Meine Erinnerungen vom Zweiten Weltkrieg

Es war im August 1939. Schwere Angst der Bevölkerung lag in der Luft. Wird es zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommen? Das deutsche Volk lebte in großer Aufregung, zumal der Erste Weltkrieg erst 20 Jahre zurücklag, und ihn alle noch gut in Erinnerung hatten. Am 28. August hatten wir gerade die Dreschmaschine. Nach dem Abendessen sagte ich zu den Einlegern und dem Maschinisten: „Wenn wir in der Nacht nicht geholt werden, machen wir morgen früh weiter!“ Meine Vorahnung trat ein. Von der schweren Arbeit übermüdet, fand ich keinen festen Schlaf. Der Gedanke an den Ausbruch eines Krieges ließ mir keine Ruhe. Da, plötzlich, gegen 2 Uhr früh schlug der Hofhund an. Gepolter an der Pforte. „Ja, was ist denn los?“ fragte ich mich. „Du musst sofort aufstehen und unterschreiben“, sagten der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter. „Du musst mit dem 6-Uhr-Zug nach Randersacker und dich melden. Es ist Krieg!“ Von Schlaf war keine Rede mehr. Ich zog mich an und ordnete meine Sachen. Man wusste ja nicht, was einem im Krieg widerfahren würde, denn im Krieg bleibt niemand verschont.

Als ich am Bahnhof ankam, standen schon eine Menge Reservisten da. Aktive Soldaten hatten wir ja noch nicht soviel. Es mussten daher die beiden letzten Jahrgänge vom Ersten Weltkrieg dran glauben. Von Begeisterung war keine Rede. Der Zug war übervoll. Doch nach und nach wurde er ab der Station Ochsenfurt nach Würzburg leerer, denn bei jeder Station stieg ein schöner Trupp aus, um sich bei seinen Truppenteilen zu melden. Mein Ziel war Randersacker. Ich stieg in Winterhausen aus und lief zu Fuß über die Brücke über Sommerhausen und Eibelstadt nach Randersacker. Auf dem Marsch dorthin traf ich viele Bekannte aus dem Ochsenfurter Gau. In Randersacker angekommen, musste ich mich in der Gastwirtschaft Schmidt melden. Zum Essen gab es am Mittag Gulasch mit Nudeln, der in der Wirtschaftsküche gekocht worden war. Eine Feldküche war noch nicht da. Nach dem Essen wurde die ärztliche Untersuchung durchgeführt. Nach und nach kam alles herbei: 20 LKW, die Feldküche, Stiefel, Uniform, Ausrüstung, Erkennungsmarke und so weiter. Am Abend gab es Tee mit Wurst. Unser Nachtlager war der Tanzsaal. Wir schliefen auf dem blanken Boden ohne Decke. Am zweiten Tag ging es dann schon recht militärisch zu. Die Parole hieß Einkleiden, Militärpass abholen, Essgeschirr, Gewehr mit Seitengewehr und Patronentasche mit Munition fassen. Die Zivilkleider mussten eingepackt und abgeliefert werden. Jetzt bist du Soldat und kein eigener Herr mehr. Es begann das Exerzieren wie in der Rekrutenzeit – eine ungewohnte Sache. Die Abfahrt mit den LKWs begann am 30. August. Nun hieß es „Lebe wohl mein Heimatland: Wir wurden nach Kitzingen zum Bahnhof gefahren. Dort stand ein Zug schon mit Viehwaggons bereit. Doch bis alles verladen war, wurde es Abend. Endlich ein Pfiff, und der Zug setzte sich in Bewegung. Ab ging es in Richtung nach Polen. Über Berlin und Stade gelangten wir zur Grenze. Dort wurden wir ausgeladen. Mit Autos fuhren wir weiter über die Grenze ins Feindesland. Einen vollen Tag fuhren wir durch die Tucholer Heide, in der zwei Divisionen Polen versteckt lagen. Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, uns zu überfallen. Jetzt hörten wir schon Kanonendonner. Die Front kam immer näher. Auf den Straßen kamen uns gefangene Polen entgegen, massenhaft. Viele hatten eine Runkelrübe in der Hand. Sie aßen sie vor Hunger. Wir bekamen das ganze Elend des Krieges zu spüren. Die Zivilbevölkerung, besonders die Kinder, litten besonders darunter. Sie bettelten einen vor Hunger an. Man gab ihnen, was man konnte. Lieber ließ man es selbst abgehen.

