Frühling und Sommer

Im Febru­ar und März reg­ten sich dann all­mäh­lich die Vor­be­rei­tun­gen für die Früh­jahrs­be­stel­lung und die Feld­ar­bei­ten selbst. Bei tro­cke­nem Wet­ter streu­te man den Kunst­dün­ger mit der Hand aufs Feld, und die Wie­sen und. Äcker wur­den abge­eggt. Das Saat­gut stell­te man bereit. Waren die Äcker dann abge­trock­net, begann die Früh­jahrs­saat. Nach der Saat wur­den die Äcker gewalzt. Dann kamen die Rübe­nä­cker an die Rei­he.

In mei­ner Jugend­zeit gab es noch kei­ne Fut­ter­rü­ben, da wur­den noch die Ran­ge­res gesetzt. Meis­tens so Anfang Juni. Die Pflan­zen wur­den im Gar­ten oder auf einem Feld auf einem Pflanz­beet gezo­gen. Wenn sie groß genug zum Set­zen waren, wur­den sie auf das Feld gepflanzt. Fiel kein Regen, dann muss­ten sie ein­ge­gos­sen wer­den. Da war dann die Nacht schon gegen 4 Uhr mor­gens zu Ende. Man lief zum Pflanz­beet und zog immer hun­dert Stück für einen Bund her­aus. Für eine Tages­ra­ti­on benö­tig­te man 6.000 bis 7.000 Pflan­zen. Allein war das gar nicht zu schaf­fen. Da muss­te alles im Dorf zusam­men­hel­fen, auch die Leu­te, die kein Feld hat­ten, wur­den von den Bau­ern ange­stellt. Nach zwei bis drei Tagen war die Pflanz­ak­ti­on been­det. Die Schul­kin­der beka­men meis­tens 1 bis 2 Tage Ran­ger­es­setz­ur­laub. Sie leg­ten die Pflan­zen in die Pflanz­lö­cher; man nann­te es „ein­schmei­ßen“. Mit der Zeit bür­ger­ten sich die Fut­ter­rü­ben ein, und das Ran­ger­es­set­zen hat­te ein Ende.

Im Jah­re 1919 bau­ten wir im Dor­fe die ers­ten Zucker­rü­ben an und noch ein Bau­er aus Wolks­hau­sen. Der Anfang war nicht leicht. Man hat­te damals noch kei­ne Ahnung vom Anbau und es gab auch kei­ne Gerä­te dazu. Zu die­ser Zeit muss­ten alle Rüben noch mit der Hand ver­ein­zelt wer­den. Durch­ge­fah­ren wur­de mit dem Pflug. Drei­mal muss­ten sie durch­ge­fah­ren wer­den. Es konn­te immer nur eine Zei­le genom­men wer­den. Ein Mann führ­te den Pflug und einer führ­te vor­ne das Pferd. Da kamen an einem Tag aller­hand Kilo­me­ter Fuß­weg zusam­men. Wir bau­ten in die­ser Anfangs­zeit einen hal­ben Hekt­ar an.

Und wie wur­den sie geern­tet? Da die Pfer­de mit ihren Huf­ei­sen zu viel zer­tre­ten hät­ten, wur­den die Zucker­rü­ben mit einem Hebe­pflug, der von einem Och­sen­ge­spann gezo­gen wur­de, aus dem Boden geho­ben. Mit der Hand wur­den sie voll­ends aus dem Boden gezo­gen und hin­ge­legt. Das Kraut köpf­te man mit dem Rüben­mes­ser ab. Danach wur­den sie auf Hau­fen gewor­fen. Mit der Hand oder der Rüben­ga­bel wur­den sie auf den Kas­ten­wa­gen gela­den. Vom Feld wur­den die Zucker­rü­ben zum Bahn­hof gefah­ren und dort mit der Hand in Wag­gons ver­la­den. Sei­ner­zeit gab es in Och­sen­furt noch kei­ne Zucker­fa­brik. Die Rüben wur­den mit dem Zug in die Süd­deut­sche Zucker­fa­brik Wag­häusl gebracht. Mit den Jah­ren bür­ger­te sich der Zucker­rü­ben­an­bau all­mäh­lich im Och­sen­fur­ter Gau ein. Einen beson­de­ren Auf­schwung erfuhr der Anbau durch den Bau der Zucker­fa­brik in Och­sen­furt im Jah­re 1951.

