Meine Erinnerungen vom Zweiten Weltkrieg

Es war im August 1939. Schwere Angst der Bevöl­ke­rung lag in der Luft. Wird es zum Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges kom­men? Das deut­sche Volk lebte in gro­ßer Auf­re­gung, zumal der Erste Welt­krieg erst 20 Jahre zurück­lag, und ihn alle noch gut in Erin­ne­rung hat­ten. Am 28. August hat­ten wir gerade die Dre­schma­schine. Nach dem Abend­es­sen sagte ich zu den Ein­le­gern und dem Maschi­nis­ten: „Wenn wir in der Nacht nicht geholt wer­den, machen wir mor­gen früh wei­ter!“ Meine Vor­ah­nung trat ein. Von der schwe­ren Arbeit über­mü­det, fand ich kei­nen fes­ten Schlaf. Der Gedanke an den Aus­bruch eines Krie­ges ließ mir keine Ruhe. Da, plötz­lich, gegen 2 Uhr früh schlug der Hof­hund an. Gepol­ter an der Pforte. „Ja, was ist denn los?“ fragte ich mich. „Du musst sofort auf­ste­hen und unter­schrei­ben“, sag­ten der Bür­ger­meis­ter und der Orts­grup­pen­lei­ter. „Du musst mit dem 6-Uhr-Zug nach Rand­er­sa­cker und dich mel­den. Es ist Krieg!“ Von Schlaf war keine Rede mehr. Ich zog mich an und ord­nete meine Sachen. Man wusste ja nicht, was einem im Krieg wider­fah­ren würde, denn im Krieg bleibt nie­mand verschont.

Als ich am Bahn­hof ankam, stan­den schon eine Menge Reser­vis­ten da. Aktive Sol­da­ten hat­ten wir ja noch nicht soviel. Es muss­ten daher die bei­den letz­ten Jahr­gänge vom Ers­ten Welt­krieg dran glau­ben. Von Begeis­te­rung war keine Rede. Der Zug war über­voll. Doch nach und nach wurde er ab der Sta­tion Och­sen­furt nach Würz­burg lee­rer, denn bei jeder Sta­tion stieg ein schö­ner Trupp aus, um sich bei sei­nen Trup­pen­tei­len zu mel­den. Mein Ziel war Rand­er­sa­cker. Ich stieg in Win­ter­hau­sen aus und lief zu Fuß über die Brü­cke über Som­mer­hau­sen und Eibel­stadt nach Rand­er­sa­cker. Auf dem Marsch dort­hin traf ich viele Bekannte aus dem Och­sen­fur­ter Gau. In Rand­er­sa­cker ange­kom­men, musste ich mich in der Gast­wirt­schaft Schmidt mel­den. Zum Essen gab es am Mit­tag Gulasch mit Nudeln, der in der Wirt­schafts­kü­che gekocht wor­den war. Eine Feld­kü­che war noch nicht da. Nach dem Essen wurde die ärzt­li­che Unter­su­chung durch­ge­führt. Nach und nach kam alles her­bei: 20 LKW, die Feld­kü­che, Stie­fel, Uni­form, Aus­rüs­tung, Erken­nungs­marke und so wei­ter. Am Abend gab es Tee mit Wurst. Unser Nacht­la­ger war der Tanz­saal. Wir schlie­fen auf dem blan­ken Boden ohne Decke. Am zwei­ten Tag ging es dann schon recht mili­tä­risch zu. Die Parole hieß Ein­klei­den, Mili­tär­pass abho­len, Ess­ge­schirr, Gewehr mit Sei­ten­ge­wehr und Patro­nen­ta­sche mit Muni­tion fas­sen. Die Zivil­klei­der muss­ten ein­ge­packt und abge­lie­fert wer­den. Jetzt bist du Sol­dat und kein eige­ner Herr mehr. Es begann das Exer­zie­ren wie in der Rekru­ten­zeit – eine unge­wohnte Sache. Die Abfahrt mit den LKWs begann am 30. August. Nun hieß es „Lebe wohl mein Hei­mat­land: Wir wur­den nach Kit­zin­gen zum Bahn­hof gefah­ren. Dort stand ein Zug schon mit Vieh­wag­gons bereit. Doch bis alles ver­la­den war, wurde es Abend. End­lich ein Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewe­gung. Ab ging es in Rich­tung nach Polen. Über Ber­lin und Stade gelang­ten wir zur Grenze. Dort wur­den wir aus­ge­la­den. Mit Autos fuh­ren wir wei­ter über die Grenze ins Fein­des­land. Einen vol­len Tag fuh­ren wir durch die Tucho­ler Heide, in der zwei Divi­sio­nen Polen ver­steckt lagen. Es wäre für sie ein Leich­tes gewe­sen, uns zu über­fal­len. Jetzt hör­ten wir schon Kano­nen­don­ner. Die Front kam immer näher. Auf den Stra­ßen kamen uns gefan­gene Polen ent­ge­gen, mas­sen­haft. Viele hat­ten eine Run­kel­rübe in der Hand. Sie aßen sie vor Hun­ger. Wir beka­men das ganze Elend des Krie­ges zu spü­ren. Die Zivil­be­völ­ke­rung, beson­ders die Kin­der, lit­ten beson­ders dar­un­ter. Sie bet­tel­ten einen vor Hun­ger an. Man gab ihnen, was man konnte. Lie­ber ließ man es selbst abgehen.

