Von Festen im Dorf

An Weih­nach­ten war es frü­her nicht so wie heu­te, dass man mit Geschen­ken über­häuft wur­de. Es gab einen ein­fa­chen Christ­baum, geschmückt mit Äpfeln und selbst­ge­ba­cke­nem Zuckerzeug. An Geschen­ken beka­men wir, was wir so übers Jahr brauch­ten. Die klei­ne­ren Kin­der erhiel­ten selbst­ge­mach­tes, höl­zer­nes Spiel­zeug, die Erwach­se­nen Klei­der, Schu­he, Unter­wä­sche oder was sie sich sonst noch an Klei­dern gewünscht hat­ten. Kin­der, die im neu­en Jahr zur Schu­le gin­gen, erhiel­ten Schie­fer­ta­fel, eini­ge Grif­fel und eine Bücher­ta­sche. Für uns Kin­der waren die Plätz­chen die Haupt­sa­che.

Wenn der Weih­nachts­abend her­an­rück­te, konn­ten wir Buben es gar nicht erwar­ten. Immer und immer wie­der spitz­ten wir durch das Schlüs­sel­loch, wenn Vater und Mut­ter den Christ­baum schmück­ten und den Gaben­tisch errich­te­ten, bis end­lich das Klin­gel­zei­chen ertön­te. Dann hieß es: „So, jetzt könnt ihr her­ein­kom­men. Das Christ­kind ist da!“ Wir gin­gen in die Stu­be und gaben dem Christ­kind die Hand. Dazu bete­ten wir noch ein Vater­un­ser. „Wart ihr auch brav?“ frag­te es uns. „Ja, selbst­ver­ständ­lich!“ tön­te es aus dem Kin­der­mun­de. Dann beka­men wir unse­re Geschen­ke. Bei unse­ren Eltern daheim war es der Brauch, dass wir Kin­der auch den Armen des Dor­fes eine Gabe zum Christ­fest brin­gen muss­ten. Spä­ter, als wir schon etwas alter waren und im Stall mit füt­tern muss­ten, gaben wir an den Fest­ta­gen Weih­nach­ten, Ostern und Pfings­ten den Haus­tie­ren eine Fut­ter­zu­ga­be. Auch sie soll­ten etwas von der Fest­tags­freu­de zu spü­ren bekom­men.

Ich kann mich noch gut dar­an erin­nern, wie die alten Leu­te am Hei­li­gen Abend die Obst­bäu­me mit Stroh­sei­len umwi­ckel­ten, natür­lich unbe­schrien, d.h. man durf­te dabei nicht spre­chen oder ange­spro­chen wer­den. Die­ser alte Brauch soll­te den Obst­er­trag im kom­men­den Jahr stei­gern.

Am Neu­jahrs­tag war es Brauch, dass es zum Kaf­fee Neu­jahrs­bre­zen gab. Vater brach­te beim „Bors­ten“ in der Wirt­schaft am Neu­jahrs­abend soviel Bre­zen mit, dass wir die gan­ze Woche nach Neu­jahr noch davon zu essen hat­ten.

Die Kin­der, die im alten Jahr gefirmt wor­den waren, erhiel­ten von ihrem Paten ein Bün­del mit Leb­ku­chen, Plätz­chen und einem gro­ßen Bre­zen. Mit­un­ter gab es auch ein Klei­dungs­stück. Die Paten­uhr hat­ten wir ja schon am Firm­tag erhal­ten. Unse­ren Geschwis­tern gegen­über waren wir rück­sichts­voll; wir teil­ten alles fried­lich mit­ein­an­der.

Einen Neu­jahrs­tag wer­de ich zeit­le­bens nicht ver­ges­sen. Mein Bru­der und ich hat­ten am Sil­ves­ter­abend im Obst­gar­ten „Feu­er­les“ gespielt. Es hät­te nichts pas­sie­ren kön­nen, denn unse­re Tan­te sah es vom Stall aus. „Buben, was macht ihr da?“ frag­te sie. „War­tet nur, bis Vater vom Wirts­haus heim­kommt! Ich wer­de es ihm sagen!“ rief sie uns auf­ge­bracht zu.

Am Neu­jahrs­tag wünsch­ten wir unse­rem Vater das Neu­jahr an. Er frag­te uns, was wir ges­tern Abend gemacht hat­ten. Dann sprach er: „Legt euch ein­mal über den Stuhl“. Er lang­te hin­auf zum Durch­zugs­bal­ken; dort lag näm­lich der „Trös­ter“. Statt einer guten Neu­jahrs­bre­zel beka­men wir Buben eine saf­ti­ge Por­ti­on Hie­be auf den Hin­tern. „So, heu­te gibt es Brot zum Kaf­fee“ sag­te Vater. So etwas ver­gisst man nicht in sei­nem Leben. Es war aber eine gute Leh­re!

An Licht­mess wur­den die Gewit­ter­ker­zen und die Wachs­stö­cke zum Wei­hen in die Kir­che gebracht. Am Kar­sams­tag leg­ten die Bau­ern an Abend eini­ge Heu­bü­schel in den Hof, damit in der Nacht der Oster­tau das Heu benetz­te. Am Oster­mor­gen beka­men es die Tie­re zum Fres­sen. So soll­ten sie an der Gna­de der Auf­er­ste­hung und der Oster­freu­de teil­ha­ben und vor Krank­heit und beson­de­ren Gefah­ren bewahrt blei­ben. Ein ganz beson­de­res Fest war Fron­leich­nam. Da war was los. Schon In aller Herr­gotts­frü­he wur­de mit dem Wedel­ste­cken begon­nen. Man hing Lich­ter auf, brach­te Fähn­chen an und bestreu­te den Pro­zes­si­ons­weg mit geschnit­te­nem Gras und Blu­men. Das gan­ze Dorf zeig­te sich in sei­ner schöns­ten Pracht. Heu­te bleibt uns nur noch die Erin­ne­rung dar­an.

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