Meine Erinnerungen vom Zweiten Weltkrieg

Es war im August 1939. Schwe­re Angst der Bevöl­ke­rung lag in der Luft. Wird es zum Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges kom­men? Das deut­sche Volk leb­te in gro­ßer Auf­re­gung, zumal der Ers­te Welt­krieg erst 20 Jah­re zurück­lag, und ihn alle noch gut in Erin­ne­rung hat­ten. Am 28. August hat­ten wir gera­de die Dresch­ma­schi­ne. Nach dem Abend­essen sag­te ich zu den Ein­le­gern und dem Maschi­nis­ten: „Wenn wir in der Nacht nicht geholt wer­den, machen wir mor­gen früh wei­ter!“ Mei­ne Vor­ah­nung trat ein. Von der schwe­ren Arbeit über­mü­det, fand ich kei­nen fes­ten Schlaf. Der Gedan­ke an den Aus­bruch eines Krie­ges ließ mir kei­ne Ruhe. Da, plötz­lich, gegen 2 Uhr früh schlug der Hof­hund an. Gepol­ter an der Pfor­te. „Ja, was ist denn los?“ frag­te ich mich. „Du musst sofort auf­ste­hen und unter­schrei­ben“, sag­ten der Bür­ger­meis­ter und der Orts­grup­pen­lei­ter. „Du musst mit dem 6-Uhr-Zug nach Rand­er­sa­cker und dich mel­den. Es ist Krieg!“ Von Schlaf war kei­ne Rede mehr. Ich zog mich an und ord­ne­te mei­ne Sachen. Man wuss­te ja nicht, was einem im Krieg wider­fah­ren wür­de, denn im Krieg bleibt nie­mand ver­schont.

Als ich am Bahn­hof ankam, stan­den schon eine Men­ge Reser­vis­ten da. Akti­ve Sol­da­ten hat­ten wir ja noch nicht soviel. Es muss­ten daher die bei­den letz­ten Jahr­gän­ge vom Ers­ten Welt­krieg dran glau­ben. Von Begeis­te­rung war kei­ne Rede. Der Zug war über­voll. Doch nach und nach wur­de er ab der Sta­ti­on Och­sen­furt nach Würz­burg lee­rer, denn bei jeder Sta­ti­on stieg ein schö­ner Trupp aus, um sich bei sei­nen Trup­pen­tei­len zu mel­den. Mein Ziel war Rand­er­sa­cker. Ich stieg in Win­ter­hau­sen aus und lief zu Fuß über die Brü­cke über Som­mer­hau­sen und Eibel­stadt nach Rand­er­sa­cker. Auf dem Marsch dort­hin traf ich vie­le Bekann­te aus dem Och­sen­fur­ter Gau. In Rand­er­sa­cker ange­kom­men, muss­te ich mich in der Gast­wirt­schaft Schmidt mel­den. Zum Essen gab es am Mit­tag Gulasch mit Nudeln, der in der Wirt­schafts­kü­che gekocht wor­den war. Eine Feld­kü­che war noch nicht da. Nach dem Essen wur­de die ärzt­li­che Unter­su­chung durch­ge­führt. Nach und nach kam alles her­bei: 20 LKW, die Feld­kü­che, Stie­fel, Uni­form, Aus­rüs­tung, Erken­nungs­mar­ke und so wei­ter. Am Abend gab es Tee mit Wurst. Unser Nacht­la­ger war der Tanz­saal. Wir schlie­fen auf dem blan­ken Boden ohne Decke. Am zwei­ten Tag ging es dann schon recht mili­tä­risch zu. Die Paro­le hieß Ein­klei­den, Mili­tär­pass abho­len, Ess­ge­schirr, Gewehr mit Sei­ten­ge­wehr und Patro­nen­ta­sche mit Muni­ti­on fas­sen. Die Zivil­klei­der muss­ten ein­ge­packt und abge­lie­fert wer­den. Jetzt bist du Sol­dat und kein eige­ner Herr mehr. Es begann das Exer­zie­ren wie in der Rekru­ten­zeit – eine unge­wohn­te Sache. Die Abfahrt mit den LKWs begann am 30. August. Nun hieß es „Lebe wohl mein Hei­mat­land: Wir wur­den nach Kit­zin­gen zum Bahn­hof gefah­ren. Dort stand ein Zug schon mit Vieh­wag­gons bereit. Doch bis alles ver­la­den war, wur­de es Abend. End­lich ein Pfiff, und der Zug setz­te sich in Bewe­gung. Ab ging es in Rich­tung nach Polen. Über Ber­lin und Sta­de gelang­ten wir zur Gren­ze. Dort wur­den wir aus­ge­la­den. Mit Autos fuh­ren wir wei­ter über die Gren­ze ins Fein­des­land. Einen vol­len Tag fuh­ren wir durch die Tucho­ler Hei­de, in der zwei Divi­sio­nen Polen ver­steckt lagen. Es wäre für sie ein Leich­tes gewe­sen, uns zu über­fal­len. Jetzt hör­ten wir schon Kano­nen­don­ner. Die Front kam immer näher. Auf den Stra­ßen kamen uns gefan­ge­ne Polen ent­ge­gen, mas­sen­haft. Vie­le hat­ten eine Run­kel­rü­be in der Hand. Sie aßen sie vor Hun­ger. Wir beka­men das gan­ze Elend des Krie­ges zu spü­ren. Die Zivil­be­völ­ke­rung, beson­ders die Kin­der, lit­ten beson­ders dar­un­ter. Sie bet­tel­ten einen vor Hun­ger an. Man gab ihnen, was man konn­te. Lie­ber ließ man es selbst abge­hen.