Der Polen­feld­zug war ja bald zu Ende, doch das Aus­maß der Zer­stö­rung war groß. „Was wird wohl jetzt kom­men?“ frag­ten wir uns „Kom­men wir wie­der heim?“. Die Ant­wort beka­men wir bald. Eines Tages hieß es „fer­tig­ma­chen“. Wir wur­den zu einem grö­ße­ren Bahn­hof gefah­ren und wie­der in einen Zug ein­ge­la­den. Das war immer eine Qual, tage­lang in den Vieh­wag­gons sit­zen, kei­nen Halt für den Rücken, kein Aus­stre­cken der Beine und wenn jemand aus­tre­ten musste, stand ein Eimer in der Ecke oder er musste wäh­rend der Fahrt durch den Tür­spalt pin­keln. Ein Zivi­list kann sich davon über­haupt keine Vor­stel­lun­gen machen, wel­che Ent­beh­run­gen ein Sol­dat durch­ma­chen muss. „Wo wer­den wir jetzt lan­den?“ frag­ten wir uns wie­der. Nach tage­lan­ger Fahrt hielt unser Zug in Gemün­den am Main. Wir hat­ten schon die große Hoff­nung, dass es viel­leicht ins Lager Ham­mel­burg geht und wir von dort nach Hause geschickt wer­den. Doch wir hat­ten die Rech­nung ohne den Wirt gemacht. Gemün­den war nur Zwi­schen­sta­tion. Es gab Kaf­fee und Kom­miss­brot und jeder konnte im nahen Wald seine Not­durft ver­rich­ten. Auch stand Was­ser zum Waschen bereit. Die Unge­wiss­heit, was mit uns geschieht, lag über uns. Viele Kame­ra­den waren aus dem Spes­sart und hat­ten die Hei­mat vor Augen. Die bei­den Loko­mo­ti­ven an unse­rem Zug wur­den aus­ge­wech­selt. Die bei­den neuen tank­ten Kohle und Was­ser und wur­den am ande­ren Ende des Zuges ange­hängt. Jetzt wuss­ten wir, was gespielt wurde.