Der Polenfeldzug war ja bald zu Ende, doch das Ausmaß der Zerstörung war groß. „Was wird wohl jetzt kommen?“ fragten wir uns „Kommen wir wieder heim?“. Die Antwort bekamen wir bald. Eines Tages hieß es „fertigmachen“. Wir wurden zu einem größeren Bahnhof gefahren und wieder in einen Zug eingeladen. Das war immer eine Qual, tagelang in den Viehwaggons sitzen, keinen Halt für den Rücken, kein Ausstrecken der Beine und wenn jemand austreten musste, stand ein Eimer in der Ecke oder er musste während der Fahrt durch den Türspalt pinkeln. Ein Zivilist kann sich davon überhaupt keine Vorstellungen machen, welche Entbehrungen ein Soldat durchmachen muss. „Wo werden wir jetzt landen?“ fragten wir uns wieder. Nach tagelanger Fahrt hielt unser Zug in Gemünden am Main. Wir hatten schon die große Hoffnung, dass es vielleicht ins Lager Hammelburg geht und wir von dort nach Hause geschickt werden. Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Gemünden war nur Zwischenstation. Es gab Kaffee und Kommissbrot und jeder konnte im nahen Wald seine Notdurft verrichten. Auch stand Wasser zum Waschen bereit. Die Ungewissheit, was mit uns geschieht, lag über uns. Viele Kameraden waren aus dem Spessart und hatten die Heimat vor Augen. Die beiden Lokomotiven an unserem Zug wurden ausgewechselt. Die beiden neuen tankten Kohle und Wasser und wurden am anderen Ende des Zuges angehängt. Jetzt wussten wir, was gespielt wurde.

Gegen Mittag kam das Kommando „fertigmachen“. Ein schriller Pfiff, und der riesenlange Zug setzte sich in Bewegung in Richtung Pfalz. In Mainz war die Zugfahrt zu Ende. Wir wurden ausgeladen, in unsere Autos verstaut und weiter westwärts gefahren. Unser Ziel lag in der Nähe von Kaiserslautern. Das kleine Dorf hieß Kusel. Dort war unser Quartier ein Getreideschuppen. Nach einigen Tagen bekamen wir ein festes Quartier mit Strohlager. In einem Stübchen in der Größe 3 mal 3 Meter waren wir zu sechst untergebracht. Mit einem kleinen Kanonenöfchen konnten wir heizen. Das war schon zum Aushalten. Am Vormittag wurde exerziert und am Nachmittag halfen wir der Bevölkerung bei der Kartoffelernte, denn wegen des Krieges waren noch viele Kartoffeln auf dem Feld. Es waren meistens kleine, arme Landwirte. Die Männer arbeiteten in Kaiserslautern in den Fabriken. Es war interessant, einen solchen landwirtschaftlichen Betrieb kennenzulernen. Scheunen gab es nicht oder nur ganz wenige. In den Ställen standen ein paar armselige, magere Kühe. Die Getreidegarben wurden mittels eines Flaschenzuges in den oberen Speicher befördert. Dort lagerten sie, bis die Dreschmaschine kam. Die Dreschmaschine wurde von Haus zu Haus gefahren und an den Giebel gestellt. Dann wurden die Garben vom Speicher auf die Maschine geworfen und gedroschen. Wenn jemand Dreschgut für zwei Stunden hatte, war es schon viel. Am Abend wurde dann mit allen, die am Dreschen beteiligt waren, groß gefeiert. Das Gras für die Kühe wurde damals noch mit dem Grastuch auf dem Kopf heimgetragen. In Kusel blieben wir ungefähr vier Wochen im Quartier, dann wurden wir näher an die Front gebracht. Wir kamen in die Nähe von Saarbrücken. Der Ort hieß Dirmingen. Die männlichen Bewohner waren lauter Grubenarbeiter. Ich kam mit einem Kameraden von Burgerroth zu einem Bergarbeiter ins Quartier. Er hatte vier Kinder und eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen. Es waren sehr gute Leute.