Der Polen­feld­zug war ja bald zu Ende, doch das Aus­maß der Zer­stö­rung war groß. „Was wird wohl jetzt kom­men?“ frag­ten wir uns „Kom­men wir wie­der heim?“. Die Ant­wort beka­men wir bald. Eines Tages hieß es „fer­tig­ma­chen“. Wir wur­den zu einem grö­ße­ren Bahn­hof gefah­ren und wie­der in einen Zug ein­ge­la­den. Das war immer eine Qual, tage­lang in den Vieh­wag­gons sit­zen, kei­nen Halt für den Rücken, kein Aus­stre­cken der Bei­ne und wenn jemand aus­tre­ten muss­te, stand ein Eimer in der Ecke oder er muss­te wäh­rend der Fahrt durch den Tür­spalt pin­keln. Ein Zivi­list kann sich davon über­haupt kei­ne Vor­stel­lun­gen machen, wel­che Ent­beh­run­gen ein Sol­dat durch­ma­chen muss. „Wo wer­den wir jetzt lan­den?“ frag­ten wir uns wie­der. Nach tage­lan­ger Fahrt hielt unser Zug in Gemün­den am Main. Wir hat­ten schon die gro­ße Hoff­nung, dass es viel­leicht ins Lager Ham­mel­burg geht und wir von dort nach Hau­se geschickt wer­den. Doch wir hat­ten die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Gemün­den war nur Zwi­schen­sta­ti­on. Es gab Kaf­fee und Kom­miss­brot und jeder konn­te im nahen Wald sei­ne Not­durft ver­rich­ten. Auch stand Was­ser zum Waschen bereit. Die Unge­wiss­heit, was mit uns geschieht, lag über uns. Vie­le Kame­ra­den waren aus dem Spes­sart und hat­ten die Hei­mat vor Augen. Die bei­den Loko­mo­ti­ven an unse­rem Zug wur­den aus­ge­wech­selt. Die bei­den neu­en tank­ten Koh­le und Was­ser und wur­den am ande­ren Ende des Zuges ange­hängt. Jetzt wuss­ten wir, was gespielt wur­de.

