Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und die Zeit dazwischen

Am 28. Juni 1914 wurden in Sarajewo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau ermordet . Dunkle, drohende Wolken hingen über unserem Vaterland. Am l. August kam der Donnerschlag. Er hieß „Krieg“. Wir hatten einen Bauernburschen von hier als Knecht, der am 1. Januar 1914 seinen aktiven Wehrdienst hinter sich gebracht hatte. Wir waren draußen auf dem Feld beim Getreideaufräumen. Die Getreideernte sollte beginnen. Gegen 10 Uhr kam meine älteste Schwester aufs Feld gerannt und rief atemlos: „Josef, du musst gleich heim. Ein Telegramm ist für dich angekommen. Du musst sofort einrücken!“ Josef stand wie gelähmt da, auch alle Leute auf dem Feld schienen wie erstarrt. Diese schlimme Botschaft sprach sich wie ein Lauffeuer herum. Allen war die Lust am Arbeiten vergangen. Josef ging nach Hause, richtete seine Sachen, brachte alles in Ordnung und mit dem 12-Uhr-Zug fuhr er fort. Der Zug war voll von Soldaten und Reservisten. Die Waggons waren mit Blumen geschmückt, und es herrschte eine große Begeisterung. Als der Zug die Station verließ ,sang man das Deutschlandlied. In Würzburg kleidete man die Männer ein. Sie bekamen Uniform, Gewehr, Munition und die übrige Kriegsausrüstung. Richtung Frankreich hieß die Parole. Auf Wiedersehn! Bis Weihnachten sind wir wieder zu Hause! Wann Weihnachten kommen würde, wußte damals noch niemand.

Kurz nach Ausbruch des Krieges musste auch mein ältester Bruder einrücken. Nach der Ausbildung in der Kaserne kam er als Infanterist 1915 an die Westfront. Nun war ich 14 Jahre alt, mein anderer Bruder 13. Wir zwei waren die einzigen Mannsbilder auf dem Hof. Ein schweres Stück Arbeit wartete auf uns. Zum Glück lebten noch Tante, Großtante und Großmutter auf dem Hof. Auch unser Onkel, mein Taufpate, stand uns mit Rat und Tat bei. Mein älterer Bruder, der Arzt studierte, half uns in den Ferien nach Kräften bei der Ernte mit.

Am ersten Mobilmachungstag mussten auch unsere beiden Pferde um 5 Uhr nachmittags zur Musterung nach Ochsenfurt gebracht werden. In aller Herrgottsfrühe wurde der Klee noch geschnitten und tagsüber Getreide. Immer wieder trieben wir die Pferde zur Eile an. Allmählich zeigte sich bei den Pferden Müdigkeit. Mein Bruder Adam und der Lehrers Seppl, ein echter Pferdenarr, der dauernd mit unseren Pferden umgegangen ist, ließen es sich nicht nehmen, die Pferde in Ochsenfurt vorzuführen. Sie ritten im strengsten Galopp nach Ochsenfurt, wo sie bis 12 Uhr in der Nacht warten mussten, bis sie zur Vorführung kamen. Die Pferde, von der schweren Arbeit und dem scharfen Ritt müde geworden, hatten Muskelkater und hinkten nur so. Entsprechend war auch das Vorführungsergebnis. Solche Pferde können wir nicht gebrauchen. Sie sind untauglich. Wir schliefen schon alle. Mitten in der Nacht, gegen 2 Uhr morgens, kamen sie mit den Pferden aus Ochsenfurt zurück, durchnässt bis auf die Haut, denn es war ein Gewitter mit starkem Regen. Aber sie jubelten. Wir standen auf, deckten die Pferde mit Decken ab und führten sie in den Stall. Nachdem wir sie kräftig abgerieben hatten, bekamen sie noch eine kräftige Haferzulage. Doch sie rührten nichts an, so erschöpft waren sie. Am nächsten Tag durften sie im Stall bleiben. Wir hatten unsere Pferde wieder. Während der ersten Kriegsjahre war noch öfters Musterung; wir sind aber immer gut davongekommen.

Im Jahre 1915 bekamen wir eine Aushilfe aus Ochsenfurt. Der Mann, ein früherer Gaukönigshöfer, war 45 Jahre alt, wohnte in Ochsenfurt und hatte im Steinbruch gearbeitet, der aber geschlossen worden war. Er arbeitete von Montag bis Samstag; über Sonntag fuhr er heim zu seiner Familie.