Nun mussten wir alle Tage nach Baumholder, den größten Truppenübungsplatz Deutschlands. Dort wurden wir eingesetzt. Man hörte schon den Kanonendonner von der Front her. Doch es war noch kein richtiger Krieg, mehr ein Geplänkel hin und her. Doch es gab schon einige Gefallene. Man war sich bei den Oberen noch nicht so recht einig, soll es Ernst werden oder nicht. Vielleicht war man mit der Aufrüstung noch nicht so weit. Der Winter 1939/40 war streng, und man war froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte. Freilich waren die Strapazen tagsüber groß. Mussten wir doch jeden Tag um 5 Uhr mit dem Auto drei Stunden bei 30 Grad Kälte fahren. Als wir ankamen, mussten wir uns fast vom Wagen heben, so steif waren wir gefroren. So verging der Winter. Der Frühling war sehr schön. Dazwischen hatte ich einmal 14 Tage Urlaub. Unser Kompaniechef stammte aus Nürnberg und war ein sehr guter Mensch. Er war schon 65 Jahre alt und ist später in Russland gefallen.

Das Sprichwort heißt: Der Mai bringt so allerlei. So war es auch. Es war ein schöner Maientag. Kaum hatten wir am 6. Mai Mittag gemacht, hieß es „fertimachen und alles mitnehmen“. Im Nu war alles gepackt. Nach dem Kommando „aufgesessen“ fuhren wir in Richtung Saarbrücken-Röchlingen ab.

Wir fuhren durch das schöne Saarland, an der Saarburg vorbei. Die schönen Weinberge, es war einfach eine märchenhafte Gegend. Die Moselstraße entlang, über die Moselbrücke ging es nach Luxemburg. In einem großen Musiksaale wurden wir einquartiert. Mit dem Strohlager waren wir zufrieden. Jetzt merkte man schon, dass sich etwas zusammenbraute. Es wurde ernst mit der Sache. Dann am 8. Mai begann der Kampf auf Leben und Tod. Wir mussten jeden Tag Granaten mit unseren Wagen an die Front fahren. Es war eine harte und gefährliche Arbeit. Im Wald waren unzählige Granaten jeglichen Kalibers aufgestapelt. So weit das Auge reichte, nichts als Granaten. Hätte eine feindliche Granate oder Bombe das Lager getroffen, es wäre ein unvorstellbares Ausmaß an Verwüstung aufgetreten. Doch Luxemburg war neutral. Es wurde von Hitler überfallen, weil er es als Aufmarschgebiet benötigte.

Wir waren in Luxemburg 8 Tage eingesetzt, dann ging es über die Grenze nach Belgien. Vorbei an der Festung Belfort, die von den Franzosen hart verteidigt wurde. Jetzt sah alles nach Krieg aus. Belfort ist eine der größten Festungen Frankreichs, die schon im Ersten Weltkrieg schwere Menschenopfer kostete. Die Kämpfe nahmen jetzt Tag für Tag an Härte zu, doch das französische Heer war nicht mehr das von 1914/18. Es war eben nicht gerüstet und auf einen Krieg eingestellt. Frankreich wurde schon im Ersten Weltkrieg von Amerika mit Ausrüstung beliefert und auch beim Zweiten Weltkrieg, als sich die Deutschen zurückziehen mussten. An Zähigkeit und Ausdauer war der französische Soldat dem deutschen ebenbürtig. Nachdem die Festung Belfort in deutschen Händen war, ging es schon etwas zügiger vorwärts. Nach kurzer Zeit war Belgien in deutscher Hand. Nun ging es über die Grenze nach Sedan. Wieviel Kriegserinnerungen aus dem 70er Krieg kommen da in den patriotischen Liedern zum Ausdruck: „Fern bei Sedan …“. Im Morgengrauen kamen wir mit der Bahn nach Sedan. Am Bahnhof wurde eine Rast für ein Kaffeefrühstück eingelegt. Da kam der Bahnvorstand mit Hemd und Hose und Pantoffeln aus dem Haus. Er rieb sich die Augen. Ja, was ist denn da los? Er dachte, wir seien Franzosen. Er wollte wieder ins Haus zurück. Wir dolmetschten: „Du, dableiben. Wir Dir nichts machen!“. Er ließ sich überzeugen und gab uns die Hand.

