Erinnerungen vom Ersten Weltkrieg

Der Sommer 1914 ließ sich friedlich an. Kein Mensch dachte, dass sich ein Weltkrieg entfachen würde, den die Menschheit bis dahin noch nicht gesehen hatte. Unser Kaiser unternahm eine große Nordlandreise und dachte nicht im Schlafe daran, dass am Horizont ein so schrecklicher Krieg heraufzog. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel niederzuckt, so passierte in Sarajewo an einem schönen Sonntag die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares Erzherzog Franz Ferdinand und Gattin. Noch dachte niemand daran, dass sich daraus ein blutiger Krieg entwickeln könnte. Die deutsche Regierung zögerte lange und bahnte Verhandlungen an, doch die Feindmächte gingen nicht darauf ein. Serbien wollte auf keinen Fall für diese Bluttat Sühne leisten. Es wollte es auf alle Fälle zum Äußersten kommen lassen. So blieb Österreich nichts anderes übrig, als Serbien den Krieg zu erklären. Nachdem Österreich mit Deutschland verbündet war, galt die Kriegserklärung auch für Deutschland. Am 28. Juli 1914 wurden die diplomatischen Beziehungen zu Serbien abgebrochen und am l. August wurde der Krieg erklärt. Sofort kam es zur Mobilmachung sämtlicher Truppen. Alle Reservisten, Landwehrmänner und Landsturmmänner wurden zur Fahne gerufen. Die aktiven Truppen hatten schon die Grenzen besetzt. England, Frankreich, Belgien und Russland erklärten ebenfalls Deutschland den Krieg. Mit der Zeit folgten noch viele Staaten, so dass die Truppen sich sehr verzetteln mussten. Am 3. August marschierten die Franzosen über die Grenze und besetzten einige deutsche Ortschaften. Es kam am Spicherer Berg in der Nähe von Saarbrücken und in Wellertsweiler zu schweren Kämpfen. Ich bin im Zweiten Weltkrieg auch in diesen Ortschaften gewesen. Eine alte Frau sagte zu mir, dass die Gefallenen klafterhoch gelegen wären. Auch an der Ostfront begannen schwere Kämpfe. Die Russen überschritten die deutsche Grenze und besetzten große Gebiete in Ostpreußen.

Am 28. Juli 1914 waren wir früh auf dem Feld am Eßfelder Weg. Die Ernte hatte just an diesem Tag begonnen. Wir räumten einen Gerstenacker auf. Seinerzeit gab es nur Flügelmaschinen. Da musste bei jedem Feldstück ein 1 1/2 m breiter Streifen mit dem Raft gemäht werden. Mit der Sichel wurden die Halme aufgenommen, zu Garben gelegt und mit der Hand gebunden. So konnten die Pferde die Maschine ohne Getreideschaden ziehen.

Wir hatten einen hiesigen Bauernsohn als Pferdeknecht, der erst im vergangenen Herbst seinen Wehrdienst abgelegt hatte. Gegen Mittag kam auf einmal meine älteste Schwester weinend gesprungen. Sie versorgte seit dem Tod meiner Mutter den Haushalt. Zunächst dachten wir, es sei ein Unglück geschehen. Erregt sagte sie: „Josef muss sofort heim und mit dem Zwölfuhrzug fort. Es ist Krieg!“ Natürlich waren alle Leute auf dem Feld kopflos und hatten keine Lust mehr, weiterzumachen. Unser Knecht lief schnell heim und machte sich fertig. In aller Eile legte er sein Wetzfass, das damals jeder Mäher umhängen hatte, auf den Boden. Das Wetzfass war ein länglicher Behälter aus Blech oder ein Horn vom Rind, in dem der Wetzstein und Wasser waren. Als wir nach Mittag mit der Flügelmaschine kamen, schnitten wir das Wetzfass durch. Das Mähmesser hatte dabei Schaden genommen. Wir konnten ihn wieder beheben und weiterschneiden. Gerade jetzt in der Erntezeit hätten wir eine starke männliche Kraft benötigt, doch dies war aussichtslos. Mein ältester Bruder war 18 Jahre alt und musste auch einrücken zur Ausbildung. Ich war 14 Jahre alt, mein Bruder 13. Nun denn, in Gottes Namen, haben wir gesagt. Es wird schon gehen. Ich hatte noch einen Bruder, der studierte Arzt. Er war ein Hühne von Gestalt; der hat uns in den Ferien immer fest geholfen. Auch hatten wir noch drei Schwestern, da haben wir es gepackt, wenn auch unter großen Opfern. lm Herbst hat uns schon eine starke männliche Person sehr gefehlt, denn die schweren Kartoffelsäcke in den Keller zu tragen, das war für uns Buben zu schwer. Aber es ist uns nichts anderes übrig geblieben.