Gegen Mit­tag kam das Kom­man­do „fer­tig­ma­chen“. Ein schril­ler Pfiff, und der rie­sen­lan­ge Zug setz­te sich in Bewe­gung in Rich­tung Pfalz. In Mainz war die Zug­fahrt zu Ende. Wir wur­den aus­ge­la­den, in unse­re Autos ver­staut und wei­ter west­wärts gefah­ren. Unser Ziel lag in der Nähe von Kai­sers­lau­tern. Das klei­ne Dorf hieß Kusel. Dort war unser Quar­tier ein Getrei­de­schup­pen. Nach eini­gen Tagen beka­men wir ein fes­tes Quar­tier mit Stroh­la­ger. In einem Stüb­chen in der Grö­ße 3 mal 3 Meter waren wir zu sechst unter­ge­bracht. Mit einem klei­nen Kano­nen­öf­chen konn­ten wir hei­zen. Das war schon zum Aus­hal­ten. Am Vor­mit­tag wur­de exer­ziert und am Nach­mit­tag hal­fen wir der Bevöl­ke­rung bei der Kar­tof­fel­ern­te, denn wegen des Krie­ges waren noch vie­le Kar­tof­feln auf dem Feld. Es waren meis­tens klei­ne, arme Land­wir­te. Die Män­ner arbei­te­ten in Kai­sers­lau­tern in den Fabri­ken. Es war inter­es­sant, einen sol­chen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ken­nen­zu­ler­nen. Scheu­nen gab es nicht oder nur ganz weni­ge. In den Stäl­len stan­den ein paar arm­se­li­ge, mage­re Kühe. Die Getrei­de­gar­ben wur­den mit­tels eines Fla­schen­zu­ges in den obe­ren Spei­cher beför­dert. Dort lager­ten sie, bis die Dresch­ma­schi­ne kam. Die Dresch­ma­schi­ne wur­de von Haus zu Haus gefah­ren und an den Gie­bel gestellt. Dann wur­den die Gar­ben vom Spei­cher auf die Maschi­ne gewor­fen und gedro­schen. Wenn jemand Dresch­gut für zwei Stun­den hat­te, war es schon viel. Am Abend wur­de dann mit allen, die am Dre­schen betei­ligt waren, groß gefei­ert. Das Gras für die Kühe wur­de damals noch mit dem Gras­tuch auf dem Kopf heim­ge­tra­gen. In Kusel blie­ben wir unge­fähr vier Wochen im Quar­tier, dann wur­den wir näher an die Front gebracht. Wir kamen in die Nähe von Saar­brü­cken. Der Ort hieß Dir­min­gen. Die männ­li­chen Bewoh­ner waren lau­ter Gru­ben­ar­bei­ter. Ich kam mit einem Kame­ra­den von Bur­ger­roth zu einem Berg­ar­bei­ter ins Quar­tier. Er hat­te vier Kin­der und eine klei­ne Land­wirt­schaft mit zwei Kühen. Es waren sehr gute Leu­te.

Nun muss­ten wir alle Tage nach Baum­hol­der, den größ­ten Trup­pen­übungs­platz Deutsch­lands. Dort wur­den wir ein­ge­setzt. Man hör­te schon den Kano­nen­don­ner von der Front her. Doch es war noch kein rich­ti­ger Krieg, mehr ein Geplän­kel hin und her. Doch es gab schon eini­ge Gefal­le­ne. Man war sich bei den Obe­ren noch nicht so recht einig, soll es Ernst wer­den oder nicht. Viel­leicht war man mit der Auf­rüs­tung noch nicht so weit. Der Win­ter 1939/40 war streng, und man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hat­te. Frei­lich waren die Stra­pa­zen tags­über groß. Muss­ten wir doch jeden Tag um 5 Uhr mit dem Auto drei Stun­den bei 30 Grad Käl­te fah­ren. Als wir anka­men, muss­ten wir uns fast vom Wagen heben, so steif waren wir gefro­ren. So ver­ging der Win­ter. Der Früh­ling war sehr schön. Dazwi­schen hat­te ich ein­mal 14 Tage Urlaub. Unser Kom­pa­nie­chef stamm­te aus Nürn­berg und war ein sehr guter Mensch. Er war schon 65 Jah­re alt und ist spä­ter in Russ­land gefal­len.