Auch die Gerä­te wur­den immer moder­ner. Heu­te ist es fast eine Spie­le­rei. Die ers­ten Mäh­bin­der kamen so um die Jah­re 1920 bis 1923 erst rich­tig auf. Zuvor muss­ten die klei­ne­ren Betrie­be ihr Getrei­de mit der Sen­se mähen. Eini­ge schaff­ten sich dann Gras­mä­her mit Hand­ab­la­ge an. Meis­tens zogen Kühe die­se Gras­mä­her. Die grö­ße­ren Betrie­be besa­ßen eine soge­nann­te Flü­gel­ma­schi­ne. Sowohl beim Gras­mä­her mit Hand­ab­la­ge, als auch bei der Flü­gel­ma­schi­ne muss­te das geschnit­te­ne Getrei­de mit der Hand gebun­den wer­den.

Ich weiß noch, dass in mei­ner Jugend­zeit sehr viel Rog­gen ange­baut wur­de. Da er für die Flü­gel­ma­schi­ne zu lang war, muss­te er mit dem Raft gemäht wer­den. Die Frau­en nah­men die geschnit­te­nen Getrei­de­hal­me mit der Sichel auf und leg­ten sie zu Büscheln zusam­men. Das Bin­den der Gar­ben war Män­ner­ar­beit. In der Som­mer­hit­ze bei oft über 30 Grad war es schon eine Schin­de­rei. So ist es ein­mal pas­siert, dass ein jun­ger Mann einen Hitz­schlag erlitt. Ein­mal ist auch ein jun­ger Mann auf dem Feld vom Blitz getrof­fen und erschla­gen wor­den.

Die Ern­te­wä­gen hat­ten damals vor­ne und hin­ten kei­ne Git­ter. Es war Auf­ga­be der Per­son, die auf dem Wagen war, die Gar­ben so ordent­lich zu legen, dass die Fuhr nicht ein­sei­tig oder bau­chig gerie­te. Es ist schon vor­ge­kom­men, dass die Fuh­re ein­ge­rutscht ist. Auch geschah es , dass manch bela­de­ner Wagen umge­stürzt ist. Er muss­te halt noch ein­mal auf­ge­la­den wer­den. War das Getrei­de ein­ge­bracht, dann begann auf den abge­ern­te­ten Fel­dern das Stop­pel­ackern. Zuvor muss­te noch der Mist­hau­fen aus­ein­an­der­ge­fah­ren und der Mist gebrei­tet wer­den. Und so ging es wei­ter bis zum Herbst.

Was gab es frü­her für Obst­bäu­me im Dorf! Viel Obst benö­tig­te man zum Mos­ten. Kein Wun­der, denn jeder Bau­er hat­te neben der gro­ßen Per­so­nen­zahl der eige­nen Fami­lie noch eini­ge Dienst­bo­ten. Und da der Most das Haupt­ge­tränk war, brauch­te man Tag für Tag schon eini­ge Maß. Im Som­mer benö­tig­te man das Dop­pel­te. Die Obst­ern­te berei­te­te auch viel Arbeit: Obst­bäu­me schüt­teln, Obst auf­le­sen, in Sacke lee­ren, auf den Wagen auf­la­den, nach Hau­se fah­ren, abla­den, mit der Hand mah­len, in die Obst­pres­se fül­len und aus­pres­sen. Zuvor muss­ten die Fäs­ser gewäs­sert, gerei­nigt, geschwe­felt, abge­dich­tet und im Kel­ler wie­der auf­ge­stellt wer­den. Auch eini­ge Brän­de habe ich erlebt. Als ich 7 bis 8 Jah­re alt war gab es in Gau­kö­nigs­ho­fen einen Groß­brand. Die Maschi­nen­fa­brik Wei­kers­hei­mer brann­te bis auf die Grund­mau­ern nie­der.

Was gab es frü­her für Hand­werks­bur­schen, Zigeu­ner und Bet­tel­leu­te im Dorf! Für alle hat­ten mei­ne Eltern ein Herz. Mei­ne Mut­ter sag­te immer: „Almo­sen geben armt nicht!“

So könn­te ich noch vie­les aus mei­nem Leben erzäh­len.

Die vie­len Kühe im Stall wur­den alle mit der Hand gemol­ken. Die Milch ver­wer­te­te man selbst, man mach­te But­ter und Käse dar­aus. Die But­ter wur­de an die Höc­kin ver­kauft.