Gleich nach Beginn des Krieges mussten die Pferde zur Musterung nach Ochsenfurt. Den ganzen Tag über bis spät in die Nacht haben wir sie strapaziert. Als sie vorgeführt wurden, hinkten sie. Sie hatten Muskelkater. So wurden sie für untauglich erklärt. Was hatten wir für eine Freude, als wir unseren Hans und Fuchs wieder hatten. Im Jahre 1916 musste dann doch einer daran glauben. Wir bekamen aber zum Glück einen Ersatz. Die meisten Bauern mussten ihre Pferde abliefern und sich mit Ochsen behelfen. Ja es war eine harte Zeit. Unser Onkel, der unser Vormund war, hatte auch fünf Buben. Sie mussten alle in den Krieg. 1917 starb mein Onkel. Da mussten wir Buben diesen Betrieb auch noch mitführen. Dann hatte der Arbeitstag oftmals keine 10 Stunden, sondern 16 und noch mehr. In der Kriegszeit durfte auch am Sonntag gearbeitet werden. Da gab es oft in vier Wochen keinen einzigen Ruhetag. Wie hätte auch sonst die viele Arbeit bewältigt werden können?

Beim Ausbruch des Krieges herrschte in der breiten Bevölkerung helle Begeisterung. Radio und Fernsehen gab es noch nicht. Die wichtigsten Kriegsereignisse wurden an der Post angeschlagen. Die Meldungen wurden per Fernmelder an die Post gesandt. Dort war eine Aushängetafel angebracht. Bei einer wichtigen Kriegsmeldung wurde ein schwarz-weiß-rotes Fähnchen aufgesteckt. Da wußte man, was draußen so alles geschah. Bei einem großen Sieg wurden alle Glocken geläutet. Aber das war eines Tages auch vorbei, denn die Glocken wurden beschlagnahmt und zusammengeschlagen und als Kriegsmaterial verwendet. Und von da an war es vorbei mit dem Siegen. Unsere Truppen schlugen sich an allen Fronten sehr tapfer, hielten die Stellungen und warfen den Feind zurück. Große Verdienste hat sich unser Feldmarschall von Hindenburg im Osten erworben. Nachdem der Russe schon sehr weit in Ostpreußen vorgedrungen war, hat er es durch ein geschicktes Manöver fertig gebracht, ihn weit über die Grenze in russisches Gebiet zurückzuwerfen. Durch sein rasches und überlegtes Handeln gelang es ihm, eine ganze russische Armee in den masurischen Seen umkommen zu lassen. Im Westen lief zunächst auch alles gut. Eine Festung nach der anderen wurde von unseren siegreichen Truppen erobert und der Feind weit zurückgeworfen. Doch, was zu viel ist, ist zu viel! Ein Sprichwort heißt: „Viele Hunde sind des Hasen Tod“. Mit der Zeit kam Kriegserklärung um Kriegserklärung, und die Truppen mussten auf viele Fronten im Westen, Osten, Südosten und Süden verteilt werden. Aus dem anfänglichen Vormarschkrieg wurde 1915/16 allmählich der Stellungskrieg. Er riss große Lücken in die Kriegsführung und forderte ungeheuere Opfer und Verluste. Die Fronten waren zudem recht weit von der Heimat entfernt. Der Nachschub bereitete große Schwierigkeiten. In der Heimat fehlte es an Fachkräften in den Munitions- und Kriegsrüstungsfabriken. Es mangelte an Rohstoffen. Auch in der Landwirtschaft ging der Ertrag der Felder zurück. Frauen, Kinder und Greise mussten die harte Arbeit verrichten.