Das Sprich­wort heißt: Der Mai bringt so aller­lei. So war es auch. Es war ein schö­ner Mai­en­tag. Kaum hat­ten wir am 6. Mai Mit­tag gemacht, hieß es „fert­i­ma­chen und alles mit­neh­men“. Im Nu war alles gepackt. Nach dem Kom­man­do „auf­ge­ses­sen“ fuh­ren wir in Rich­tung Saar­brü­cken-Röch­lin­gen ab.

Wir fuh­ren durch das schö­ne Saar­land, an der Saar­burg vor­bei. Die schö­nen Wein­ber­ge, es war ein­fach eine mär­chen­haf­te Gegend. Die Mosel­stra­ße ent­lang, über die Mosel­brü­cke ging es nach Luxem­burg. In einem gro­ßen Musik­saa­le wur­den wir ein­quar­tiert. Mit dem Stroh­la­ger waren wir zufrie­den. Jetzt merk­te man schon, dass sich etwas zusam­men­brau­te. Es wur­de ernst mit der Sache. Dann am 8. Mai begann der Kampf auf Leben und Tod. Wir muss­ten jeden Tag Gra­na­ten mit unse­ren Wagen an die Front fah­ren. Es war eine har­te und gefähr­li­che Arbeit. Im Wald waren unzäh­li­ge Gra­na­ten jeg­li­chen Kali­bers auf­ge­sta­pelt. So weit das Auge reich­te, nichts als Gra­na­ten. Hät­te eine feind­li­che Gra­na­te oder Bom­be das Lager getrof­fen, es wäre ein unvor­stell­ba­res Aus­maß an Ver­wüs­tung auf­ge­tre­ten. Doch Luxem­burg war neu­tral. Es wur­de von Hit­ler über­fal­len, weil er es als Auf­marsch­ge­biet benö­tig­te.

Wir waren in Luxem­burg 8 Tage ein­ge­setzt, dann ging es über die Gren­ze nach Bel­gi­en. Vor­bei an der Fes­tung Bel­fort, die von den Fran­zo­sen hart ver­tei­digt wur­de. Jetzt sah alles nach Krieg aus. Bel­fort ist eine der größ­ten Fes­tun­gen Frank­reichs, die schon im Ers­ten Welt­krieg schwe­re Men­schen­op­fer kos­te­te. Die Kämp­fe nah­men jetzt Tag für Tag an Här­te zu, doch das fran­zö­si­sche Heer war nicht mehr das von 1914/18. Es war eben nicht gerüs­tet und auf einen Krieg ein­ge­stellt. Frank­reich wur­de schon im Ers­ten Welt­krieg von Ame­ri­ka mit Aus­rüs­tung belie­fert und auch beim Zwei­ten Welt­krieg, als sich die Deut­schen zurück­zie­hen muss­ten. An Zähig­keit und Aus­dau­er war der fran­zö­si­sche Sol­dat dem deut­schen eben­bür­tig. Nach­dem die Fes­tung Bel­fort in deut­schen Hän­den war, ging es schon etwas zügi­ger vor­wärts. Nach kur­zer Zeit war Bel­gi­en in deut­scher Hand. Nun ging es über die Gren­ze nach Sedan. Wie­viel Kriegs­er­in­ne­run­gen aus dem 70er Krieg kom­men da in den patrio­ti­schen Lie­dern zum Aus­druck: „Fern bei Sedan …“. Im Mor­gen­grau­en kamen wir mit der Bahn nach Sedan. Am Bahn­hof wur­de eine Rast für ein Kaf­fee­früh­stück ein­ge­legt. Da kam der Bahn­vor­stand mit Hemd und Hose und Pan­tof­feln aus dem Haus. Er rieb sich die Augen. Ja, was ist denn da los? Er dach­te, wir sei­en Fran­zo­sen. Er woll­te wie­der ins Haus zurück. Wir dol­metsch­ten: „Du, dablei­ben. Wir Dir nichts machen!“. Er ließ sich über­zeu­gen und gab uns die Hand.

