Das Kaisermanöver im Herbst 1910

Es war im Herbst 1910, und ich war 10 Jahre alt. In den Wirts­häu­sern und im Dorfe sprach es sich herum, dass im Herbst in Unter­fran­ken ein gro­ßes Manö­ver statt­fände. Eines Tages kamen dann die Quar­tier­ma­cher ins Dorf, um für die Trup­pen­teile Unter­künfte zu fin­den. In den länd­li­chen Gemein­den wur­den meis­tens Rei­ter­trup­pen und Artil­le­rie unter­ge­bracht, weil ja Scheu­nen vor­han­den und Stroh und Heu da waren. Wir beka­men 20 Pferde und 20 Mann zuge­teilt. Es waren Ula­nen. Wir räum­ten unsere Scheu­nen­ten­nen aus und stell­ten Wagen und Maschi­nen in den Hof. Am nächs­ten Tag gegen Abend kamen sie ange­rit­ten. Die Lan­zen mit den weiß­blauen Fähn­chen sta­ken im Sat­tel­schaft. Wir hat­ten schon alles vor­be­rei­tet. Längs der Scheu­nen­tenne hat­ten wir Eisen­klo­ben ein­ge­schla­gen, damit sie die Pferde anbin­den konn­ten. Heu und Hafer wurde im Ober­dorf aus­ge­ge­ben; das muss­ten die Rei­ter selbst holen. Da musste unser Schub­kar­ren her­hal­ten. Die Rei­ter über­nach­te­ten in der Fut­ter­kam­mer. Wir hat­ten sie wäh­rend des Manö­vers als Stroh­l­a­ger ein­ge­rich­tet. Wie hat­ten wir Buben es not­wen­dig und was gab es da nicht alles zu erzäh­len! Beim Pfer­de­put­zen und Geschir­rei­ni­gen war jeden Mor­gen etwas los im Hof. Danach war dann Pfer­deap­pell in der Haupt­straße. Das war ein Bild! Die ganze Haupt­straße ent­lang auf bei­den Sei­ten Pferd an Pferd und dazu die Lan­zen mit den Fähn­chen und die schö­nen Uni­for­men. Es war ein unver­gess­lich schö­nes Bild!

Neben den Ula­nen war auch Artil­le­rie im Dorfe unter­ge­bracht. Als das Manö­ver begann, war es ver­bo­ten, die Flur zu betre­ten. Über der mitt­le­ren, Och­sen­fur­ter und Brun­nen­steige, vom Tückel­häu­ser Wald bis zum Kreut­berg stand eine Bat­te­rie der Artil­le­rie. In Rich­tung Lohe wurde dann scharf geschos­sen. Am Wald­rand stand eine beweg­li­che Attrappe. Auf sie wurde geschos­sen. Was gab es da für uns Buben nicht alles zu sehen. Oh, wenn wir nur auch schon groß wären ‚sag­ten wir uns. Doch es dau­erte nicht lange, beka­men wir es zu spü­ren, was wirk­lich Krieg ist. Doch damals dach­ten wir anders.

Das Haupt­kampf­ge­biet des Manö­vers lag in der Gegend Sulz­dorf, Gie­bel­stadt, Rin­der­feld und Kirch­heim, weil es da viel Wald gab. Dort wurde auch eine mar­kierte Rei­ter­schlacht durch­ge­führt. Ich kann mich noch gut an das täg­li­che Wecken des Trom­pe­ters und an den abend­li­chen Zap­fen­streich erin­nern. Da die Fel­der mit Kar­tof­feln und Rüben noch nicht abge­ern­tet waren, sah es bös aus. Ein Regi­ment Artil­le­rie über­querte, von der Lohe kom­mend, die ganze Breite unse­rer Gemar­kung. Da brauchte man dann von man­chem Acker nichts mehr ern­ten. Es wurde zwar gut ent­schä­digt, doch um ein Feld ackern zu kön­nen, brauchte man schon vier Pferde. Es war alles in Grund und Boden gefah­ren, regel­recht untergestampft.

Wir beka­men 3000 Mark Entschädigung,doch muss­ten wir viel Fut­ter kau­fen, damit wir das Vieh über den Win­ter brin­gen konn­ten. Ich kann mich noch gut daran erin­nern, als die Ula­nen zu uns sag­ten, mor­gen gehe es in den Kampf. Da stan­den wir Buben sehr früh auf, denn wir woll­ten ja alles sehen. Es war viel­leicht gegen 5 Uhr früh, die Sonne war noch nicht auf­ge­gan­gen, da waren die Pferde schon geputzt, gefüt­tert und gesat­telt. Die Sol­da­ten hol­ten ihr Früh­stück aus der Feld­kü­che. Kaum waren sie mit dem Früh­stück fer­tig, erscholl das Trom­pe­ten­si­gnal zum Fer­tig­ma­chen und Auf­set­zen. Auf zum Kampf rit­ten sie mit Fan­fa­ren­klang durch das Dorf in Rich­tung Sulzdorf/Kirchheim. Im Wald sam­mel­ten sie sich. Auch die Rei­ter der Umge­bung schlos­sen sich den hie­si­gen an. Es war ein Bild, das man nie ver­gisst. Die Straße gegen Wolks­hau­sen und Gie­bel­stadt zeigte ein ein­zi­ges Fah­nen­meer. Kaum war der Tag ange­bro­chen, dröhnte schon die Artil­le­rie, und das zwei Tage lang. Viele von hier gin­gen in das Manö­ver­ge­biet, um das Gefecht aus der Nähe zu sehen. Auch unser Kai­ser und der baye­ri­sche König waren da und sahen sich das Manö­ver an. Den Bau­ern in die­ser Gegend ging es auch nicht anders als uns. Auch sie muss­ten mit Vor­spann ackern und das Fut­ter für den Win­ter kaufen.

Was war doch das frü­her im Kai­ser­reich für eine schöne und glück­li­che Zeit! Die Bevöl­ke­rung war zufrieden.

Und wie ist es heute mit unse­rer Regie­rung? Die Par­teien ran­geln hin und her, strei­ten sich und sind bloß auf ihren Vor­teil aus, natür­lich auf Kos­ten der Kleinen.

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