1916 meldete sich mein Bruder Adam freiwillig zu den Fliegern. Der Lehrersohn Seppl ging zur Artillerie, nur, dass er ein Pferd bekam. Bald wurde mein Bruder Adam zum Fliegerleutnant befördert. 1917 mussten wir dann doch noch ein Pferd abgeben. Mein Onkel kaufte uns wieder ein neues. Der gute Onkel ist dann 1917 auch gestorben. Ich musste nun mit 17 Jahren die beiden Betriebe, unseren und den des Onkels versorgen. Dies war keine leichte Aufgabe. Ich habe oft während der Ernte von früh 10 Uhr bis abends 9 Uhr mit der Flügelmaschine ohne Mittagspause geschnitten. Ich war wohl reklamiert, musste aber 1918 dann doch einrücken. Mein Bruder wurde m i t 17 1/2 Jahren geholt. Beide mussten wir das Ende des Krieges mitmachen. Mein ältester Bruder war in englischer Gefangenschaft und kam halb krank nach Hause. Er hatte bei einem Gasangriff vergiftetes Wasser getrunken.

Dann kam das Jahr 1919. Die Spartakisten hatten das halbe Land besetzt. Überall in den Städten hatten sich Freikorps gebildet zur Abwehr, so auch in Würzburg. Überall warb man dafür, auch in meinem Heimatort. Der Bürgermeister sagte zu uns Jungen, die den letzten Kriegsjahrgang bildeten: „Ihr Buben, es ist eine Schande, dass sich von hier keiner zum Freikorps meldet!“ Drei von hier griffen es auf und meldeten sich. Das war im April 1919. Mein Bruder Adam war schon einige Wochen zuvor zum Freikorps gegangen und hat die Kämpfe in Annaberg, Schlesien, mitgemacht. Also fuhren wir am nächsten Tag mit unseren Köfferchen nach Würzburg und meldeten uns in der Realschule. Dort befand sich die Meldestelle. Als das Bataillon zusammengestellt wurde, kam einer zum Maschinengewehr, einer zur Artillerie und ich zur Infanterie. Dann marschierten wir zum Verladebahnhof. Nachts fuhren wir ab nach München, wo wir in der Schwabinger Bräu einquartiert wurden. Der Aufstand in München war bald niedergeschlagen. Danach bestand unsere Hauptaufgabe darin, Hausdurchsuchungen durchzuführen und nach versteckten Waffen zu suchen. Mit Stolz marschierten wir durch die Stadt, in schmucker Uniform, das fränkische Wappen auf der Armbinde und übervoll mit Handgranaten behangen. Als die Ruhe wieder hergestellt und alles in Ordnung war, wurden wir aufgelöst. Uns wurde angeboten, in die Reichswehr einzutreten. War es ein Fehler, dass ich es nicht gemacht habe? Ich war halt ein Naturfreund und der Natur verschworen!

1923 in der Inflation kaufte ich mir mein erstes Fahrrad für 500 Millionen Mark, Zwischenzeitlich hatte mein Bruder das väterliche Anwesen übernommen. Meine Geschwister und ich wurden auch mit Millionen abgefunden. Es wurde aber später vom Amtsgericht für nichtig erklärt, weil meine jüngeren Geschwister noch unter Vormundschaft standen. Es bekam dann jeder von uns 7000 Rentenmark. Das war damals gutes Geld. Da nirgends die Möglichkeit bestand, eine Arbeitsstelle zu finden, blieb ich zu Hause. Ich tat es mit Rücksicht auf meinen Bruder, der krank aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war. Ich bekam Lohn wie ein Großknecht, 300 Mark im Jahr.

