Kindheits- und Jugenderinnerungen

Am 20. Mai 1910 war der große Hagelschlag, der alles vernichtete. Abends, gegen 18 Uhr, wurde es dunkel, dass wir die Lichter anbrennen mussten. Auf einmal begann ein starkes Rauschen. Wir waren allein der Stube. Unsere Mutter hatte die Gewitterkerze angezündet, und wir beteten. Die kleinen Geschwister weinten. Damit die Hagelkörner nicht die Fensterscheiben zerschlugen, machte Vater die Fenster auf. Hühnereigroß knallten sie auf den Stubenboden. Es dauerte eine gute halbe Stunde, dann war alles vorbei. An den Bäumen waren nur noch Aststumpen zu sehen. Und wie sah es draußen in der Flur aus? Das war ein schwerer Schlag für das ganze Dorf. Viele Getreidefelder mussten umgepflügt werden, darauf wurden dann Rangeres gepflanzt. Das war eine arbeitsaufwändige Tätigkeit. Gab es keinen Regen, mussten die Pflanzen auf dem Feld gegossen werden. Damals gab es noch wenig Rüben, nur Rangeres.

1911 war ein schreckliches Mäusejahr. Das Getreide wurde von den Mäusen halb abgefressen, und der zweite und dritte Kleeschnitt fiel ganz aus. Wenn man hinaus aufs Feld ging, mussten die Hosen unten an den Beinen zugebunden werden, sonst musste man Angst haben, die Mäuse klettern die Beine hoch. Für die Krähen und Bussarde war der Tisch reich gedeckt. Warum gibt es heute noch selten eine Krähe? Die Bauern haben sie vergiftet, und die Jäger schossen ihre Nester aus. Die Menschheit begeht da große Fehler!

Zu jener Zeit backten wir auch unser Brot noch selber. Es waren immer ungefähr 20 Laibe. Nach dem Brot kamen noch einige Bleche mit Plotz in den Backofen. Die kleinen waren so groß wie ein Nudelplotz. Das war ein Fest für uns. Besonders viel wurde auf Kirchweih gebacken. 50 Plotz und noch eine große Zahl Weißbrote, so groß wie die Schwarzbrote,waren keine Seltenheit. Die Großmutter, die den Backofen besorgte, hatte da alle Hände voll zu tun. Hinter unserm Haus war ein kleines Gebäude, in dem der Backofen und die Schnapsbrennerei waren. Im Ersten Weltkrieg mussten die Kupferkessel und die -rohre abgeliefert werden. Die Munitionsfabriken benötigten das Kupfer.

Im Winter ging es etwas ruhiger zu. Die Knechte drehten Strohseile und die Mägde strickten oder nähten. Im Kindergarten war eine Nähstube. Dorthin gingen die Mädchen und nähten ihre Kleider selbst. Dabei brachten sie immer eine Neuigkeit mit nach Hause. Das Schlachten im Winter bildete auch immer einen Höhepunkt im Bauernjahr. Das Schwein wurde mit dem Beil geschlagen und dann gestochen. Man hörte es, wenn im Dorf irgendwo ein Schlachttag war. Es kam schon einmal vor, dass der Metzger den Kopf des Schweines verfehlte und nur die Ohren erwischte. Dann war das Schwein nicht mehr zu halten. Schreiend rannte es im Hof herum.

Es gab auch noch keinen Kühlschrank und auch keine Tiefkühltruhe. Das Fleisch wurde eingesalzen, denn es musste ja für den Sommer ein großer Vorrat geschaffen werden. Ein Teil des Fleisches wurde auch geräuchert. In der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde so manches Stück schwarz geschlachtet. Meist geschah es in der Nacht. Das Maul wurde mit einem Sack verbunden, dass es nicht schreien konnte. Man musste sich nur zu helfen wissen.

Mittlerweile kam ich in die große Schule, in die vierte Klasse. Wir hatten Lehrer Brönner, aber bloß einige Jahre. Da geschah eines Tages etwas Besonderes. Es war 1910. Der Lehrer sagte: „Da unten hält ein Auto. Wir gehen einmal hin und schauen uns es an.“ Als wir das Vehikel sahen, rissen wir Mund und Augen auf, besonders als es anfuhr. Ja, gibt es denn so etwas? Der Lehrer erklärte uns alles, und am Nachmittag mussten wir einen Aufsatz schreiben: Unser erstes Auto. So bekamen wir alle Wochen einmal einen gründlichen Anschauungsunterricht. Wir hatten immer einen Riesenspaß dabei. Für den Anschauungsunterricht durften wir öfters eine Wanderung oder einen Spaziergang machen und nachher in der Schule darüber einen Aufsatz schreiben. Nach einigen Jahren wurde er pensioniert.

