Was mir ein Tagebuch eines Veteranen erzählte

Am 17. Juli 1870 war Mobilmachung. Die bayerische Armee war bereits am 18. eingekleidet und stand für den Einsatz marschbereit. Um 6 Uhr in der Frühe marschierten wir von der Kaserne aus zum Würzburger Bahnhof. Ein unendlich langer Eisenbahnzug stand bereit, uns ins Ungewisse zu befördern. Eine Menschenmenge bis weit hinein in die Stadt war versammelt, um von uns Abschied zu nehmen. Für viele ein Abschied für immer, weinend und wehmütig. Ein letzter Händedruck, dann bestiegen wir den Zug, nichts ahnend, was Krieg heißt. Die Musikkapelle betrat den Vorplatz und spielte die bayerische Nationalhymne. Ein kurzer Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Auf allen Bahnhöfen standen unübersehbare Mengen von Menschen. Die Bahnhöfe Lauda und Heidelberg mussten von der Polizei gesperrt werden wegen des großen Andrangs der Leute. In Mosbach bekamen wir nachts um 1 Uhr unsere erste Kriegsverpflegung. Am Morgen gab es Kaffee. Dann hieß es marschieren, für uns etwas ungewohnt. Unser erstes Ziel war Schwetzingen. Man konnte schon pausenlos Geschützdonner vernehmen. Zum Unglück fing es noch an zu regnen, und durchnässt bis auf die Haut, ging der Marsch weiter über Speyer nach Neustadt an der Hardt. Anfangs ging es ganz gut. Doch als die Sonne brannte und der Tornister drückte, hat so manch einer schlapp gemacht. Die Straße war förmlich übersät mit Fußkranken. An Körperpflege war nicht mehr zu denken. In Welsheim war ein Feldbiwak. Zum Mittagessen gab es Kartoffelsuppe und Feldzwieback. Doch der Krieg kennt keinen Haltepunkt. Weiter ging es nach Weißenburg, wo die erste Feindberührung und eine große Schlacht stattfand. Danach wurde weitermarschiert nach Schweigern. Plötzlich kam das Kommando: „Ladet die Gewehre!“ Wieder kam es zu einem Gefecht. Wir warfen die Franzosen zurück. Tausende Gefangene waren der Lohn für unseren Einsatz. Viele Tote, Freund und Feind, darunter auch viele Schwarze, bedeckten das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Rast marschierten wir weiter über Climbach in die Vogesen. Nach Lembach brach ein schweres Gewitter über uns herein, das uns schwer zu schaffen machte. Die Straßen waren übersät mit französischen Ausrüstungsstücken. Dazwischen Gefechte. Das Schlachtfeld war eine einzige Wasserlache. Wieder mussten einige Kameraden ihr Leben lassen. Durchnässt kamen wir um Mitternacht in Reichshoffen an. Die deutsche Verpflegung kam ins Stocken. Nun hieß es requirieren. Doch wo sollte man etwas holen, wenn nichts mehr da war? Es kam öfter vor, dass wir hungern mussten. Die Dorfbewohner waren meistens geflüchtet und hatten alles Essbare mitgenommen, auch den ganzen Viehbestand. Als wir in Bitche angekommen waren, hatten wir wieder einmal Gelegenheit zum Ausschlafen. Was war das für eine Wohltat, wenn wir auch für diese Nacht in der Montur schlafen mussten. Am Morgen ging es dann weiter nach Moselle. Ich wurde zum Requirieren bestimmt. Mir war es peinlich, den armen Leuten ihr Letztes wegzunehmen. Die Not wurde riesengroß. Es gab nichts mehr zu holen und unser Nachschub blieb aus. In der größten Not entdeckten wir auf dem Bahnhof von Lemberg, nicht weit von Bitche gelegen, einen stehengebliebenen Zug. In den Waggons fanden wir reichlich Lebensmittel: Wein, Zwieback, Branntwein und sogar Zigarren.