Mitte der zwanziger Jahre wurde der Kriegerverein Gaukönigshofen gegründet. Ich war zuerst Fahnenbegleiter, später Fahnenträger. Es gibt fast keinen Ort im Ochsenfurter Gau, wo wir nicht zur Fahnenweihe waren. Zu dieser Zeit hatten sich in der Kitzinger Gegend schon die Nazis breitgemacht. Der spätere Gauleiter Dr. Hellmuth war ein Zahnarzt von Marktbreit. Wir waren zur Fahnenweihe in Obernbreit. Da passierte uns folgendes: Ein Nazi hielt eine Festansprache, danach wurde die Nationalhymne gespielt und gesungen. Unser Vorstand sagte zu mir: „Wir bleiben sitzen!“ Das war natürlich ein Fehler. Plötzlich stieg ein Mann auf das Podium und rief mit lauter Stimme: „Es gibt Vereine, die sich nicht die Mühe machen, beim Deutschlandlied aufzustehen!“ „Du“, sagte der Vorstand, „wir müssen fort, sonst bekommen wir Hiebe!“ Der Vorstand hatte einen guten Freund dort und zu dem sagte er als Vorwand: „Unser Zug geht bald in Marktbreit ab. Können wir unser Fahnenband bekommen?“ Wir erhielten es, packten die Fahne ein und hauten ab.

Auch eine schöne Erinnerung war die Fahnenweihe in Wolkshausen. Wir liefen zu Fuß hinauf. Die Reiter und die Musik standen am Dorfeingang bereit, uns in Empfang zu nehmen. Vom Regen in der Nacht standen noch große Wasserpfütze auf der Straße. Als plötzlich die Musik einsetzte, scheute ein Pferd, bäumte sich auf und der Reiter fiel mit Frack und Zylinder vom Pferde in eine Pfütze. Das Pferd aber sauste auf und davon. Wir bogen uns alle vor Lachen.

Nach dem Ersten Weltkrieg besaß fast jedes Dorf wegen der unruhigen Zeiten eine Bürgerwehr. Gewehre und Munition waren zur Genüge vorhanden. Wir allein hatten drei Gewehre. Fast jeden Sonntag war am Lagerhaus zur mittleren Steige Scharfschießen.

Erwähnen mochte ich noch, dass wir Burschen fast jeden Sonntag mit dem Rad einen Ausflug machten. Ein paarmal sind wir auf dem Schwanberg bei Rödelsee gewesen. Am Fuße stellten wir unsere Räder ab. Als wir sie wieder holen wollten, waren sie voll mit Hakenkreuzplaketten beklebt. So konnten wir nicht nicht Hause fahren. Was wurden da die Juden denken? Da die Rahmen ganz voll geklebt waren, hatten wir eine halbe Stunde Arbeit, bis wir alle Plaketten wieder weg hatten.

1929 begannen die Arbeiten für die Flurbereinigung. Jede freie Minute wurde genutzt, um die Feldarbeit nebenbei zu erledigen. Täglich wurde bei der Flurbereinigung von 7 bis 12 und von 13 bis 18 Uhr gearbeitet. In der einstündigen Mittagspause liefen wir zu Fuß nach Hause und wieder aufs Feld. Dafür bekamen wir 50 Pfennig Trinkgeld zusätzlich zum Lohn. Der Winter 1929 war äußerst streng. Diese Kälteperiode dauerte vom 10. Januar bis zum 8. März. Dann war die Sonne so stark, dass innerhalb weniger Tage der meterhohe Schnee verschwunden war. 1934 war die Flurbereinigung abgeschlossen, und die neuen Acker zum ersten Mal angebaut. Noch nebenbei erwähnt: 1924/25 kaufte mein Bruder einen Bindermäher, da war die Getreideernte leichter. 1934 hatte ich die Gelegenheit, 2,26 ha Ackerland zu kaufen. Es kostete zur damaligen Zeit nicht ganz 10.000 Mark. Nun war ich selbst Besitzer und hatte meinen Bauernstolz. Nun konnte mit dem Geld kommen was es wollte! Ich verpachtete meine Feldstücke und mit dem Pachtzins und dem Lohn, den ich von meinem Bruder bekam, wuchs mein Vermögen. Im Frühjahr 1939 kaufte ich mir ein Anwesen mit etwas Feld. Es war jüdischer Besitz gewesen. Nun war ich wirklich mein eigener Herr.

