Um unser Anwesen

Frü­her bestand im Dorf eine echte Dorf­ge­mein­schaft, und man half sich so gegen­sei­tig aus. Als wir unse­ren Betrieb im Jahre 1945 anfin­gen, hat­ten wir nur ein lee­res Haus und einen lee­ren Hof: Kei­nen Wagen, keine Acker­ge­räte , keine Möbel im Haus und kei­nen Gar­ten. Es war ein sehr schwe­rer Anfang, bis wir Stück um Stück her­bei­ge­schafft hat­ten. Doch es gab immer wie­der gute Leute, die uns aushalfen.

Es lebte im Dorf eine arme Witwe, die hatte ein klei­nes Häus­chen, ein klei­nes Feld­stück und einen Gar­ten außer­halb des Dor­fes. Ich hatte ihr zeit­le­bens, auch als ich noch zu Hause war, ihr Feld­stück mit Kar­tof­feln oder Getreide bebaut. Zwei Tage vor der Wäh­rung kam ihre Toch­ter und sagte zu mir: „Die Mut­ter lässt sagen, du sollst heute noch zu ihr kom­men, sie liegt im Ster­ben.“ Da sie in Och­sen­furt bei ihrer Toch­ter wohnte, fuhr ich in die Stadt und ging zu ihr hin. Da sagte sie zu mir: „Kon­rad, weil Du mir immer mein Feld bestellt hast , möchte ich Dir mein Feld und mei­nen Gar­ten ver­kau­fen.“ Das Häus­chen hatte kei­nen Wert mehr. Für 12.000 Mark wurde ich Eigen­tü­mer eines Gar­tens. Gefäl­lig­keit hat immer eine gute Seite.

Auch unse­rem Nach­barn, dem Speng­lers Franz, habe ich seine Feld­stü­cke mit bebauen hel­fen, als ich noch zu Hause war. Er war auch ein sehr gefäl­li­ger Mensch. Als wir mit unse­rem Betrieb anfin­gen, hat er uns, als es damals nichts zu kau­fen gab, viel gehol­fen. Er fer­tigte für uns einen Gie­ßer, einige Eimer und auch noch Küchen­ge­schirr. „Es ist sehr schwer, Blech zu bekom­men“, sagte er, „doch für dich, Kon­rad, werde ich schon etwas bei­brin­gen.“ Gute Leute hel­fen einem aus der Not; das hat sich damals gezeigt.

Auch von den Juden habe ich heim­lich viele Sachen abge­kauft. Sie muss­ten ja alles im Stich las­sen. Nachts, wenn mich nie­mand sehen konnte, schaffte ich die gekauf­ten Sachen nach Hause. Am Tage nach der Kris­tall­nacht nahm ich mir unter Mit­tag eine halbe Stunde Zeit, um mir die Schä­den zu betrach­ten, die die Nazis ange­rich­tet hat­ten. Ich ging auch ins Haus, wo ich jetzt wohne. Ich habe die Leute bedau­ert und ver­sucht, auch zu trös­ten. Die Frau war ganz rat­los und ver­zwei­felt. Sie wollte mit dem Zuge zu ihren Eltern nach Wie­sen­feld fah­ren. Ihren Mann hatte man ja schon abge­führt. Im Zim­mer lag der Schrank auf den Türen, und sie wollte doch ein paar Klei­dungs­stü­cke mit­neh­men. Sie sagte zu mir: „Herr Dürr, möch­ten Sie so gut sein und den Schrank auf­he­ben?“ „Ja, selbst­ver­ständ­lich“, erwi­derte ich. Es war nicht leicht, doch ich habe es geschafft. Ich ver­rie­gelte dann die Haus­tür von innen, denn das Tür­schloss war ein­ge­schla­gen, und ich stieg durch das Fens­ter hin­aus. Es war ein gro­ßes Risiko. Wäre ich gese­hen wor­den, wäre mir Dachau sicher gewe­sen. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich spä­ter ein­mal in die­sem Hause woh­nen werde. Ich glaube man kann sehen, dass Gut­ta­ten nicht ver­ge­bens sind. Ja, wer die Kris­tall­nacht nicht erlebt hat, kann sich keine Vor­stel­lun­gen machen, was da gesche­hen ist. Die SA-ler und man­che andere haus­ten wie die Van­da­len; es waren auch vor­nehme Leute dabei! Dass es in einem so zivi­li­sier­ten Land so etwas geben konnte, ist unvorstellbar.

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