Zurück­den­ken muss ich auch an die Stadt Bar-le-Duc. Es war eine gro­ße Stadt und wir waren als ers­te dort. All­mäh­lich kam das Hee­res­gros nach. Was gab es da nicht alles in den gro­ßen Kauf­häu­sern. Es war wie in Frie­dens­zei­ten. Von der Steck­na­del bis zur kom­plet­ten Möbel­ein­rich­tung war noch alles vor­han­den. Zwei Tage spä­ter muss­te man über meter­ho­hen Unrat stei­gen. Wein gab es in Men­gen. In einer Braue­rei fan­den wir vol­le Bier­fäs­ser, auf­ge­sta­pelt bis zur Decke. Sie waren ein will­kom­me­ner Trunk für die nach­fol­gen­de Infan­te­rie. Ein jeder Küchen­wa­gen lud auf. Da war das lager bald geleert. Als die Artil­le­rie nach­kam, die vor Durst kaum reden konn­te, gab es nur noch etwas Wein. Da in der Stadt nur Zieh­brun­nen vor­han­den waren, dau­er­te es Stun­den, bis die Pfer­de der Artil­le­rie getränkt waren. Nach zwei wei­te­ren Tagen gab es auch kei­nen Wein mehr. Die Herr­lich­keit war wie­der vor­bei.

Jetzt kam erst das schwers­te Stück Arbeit für die deut­schen Trup­pen; das war der Ais­ne­über­gang. Das muss man sich vor­stel­len. Ein gro­ßer Fluss und hun­dert Meter wei­ter der Ais­ne­ka­nal. Drei­mal wur­de von den deut­schen Pio­nie­ren die Brü­cke geschla­gen und immer wie­der von der fran­zö­si­schen Artil­le­rie zusam­men­ge­schos­sen. Hau­fen­wei­se lagen tote deut­sche Sol­da­ten vor der Brü­cke. Auch im Wie­sen­grun­de lagen Hun­der­te Kühe und Rin­der; von den Artil­le­rie­ge­schos­sen zer­fetzt und zer­stü­ckelt. Ein grau­sa­mer Anblick! Als der Über­gang über den Fluss gelun­gen war, gab es kei­nen Halt mehr für die deut­sche Trup­pe. In kur­zer Zeit waren wir his Lyon durch­ge­sto­ßen. Das fran­zö­si­sche Heer brach aus­ein­an­der. Die meis­ten Sol­da­ten waren gefan­gen. Frank­reich ergab sich und schloss Frie­den mit uns, aber lei­der nicht von Dau­er. Als Besat­zung kamen jün­ge­re Sol­da­ten in Fra­ge. Wir wur­den zurück­ver­legt nach Elsaß-Loth­rin­gen, in die Nähe von Mühl­hau­sen. Wir wur­den dort zur Heu­ern­te ein­ge­setzt, denn das Fut­ter stand noch auf der Wie­se. Auch kam nach und nach die Zivil­be­völ­ke­rung wie­der zurück. Wir beka­men aus Deutsch­land 60 jun­ge Män­ner für die Kom­pa­nie. Da sag­te eines Tages unser Spieß beim Appell: „Ich bekom­me 60 Mann Ersatz von zu Hau­se. Wer denkt, dass er daheim drin­gend benö­tigt wird, kann eine Rekla­ma­ti­on ein­rei­chen“. Bei mir lief schon ein Gesuch mei­nes Bru­ders. Er hat­te im Ers­ten Welt­krieg eine schwe­re Ver­gif­tung erlit­ten und war nicht voll arbeits­fä­hig. Ich kam zurück und wur­de in Bam­berg ent­las­sen.

