Erinnerungen aus meiner Jugendzeit

Im Jah­re 1907 wur­de bei uns in Gau­kö­nigs­ho­fen der Kin­der­gar­ten gebaut. Der Platz gehör­te der Pfar­rei; es war ein Obst­gar­ten. Wäh­rend der Obst­zeit trie­ben wir uns Kin­der dar­in her­um. Da gab es aller­lei gute Sachen zum Naschen: Rot­ba­cki­ge Apfel und saf­ti­ge Bir­nen.

Bei schö­ner Wit­te­rung im Früh­jahr war das „Kügeles­spie­len“ unser Lieb­lings­spiel. Dabei war die gan­ze Jugend ver­tre­ten. Als wir älter waren, so 9 bis 10 Jah­re alt, ver­trie­ben wir unse­re Zeit mit Stich­lings­fan­gen am alten Bach, in dem es sie im Über­ma­ße gab. Ein jeder Jun­ge woll­te die schöns­ten und meis­ten haben. Da wur­de gefeilscht und gehan­delt: „Gib mir den kräf­tigs­ten Stich­ling für 10 Pfen­ni­ge!“ Zu Hau­se nah­men wir einen alten Kes­sel, beleg­ten den Boden mit Stei­nen, pflanz­ten Was­ser­schier­ling hin­ein und gos­sen Was­ser hin­ein. Das war dann unser Fisch­teich. Wir ver­ga­ßen auch nicht, sie zu füt­tern. Was war das für eine Freu­de für uns Buben!

An unse­rem Dorf fließt auch der Thier­bach vor­bei. Sein Lauf von Eichel­see bis nach Gau­kö­nigs­ho­fen lief in schön geschlun­ge­nen Mäan­dern durch einen wei­ten Wie­sen­grund. Die bei­den Ufer waren mit Schwarz­erlen, Kopf­wei­den, Eschen, Pap­peln und ver­schie­dens­ten Sträu­chern bewach­sen. Auch die Wie­sen­stü­cke waren mit Bäu­men ein­ge­fasst. Die­ser Wie­sen­grund bil­de­te ein arten­rei­ches Vogel­pa­ra­dies. Bei uns in Gau­kö­nigs­ho­fen leb­te damals ein Tier­arzt, der sag­te immer: „Ich kann mir kaum einen schö­ne­ren Fleck auf Erden den­ken, und es gibt nichts schö­ne­res, als einen Spa­zier­gang durch die­sen Wie­sen­grund!“ Im Jah­re 1929 setz­te die Flur­be­rei­ni­gung ein. Sie hat alles zer­stört.

Am Sonn­tag­nach­mit­tag trie­ben wir uns Buben immer im Wie­sen­grund her­um. Ein­mal pas­sier­te uns fol­gen­des: Ohne etwas dabei zu den­ken san­gen wir das Lied „Vom armen Dorf­schul­meis­ter­lein“. Es ist gewiss ein harm­lo­ses Lied. Auf ein­mal kam der Kaplan von Eichel­see. Er erzähl­te es dem Leh­rer. Am nächs­ten Tag, vor Schul­be­ginn, frag­te unser Leh­rer: „Blom­ei­er, was habt ihr ges­tern drau­ßen im Wie­sen­grund für ein Lied gesun­gen?“ Blom­ei­er gab zögernd zur Ant­wort: „Das arme Dorf­schul­meis­ter­lein.“ „Und wer war noch dabei?“ bohr­te der Leh­rer wei­ter. Blom­ei­er schwieg. „Natür­lich nie­mand! Aber ich weiß schon, wer dabei war.“ Nichts Gutes ahnend, hat­ten wir unse­ren Hosen­bo­den schon mit Hef­ten gepols­tert. „Geht erst ein­mal hin­aus und ent­fernt die Pols­ter“, sag­te der Leh­rer, „dann fan­gen wir mit dem ers­ten an!“ Dann bekam jeder sechs Hie­be auf das Hin­ter­teil.

Bei schö­nem Wet­ter im Früh­jahr fand jähr­lich ein Unter­richts­gang zur Quel­le bei Eichel­see statt. Erst spä­ter wur­de sie für unse­re Was­ser­lei­tung gefasst. Mit Eimer- und Liter­maß zogen wir los. Wäh­rend der Wan­de­rung san­gen wir schö­ne Früh­lings­lie­der, z.B. „O wie lus­tig läßt‘s sich jetzt mar­schie­ren …“ An der Quel­le wur­de die Was­ser­schüt­tung gemes­sen. „Wie­viel Liter Was­ser schüt­tet die Quel­le in einer Sekun­de, in der Minu­te und in der Stun­de? Wür­de es für‘s Dorf rei­chen?“ waren Fra­gen, die wir zu lösen such­ten. Das war in der Zeit von 1909 bis 1913. Aber erst im Jah­re 1927 wur­de die Was­ser­lei­tung gebaut.

