Die Juden in unserem Dorf

Wie­viele Juden gab es in unse­rem Dorf? Wel­cher Arbeit gin­gen sie nach?

In der Nähe unse­res Hau­ses, in der Brun­nen­straße, wohn­ten David, Sara, Miriam und Schie­fel. Sie leb­ten in einem ver­wahr­los­ten Hause. Nach ihrem Tode wurde es abge­ris­sen und der Platz ging in den Besitz von Peter Busch über. Es waren vier ledige Geschwis­ter, ver­dreckt in Haus und Hof. Ich kann den David heute noch sehen, wie er bei Voll­mond bei unse­rem Anwe­sen auf– und abging, mit sei­ner Gebets­rolle in sei­ner Hand, den Blick zum Mond gerich­tet. Sie waren ohne Beruf, ohne Ein­kom­men und leb­ten wahr­schein­lich von den Almo­sen der hie­si­gen Juden. Gleich hin­ter unse­rem Obst­gar­ten über der Straße war die Juden­schule mit Leh­rer­woh­nung. Dahin­ter stand die Syn­agoge. Neben der Juden­schule stand ein kleine, ein­schös­si­ges Häus­chen von Katz. Es waren noch zwei ledige Juden­mäd­chen da. Katz hatte ein Kind. Er ernährte sich vom Pelz­han­del und neben­bei war er noch Pack­jude. Sie sind alle im KZ umge­kom­men. Das Häus­chen wurde von der Gemeinde erwor­ben und weg­ge­ris­sen. Gleich neben unse­rem Gar­ten stand das Kauf­haus von Levis Braun­schild. Es lebte zuletzt eine Wit­frau dort. Sie starb schon vor der Kris­tall­nacht. Das Anwe­sen ging in den Besitz von Alois Rum­mel über. Die Syn­agoge und die Juden­schule erwarb die Gemeinde. Gleich neben dem Haus von Braun­schild war auch die Juden­tau­che. Diese erwarb Mar­tin Herr­mann und baute sie zu einer Bull­do­g­halle um. Am Ende unse­res Gar­tens, über der Straße, war das Schlöss­chen mit einem Getrei­de­spei­cher und Pfer­de­stall. Spei­cher und Stall erwarb Franz Mark. Das stolze Schloss erwarb die Gemeinde. Nach dem Krieg wurde es abge­ris­sen und auf dem Grund­stück die neue Grund­schule erbaut. Der ehe­ma­lige Besit­zer hieß Klee­mann, hatte vier Kin­der und war Getrei­de­händ­ler. Neben­bei führte er noch ein gro­ßes Tex­til­ge­schäft. Teil­weise sind die Fami­li­en­mit­glie­der nach Ame­rika aus­ge­wan­dert, teil­weise umge­kom­men. Einige Häu­ser wei­ter begann dann das eigent­li­che Juden­vier­tel. Da gab es zunächst das Anwe­sen Bern­hard Weil. Er war Vieh­händ­ler, auch Pfer­de­händ­ler. Er besaß eine kleine Land­wirt­schaft und hatte zwei Kin­der. Zum Glück sind sie alle aus­ge­wan­dert, bevor die Ver­nich­tung der Juden begann. Der jet­zige Besit­zer ist Alfred End­res. In der Straße „Königs­hof“ lagen drei jüdi­sche Besitze. Königs­hof Nr. 2 war der Besitz von Fer­di­nand Weil, ein Bru­der von Bern­hard Weil. Er war auch Vieh– und Pfer­de­händ­ler. Er hatte zwei Kin­der. Alle sind im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist meine Wenig­keit. Ein Haus wei­ter nach unten gehörte Josef Thal­hei­mer. Er besaß ein klei­nes Kauf­lä­del­chen mit etwas Vieh­han­del. Er war ein armer Jude. Seine Frau ist an den Fol­gen der Kris­tall­nacht gestor­ben. Er und seine bei­den Kin­der sind im KZ umge­kom­men. Der Jet­zige Besit­zer ist Karl Sie­ber. Dann wie­der ein Haus wei­ter, das Eck­haus war im Besitz von Samuel Krebs. Er war auch Vieh­händ­ler und hatte zwei Kin­der. Sie sind auch im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Oskar Schrod. Über der Straße lag dann das Anwe­sen von Bern­hard Wei­kers­hei­mer. Er war ledig und hatte einen Bru­der, der Dok­tor in Ame­rika war, und eine Schwes­ter. Bern­hard war der Große bei den Juden: Häu­ser­mak­ler, Vieh– und Pfer­de­händ­ler. Er ist noch vor der Ver­fol­gung nach Ame­rika aus gewan­dert. Nebenan lag das Anwe­sen Rot­stein. Er war auch Vieh­händ­ler. Er hatte zwei Kin­der. Sind alle im KZ umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Georg Bru­mann. Hin­ten in der Julius-Echter-Straße hat­ten die Main­zer zwei Anwe­sen. Sie sind auch alle umge­kom­men. Ein Anwe­sen hat Eli­sa­beth Wehr, das andere und grö­ßere Mar­tin Hemm. Gleich nebenan waren Haus und Fabrik von Ignaz und Vitus Wei­kers­hei­mer. Der Besit­zer hatte schon vor der Nazi­zeit bank­rott gemacht. Alle sind aus­ge­wan­dert. Gärt­ner Kon­rad Michel hat alles erwor­ben. Vorne in der Mühl­straße war das Anwe­sen von Grü­ne­baum. Er war auch ein armer Pack­jude mit einem klei­nen Lädel­chen. Er hatte ein Kind. Sie sind alle umge­kom­men. Das Anwe­sen wurde abge­ris­sen. Der Platz wurde geteilt, eine Hälfte erwarb Valen­tin Michel, die andere Johann Michel. Ein Haus wei­ter wohnte Fami­lie Forch­hei­mer. Sie hat­ten ein Kind. Er war auch Pack­jude mit einem klei­nen Geschäft. Sie sind auch alle umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Andreas Fleck. Über der Straße dann ein Ein­zel­haus. Es gehörte drei ledi­gen alten Juden. Die Fami­lie Bach waren Öl– und Fett­händ­ler. Sie sind auch alle umge­kom­men. Der jet­zige Besit­zer ist Andreas Busch. Dann über ein Haus wei­ter, auf der lin­ken Seite, wohnte Max Sichel. Er besaß einen Laden und war Vieh­händ­ler. Er hatte drei oder vier Kin­der. Alle sind schon bei­zei­ten aus­ge­wan­dert. Der jet­zige Besit­zer ist Oskar Höfner.

Das waren vor der Ver­nich­tung die Juden unse­res Dor­fes. Teils waren sie wohl­ha­bend, die meis­ten aber waren arm. Es war ein Aus­kom­men mit ihnen. Sie haben uns Chris­ten respek­tiert und kei­nem etwas zuleide getan. Es ist frei­lich auch ein­mal vor­ge­kom­men, dass sie einen, auf deutsch gesagt, aus­ge­hackt haben. Dann war aber meis­tens der­selbe selbst schuld. Es sind seit­dem fast 50 Jahre ver­gan­gen. Das Unrecht, das man ihnen ange­tan hat, soll für die Jugend und die spä­te­ren Gene­ra­tio­nen als Mah­nung erhal­ten blei­ben. Aus die­sem Grunde habe ich mich ent­schlos­sen, einen Rück­blick über die Juden des Dor­fes zu schreiben.

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