Verschiedene Erinnerungen

Als ich sie­ben Jahre alt war, musste ich daheim schon wacker mit­hel­fen, beson­ders in den Haupt­ar­beits­zei­ten. Bei der Heu­ernte rechte ich mit der Hand nach, bei der Getrei­de­ernte brei­tete ich die Stroh­seile aus und in der Kar­tof­fel­ernte hieß es, Kar­tof­feln zusam­men­le­sen. Das geschnit­tene Getreide musste ja alles mit der Hand gebun­den wer­den. An einem Nach­mit­tag kamen an die 30 Scho­ber zusam­men. Ein Scho­ber waren 60 Gar­ben. Sie zu bin­den war schon ein Stück Arbeit. Da es zu die­ser Zeit noch kei­nen Gras­mä­her gab, wurde alles mit der Sense geschnit­ten. Die berühm­ten Flü­gel­ma­schi­nen kamen all­mäh­lich auf und erleich­ter­ten wenigs­tens die Schnitt­ar­beit. Die klei­ne­ren Bau­ern muss­ten noch lange nach dem Ers­ten Welt­krieg alles mit der Sense mähen, auch das ganze Getreide.

Vieh­händ­ler gab es in Gau­kö­nigs­ho­fen viele. Was war da alle Jahre in den Mona­ten Februar und März los im Dorf, wenn die nord­deut­schen Guts­be­sit­zer kamen, und Vieh ein­kauf­ten. In der Haupt­straße und in den Neben­stra­ßen stan­den Och­sen­paar an Och­sen­paar. Ein jedes Paar wurde ein­zeln vor­ge­führt und gemus­tert, denn die Guts­her­ren kauf­ten nur Qua­li­täts­ware und gut­ge­fah­rene Paare. Wenn dann der Kauf­preis aus­ge­han­delt war, alles per Hand­schlag, wur­den sie zum Bahn­hof getrie­ben und in Wag­gons ver­la­den. Oft war es ein gan­zer Zug, der in Rich­tung Nord­deutsch­land abfuhr. Der Blom­ei­ers Phil­ipp war ein robus­ter Vieh­trei­ber. Er beglei­tete den Zug und füt­terte und tränkte die Och­sen auf den Zwi­schen­sta­tio­nen. Von den jüdi­schen Vieh­händ­lern kauf­ten dann die Bau­ern meis­tens unge­wöhnte oder wenig gefah­rene Och­sen ein, bis es im nächs­ten Jahr wie­der so weit war, dass sie als gute Zugoch­sen ver­kauft wer­den konnten.

Einige Juden in Gau­kö­nigs­ho­fen waren auch Stoff­händ­ler. Neben den rei­chen gab es auch arme Juden. Ich muss sagen, dass sie alle in Ord­nung gewe­sen sind. Man hat ihnen ein gro­ßes Unrecht ange­tan und ihnen zu Unrecht Böses nach­ge­sagt. Im Not­fall bekam man von ihnen für kurze Zeit auch ein­mal zins­lo­ses Geld. Auch hat­ten sie sich im Dorf­ge­sche­hen gut bewährt. Sie hat­ten für viele Belange auch eine offene Hand. Ich sehe heute noch die Kris­tall­nacht vor mir. Man glaubte, der Teu­fel sei los. Und wer waren sie? Meis­tens ange­se­hene Leute! Ich sehe es noch heute, wie sie die Syn­agoge zer­stört, und die Juden wie Vieh mit Schlä­gen und Fuß­trit­ten zu einem offe­nen LKW geschleppt haben. Das war ein Schand­mal für die Deut­schen. Der Lohn dafür ist nicht ausgeblieben.

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