Wie ich die Reichskristallnacht erlebte

Am 9. Novem­ber 1938 lag es wie ein schwe­res Gewit­ter in der Luft. Der Juden­hass der Nazis hat­te einen Höhe­punkt erreicht und kann­te kei­ne Gren­zen mehr. Was sich die Nazis in ihrem Hass nur aus­den­ken konn­ten, das wur­de aus­ge­führt. Selbst den Brand des Reichs­tags­ge­bäu­des schob man ihnen in die Schu­he, obwohl er von den eige­nen Nazis aus­ge­führt wor­den ist. Am Abend des 9. Novem­ber 1938 war es dann so weit. Wie ein Blitz aus hei­te­rem Him­mel brach der Sturm gegen die Juden los.

Unser Gar­ten grenz­te an die Juden­schu­le und die Syn­ago­ge an. Auch das Kauf­haus des Getrei­de­händ­lers Klee­mann stand in unse­rer Nach­bar­schaft. In die­ser Zeit konn­te man kaum noch ruhig schla­fen. Ein böses Wort gegen Hit­ler oder die Par­tei konn­te einem schon das Leben kos­ten. Ich woll­te am Abend des 9. Novem­ber gera­de ins Bett gehen, als ich drau­ßen Lär­men und Schrei­en hör­te. Ich dach­te: „Was ist denn da los?“. Als gar noch das Klir­ren von Fens­tern zu hören war, glaub­te ich, der Teu­fel sei los. Ich schau­te zu mei­nem Fens­ter hin­aus und schau­te zum Anwe­sen Klee­mann hin­über. Wie bei einem Schnee­ge­stö­ber flo­gen die Federn der auf­ge­schlitz­ten Bet­ten durch die Luft. Kein Fens­ter war mehr ganz. Alle Haus­tü­ren waren mit schwe­ren Schle­geln ein­ge­schla­gen wor­den. Die gan­ze Haus­ein­rich­tung, Schrän­ke, Bett­stel­len, Lam­pen und Küchen­ge­schirr, lag zer­trüm­mert auf dem Boden. Als der Tumult los ging, war das gan­ze Dorf ver­sam­melt, um dage­gen zu pro­tes­tie­ren. Mich hat es nicht mehr zu Hau­se gehal­ten. Ich klei­de­te mich schnell an und lief zum hin­te­ren Gar­ten­tür­chen hin­aus auf die Stra­ße. Schon stand ich mit­ten drin. Die Nazis waren gera­de dabei, die Syn­ago­ge zu zer­trüm­mern. Die Bun­des­la­de, das Aller­hei­ligs­te der Juden, wur­de auf dem Boden zer­schla­gen. Vol­ler Empö­rung dar­über konn­te ich mich nicht mehr hal­ten. „Pfui“, schrie ich. Sofort war ein Nazi mit einem dicken Gum­mi­knüp­pel da. „Wer hat da geru­fen?“ brüll­te er. Zum Glück konn­te ich in der Men­ge unter­tau­chen. Hät­te er mich erwischt,wer weiß, was mir geblüht hät­te. Im Ober­dorf an der Haupt­stra­ße stand ein offe­nes Sand­au­to. Dort­hin wur­den alle männ­li­chen Juden geschleppt. Die meis­ten hat­ten bloß Hemd und Hose an; kei­ne Strümp­fe und vie­le kei­ne Schu­he. So muss­ten sie bei bit­te­rer Käl­te stun­den­lang auf dem Last­au­to kau­ern. Ich glau­be, es hat­te eini­ge Gra­de unter Null, bis der Abtrans­port ins Unge­wis­se geschah. Ein Bild wer­de ich in mei­nem Leben nie ver­ges­sen, wie sie den Juden­leh­rer, der bloß mit Hemd und Hose beklei­det war, in der Sei­ten­gas­se zum Auto hin­auf schlepp­ten. Zwei SAler schlepp­ten ihn, ein Drit­ter ging mit einem Knüp­pel hin­ter­her. Er ver­setz­te dem Juden lau­fend Schlä­ge und trat ihn mit den Füßen in den Hin­tern, dabei fluch­te er: „Sau­jud, ver­damm­ter, heb dei­ne Lat­schen und beweg dich etwas schnel­ler!“ Das gan­ze war ein Bild des Grau­ens. Man konn­te sagen: „Volk, was habe ich dir getan, dass du mich so pei­nigst? Habe ich nicht im Ers­ten Welt­krieg mei­ne Pflicht getan? Wie vie­le von uns haben auf dem Schlacht­feld ihr Leben für das deut­sche Vater­land gelas­sen?“. Fünf Juden von hier hat­ten für ihre Tap­fer­keit das Eiser­ne Kreuz erhal­ten; das sei neben­bei gesagt.