Gegen Mit­tag kam das Kom­mando „fer­tig­ma­chen“. Ein schril­ler Pfiff, und der rie­sen­lange Zug setzte sich in Bewe­gung in Rich­tung Pfalz. In Mainz war die Zug­fahrt zu Ende. Wir wur­den aus­ge­la­den, in unsere Autos ver­staut und wei­ter west­wärts gefah­ren. Unser Ziel lag in der Nähe von Kai­sers­lau­tern. Das kleine Dorf hieß Kusel. Dort war unser Quar­tier ein Getrei­de­schup­pen. Nach eini­gen Tagen beka­men wir ein fes­tes Quar­tier mit Stroh­l­a­ger. In einem Stüb­chen in der Größe 3 mal 3 Meter waren wir zu sechst unter­ge­bracht. Mit einem klei­nen Kano­nen­öf­chen konn­ten wir hei­zen. Das war schon zum Aus­hal­ten. Am Vor­mit­tag wurde exer­ziert und am Nach­mit­tag hal­fen wir der Bevöl­ke­rung bei der Kar­tof­fel­ernte, denn wegen des Krie­ges waren noch viele Kar­tof­feln auf dem Feld. Es waren meis­tens kleine, arme Land­wirte. Die Män­ner arbei­te­ten in Kai­sers­lau­tern in den Fabri­ken. Es war inter­es­sant, einen sol­chen land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ken­nen­zu­ler­nen. Scheu­nen gab es nicht oder nur ganz wenige. In den Stäl­len stan­den ein paar arm­se­lige, magere Kühe. Die Getrei­degar­ben wur­den mit­tels eines Fla­schen­zu­ges in den obe­ren Spei­cher beför­dert. Dort lager­ten sie, bis die Dre­schma­schine kam. Die Dre­schma­schine wurde von Haus zu Haus gefah­ren und an den Gie­bel gestellt. Dann wur­den die Gar­ben vom Spei­cher auf die Maschine gewor­fen und gedro­schen. Wenn jemand Dresch­gut für zwei Stun­den hatte, war es schon viel. Am Abend wurde dann mit allen, die am Dre­schen betei­ligt waren, groß gefei­ert. Das Gras für die Kühe wurde damals noch mit dem Gras­tuch auf dem Kopf heim­ge­tra­gen. In Kusel blie­ben wir unge­fähr vier Wochen im Quar­tier, dann wur­den wir näher an die Front gebracht. Wir kamen in die Nähe von Saar­brü­cken. Der Ort hieß Dir­min­gen. Die männ­li­chen Bewoh­ner waren lau­ter Gru­ben­ar­bei­ter. Ich kam mit einem Kame­ra­den von Bur­ger­roth zu einem Berg­ar­bei­ter ins Quar­tier. Er hatte vier Kin­der und eine kleine Land­wirt­schaft mit zwei Kühen. Es waren sehr gute Leute.

Nun muss­ten wir alle Tage nach Baum­hol­der, den größ­ten Trup­pen­übungs­platz Deutsch­lands. Dort wur­den wir ein­ge­setzt. Man hörte schon den Kano­nen­don­ner von der Front her. Doch es war noch kein rich­ti­ger Krieg, mehr ein Geplän­kel hin und her. Doch es gab schon einige Gefal­lene. Man war sich bei den Obe­ren noch nicht so recht einig, soll es Ernst wer­den oder nicht. Viel­leicht war man mit der Auf­rüs­tung noch nicht so weit. Der Win­ter 1939/40 war streng, und man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte. Frei­lich waren die Stra­pa­zen tags­über groß. Muss­ten wir doch jeden Tag um 5 Uhr mit dem Auto drei Stun­den bei 30 Grad Kälte fah­ren. Als wir anka­men, muss­ten wir uns fast vom Wagen heben, so steif waren wir gefro­ren. So ver­ging der Win­ter. Der Früh­ling war sehr schön. Dazwi­schen hatte ich ein­mal 14 Tage Urlaub. Unser Kom­pa­nie­chef stammte aus Nürn­berg und war ein sehr guter Mensch. Er war schon 65 Jahre alt und ist spä­ter in Russ­land gefallen.

Das Sprich­wort heißt: Der Mai bringt so aller­lei. So war es auch. Es war ein schö­ner Mai­en­tag. Kaum hat­ten wir am 6. Mai Mit­tag gemacht, hieß es „fert­i­ma­chen und alles mit­neh­men“. Im Nu war alles gepackt. Nach dem Kom­mando „auf­ge­ses­sen“ fuh­ren wir in Rich­tung Saarbrücken-Röchlingen ab.

Wir fuh­ren durch das schöne Saar­land, an der Saar­burg vor­bei. Die schö­nen Wein­berge, es war ein­fach eine mär­chen­hafte Gegend. Die Mosel­straße ent­lang, über die Mosel­brü­cke ging es nach Luxem­burg. In einem gro­ßen Musik­saale wur­den wir ein­quar­tiert. Mit dem Stroh­l­a­ger waren wir zufrie­den. Jetzt merkte man schon, dass sich etwas zusam­men­braute. Es wurde ernst mit der Sache. Dann am 8. Mai begann der Kampf auf Leben und Tod. Wir muss­ten jeden Tag Gra­na­ten mit unse­ren Wagen an die Front fah­ren. Es war eine harte und gefähr­li­che Arbeit. Im Wald waren unzäh­lige Gra­na­ten jeg­li­chen Kali­bers auf­ge­sta­pelt. So weit das Auge reichte, nichts als Gra­na­ten. Hätte eine feind­li­che Gra­nate oder Bombe das Lager getrof­fen, es wäre ein unvor­stell­ba­res Aus­maß an Ver­wüs­tung auf­ge­tre­ten. Doch Luxem­burg war neu­tral. Es wurde von Hit­ler über­fal­len, weil er es als Auf­marsch­ge­biet benötigte.