In der Zeit wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges gab es nichts zu kau­fen. Kaf­fee wur­de selbst aus Gers­te gerös­tet. Statt Zicho­rie wur­den Rüben in Stü­cke geschnit­ten und gedörrt. Nach dem Rös­ten wur­den die Stü­cke gemah­len, und der Kaf­fee war fer­tig. Weil wir genü­gend Milch hat­ten, tran­ken wir Milch statt Kaf­fee. Der Schmied hat­te kei­ne Huf­nä­gel zum Beschla­gen der Pfer­de, auch kei­ne Huf­ei­sen, der Satt­ler bekam kein Leder zur Repa­ra­tur der Geschir­re, der Schus­ter kein Leder zur Schuh­re­pa­ra­tur und im Haus­halt gab es weder Koh­le noch Bri­ketts. Not und Elend über­all.

Dazu kam noch die dau­ern­de Angst um die Sol­da­ten, die drau­ßen im Fel­de stan­den. Die Leh­rer beka­men kei­nen Rohr­stock mehr zu kau­fen. Als Ersatz muss­ten die Buben im Wald Hasel­nuss­ste­cken holen.

Unser Herr Pfar­rer war Kreis­schul­in­spek­tor und muss­te die Leh­rer im Gau visi­tie­ren und prü­fen. Er wur­de am Mor­gen mit der Chai­se abge­holt und wie­der retour gebracht.

Wie war es in der Schu­le? Als Sport­un­ter­richt kann­ten wir nichts ande­res als Frei­übun­gen auf dem Kirch­platz. Jeder Schü­ler bekam einen Eisen­stab, und so wur­de jede Woche eine Stun­de geturnt. Es war eine gesun­de Sport­art.

Als Schreib­ma­te­ri­al beka­men wir erst in der vier­ten Klas­se Heft, Feder­hal­ter und Tin­te. Die Schie­fer­ta­fel behiel­ten wir aber bis zur Ent­las­sung in der sieb­ten Klas­se. Da war man 13 Jah­re alt.

Außer am Mitt­woch und am Sams­tag hat­ten wir auch am Nach­mit­tag zwei Stun­den Unter­richt. Danach folg­ten zwei Jah­re Sonn­tags­schu­le. Alle Sonn­ta­ge von 12 bis 2 Uhr. Dazu kam noch eine hal­be Stun­de Chris­ten­leh­re in der Kir­che vor allen Leu­ten. Als Ves­per­brot beka­men wir tro­cke­nes Brot und manch­mal noch einen Apfel mit zur Schu­le. Feri­en gab es vier Wochen im Som­mer rund vier Wochen im Herbst zur Kar­tof­fel­ern­te. An Weih­nach­ten, Ostern und Pfings­ten gab es kei­ne Feri­en.

Ich konn­te mich jedoch nach Schul­schluss bloß ein Jahr an fried­li­che Zei­ten erin­nern. 1914 kam der Ers­te Welt­krieg, den ich am Ende noch mit­ma­chen muss­te. 1923 kam dann die gro­ße Infla­ti­on. Zu die­ser Zeit hat mein Bru­der das väter­li­che Anwe­sen über­nom­men. Da war ich prak­tisch auch nur Dienst­bo­te und bekam den übli­chen Lohn eines Knech­tes. Im Som­mer ging die Arbeit meist um 5 Uhr los und dau­er­te abends oft bis 9 Uhr.

Es war damals so Sit­te, dass für die nach­ge­bo­re­nen Bau­ern­söh­ne nichts geklebt und auch kein Kran­ken­geld gezahlt wur­de. Dann ging das Leben sei­nen Gang, Jahr für Jahr, bis zum Jah­re 1934. Da hat­te ich Gele­gen­heit im Rah­men der Flur­be­rei­ni­gung 2 1/4 ha Acker­land zu kau­fen. Das war mein Grund­stock zum Selb­stän­dig­ma­chen. Ein paar Jah­re spä­ter kam noch ein Anwe­sen dazu. Es war ein sehr har­ter Anfang, doch mit Ener­gie und Gott­ver­trau­en haben wir es geschafft. Man darf bloß nicht ver­za­gen. Die Haupt­sa­che im Leben ist Zufrie­den­heit, denn ohne sie wäre das Leben nichts.

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