Nun bekamen wir einen Lehrer namens Raupp. Er war ein großer Freund der Bauerntracht. Er spielte in der Kirche die Orgel und war der Vorsänger. Nach dem Ausläuten mussten wir uns vor der Kirche zwei und zwei aufstellen. So führte er uns dann hinein. Wir hatten ein besonders gutes Verhältnis zu ihm, weil sein Sohn Seppl ein Freund meines Bruders Adam war. Sie studierten ja beide zusammen. Der Lehrer besaß zwei Gärten und hatte einen großen Bienenstand. So gab es immer Abwechslung im Unterricht. Er war auch ein großer Naturfreund. Er unterrichtete uns öfter über Vogelkunde. Ja, man vergisst so etwas nicht in seinem Leben.

Mein Bruder Adam, der studierte, kam an Weihnachten auf Ferien. Er war nebenbei ein leidenschaftlicher Musiker. Er ging mit seiner Trompete auf den dritten Boden hinauf und schmetterte das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ über das Dorf. Da lachte einem das Herz.

Die Zeit, als es noch keine Eisenbahn gab, habe ich auch in guter Erinnerung. Da fuhr die Postkutsche. Wenn sie die Ochsenfurter Steige herunterfuhr, damals standen dort noch keine Gebäude, noch kein Lagerhaus, setzte der Postillion sein Horn an und blies ein schönes Stück. Die Post war seinerzeit im Anwesen des jetzigen Bürgermeisters Lesch, vormals Liebler. Die Postlinie Ochsenfurt-Bütthard besaß in Euerhausen eine Pferdewechselstation.

Wer machte früher die Einkäufe und Besorgungen in der Stadt? Als noch kein Zug fuhr, war ein Fuhrmann da, der besaß zwei Pferde und fuhr jede Woche einmal nach Würzburg zum Besorgen für die Leute. Sie teilten ihm ihre Wünsche mit, er führte sie aus und erledigte alles. Nebenbei besaß er noch eine kleine Landwirtschaft. Als im Jahre 1907 die Eisenbahn kam, wurde alles mit der Bann hin und her transportiert, auch die Post.

Das Läuten der Kirchenglocken war Sache des Lehrers und des Heil‘genmeisters, aber es wurde meistens auf die Ministranten abgewälzt. Zu meiner Zeit gab es 12 Ministranten. Da kam jedes Paar zweimal in der Woche zum Läuten dran. Auch das Feierabendlauten mussten wir Ministranten ausführen. Am Sonntag gab es für die sogenannten Sonntagsschüler zwei Stunden Unterricht. Danach ging es in die Kirche zur Christenlehre. Sie dauerte eine halbe Stunde. Wer nichts konnte, musste sich bis zum Schluss mit dem Gesicht zu den Leuten gewandt an die Kommunionbank stellen. Das war eine harte Strafe. Daheim gab es dann noch den Hintern voll. Nach der Christenlehre wurde noch eine dreiviertelstündige Andacht gehalten. Dann war der Sonntag gelaufen.

Unser Pfarrer war sehr streng. Er ging alle Tage nach dem Abendläuten mit seinem weißen Spitz durch das Dorf. Er wollte sehen, ob auch alle Kinder von der Straße nach Hause gegangen waren. Wehe, wenn sich noch ein Kind herumtrieb. Der Hund war oftmals unsere Rettung. Er lief nämlich immer ein großes Stück voraus. Wenn der Ruf ertönte „Der Spitz kommt!“, sauste die ganze Kindergesellschaft nach Hause. Mit 13 Jahren wurde man aus der Werktagsschule entlassen. Zu sieben Jahren Werktagsschulzeit kamen noch zwei Jahre Sonntagsschule und die Christenlehre. Sie war Pflicht.

Nach der Werktagsschulzeit war es für die Schüler vorbei mit dem Spielen. Schon am nächsten Tag musste man früh in den Stall gehen und das Ochsengespann übernehmen. So ist aus einem Schuljungen ein Kleinknecht geworden. Ich musste zehn Stück Vieh füttern, das Wasser mit der Butte auf dem Buckel vom Brunnen in den Stall tragen und Futter und Einstreu herbeischaffen. Im Sommer waren es sechs bis sieben Butten. Oft ist ein Wasserschwall den Rücken hinuntergelaufen. Im Sommer störte es nicht, aber im kalten Winter war es nicht angenehm. Mein Vater war schon tot. Die Mutter war sehr gut zu mir und sie würdigte meine schwere Arbeit als Bub. Doch es dauerte nur eine kurze Zeit, denn im Herbst 1913 starb auch sie. Ich meinte, der Himmel stürze über mir zusammen. Innerhalb von drei Jahren hatten wir Vater und Mutter verloren. Sie war bis zum letzten Atemzug bei Bewusstsein. Kurz vor ihrem Tode ließ sie uns ans Sterbebett kommen, gab jedem Weihwasser und segnete uns. Es war herzzerreißend. Schenke Gott unseren lieben Eltern die ewige Ruhe. Amen.

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