Nun wie­der zurück zur Kris­tall­nacht. Am nächs­ten Tag sah man erst das Gräu­el, das die Nazis ange­stellt hat­ten. Im Unter­dorf, wo das soge­nann­te Juden­vier­tel war, hat­ten sie ein gro­ßes Feu­er ange­macht. Sämt­li­che Papie­re, wie Rech­nun­gen , Ver­si­che­run­gen, Bücher und sons­ti­ge Sachen wur­den ein Raub der Flam­men. Sogar Bet­ten und aus­ge­häng­te Haus­tü­ren wur­den ver­brannt. Eine gute Juden­frau, die sich vor den Nazis ver­ste­cken konn­te, stieg über unse­ren Zaun und ver­steck­te sich in bit­ter­kal­ter Nacht hin­ter einem Strauch. Sie erkäl­te­te sich so stark, dass sie ein paar Tage spä­ter ver­starb. Es durf­te ja kein Arzt zu einem kran­ken Juden.

Das Schlimms­te war, dass SAler von Och­sen­furt und lei­der auch von hier, die bei den Juden ihr Brot ver­dient haben, die bes­tia­li­schen Umtrei­ber gewe­sen sind. Auch das Aus­lei­hen von Ham­mer­schle­geln aus dem Dorf soll erwähnt sein. Es ist eine Schan­de für das Dorf. Man schweigt dar­über um des Frie­dens wil­len. Es war ein him­mel­schrei­en­des Unrecht, das man den Juden ange­tan hat­te. Die gerech­te Stra­fe für das deut­sche Volk ist nicht aus­ge­blie­ben.

Unter Mit­tag des nächs­ten Tages bin ich schnell ein­mal in die zer­stör­ten Häu­ser gegan­gen um mir das Aus­maß ein­mal näher zu betrach­ten. Wie hat es da aus­ge­schaut! Ich habe mit den Leu­ten gefühlt und mei­ne Anteil­nah­me und mein Bedau­ern aus­ge­spro­chen. Da kam ich in ein Haus, in dem eine älte­re Frau wohn­te . Sie woll­te zu ihren Eltern fah­ren, die in der Nähe von Lohr wohn­ten. Der Mann und ihre Buben waren von den Nazis mit­ge­nom­men wor­den. Sie woll­te etwas Klei­der aus dem Schrank mit­neh­men, doch der lag mit den Türen am Boden. Sie bat mich, ob ich nicht den Schrank auf­he­ben könn­te. Mit letz­ter Kraft ist es mir gelun­gen, den schwe­ren Schrank auf­zu­he­ben. Sie nahm eini­ge Klei­der her­aus und sag­te zu mir: „Herr Dürr, ich hät­te noch eine klei­ne Bit­te: Nach­dem das Tür­schloss ein­ge­schla­gen wur­de, ist es mir nicht mehr mög­lich, das Haus abzu­schlie­ßen. Wenn ich das Haus ver­las­sen habe, sind sie so gut und rie­geln die Tür von innen zu.“ Ich tat es und hüpf­te dann zum Fens­ter hin­aus. Für mich war es ein gro­ßes Wag­nis. Hät­te mich jemand gese­hen, hät­te es gehei­ßen, dass ich geplün­dert habe. Das hät­te mir mei­nen Kopf kos­ten kön­nen. Heu­te bin ich froh, dass ich ihr die­sen Dienst erwie­sen habe.

Ja, es war damals ein gro­ßes Ver­bre­chen und eine gro­ße Schan­de für das deut­sche Volk, dass sie den Juden das ange­tan haben. Die Stra­fe dafür muss­ten wir lei­der alle büßen! Soviel mei­ne Erin­ne­run­gen von der Kris­tall­nacht vom 9. Novem­ber 1938.

Dieser Beitrag wurde unter 1933–1938, Dorfleben, Judenverfolgung, Zivilcourage veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.