Flug­zeu­ger­satz­teile genutzt. Am Abend vor dem 1. April 1945, die Ame­ri­ka­ner stan­den ja schon in Euer­hau­sen, fuhr ein fana­ti­scher Nazi von hier einen gan­zen Scho­ber Stroh in die Halle und zün­dete ihn an. Die Halle ging in Flam­men auf.

Wäh­rend des 2. Welt­krie­ges wurde hier sehr viel Raps ange­baut. Es war eine schwere Arbeit. Beim Abmä­hen musste jeder Schnitt durch­ge­kämmt wer­den; so war es zusam­men­ge­wach­sen. Da war bis zum Abend von der Hose nicht viel zu sehen. Der Raps wurde grün geschnit­ten, in Schwa­den gesetzt und nach etli­chen Tagen, je nach Hitze, ein­ge­fah­ren. Da ging es schon in aller Frühe los, denn nach 10 Uhr war nichts mehr zu machen. Die Wagen muss­ten mit Pla­nen aus­ge­legt wer­den, sonst wäre ein schö­ner Körn­er­teil ver­lo­ren gegangen.

Meine zwei Brü­der hat­ten sei­ner­zeit auch eine große Bie­nen­zucht. Ich glaube, es waren um die 30 Völ­ker. Was gab es da für vie­len Honig! Oft wurde die halbe Nacht geschleu­dert. Honig war ja zu die­ser Zeit ein will­kom­me­nes Pro­dukt zum Tau­schen für andere not­wen­dige Sachen. Nach dem Kriege blühte der Tausch­han­del noch mehr. Wollte man eine Sense oder sonst ein Gerät bekom­men, da musste schon eine schöne Por­tion Lebens­mit­tel bereit­ge­stellt wer­den. Doch was sollte man machen? Was man damals brauchte, war ja kein Luxus. Aber das schlimme Ende kam dann für die Tausch­hand­ler am Abend. Wenn die armen Leute mit dem 6 Uhr Zug abfah­ren woll­ten, kam die Poli­zei und nahm ihnen die ein­ge­tausch­ten Lebens­mit­tel ab. Ja, wer diese Zei­ten nicht mit­ge­macht hat, der kann sich keine Vor­stel­lun­gen machen von der Not, die damals herrschte.

Und es gab keine Plün­de­run­gen und kei­nen Ter­ror wie heute. Die Leute waren zufrie­den, dass sie ihr Leben durch­ge­bracht haben. Wenn uns die Ame­ri­ka­ner nicht so unter­stützt hat­ten, wäre nach dem Kriege das halbe Deutsch­land verhungert.

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