Vom Leben der Juden

In unserem Dorf lebten einige Juden, auch waren eine Synagoge und eine Judenschule da. Was die Religion betrifft, waren sie sehr gläubig. Es gab keinen, der samstags nicht in die Synagoge ging. Sie feierten streng ihren Sabbat, besser als manch Andersgläubiger im Dorf. Am Samstag durften die Juden kein Feuer anmachen und auch nicht kochen. So wurde das Essen am Freitag vorgekocht und in einer Kochkiste aufbewahrt. Das Feuer musste dann eine Christenfrau richten und weiterschüren. An diesem Tag durften sie auch kein Geld anfassen. Die reicheren Juden hatten ein christliches Dienstmädchen, das am Sabbat alle Arbeit tun konnte. An ihrem Laubhüttenfest, dem Neujahrstag, saßen sie drei Tage in der Laubhütte und statt Brot gab es Matzen, ein ungesäuertes Fladenbrot. Was vom Brot übrig blieb, teilten sie an uns Christen aus. Wir Kinder konnten es nicht erwarten, bis das Laubhüttenfest zu Ende war.

Fleisch aßen sie nicht sehr viel. Es musste koscher sein. (Koscher bedeutet rein, drever unrein). Schweinefleisch war verboten. Geflügel war beliebt. Die Tiere wurden vom Judenlehrer geschlachtet. Er besaß ein besonderes Messer, damit wurde ihnen in einer Zeremonie der Hals eingeschnitten. Kam er an einen Halswirbel und trat sonst noch etwas Besonderes ein, war das Fleisch drever, d.h. es durfte nicht gegessen werden. Das Fleisch bekamen dann die armen Christenfamilien. Neben unserer Schule wohnte unser Metzger. Dort schlachtete der Judenlehrer die Rinder, meistens junge Bullen. Verwendet wurde nur die vordere Hälfte, das hintere war drever. Wenn wir wussten, dass der Judenlehrer wieder einmal schlachtete, sind wir in der Pause zum Metzger hinübergegangen und haben dabei zugeschaut. Das Tier wurde lebend mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Das Tier wehrte sich und strampelte wie verrückt, dass wir wegschautenn. Dann kam der Judenlehrer mit seinem langen Messer. Drei bis vier Mann hielten das Tier fest. Mit Gebet und Zeremonie schnitt er dem Tier den Hals ein. Verlief alles gut, war das Tier koscher. Wenn es drever war, bekam es der Metzger. Was war das für eine Qual für das Tier, bis es ausblutete, denn es ist ja nicht betäubt worden.

Aber im allgemeinen konnte man die Juden lassen. Wer sich von ihnen ausschmieren ließ, war selber schuld!

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