Der Einmarsch der Amerikaner

Es war am 30. März 1945, Kar­frei­tag­abend. Ringsum sah man bren­nende Gebäude, die von unse­ren Trup­pen ange­zün­det wor­den waren, weil sie mit Hee­res­gut gefüllt waren. Aus dem Tau­ber­grund kom­mend, ver­such­ten die Ame­ri­ka­ner nach Och­sen­furt und in den Gau vor­zu­sto­ßen. In Oes­feld und Stall­dorf tob­ten schon harte Kämpfe. Bei uns wurde der Flug­platz Gie­bel­stadt geräumt und von drei Kom­pa­nien mit je 100 Mann besetzt, meis­tens Och­sen­fur­ter Volks­sturm­leute. Die Sol­da­ten vom Flug­platz Gie­bel­stadt gru­ben ent­lang der Wolks­häu­ser Straße Schüt­zen­lö­cher. Ein Last­auto mit Pan­zer­fäus­ten kam ange­fah­ren. Sie soll­ten aus­ge­la­den und ver­teilt wer­den, es kam aber nicht dazu. Am Kar­sams­tag zogen einige kleine Trupps durchs Dorf. Ein trau­ri­ger Rest von der einst­mals so stol­zen Armee. Am Abend des Kar­sams­ta­ges hieß es, die Ame­ri­ka­ner seien bereits in Euer­hau­sen. Angst und Schre­cken im gan­zen Dorf. Unsere Dreschhalle war mit Hee­res­gut gefüllt, Flug­zeug­mo­to­ren und andere Ersatz­teile. Ein fana­ti­scher Nazi fuhr Stroh hin­un­ter und brannte es an. Halle und Inven­tar waren ver­nich­tet. Sonn­tag früh, am 1. April kamen die Ober­dör­fer mit Bet­ten, Wäsche­stü­cken und Kühen zu uns. Wir schlie­fen noch. Das Außen­dorf wurde bereits beschossen.

Die Sol­da­ten in den Schüt­zen­lö­chern an der Wolks­häu­ser Straße waren meist gefal­len. Am Rande des Dor­fes brannte es lich­ter­loh. Ent­lang der Straße nach Wolks­hau­sen hat­ten an die 60 Pan­zer Auf­stel­lung genom­men. Sie trau­ten sich nicht durchs Dorf zu fah­ren. Die Bewoh­ner von Gau­kö­nigs­ho­fen hiss­ten weiße Fah­nen. Bei mir war ein Pole, der beim Sie­ber arbei­tete, ein guter Kerl. Wir saßen alle im Kel­ler. Wir schick­ten ihn mit einem wei­ßen Fähn­chen zur Vor­hut der Pan­zer­ab­tei­lung. Wegen des Beschus­ses musste er sich an den Häu­sern ent­lang schlei­chen. Er ver­han­delte pol­nisch mit den Ame­ri­ka­nern und berich­tete ihnen, dass kein deut­scher Sol­dat mehr im Dorfe sei. Erst dann fuhr die Abtei­lung los, nicht durchs Dorf, son­dern außen vor­bei in Rich­tung Och­sen­furt. Im Stall­dor­fer Wald dau­er­ten die Kämpfe noch an. Auch wir muss­ten noch öfters in den Kel­ler. Der Ruf, die SS mache einen Gegen­an­griff, schreckte uns immer wie­der auf. Wenn wir drau­ßen auf den Fel­dern waren, tob­ten immer noch Kämpfe im Tau­ber­tal und in Rich­tung Aub und Uffen­heim. Wegen der Luft­kämpfe muss­ten wir uns auch öfters in die Fur­chen legen. Es war unser Glück, dass die Deut­schen bei uns kei­nen Gegen­an­griff durch­führ­ten. Erst nach einer Woche beka­men wir ame­ri­ka­ni­sche Ein­quar­tie­rung. Das untere Orts­vier­tel musste geräumt wer­den. Auch das Vieh musste aus den Stäl­len und anderswo unter­ge­bracht wer­den. Unsere bei­den Scheu­nen­ten­nen stan­den vol­ler Vieh. Die Gebäude vom Faul­ha­ber wur­den auch beschlag­nahmt. Dort wurde die Orts­kom­man­dan­tur ein­ge­rich­tet. Vor­han­dene Gewehre, Revol­ver, Foto­ap­pa­rate, Uni­for­men und Fah­nen muss­ten abge­lie­fert wer­den. Im Hof wurde alles auf einen gro­ßen Hau­fen gewor­fen und ver­brannt. Zwei Tage dau­erte es, bis alles ver­brannt war. Unten am Bahn­hof stan­den zwei Wag­gons mit Hee­res­gut, das nicht mehr weg­ge­bracht wer­den konnte. Die Loko­mo­tive war zer­schos­sen. Als der erste Trupp Ame­ri­ka­ner durch­ge­zo­gen war, riss man die Plom­ben ab und gab den Inhalt frei. Was gab es da für einen Tumult und eine Schlä­ge­rei! Jeder wollte vom Hee­res­gut etwas bekom­men. Meis­tens waren es Beklei­dungs­stü­cke, z.B. Stie­fel, Schuhe, Bett­wä­sche u.a. Für die Flücht­linge kamen diese Gaben zur rech­ten Zeit. Für sie war es eine Wohl­tat. Erst lang­sam kehr­ten die geord­ne­ten Ver­hält­nisse wie­der zurück. Wolle Gott, dass es nie wie­der zu einem Krieg kommt!

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