Zurückdenken muss ich auch an die Stadt Bar-le-Duc. Es war eine große Stadt und wir waren als erste dort. Allmählich kam das Heeresgros nach. Was gab es da nicht alles in den großen Kaufhäusern. Es war wie in Friedenszeiten. Von der Stecknadel bis zur kompletten Möbeleinrichtung war noch alles vorhanden. Zwei Tage später musste man über meterhohen Unrat steigen. Wein gab es in Mengen. In einer Brauerei fanden wir volle Bierfässer, aufgestapelt bis zur Decke. Sie waren ein willkommener Trunk für die nachfolgende Infanterie. Ein jeder Küchenwagen lud auf. Da war das lager bald geleert. Als die Artillerie nachkam, die vor Durst kaum reden konnte, gab es nur noch etwas Wein. Da in der Stadt nur Ziehbrunnen vorhanden waren, dauerte es Stunden, bis die Pferde der Artillerie getränkt waren. Nach zwei weiteren Tagen gab es auch keinen Wein mehr. Die Herrlichkeit war wieder vorbei.

Jetzt kam erst das schwerste Stück Arbeit für die deutschen Truppen; das war der Aisneübergang. Das muss man sich vorstellen. Ein großer Fluss und hundert Meter weiter der Aisnekanal. Dreimal wurde von den deutschen Pionieren die Brücke geschlagen und immer wieder von der französischen Artillerie zusammengeschossen. Haufenweise lagen tote deutsche Soldaten vor der Brücke. Auch im Wiesengrunde lagen Hunderte Kühe und Rinder; von den Artilleriegeschossen zerfetzt und zerstückelt. Ein grausamer Anblick! Als der Übergang über den Fluss gelungen war, gab es keinen Halt mehr für die deutsche Truppe. In kurzer Zeit waren wir his Lyon durchgestoßen. Das französische Heer brach auseinander. Die meisten Soldaten waren gefangen. Frankreich ergab sich und schloss Frieden mit uns, aber leider nicht von Dauer. Als Besatzung kamen jüngere Soldaten in Frage. Wir wurden zurückverlegt nach Elsaß-Lothringen, in die Nähe von Mühlhausen. Wir wurden dort zur Heuernte eingesetzt, denn das Futter stand noch auf der Wiese. Auch kam nach und nach die Zivilbevölkerung wieder zurück. Wir bekamen aus Deutschland 60 junge Männer für die Kompanie. Da sagte eines Tages unser Spieß beim Appell: „Ich bekomme 60 Mann Ersatz von zu Hause. Wer denkt, dass er daheim dringend benötigt wird, kann eine Reklamation einreichen“. Bei mir lief schon ein Gesuch meines Bruders. Er hatte im Ersten Weltkrieg eine schwere Vergiftung erlitten und war nicht voll arbeitsfähig. Ich kam zurück und wurde in Bamberg entlassen.

Natürlich war der Krieg noch nicht vorbei. Immer musste ich damit rechnen, dass ich wieder geholt werden konnte. Ja, so war es dann im September 1944. Ich musste noch einmal fort zum Stellungsbau am Westwall, diesmal bei Zweibrücken. Täglich war früh um 5 Uhr Appell, dann zwei Stunden Anmarsch zur Arbeitsstelle. Zum Mittagessen gab es Reis- oder Grießsuppe. Gearbeitet wurde bis 5 Uhr abends, dann wieder zwei Stunden Heimmarsch. Dann gab es erst eine richtige Mahlzeit. Ein hartes Strohlager war die Schlafstelle. Jede Nacht zwei- bis dreimal Fliegeralarm. Auf vom Strohlager, die Decke umgehängt und hinein in den Luftschutzkeller. Kaum war man darinnen, krachten draußen die Bomben.

Wer arbeitete am Westwall? Da waren alle Nationen vertreten. Durch den dauernden Fliegeralarm und Beschuss von oben war man seines Lebens nicht mehr sicher. Ein Glück, dass unsere Arbeitsstelle am Waldrand lag. Da war man doch etwas sicherer. Wenn wir früh zur Arbeit gingen, sah man auf allen Straßen und Wegen anmarschierende Arbeitskolonnen. Gefangene, Dienstverpflichtete, selbst Beamte aus der Stadt, die noch nie eine Schaufel in den Händen gehabt haben, mussten Arbeit beisteuern zum Siege.