Die Verluste der Elitetruppen waren nicht mit den jungen Truppen zu ersetzen. Die Feindestruppen wurden von Amerika mit Ausrüstung und Lebensmitteln versorgt. Unsere Soldaten hatten nichts mehr in den Knochen. Mit Tee und Kunsthonig lässt sich auf die Dauer kein Krieg führen. Ich habe es noch selbst am eigenen Leibe verspürt in der Garnison bei meiner Ausbildung 1918. Es gab Kleienbrot, in dem das Messer beim Schneiden stecken blieb. Am Morgen gab es Kaffee ohne Milch und ohne Zucker, eine kleine Scheibe Brot; zum Mittagessen wurden Gemüse ohne Einbrenne, eine kleine Handvoll kleiner Kartoffeln mit Schale und ein Stückchen Fleisch serviert. Als Abendbrot gab es ungezuckerten Tee, eine Schnitte mit mit Kunsthonig, ab und zu eine Scheibe Wurst in der Größe eines Fünfmarkstücks, aber doppelt so dick.

Als Löhnung bekamen wir pro Tag 2o Pfennig. Dafür mussten wir noch Seife, Zahnpasta und die Stiefelwichs kaufen, während der Franzose mit Kleidung und Proviant aus USA gut versorgt war. Bis 1915 ging noch alles einigermaßen gut, dann setzte 1916 unsere Heeresführung Gas als Kampfmittel ein. Bei den ersten Gasangriffen waren unsere Truppen noch nicht genügend ausgerüstet und mit Gasmasken versorgt. Der Franzose besaß kein Gas und dachte nicht daran, dass wir mit verbotenen Mitteln Krieg führen würden. Unsere Heeressführung setzte große Hoffnung auf den Gaseinsatz. Der Wind war günstig. Die Gasflaschen wurden geöffnet. Doch plötzlich kam Gegenwind auf, und statt der Feindestruppen mussten unsere Soldaten massenhaft daran sterben. Leider auch ein junger Bursche von hier. War es Fügung oder Schicksal, dass es so gekommen ist?

Wasser und Lebensmittel waren durch das Gas bis weit in das Hinterland verseucht. Viele Soldaten mussten daran sterben oder hatten sich den Todeskeim geholt. Es war ein entsetzliches, grausames Morden.

Und wie sah es in der Heimat aus? Es gab nur noch Frauen, Greise, Jungen und Kriegsgefangene für die Arbeit. Wie konnten da noch Höchsterträge erzielt werden? Es fehlte an Arbeitskleidung. Man bekam keine Schuhe mehr, nur Holzschuhe. Die Gespanne fehlten. Es war kein Material für Reparaturen, kein Eisen zum Beschlagen der Pferde usw. vorhanden. Von oben wurde vorgeschrieben, welche Mengen an Vieh, Eiern, Butter, Milch und Getreide abgeliefert werden mussten. Sogar Milchkühe und Gespannochsen wurden beschlagnahmt und mussten abgeliefert werden. Kurzum, es ging von Jahr zu Jahr mit Ernährung und mit den Rohstoffen abwärts. Trotz alledem hielten unsere Truppen ihre Stellungen und hielten den Feind von den Grenzen fern. 1917 fiel dann die Entscheidung. Amerika erklärte uns den Krieg und lieferte bestes Kriegsmaterial an die Front. Flugzeuge modernster Bauart und Panzer. Der Amerikaner hatte nur motorisierte Fahrzeuge und lauter Elitekampftruppen. Sie waren gut genährt. Lebensmittelnachschub gab es in reicher Fülle.

