Die Dreschmaschine kommt

Wie freuten wir uns und welch ein Hallo gab es in unserer Kinderzeit, wenn es hieß: „Die Dreschmaschine kommt!“ Einige Tage zuvor wurden in der Wirtschaft die Dreschnummern gezogen, damit sich jeder Bauer darauf einstellen konnte und sich keiner benachteiligt fühlen konnte. Wir Buben erwarteten es kaum, bis Vater von der Wirtschaft heim kam. „Welche Nummer haben wir?“ war die erste Frage. „Nummer zwei“, antwortete Vater. Vor lauter Erwartung und Freude konnten wir die kommenden Nächte kaum schlafen.

Doch für die Erwachsenen bedeutete die Vorbereitung schwere Arbeit. Was gab es da nicht alles vorzubereiten! Besonders Mutter hatte es nicht leicht, für 20 Personen die Brotzeit herzurichten. Es musste gebuttert, guter Käse hergerichtet und aufgestellt werden. Für den Kaffeetisch am Morgen mussten beim Bäcker die Semmeln bestellt und noch vieles andere getan werden. Auch wir Kinder mussten da tüchtig mithelfen, z.B. das Butterfass drehen, die Laternen putzen und Einkäufe machen. Dann um sieben Uhr abends war es so weit: Der Maschinenzug musste beim Nachbarn abgeholt werden. Der Oberknecht zog mit seinen Pferden zur Dreschmaschine. Zuerst wurde die Strohpresse hergefahren, dann der Dreschkasten und zuletzt das Lokomobil. Jetzt ging der Rummel erst richtig los. Bis alles aufgestellt war, ging es schon auf 22 Uhr zu. Die Nacht vor dem Dreschen war kurz.

Um 4 Uhr in der Frühe kam der Maschinist zum Feueraufmachen im Lokomobil, damit um 5 Uhr der nötige Dampfdruck vorhanden war. Auch die beiden Ställe mussten bis zu diesem Zeitpunkt gefüttert sein. Mutter richtete noch den Kaffeetisch her, damit die Leute bis 5 Uhr gefrühstückt hatten. Punkt 5 Uhr heulte die Dampfsirene auf, und fauchend und stampfend setzte sich die Maschine mit lautem Gebrumm in Bewegung. Ja, das Dreschen war immer ein harter Tag, denn 12 Stunden Dresch-Zeit standen bevor. Wir Kinder hatten während der Dreschzeit einen besonderen Spaß, gab es doch bei jedem Bauern nach der Brotzeit der Dreschleute für die Kinder des Dorfes das übliche Maschinenbrot. Da musste bei 20 bis 30 Kindern schon ein ganzer Brotlaib herhalten. Ja, die Zeiten waren früher hart; sie hatten aber doch auch wieder ihre schönen Seiten. Mit Recht kann man sagen: „O glückselige Jugendzeit, wie bist du so weit, so weit!“

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