Natür­lich war der Krieg noch nicht vor­bei. Immer muss­te ich damit rech­nen, dass ich wie­der geholt wer­den konn­te. Ja, so war es dann im Sep­tem­ber 1944. Ich muss­te noch ein­mal fort zum Stel­lungs­bau am West­wall, dies­mal bei Zwei­brü­cken. Täg­lich war früh um 5 Uhr Appell, dann zwei Stun­den Anmarsch zur Arbeits­stel­le. Zum Mit­tag­essen gab es Reis- oder Grieß­sup­pe. Gear­bei­tet wur­de bis 5 Uhr abends, dann wie­der zwei Stun­den Heim­marsch. Dann gab es erst eine rich­ti­ge Mahl­zeit. Ein har­tes Stroh­la­ger war die Schlaf­stel­le. Jede Nacht zwei- bis drei­mal Flie­ger­alarm. Auf vom Stroh­la­ger, die Decke umge­hängt und hin­ein in den Luft­schutz­kel­ler. Kaum war man dar­in­nen, krach­ten drau­ßen die Bom­ben.

Wer arbei­te­te am West­wall? Da waren alle Natio­nen ver­tre­ten. Durch den dau­ern­den Flie­ger­alarm und Beschuss von oben war man sei­nes Lebens nicht mehr sicher. Ein Glück, dass unse­re Arbeits­stel­le am Wald­rand lag. Da war man doch etwas siche­rer. Wenn wir früh zur Arbeit gin­gen, sah man auf allen Stra­ßen und Wegen anmar­schie­ren­de Arbeits­ko­lon­nen. Gefan­ge­ne, Dienst­ver­pflich­te­te, selbst Beam­te aus der Stadt, die noch nie eine Schau­fel in den Hän­den gehabt haben, muss­ten Arbeit bei­steu­ern zum Sie­ge.

Und dann das bru­ta­le Behan­deln der Gefan­ge­nen. Zwei Bei­spie­le möch­te ich anfüh­ren. Beim Anmarsch war früh vor uns eine Kolon­ne gefan­ge­ner Rus­sen. Wir muss­ten durch ein Eichen­wäld­chen. Auf dem Boden lagen hau­fen­wei­se Eicheln. Ein Gefan­ge­ner hat­te sich vor Hun­ger ein paar Eicheln auf­ge­le­sen. Der Kolon­nen­füh­rer, aus­staf­fiert wie ein Vieh­trei­ber, nahm sei­nen Gum­mi­knüp­pel und hau­te ihm fünf- bis sechs­mal über den Rücken. Wir hiel­ten natür­lich nicht unser Maul: „Wenn Du das noch ein­mal machst, dann kriegst Du von uns! Merk Dir das!“ Wir arbei­te­ten im Gra­ben. Als Nach­bar­ko­lon­ne arbei­te­ten Zivil­aus­län­der. Am Ran­de des West­walls arbei­te­ten Mäd­chen, die Run­kel­rü­ben her­aus­zo­gen. Ein Arbei­ter gab dem Mäd­chen ein Zei­chen, dass es eine Run­kel­rü­be in den Gra­ben wirft zum Essen. Der Auf­se­her sah das und woll­te mit sei­nem Knüp­pel zu dem Mäd­chen lau­fen. Wir ergrif­fen sofort Par­tei: „Wenn Du nicht augen­blick­lich ablässt, dann bekommst Du es mit uns zu schaf­fen!“. Er ließ von sei­nem Vor­ha­ben ab und ver­drück­te sich. Unser Anfüh­rer war der Gau­lei­ter von Brü­cken­au, eine voll­ge­fres­se­ne Plun­ze von zwei Zent­nern. Bei unse­rem Anmarsch zur Arbeits­stät­te muss­ten wir eine hal­be Stun­de eine stei­le Stei­ge hin­auf­stei­gen. Da kam jede­mal das Kom­man­do „sin­gen“. Wir sag­ten uns: „Du kannst uns …“. „Na, war­tet nur, wenn der Krieg aus ist, dann kommt die gro­ße Aus­le­se. Dann wird gesiebt. Wer nicht pariert, kommt nach Sibi­ri­en.“ Lei­der ist die Aus­le­se für die Bon­zen nicht gekom­men, die lau­fen immer noch unge­scho­ren her­um.