Zu mei­ner Kin­der­zeit war es üblich, dass die Kin­der jedes Quar­tal ihren Schul­zen­weck beka­men, und zwar immer am Sonn­tag nach der Früh­kir­che beim Bür­ger­meis­ter. Zuvor muss­ten drei Vater Unser für den Stif­ter gebe­tet wer­den. Da hat­te der Kreut­zers Engel­bert mit sei­nem Stock eine schwe­re Auf­ga­be, woll­te doch man­cher zwei­mal einen Weck holen.

Wir Buben durf­ten manch­mal mit dem Vater auf den Säu­lis­markt nach Och­sen­furt. Nach dem Markt wur­de in der „Schwa­nen-Wirt­schaft“ ein­ge­kehrt. Jeder von uns bekam einen Weck mit Knack­wurst. Am Tag zuvor haben wir gehol­fen, das Gäuls­ge­schirr auf Hoch­glanz zu put­zen.

Als wir schon älter waren, rit­ten wir im Mai mit den Pfer­den in die Ostau, heu­te das Gebiet des Gie­bel­städ­ter Flug­plat­zes, zum Mai­glöck­chen pflü­cken. Wir sam­mel­ten uns mor­gens um 4 Uhr und rit­ten dann los. Auch das Mai­kä­fer­schüt­teln soll nicht ver­ges­sen wer­den. Die letz­te Fuh­re Getrei­de wur­de mit Feld­blu­men beson­ders schön geschmückt, denn jeder woll­te ja die schöns­te haben.

Am Schutz­en­gel­fest hat­ten wir Buben es beson­ders not­wen­dig, die vie­len Chai­sen zu zäh­len, die ins Dorf her­ein­ge­fah­ren waren. In man­chen Höfen stan­den fünf und manch­mal noch mehr. Für die Gäuls­knech­te war das ein guter Tag, bekam er doch für jeden Besuch sei­ne zwei Mark Trink­geld.

Ein­mal war ich unten am Bach. Ich hat­te mein Schür­ze­la an. Da kam auf ein­mal der Mai­ers Karl und sag­te zu mir: „Bua, geh mit, mir fan­ga Forel­la!“ Ihm gehör­te näm­lich das Fisch­was­ser. Er fing die Fische mit den Hän­den und warf sie hin­aus auf die Wie­se. Wenn sie sich aus­ge­zap­pelt hat­ten, muss­te ich sie in mei­ne Schür­ze legen. Es dau­er­te nicht lan­ge, war mei­ne Schür­ze vol­ler Fische, einer schö­ner als der ande­re. Als Lohn bekam ich eine schö­ne gro­ße Forel­le. Wel­che Freu­de für mich!

Am 20. Mai 1910 ging ein furcht­ba­rer Hagel­schlag über der Flur von Gau­kö­nigs­ho­fen nie­der. Am nächs­ten Tag lie­fen wir mit unse­rem Vater hin­aus in die Flur, um uns den Scha­den zu betrach­ten. Auf den Fel­dern fan­den wir so viel erschla­ge­ne Hasen und Reb­hüh­ner, dass wir sie nicht alle tra­gen konn­ten. Das noch grü­ne Getrei­de muss­te gemäht wer­den. Es lag zer­schla­gen auf dem Boden. Heim Mähen hat sich Vater den Todes­keim geholt. Ver­schwitzt und erhitzt kam er nach Hau­se. Danach ging er in die kal­te Kir­che, wo er sich eine schwe­re Erkäl­tung hol­te. An deren Fol­gen ist er dann am 19. Juli 1910 gestor­ben. Mei­ne Mut­ter folg­te ihm schon im Herbst 1913 nach. Da waren wir Kin­der auf uns allein gestellt. Zum Glück waren noch eine Tan­te, die Groß­tan­te und die Groß­mut­ter da. Mit die­sen har­ten Schick­sals­schlä­gen war unse­re Jugend­freu­de dahin­ge­gan­gen. Doch im gan­zen gese­hen, muss ich sagen: „O schö­ne Jugend­herr­lich­keit, wohin bis du ent­schwun­den?“

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