Doch die Rechnung und meine Träume gingen nicht auf. Es kam anders, als ich dachte! Wieder lag eine düstere Stimmung über unserem Vaterland. Sollte wieder ein Weltkrieg kommen? Am 25. August 1939 hatten wir die Dreschmaschine. Nach dem Abendessen sagte ich zum Maschinisten: „Morgen früh, wenn wir noch da sind, machen wir weiter!“ Er erwiderte: „Ich glaube nicht, dass es soweit kommt, dass wir fort müssen!“ Ich legte mich müde ins Bett, doch ich brachte den Gedanken nicht los: „Heute nacht wirst du aus deinem Schlaf gestört“. Meine Vorahnung war richtig. Nachts um 1 Uhr schlug der Hofhund an. An der alten Pforte rumpelte es. Ich machte mein Fenster auf und fragte: „Was ist denn los?“ Eine Stimme antwortete: „Mach mal auf! Du musst unterschreiben!“ Es waren der Bürgermeister und der Ortsgruppenleiter, die die Leute aus dem Schlafe holten. Mein Stellungsbefehl lautete: Sofort einrücken nach Randersacker „Gasthaus Schmitt“. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Ich blieb auf, ordnete meine Sachen und früh 6 Uhr fuhr ich mit dem ersten Zug zu meinem Ziel. Beim Aussteigen traf ich viele Kameraden aus dem ganzen
Gau. In Randersacker selbst ging es schon hoch her. Gegen Abend erhielten wir das erste Essen: Ein Eintopfgericht aus der Küche des Gastwirts Schmitt. Zum Schlafen wurde uns der Tanzsaal zugewiesen. Wir mussten auf dem blanken Boden ohne Decke schlafen. Am nächsten Tag bekamen wir die Uniformen und sonstigen Ausrüstungsgegenstände: Gasmaske, Erkennungsmarke u.a. Auch die Feldküche rückte an. Unsere Kompanie war 250 Mann stark. Sie bestand aus den beiden letzten Jahrgängen des Ersten Weltkrieges. Nach der Einkleidung wurden wir vereidigt. Nun wurde es bitterer Ernst. Seit 1918 war es die vierte. Bis zum 30. August wurde noch fleißig exerziert, dann ging es nach Polen. Wir waren motorisiert. Wir fuhren mit unseren Fahrzeugen nach Kitzingen, dort wurden wir verladen in Richtung Feindesland, d.h. für uns war es keines. Begeisterung kam keine auf. Die meisten Kameraden stammten aus dem Spessart, aber auch vom Ochsenfurter Gau war fast aus jeder Ortschaft einer dabei.

Als der Krieg mit Polen zu Ende war, wurden wir wieder eingeladen. Wir hofften schon, dass es wieder nach Hause geht. Als aber in Gemünden sich die Lok abhängte und sich am anderen Ende des Zuges wieder anhängte, wussten wir, wo der Wind herwehte. Es ging in Richtung Westen.

Mein Bruder zu Hause musste gleich ein Pferd für die Truppen stellen, doch hatte er die Gelegenheit, einen Traktor zu kaufen. Er musste ihn aber selbst in der Fabrik bei Mannheim abholen. Das war einer der ersten im Dorfe. Das jüdische Haus, das ich gekauft hatte, bewohnte ich noch nicht. So wurde es gleich zu Beginn des Krieges vom Flugplatz Giebelstadt beschlagnahmt. Die Räume nutzte man als Wachstube, Schreibstube und Krankenstube. Im Hof wurde noch eine Feldküche eingerichtet. Am Ende des Krieges waren die Fußböden und manch anderes ruiniert.

Doch wieder zurück zu meiner Kompanie. Von Gemünden fuhren wir in Richtung Frankfurt nach Mainz. Dort wurden wir ausgeladen und mit Autos nach Kaiserslautern gebracht. Dort lud man uns aus und quartierte uns in den umliegenden Ortschaften in Massenquartieren ein. Von hier wurden wir ins Saargebiet verlegt, später in die Pfalz. Täglich fuhren wir nach Baumholder, dem größten Truppenübungsplatz Deutschlands, und am Abend wieder retour. Dann bekamen wir erst unser Essen, zubereitet von zwei Köchen aus Würzburg. So verging der erste Kriegswinter bis zum 8. Mai 1940. Wir saßen gerade in der Küche und putzten Pflücksalat, als auf einmal unser Chef kam und sagte: „Alles fertig machen. Jetzt geht es wieder los!“ Schnell packten wir die Sachen zusammen. Durch die Pfalz ging es dann nach Luxembourg. Ein Strohhaufen auf dem Felde war an der Grenze unser Nachtquartier. Am nächsten Tag überschritten wir die Grenze, die die Mosel bildete,nach Luxembourg. Es gab kaum Widerstand. Über Belgien, Belfort, gelangten wir nach Frankreich. Den Hauptwiderstand leisteten die Franzosen bei den Aisne-Übergängen, wo es unsere Divisionen meistens mit Schwarzen zu tun hatten. Da gab es für die Deutschen herbe Verluste. War der Widerstand gebrochen, rollte es wieder vorwärts. Wir gelangten bis nach Lyon. Da war der Westfeldzug am Ende. Ein jeder dachte nun, dass der Krieg aus sei.