Wir waren in Luxem­burg 8 Tage ein­ge­setzt, dann ging es über die Grenze nach Bel­gien. Vor­bei an der Fes­tung Bel­fort, die von den Fran­zo­sen hart ver­tei­digt wurde. Jetzt sah alles nach Krieg aus. Bel­fort ist eine der größ­ten Fes­tun­gen Frank­reichs, die schon im Ers­ten Welt­krieg schwere Men­schen­op­fer kos­tete. Die Kämpfe nah­men jetzt Tag für Tag an Härte zu, doch das fran­zö­si­sche Heer war nicht mehr das von 1914/18. Es war eben nicht gerüs­tet und auf einen Krieg ein­ge­stellt. Frank­reich wurde schon im Ers­ten Welt­krieg von Ame­rika mit Aus­rüs­tung belie­fert und auch beim Zwei­ten Welt­krieg, als sich die Deut­schen zurück­zie­hen muss­ten. An Zähig­keit und Aus­dauer war der fran­zö­si­sche Sol­dat dem deut­schen eben­bür­tig. Nach­dem die Fes­tung Bel­fort in deut­schen Hän­den war, ging es schon etwas zügi­ger vor­wärts. Nach kur­zer Zeit war Bel­gien in deut­scher Hand. Nun ging es über die Grenze nach Sedan. Wie­viel Kriegs­er­in­ne­run­gen aus dem 70er Krieg kom­men da in den patrio­ti­schen Lie­dern zum Aus­druck: „Fern bei Sedan …“. Im Mor­gen­grauen kamen wir mit der Bahn nach Sedan. Am Bahn­hof wurde eine Rast für ein Kaf­fee­früh­stück ein­ge­legt. Da kam der Bahn­vor­stand mit Hemd und Hose und Pan­tof­feln aus dem Haus. Er rieb sich die Augen. Ja, was ist denn da los? Er dachte, wir seien Fran­zo­sen. Er wollte wie­der ins Haus zurück. Wir dol­metsch­ten: „Du, dablei­ben. Wir Dir nichts machen!“. Er ließ sich über­zeu­gen und gab uns die Hand.

Zurück­den­ken muss ich auch an die Stadt Bar-le-Duc. Es war eine große Stadt und wir waren als erste dort. All­mäh­lich kam das Hee­res­gros nach. Was gab es da nicht alles in den gro­ßen Kauf­häu­sern. Es war wie in Frie­dens­zei­ten. Von der Steck­na­del bis zur kom­plet­ten Möbe­l­ein­rich­tung war noch alles vor­han­den. Zwei Tage spä­ter musste man über meter­ho­hen Unrat stei­gen. Wein gab es in Men­gen. In einer Braue­rei fan­den wir volle Bier­fäs­ser, auf­ge­sta­pelt bis zur Decke. Sie waren ein will­kom­me­ner Trunk für die nach­fol­gende Infan­te­rie. Ein jeder Küchen­wa­gen lud auf. Da war das lager bald geleert. Als die Artil­le­rie nach­kam, die vor Durst kaum reden konnte, gab es nur noch etwas Wein. Da in der Stadt nur Zieh­brun­nen vor­han­den waren, dau­erte es Stun­den, bis die Pferde der Artil­le­rie getränkt waren. Nach zwei wei­te­ren Tagen gab es auch kei­nen Wein mehr. Die Herr­lich­keit war wie­der vorbei.

