Das Totenkäuzl

In mei­ner Jugend­zeit, vor der Flur­be­rei­ni­gung, gab es Käuz­chen und sons­ti­ge Nacht­vö­gel in rei­chem Maße. Kein Wun­der, im Wie­sen­grund stan­den vie­le Bäu­me, beson­ders alte Stock­wei­den, die mit den vie­len Höh­len zahl­rei­che Nist­plät­ze anbo­ten. All­abend­lich konn­te man den Ruf der Käuz­chen im Dor­fe ver­neh­men. Der Ruf „Geh mit! Geh mit!“ erschreck­te die Leu­te. Man glaub­te an den Toten­vo­gel und dach­te dabei, dass jemand ster­ben müs­se. Wenn jemand schwer krank war, und das Käuz­chen die gan­ze Nacht schrie, dann hieß es: Bald wird er vom Tod geholt.

Es war im Juli 1910. Mein Vater war schwer krank. Wochen­lang saßen die Vie­cher auf der Stal­lung unse­res Hofes und schrien unauf­hör­lich „Geh mit! Geh mit!“. Mit Schau­dern und Angst hör­ten wir die Schreie. Wir fürch­te­ten uns alle. In der letz­ten Nacht, in der mein Vater starb, flo­gen die schrei­en­den Käuz­chen bis ans Fens­ter. Unser Knecht Michl ging eini­ge Male hin­aus und scheuch­te die Vögel fort, doch es half nichts. Sie kamen immer wie­der. Da sag­te mei­ne Mut­ter ganz trost­los zu uns Kin­dern: „Ihr werd‘ sehen, die holen unser‘n Vater“. Und so war es auch. Gegen früh starb er. Ist da etwas dran oder ist es nur Ein­bil­dung? Wir wis­sen es nicht.

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