Die Lazarette im Land reichten nicht mehr aus. Schulen, Tanzsäle und Kinderheime wurden genommen. Auch hier in Gaukönigshofen war im Kinderheim ein Ersatzlazarett. Die Verwundeten wurden von Schwestern und dem hiesigen Arzt betreut. Die gefangenen Franzosen, die hier bei den Bauern zur landwirtschaftlichen Arbeit eingesetzt wurden, waren im Tanzsaal von Johann Eck untergebracht. Sie wurden von zwei Wachposten bewacht. Nun kamen die beiden letzten Jahrgänge des ersten Weltkrieges zur Musterung und zum Einsatz. Da ich von zu Hause auf bestimmte Zeit reklamiert war, waren mein Bruder und ich zur gleichen Zeit in Ausbildung. Was war da nicht alles los! Abgetragene Uniformen und Schuhe und eine miserable Verpflegung. Nun waren wir alle vier Brüder als Soldaten fort von zu Hause. Auf unserem Hof gab es keine männliche Arbeitskraft mehr. Meine älteste Schwester führte den Hof. Was konnte da noch erzeugt werden? Und so war es überall. Mein Bruder Adam, der Arzt studierte, meldete sich mit 17 Jahren freiwillig zu den Fliegern. Er erhielt das Eiserne Kreuz und war bald Fliegerleutnant. Das Eiserne Kreuz hatte auch mein ältester Bruder erhalten. Er hatte eine Gasvergiftung und geriet 1917 in englische Kriegsgefangenschaft.

Dann kam der Sommer 1918. Überall gärte es schon. Die Truppen an der Front wehrten sich verzweifelt gegen übermächtige Feinde. Dann am 9. November 1918 brach das Unglück über uns herein. Es war ein mieser, nebliger Tag. Russische Agenten überfluteten unser Land und brachten unsere Truppen so weit, dass sie aufgaben. Allen voran meuterten die Matrosen. Andere Truppenteile folgten, unsere Heeresleitung kapitulierte. Bei jeder Formation wurden Soldatenräte gewählt. Sie trugen eine rote Binde am Arm. Den Soldaten bis hinauf zum General riss man die Achselstücke und die Kokarden am Käppi ab. Man war plötzlich Soldat zweiter Klasse. Unsere Soldaten verließen die Front und marschierten in Richtung Heimat. Der Feind folgte ihnen nach. Da geriet noch mancher in Gefangenschaft, wenn er nicht schnell genug war. Ungeheures Kriegsmaterial fiel ihnen in die Hände.

Das Rheinland, die Pfalz, das Saargebiet mit den ganzen Kohlebergwerken und das Ruhrgebiet mit seiner Stahlindustrie und den Kohlebergwerken wurden vom Feind besetzt und von ihnen ausgebeutet. Die deutschen Truppen wurden in Städten und Dörfern einquartiert und so nach und nach entlassen.

Pferde- und Wagenmaterial wurden versteigert. Die Bauern nahmen sie mit Freuden an, konnten sie doch ihr lang entbehrtes Gespann und ihr heruntergekommenes Wagenmaterial wieder etwas auffrischen. Die Soldaten, die in den besetzten Gebieten wohnten, durften vorerst nicht heimkehren. Erst nach einer Abmachung mit den Siegern konnten sie nach Jahresfrist, jedoch nur in Zivilkleidung, heim. Wir zu Hause hatten auch vier Soldaten aus der Pfalz in Quartier. Sie wurden wohl aus der Feldküche verpflegt, doch man gab ihnen meistens das Essen.

In Würzburg, wo während des Krieges eine große Heeresschneiderei war, wurden jetzt Einheitsanzüge für die Soldaten aus den besetzten Gebieten gefertigt, denn sie durften laut Anordnung der feindlichen Militärbehörde nur in Zivil heimkehren. Da wurde das Dorf wieder leer, denn wir hatten hier eine ganze Kompanie Pfälzer in Quartier. Es haben sich auch Heiraten angebahnt, was nicht zu verwundern ist.

Ein jeder Soldat bekam bei der Entlassung 60 Mark Entlassungsgeld. Die Kleidungsstücke, die er trug, durfte er behalten. Die Soldaten, die aus besetzten Gebieten waren, erhielten einen Zivilanzug. Unser Kaiser und die Könige mussten abdanken und das Land verlassen. Sie gingen ins Exil. Es war ein trauriger Untergang für unser Vaterland, und es dachte niemand im entferntesten daran, dass sich das gleiche Schicksal, jedoch weit schlimmer, nach 20 Jahren wiederholen würde.

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