Jetzt kam erst das schwerste Stück Arbeit für die deut­schen Trup­pen; das war der Ais­ne­über­gang. Das muss man sich vor­stel­len. Ein gro­ßer Fluss und hun­dert Meter wei­ter der Ais­ne­ka­nal. Drei­mal wurde von den deut­schen Pio­nie­ren die Brü­cke geschla­gen und immer wie­der von der fran­zö­si­schen Artil­le­rie zusam­men­ge­schos­sen. Hau­fen­weise lagen tote deut­sche Sol­da­ten vor der Brü­cke. Auch im Wie­sen­grunde lagen Hun­derte Kühe und Rin­der; von den Artil­le­rie­ge­schos­sen zer­fetzt und zer­stü­ckelt. Ein grau­sa­mer Anblick! Als der Über­gang über den Fluss gelun­gen war, gab es kei­nen Halt mehr für die deut­sche Truppe. In kur­zer Zeit waren wir his Lyon durch­ge­sto­ßen. Das fran­zö­si­sche Heer brach aus­ein­an­der. Die meis­ten Sol­da­ten waren gefan­gen. Frank­reich ergab sich und schloss Frie­den mit uns, aber lei­der nicht von Dauer. Als Besat­zung kamen jün­gere Sol­da­ten in Frage. Wir wur­den zurück­ver­legt nach Elsaß-Lothringen, in die Nähe von Mühl­hau­sen. Wir wur­den dort zur Heu­ernte ein­ge­setzt, denn das Fut­ter stand noch auf der Wiese. Auch kam nach und nach die Zivil­be­völ­ke­rung wie­der zurück. Wir beka­men aus Deutsch­land 60 junge Män­ner für die Kom­pa­nie. Da sagte eines Tages unser Spieß beim Appell: „Ich bekomme 60 Mann Ersatz von zu Hause. Wer denkt, dass er daheim drin­gend benö­tigt wird, kann eine Rekla­ma­tion ein­rei­chen“. Bei mir lief schon ein Gesuch mei­nes Bru­ders. Er hatte im Ers­ten Welt­krieg eine schwere Ver­gif­tung erlit­ten und war nicht voll arbeits­fä­hig. Ich kam zurück und wurde in Bam­berg entlassen.

Natür­lich war der Krieg noch nicht vor­bei. Immer musste ich damit rech­nen, dass ich wie­der geholt wer­den konnte. Ja, so war es dann im Sep­tem­ber 1944. Ich musste noch ein­mal fort zum Stel­lungs­bau am West­wall, dies­mal bei Zwei­brü­cken. Täg­lich war früh um 5 Uhr Appell, dann zwei Stun­den Anmarsch zur Arbeits­stelle. Zum Mit­tag­es­sen gab es Reis– oder Grieß­suppe. Gear­bei­tet wurde bis 5 Uhr abends, dann wie­der zwei Stun­den Heim­marsch. Dann gab es erst eine rich­tige Mahl­zeit. Ein har­tes Stroh­l­a­ger war die Schlaf­stelle. Jede Nacht zwei– bis drei­mal Flie­ger­alarm. Auf vom Stroh­l­a­ger, die Decke umge­hängt und hin­ein in den Luft­schutz­kel­ler. Kaum war man dar­in­nen, krach­ten drau­ßen die Bomben.

Wer arbei­tete am West­wall? Da waren alle Natio­nen ver­tre­ten. Durch den dau­ern­den Flie­ger­alarm und Beschuss von oben war man sei­nes Lebens nicht mehr sicher. Ein Glück, dass unsere Arbeits­stelle am Wald­rand lag. Da war man doch etwas siche­rer. Wenn wir früh zur Arbeit gin­gen, sah man auf allen Stra­ßen und Wegen anmar­schie­rende Arbeits­ko­lon­nen. Gefan­gene, Dienst­ver­pflich­tete, selbst Beamte aus der Stadt, die noch nie eine Schau­fel in den Hän­den gehabt haben, muss­ten Arbeit bei­steu­ern zum Siege.