Doch das eigentliche Elend begann erst im Juni 1941, als der Überfall auf Russland begann. Von Lyon kam ich ins Elsaß. Ich wurde dann von meinem Bruder reklamiert und kam dann am 15. August zur Entlassung nach Bamberg. Einige Tage später tauschte ich die Uniform gegen Zivilkleider ein. Vorerst war der Krieg für mich zu Ende.

Im Herbst 1944 musste ich noch einmal zum Ausbau des Westwalls einrücken. Ich arbeitete dort sechs Wochen hart. Da die Front der Amerikaner immer näher kam, man hörte schon die Maschinengewehre knattern, erschien der Gauleiter von Zweibrücken und hielt eine schwungvolle Rede: Die Not sei groß, und ab morgen werdet ihr mir für den Volkssturm unterstellt. Doch es kam am nächsten Tag der Gauleiter von Würzburg und sagte zu ihm: „Meine Leute kommen heim!“ Schon am Abend wurden wir eingeladen. Noch standen wir auf einem Nebengleis. Plötzlich heulten die Sirenen auf: Fliegeralarm! Die Lok hängte sich ab und ließ uns stehen. Die Bomben krachten, dass der Zug nur so wackelte. Das waren Gefühle. Gegen Mitternacht war es so weit, dass wir endlich in Richtung Heimat nach Würzburg fahren konnten.

Veröffentlicht unter 1914–1918, 1919–1932, 1933–1938, 1939–1945, Arbeit, Dorfleben, Erster Weltkrieg, Familie, Landwirtschaft, Reichswehr, Spartakistenaufstand, Zweiter Weltkrieg | Kommentare deaktiviert für Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und die Zeit dazwischen

Kindheits- und Jugenderinnerungen

Am 20. Mai 1910 war der große Hagelschlag, der alles vernichtete. Abends, gegen 18 Uhr, wurde es dunkel, dass wir die Lichter anbrennen mussten. Auf einmal begann ein starkes Rauschen. Wir waren allein der Stube. Unsere Mutter hatte die Gewitterkerze angezündet, und wir beteten. Die kleinen Geschwister weinten. Damit die Hagelkörner nicht die Fensterscheiben zerschlugen, machte Vater die Fenster auf. Hühnereigroß knallten sie auf den Stubenboden. Es dauerte eine gute halbe Stunde, dann war alles vorbei. An den Bäumen waren nur noch Aststumpen zu sehen. Und wie sah es draußen in der Flur aus? Das war ein schwerer Schlag für das ganze Dorf. Viele Getreidefelder mussten umgepflügt werden, darauf wurden dann Rangeres gepflanzt. Das war eine arbeitsaufwändige Tätigkeit. Gab es keinen Regen, mussten die Pflanzen auf dem Feld gegossen werden. Damals gab es noch wenig Rüben, nur Rangeres.

1911 war ein schreckliches Mäusejahr. Das Getreide wurde von den Mäusen halb abgefressen, und der zweite und dritte Kleeschnitt fiel ganz aus. Wenn man hinaus aufs Feld ging, mussten die Hosen unten an den Beinen zugebunden werden, sonst musste man Angst haben, die Mäuse klettern die Beine hoch. Für die Krähen und Bussarde war der Tisch reich gedeckt. Warum gibt es heute noch selten eine Krähe? Die Bauern haben sie vergiftet, und die Jäger schossen ihre Nester aus. Die Menschheit begeht da große Fehler!