Nach einer kurzen Rast ging es trotz strömenden Regens bis 10 Uhr in der Nacht weiter. Müde wie ein Hund hätte ich sogar mit einem Schweinestall vorlieb genommen. Ich lehnte mich an einen Baumstamm und schlief ein. Morgens in der Früh um 5 Uhr sammelten wir Holz für ein Feuer, damit wir unsere Kleider trocknen konnten. Plötzlich kam die Nachricht, dass sich der Feind zurückgezogen hätte. Aber die Heckenschützen machten uns schwer zu schaffen. So mancher Kamerad wurde hinterrücks erschossen. Als wir uns zum Abmarsch aufgestellt hatten, hieß es, dass unser Gepäckwagen Achsbruch habe und wir einige Stunden Aufenthalt hätten. Da bekamen wir endlich die Gelegenheit, unsere Unterwäsche zu wechseln. Doch ach nur zu bald ging es weiter nach Pisdorf. Auch hier war alles belegt. Wenigstens hatten wir Stroh. Wir machten uns ein Strohlager unter Apfelbäumen und schliefen die ganze Nacht bis in die Frühe. Gleich nach dem Kaffeefassen ging es weiter nach Ketting. Die Zeit drängte, dass wir dem Franzmann auf den Fersen blieben. Bis jetzt hatten wir es mit halb deutscher und halb französischer Bevölkerung zu tun. Nun kamen wir aber in rein französisches Gebiet. Vereinzelt konnten wir noch Inschriften in Deutsch und in Französisch an Wirtshäusern und Kaufhäusern antreffen, zum Beispiel „Hotel de Ville – Gasthaus zum Schlösschen“. Die Gegend war hier sehr schön. Wir sahen keine freudigen, sondern nur mürrische Gesichter, die meisten auf der Flucht vor den verhassten Deutschen. In Ketting hatten wir ein großes Biwak. Wir brachten zwei Ochsen und zwei Schweine mit. Was war das für so viele Soldaten, die hier lagerten? Sie waren vom Hunger ausgemergelt. Die große Schlacht stand noch bevor. Die Nächte waren auch schon kalt. Am Morgen waren wir stocksteif gefroren, wenn wir in der Nacht im Freien logieren mussten. Das Gros des Heeres marschierte jetzt in Richtung Mars-la-Tour. Dort fand eine große Schlacht statt. Schon in der Schule sangen wir „Siehst du nicht bei Mars-la-Tour die Kolonnen stehen?“. Mit den Franzosen konnten wir uns nur durch Zeichensprache verständigen. Einmal verlangte ich von einer Französin Essig. „Na, verstehst mich denn gar nicht?“ fragte ich. „Nix verstehen“ war die Antwort. Die Herren Offiziere bekamen ihre Quartiere immer in besseren Häusern, wir dagegen mussten uns mit Mutter Erde begnügen. So war es noch bei jedem Krieg. Es ist traurig, dass nicht alle Menschen gleich sind.

Nach einigen Tagen Rast ging dann der Marsch über Toul weiter. Undurchdringliche Wälder sahen wir in dieser Gegend. Wie uns mitgeteilt wurde, war Toul bereits von deutschen Truppen umzingelt. Das nahmen wir mit Freude zur Kenntnis.

Es blieb uns diesmal der Kampf erspart. Doch es kam anders. Nachts um drei Uhr hörten wir ein heftiges pochen an der Stalltür. „Alles raus! Fertig machen! Schnell einen heißen Kaffee trinken!“, so hieß es. Noch einen Brocken Brot dazu, und ab ging es nach Melipy. Endlich mal zwei Resttage. Am Abend gab es Glühwein mit Kartoffeln und Käse. Nach den Ruhetagen war es dann noch schlimmer als bisher. Jetzt begann erst die Hauptsache des 70er Krieges. Wir wurden in das Hauptkampfgebiet versetzt und hatten kaum noch Ruhe, bis sich die Belagerung von Paris vollzogen hatte. Die Zivilbevölkerung von Paris ist buchstäblich ausgehungert worden. Nach langer Belagerung ergab sich endlich der Franzose, und der Einmarsch der deutschen Truppen in Paris begann. Es war ein nicht auszusprechender Jubel beim Triumphzug durch die Stadt. Trotzdem war dieser Krieg das reinste Kinderspiel im Vergleich zu den beiden folgenden Weltkriegen.

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