Als unse­re ver­ein­bar­te Zeit beim West­wall vor­über war, rück­te die Front immer näher. Man hör­te schon die Maschi­nen­ge­weh­re knat­tern. Just an dem Tag wur­de von Hit­ler der Volks­sturm zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat auf­ge­ru­fen. Als wir am Abend nach Hau­se kamen, war Appell ange­sagt. „Na was ist denn jetzt schon wie­der los, dass einer mit einer brau­nen Uni­form kommt?“ Es war der Gau­lei­ter von Zwei­brü­cken. Er begann eine gro­ße Rede über den Ernst der Lage. „Leu­te, die Lage ist ernst! Heu­te hat unser gelieb­ter Füh­rer den Volks­sturm auf­ge­ru­fen zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat. Ab heu­te seid ihr mir unter­stellt. Was die nächs­ten Tage brin­gen wer­den, wis­sen wir nicht, aber wir müs­sen und wer­den sie­gen!“ „Au weh“, haben wir gesagt, „jetzt sehen wir unse­ren Hain nicht wie­der!“ Doch ein klein wenig Glück muss der Mensch haben, und sie­he da, am andern Mor­gen stand unser Gau­lei­ter Hell­muth aus Würz­burg da. „Leu­te“, sag­te er, „ihr braucht kei­ne Angst zu haben.“ Zum Gau­lei­ter­kol­le­gen von Zwei­brü­cken sag­te er, dass sei­ne Leu­te heim­kä­men. Er orga­ni­sier­te den Zug und abends mar­schier­ten wir zum Bahn­hof. Doch fast wäre es noch schief gegan­gen. Wir saßen schon im Zug und die Loko­mo­ti­ve war schon ange­hängt. Plötz­lich gab es Flie­ger­alarm. Die Lok wur­de abge­hängt und fuhr aus dem Bahn­hof. Uns lie­ßen sie ste­hen. Die Bom­ben krach­ten auf die Stadt nie­der, dass die Erde zit­ter­te. Doch der Flie­ger­an­griff ging glück­lich vor­über.

Noch zwei­mal muss­ten wir auf der Fahrt nach Würz­burg vor Flie­gern Halt machen. Mein ein­zi­ger Gedan­ke war auf der Heim­fahrt „Ihr kriegt mich nicht mehr! Gehe es, wie es wol­le!“. Als der Volks­sturm in Gau­kö­nigs­ho­fen auf­ge­ru­fen wur­de, war ich krank. Die Ame­ri­ka­ner waren schon in Euer­hau­sen. Da woll­te so ein Fana­ti­ker den Volks­sturm ein­set­zen und mich holen. „Es tut mir leid, ich bin krank!“ sag­te ich ihm. Aus dem Vor­ha­ben ist aber nichts gewor­den, denn die Amis waren schnel­ler als er und dies war auch gut so. Wer weiß, was aus unse­rem Dorf gewor­den wäre! Dies ist ein klei­ner Aus­schnitt von den Erleb­nis­sen vom Zwei­ten Welt­krieg.

Dieser Beitrag wurde unter 1939–1945, Volkssturm, Zweiter Weltkrieg veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.