Zu jener Zeit backten wir auch unser Brot noch selber. Es waren immer ungefähr 20 Laibe. Nach dem Brot kamen noch einige Bleche mit Plotz in den Backofen. Die kleinen waren so groß wie ein Nudelplotz. Das war ein Fest für uns. Besonders viel wurde auf Kirchweih gebacken. 50 Plotz und noch eine große Zahl Weißbrote, so groß wie die Schwarzbrote,waren keine Seltenheit. Die Großmutter, die den Backofen besorgte, hatte da alle Hände voll zu tun. Hinter unserm Haus war ein kleines Gebäude, in dem der Backofen und die Schnapsbrennerei waren. Im Ersten Weltkrieg mussten die Kupferkessel und die -rohre abgeliefert werden. Die Munitionsfabriken benötigten das Kupfer.

Im Winter ging es etwas ruhiger zu. Die Knechte drehten Strohseile und die Mägde strickten oder nähten. Im Kindergarten war eine Nähstube. Dorthin gingen die Mädchen und nähten ihre Kleider selbst. Dabei brachten sie immer eine Neuigkeit mit nach Hause. Das Schlachten im Winter bildete auch immer einen Höhepunkt im Bauernjahr. Das Schwein wurde mit dem Beil geschlagen und dann gestochen. Man hörte es, wenn im Dorf irgendwo ein Schlachttag war. Es kam schon einmal vor, dass der Metzger den Kopf des Schweines verfehlte und nur die Ohren erwischte. Dann war das Schwein nicht mehr zu halten. Schreiend rannte es im Hof herum.

Es gab auch noch keinen Kühlschrank und auch keine Tiefkühltruhe. Das Fleisch wurde eingesalzen, denn es musste ja für den Sommer ein großer Vorrat geschaffen werden. Ein Teil des Fleisches wurde auch geräuchert. In der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde so manches Stück schwarz geschlachtet. Meist geschah es in der Nacht. Das Maul wurde mit einem Sack verbunden, dass es nicht schreien konnte. Man musste sich nur zu helfen wissen.

Mittlerweile kam ich in die große Schule, in die vierte Klasse. Wir hatten Lehrer Brönner, aber bloß einige Jahre. Da geschah eines Tages etwas Besonderes. Es war 1910. Der Lehrer sagte: „Da unten hält ein Auto. Wir gehen einmal hin und schauen uns es an.“ Als wir das Vehikel sahen, rissen wir Mund und Augen auf, besonders als es anfuhr. Ja, gibt es denn so etwas? Der Lehrer erklärte uns alles, und am Nachmittag mussten wir einen Aufsatz schreiben: Unser erstes Auto. So bekamen wir alle Wochen einmal einen gründlichen Anschauungsunterricht. Wir hatten immer einen Riesenspaß dabei. Für den Anschauungsunterricht durften wir öfters eine Wanderung oder einen Spaziergang machen und nachher in der Schule darüber einen Aufsatz schreiben. Nach einigen Jahren wurde er pensioniert.

Nun bekamen wir einen Lehrer namens Raupp. Er war ein großer Freund der Bauerntracht. Er spielte in der Kirche die Orgel und war der Vorsänger. Nach dem Ausläuten mussten wir uns vor der Kirche zwei und zwei aufstellen. So führte er uns dann hinein. Wir hatten ein besonders gutes Verhältnis zu ihm, weil sein Sohn Seppl ein Freund meines Bruders Adam war. Sie studierten ja beide zusammen. Der Lehrer besaß zwei Gärten und hatte einen großen Bienenstand. So gab es immer Abwechslung im Unterricht. Er war auch ein großer Naturfreund. Er unterrichtete uns öfter über Vogelkunde. Ja, man vergisst so etwas nicht in seinem Leben.

Mein Bruder Adam, der studierte, kam an Weihnachten auf Ferien. Er war nebenbei ein leidenschaftlicher Musiker. Er ging mit seiner Trompete auf den dritten Boden hinauf und schmetterte das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ über das Dorf. Da lachte einem das Herz.

Die Zeit, als es noch keine Eisenbahn gab, habe ich auch in guter Erinnerung. Da fuhr die Postkutsche. Wenn sie die Ochsenfurter Steige herunterfuhr, damals standen dort noch keine Gebäude, noch kein Lagerhaus, setzte der Postillion sein Horn an und blies ein schönes Stück. Die Post war seinerzeit im Anwesen des jetzigen Bürgermeisters Lesch, vormals Liebler. Die Postlinie Ochsenfurt-Bütthard besaß in Euerhausen eine Pferdewechselstation.