Und dann das brutale Behandeln der Gefangenen. Zwei Beispiele möchte ich anführen. Beim Anmarsch war früh vor uns eine Kolonne gefangener Russen. Wir mussten durch ein Eichenwäldchen. Auf dem Boden lagen haufenweise Eicheln. Ein Gefangener hatte sich vor Hunger ein paar Eicheln aufgelesen. Der Kolonnenführer, ausstaffiert wie ein Viehtreiber, nahm seinen Gummiknüppel und haute ihm fünf- bis sechsmal über den Rücken. Wir hielten natürlich nicht unser Maul: „Wenn Du das noch einmal machst, dann kriegst Du von uns! Merk Dir das!“ Wir arbeiteten im Graben. Als Nachbarkolonne arbeiteten Zivilausländer. Am Rande des Westwalls arbeiteten Mädchen, die Runkelrüben herauszogen. Ein Arbeiter gab dem Mädchen ein Zeichen, dass es eine Runkelrübe in den Graben wirft zum Essen. Der Aufseher sah das und wollte mit seinem Knüppel zu dem Mädchen laufen. Wir ergriffen sofort Partei: „Wenn Du nicht augenblicklich ablässt, dann bekommst Du es mit uns zu schaffen!“. Er ließ von seinem Vorhaben ab und verdrückte sich. Unser Anführer war der Gauleiter von Brückenau, eine vollgefressene Plunze von zwei Zentnern. Bei unserem Anmarsch zur Arbeitsstätte mussten wir eine halbe Stunde eine steile Steige hinaufsteigen. Da kam jedemal das Kommando „singen“. Wir sagten uns: „Du kannst uns …“. „Na, wartet nur, wenn der Krieg aus ist, dann kommt die große Auslese. Dann wird gesiebt. Wer nicht pariert, kommt nach Sibirien.“ Leider ist die Auslese für die Bonzen nicht gekommen, die laufen immer noch ungeschoren herum.

Als unsere vereinbarte Zeit beim Westwall vorüber war, rückte die Front immer näher. Man hörte schon die Maschinengewehre knattern. Just an dem Tag wurde von Hitler der Volkssturm zur Verteidigung der Heimat aufgerufen. Als wir am Abend nach Hause kamen, war Appell angesagt. „Na was ist denn jetzt schon wieder los, dass einer mit einer braunen Uniform kommt?“ Es war der Gauleiter von Zweibrücken. Er begann eine große Rede über den Ernst der Lage. „Leute, die Lage ist ernst! Heute hat unser geliebter Führer den Volkssturm aufgerufen zur Verteidigung der Heimat. Ab heute seid ihr mir unterstellt. Was die nächsten Tage bringen werden, wissen wir nicht, aber wir müssen und werden siegen!“ „Au weh“, haben wir gesagt, „jetzt sehen wir unseren Hain nicht wieder!“ Doch ein klein wenig Glück muss der Mensch haben, und siehe da, am andern Morgen stand unser Gauleiter Hellmuth aus Würzburg da. „Leute“, sagte er, „ihr braucht keine Angst zu haben.“ Zum Gauleiterkollegen von Zweibrücken sagte er, dass seine Leute heimkämen. Er organisierte den Zug und abends marschierten wir zum Bahnhof. Doch fast wäre es noch schief gegangen. Wir saßen schon im Zug und die Lokomotive war schon angehängt. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Die Lok wurde abgehängt und fuhr aus dem Bahnhof. Uns ließen sie stehen. Die Bomben krachten auf die Stadt nieder, dass die Erde zitterte. Doch der Fliegerangriff ging glücklich vorüber.

Noch zweimal mussten wir auf der Fahrt nach Würzburg vor Fliegern Halt machen. Mein einziger Gedanke war auf der Heimfahrt „Ihr kriegt mich nicht mehr! Gehe es, wie es wolle!“. Als der Volkssturm in Gaukönigshofen aufgerufen wurde, war ich krank. Die Amerikaner waren schon in Euerhausen. Da wollte so ein Fanatiker den Volkssturm einsetzen und mich holen. „Es tut mir leid, ich bin krank!“ sagte ich ihm. Aus dem Vorhaben ist aber nichts geworden, denn die Amis waren schneller als er und dies war auch gut so. Wer weiß, was aus unserem Dorf geworden wäre! Dies ist ein kleiner Ausschnitt von den Erlebnissen vom Zweiten Weltkrieg.

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