Und dann das bru­tale Behan­deln der Gefan­ge­nen. Zwei Bei­spiele möchte ich anfüh­ren. Beim Anmarsch war früh vor uns eine Kolonne gefan­ge­ner Rus­sen. Wir muss­ten durch ein Eichen­wäld­chen. Auf dem Boden lagen hau­fen­weise Eicheln. Ein Gefan­ge­ner hatte sich vor Hun­ger ein paar Eicheln auf­ge­le­sen. Der Kolon­nen­füh­rer, aus­staf­fiert wie ein Vieh­trei­ber, nahm sei­nen Gum­mi­knüp­pel und haute ihm fünf– bis sechs­mal über den Rücken. Wir hiel­ten natür­lich nicht unser Maul: „Wenn Du das noch ein­mal machst, dann kriegst Du von uns! Merk Dir das!“ Wir arbei­te­ten im Gra­ben. Als Nach­bar­ko­lonne arbei­te­ten Zivil­aus­län­der. Am Rande des West­walls arbei­te­ten Mäd­chen, die Run­kel­rü­ben her­aus­zo­gen. Ein Arbei­ter gab dem Mäd­chen ein Zei­chen, dass es eine Run­kel­rübe in den Gra­ben wirft zum Essen. Der Auf­se­her sah das und wollte mit sei­nem Knüp­pel zu dem Mäd­chen lau­fen. Wir ergrif­fen sofort Par­tei: „Wenn Du nicht augen­blick­lich ablässt, dann bekommst Du es mit uns zu schaf­fen!“. Er ließ von sei­nem Vor­ha­ben ab und ver­drückte sich. Unser Anfüh­rer war der Gau­lei­ter von Brü­ckenau, eine voll­ge­fres­sene Plunze von zwei Zent­nern. Bei unse­rem Anmarsch zur Arbeits­stätte muss­ten wir eine halbe Stunde eine steile Steige hin­auf­stei­gen. Da kam jede­mal das Kom­mando „sin­gen“. Wir sag­ten uns: „Du kannst uns …“. „Na, war­tet nur, wenn der Krieg aus ist, dann kommt die große Aus­lese. Dann wird gesiebt. Wer nicht pariert, kommt nach Sibi­rien.“ Lei­der ist die Aus­lese für die Bon­zen nicht gekom­men, die lau­fen immer noch unge­scho­ren herum.

Als unsere ver­ein­barte Zeit beim West­wall vor­über war, rückte die Front immer näher. Man hörte schon die Maschi­nen­ge­wehre knat­tern. Just an dem Tag wurde von Hit­ler der Volks­sturm zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat auf­ge­ru­fen. Als wir am Abend nach Hause kamen, war Appell ange­sagt. „Na was ist denn jetzt schon wie­der los, dass einer mit einer brau­nen Uni­form kommt?“ Es war der Gau­lei­ter von Zwei­brü­cken. Er begann eine große Rede über den Ernst der Lage. „Leute, die Lage ist ernst! Heute hat unser gelieb­ter Füh­rer den Volks­sturm auf­ge­ru­fen zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat. Ab heute seid ihr mir unter­stellt. Was die nächs­ten Tage brin­gen wer­den, wis­sen wir nicht, aber wir müs­sen und wer­den sie­gen!“ „Au weh“, haben wir gesagt, „jetzt sehen wir unse­ren Hain nicht wie­der!“ Doch ein klein wenig Glück muss der Mensch haben, und siehe da, am andern Mor­gen stand unser Gau­lei­ter Hell­muth aus Würz­burg da. „Leute“, sagte er, „ihr braucht keine Angst zu haben.“ Zum Gau­lei­ter­kol­le­gen von Zwei­brü­cken sagte er, dass seine Leute heim­kä­men. Er orga­ni­sierte den Zug und abends mar­schier­ten wir zum Bahn­hof. Doch fast wäre es noch schief gegan­gen. Wir saßen schon im Zug und die Loko­mo­tive war schon ange­hängt. Plötz­lich gab es Flie­ger­alarm. Die Lok wurde abge­hängt und fuhr aus dem Bahn­hof. Uns lie­ßen sie ste­hen. Die Bom­ben krach­ten auf die Stadt nie­der, dass die Erde zit­terte. Doch der Flie­ger­an­griff ging glück­lich vorüber.

Noch zwei­mal muss­ten wir auf der Fahrt nach Würz­burg vor Flie­gern Halt machen. Mein ein­zi­ger Gedanke war auf der Heim­fahrt „Ihr kriegt mich nicht mehr! Gehe es, wie es wolle!“. Als der Volks­sturm in Gau­kö­nigs­ho­fen auf­ge­ru­fen wurde, war ich krank. Die Ame­ri­ka­ner waren schon in Euer­hau­sen. Da wollte so ein Fana­ti­ker den Volks­sturm ein­set­zen und mich holen. „Es tut mir leid, ich bin krank!“ sagte ich ihm. Aus dem Vor­ha­ben ist aber nichts gewor­den, denn die Amis waren schnel­ler als er und dies war auch gut so. Wer weiß, was aus unse­rem Dorf gewor­den wäre! Dies ist ein klei­ner Aus­schnitt von den Erleb­nis­sen vom Zwei­ten Weltkrieg.

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