Wer machte früher die Einkäufe und Besorgungen in der Stadt? Als noch kein Zug fuhr, war ein Fuhrmann da, der besaß zwei Pferde und fuhr jede Woche einmal nach Würzburg zum Besorgen für die Leute. Sie teilten ihm ihre Wünsche mit, er führte sie aus und erledigte alles. Nebenbei besaß er noch eine kleine Landwirtschaft. Als im Jahre 1907 die Eisenbahn kam, wurde alles mit der Bann hin und her transportiert, auch die Post.

Das Läuten der Kirchenglocken war Sache des Lehrers und des Heil‘genmeisters, aber es wurde meistens auf die Ministranten abgewälzt. Zu meiner Zeit gab es 12 Ministranten. Da kam jedes Paar zweimal in der Woche zum Läuten dran. Auch das Feierabendlauten mussten wir Ministranten ausführen. Am Sonntag gab es für die sogenannten Sonntagsschüler zwei Stunden Unterricht. Danach ging es in die Kirche zur Christenlehre. Sie dauerte eine halbe Stunde. Wer nichts konnte, musste sich bis zum Schluss mit dem Gesicht zu den Leuten gewandt an die Kommunionbank stellen. Das war eine harte Strafe. Daheim gab es dann noch den Hintern voll. Nach der Christenlehre wurde noch eine dreiviertelstündige Andacht gehalten. Dann war der Sonntag gelaufen.

Unser Pfarrer war sehr streng. Er ging alle Tage nach dem Abendläuten mit seinem weißen Spitz durch das Dorf. Er wollte sehen, ob auch alle Kinder von der Straße nach Hause gegangen waren. Wehe, wenn sich noch ein Kind herumtrieb. Der Hund war oftmals unsere Rettung. Er lief nämlich immer ein großes Stück voraus. Wenn der Ruf ertönte „Der Spitz kommt!“, sauste die ganze Kindergesellschaft nach Hause. Mit 13 Jahren wurde man aus der Werktagsschule entlassen. Zu sieben Jahren Werktagsschulzeit kamen noch zwei Jahre Sonntagsschule und die Christenlehre. Sie war Pflicht.

Nach der Werktagsschulzeit war es für die Schüler vorbei mit dem Spielen. Schon am nächsten Tag musste man früh in den Stall gehen und das Ochsengespann übernehmen. So ist aus einem Schuljungen ein Kleinknecht geworden. Ich musste zehn Stück Vieh füttern, das Wasser mit der Butte auf dem Buckel vom Brunnen in den Stall tragen und Futter und Einstreu herbeischaffen. Im Sommer waren es sechs bis sieben Butten. Oft ist ein Wasserschwall den Rücken hinuntergelaufen. Im Sommer störte es nicht, aber im kalten Winter war es nicht angenehm. Mein Vater war schon tot. Die Mutter war sehr gut zu mir und sie würdigte meine schwere Arbeit als Bub. Doch es dauerte nur eine kurze Zeit, denn im Herbst 1913 starb auch sie. Ich meinte, der Himmel stürze über mir zusammen. Innerhalb von drei Jahren hatten wir Vater und Mutter verloren. Sie war bis zum letzten Atemzug bei Bewusstsein. Kurz vor ihrem Tode ließ sie uns ans Sterbebett kommen, gab jedem Weihwasser und segnete uns. Es war herzzerreißend. Schenke Gott unseren lieben Eltern die ewige Ruhe. Amen.

Veröffentlicht unter 1899–1913, 1914–1918, Erster Weltkrieg, Kirchliches Leben, Landwirtschaft, Lebensmittel, Schule | Kommentare deaktiviert für Kindheits- und Jugenderinnerungen

Feldarbeit

Die Arbeit des Jahres lief im Rhythmus der Jahreszeit nach einem gewissen Plan ab. Generationslange Erfahrungen spielten dabei eine wichtige Rolle. Sobald im Frühjahr die Felder abgetrocknet waren, begann man mit dem Kunstdüngerstreuen. Er wurde mit der Hand auf das Feld gestreut. Wenn dies geschehen war, wurde mit dem Säen begonnen. Der Großknecht fuhr mit dem Wagen das Saatgut und die Scharegge hinaus aufs Feld. Mit der Scharegge wurde das Feld für die Saat vorbereitet. Das Feld konnte dann etwas abtrocknen. Später kam das Ochsengespann mit der Sämaschine.

Nun wurde mit dem Säen begonnen. „In Gottes Namen“ sprach mein Vater, als er mit dem Säen begann. Wirklich ein schöner Brauch. Der Knecht führte die Ochsen und Vater lenkte die Sämaschine. „In Gottes Namen“, so war es immer Vaters Brauch, wenn er mit einer Arbeit begann. Wenn das Feld gesät war, wurde es noch gewalzt. Ein anderes Gespann eggte die Kleeäcker und die Wiesen, die es damals in großer Menge gab. War dies getan, wurden die Kartoffelacker hergerichtet. Zur richtigen Zeit wurden die Kartoffeln mit der Hand gelegt. Im Jahre 1917 bauten wir 4 ha Kartoffeln an. Sie wurden alle mit dem Karst herausgegraben und mit der Hand zusammengelesen. Ein schweres Stück Arbeit!

Veröffentlicht unter 1899–1913, 1914–1918, Arbeit, Landwirtschaft | Kommentare deaktiviert für Feldarbeit

Tanzfeste

Im Vergleich zu heute gab es früher wenig Tanzveranstaltungen. An Kirchweih und an Fastnacht wurde lustig aufgespielt. Ein beliebter Walzer war „Nun machen‘s wir den Schwalben nach“. Auch „Bauramädla hie, Bauramädla her“ und „Bauer leg dein Pudel an“ wurden oft gespielt. Die verheirateten und älteren Leute gingen mit ihrer Frau in die Wirtsstube und aßen und tranken etwas. Das war eine kleine Entlohnung für die schwere Arbeit während des langen Bauernjahres

Veröffentlicht unter Dorfleben, Feste | Kommentare deaktiviert für Tanzfeste

Verschiedene Erinnerungen

Als ich sieben Jahre alt war, musste ich daheim schon wacker mithelfen, besonders in den Hauptarbeitszeiten. Bei der Heuernte rechte ich mit der Hand nach, bei der Getreideernte breitete ich die Strohseile aus und in der Kartoffelernte hieß es, Kartoffeln zusammenlesen. Das geschnittene Getreide musste ja alles mit der Hand gebunden werden. An einem Nachmittag kamen an die 30 Schober zusammen. Ein Schober waren 60 Garben. Sie zu binden war schon ein Stück Arbeit. Da es zu dieser Zeit noch keinen Grasmäher gab, wurde alles mit der Sense geschnitten. Die berühmten Flügelmaschinen kamen allmählich auf und erleichterten wenigstens die Schnittarbeit. Die kleineren Bauern mussten noch lange nach dem Ersten Weltkrieg alles mit der Sense mähen, auch das ganze Getreide.

Viehhändler gab es in Gaukönigshofen viele. Was war da alle Jahre in den Monaten Februar und März los im Dorf, wenn die norddeutschen Gutsbesitzer kamen, und Vieh einkauften. In der Hauptstraße und in den Nebenstraßen standen Ochsenpaar an Ochsenpaar. Ein jedes Paar wurde einzeln vorgeführt und gemustert, denn die Gutsherren kauften nur Qualitätsware und gutgefahrene Paare. Wenn dann der Kaufpreis ausgehandelt war, alles per Handschlag, wurden sie zum Bahnhof getrieben und in Waggons verladen. Oft war es ein ganzer Zug, der in Richtung Norddeutschland abfuhr. Der Blomeiers Philipp war ein robuster Viehtreiber. Er begleitete den Zug und fütterte und tränkte die Ochsen auf den Zwischenstationen. Von den jüdischen Viehhändlern kauften dann die Bauern meistens ungewöhnte oder wenig gefahrene Ochsen ein, bis es im nächsten Jahr wieder so weit war, dass sie als gute Zugochsen verkauft werden konnten.

Einige Juden in Gaukönigshofen waren auch Stoffhändler. Neben den reichen gab es auch arme Juden. Ich muss sagen, dass sie alle in Ordnung gewesen sind. Man hat ihnen ein großes Unrecht angetan und ihnen zu Unrecht Böses nachgesagt. Im Notfall bekam man von ihnen für kurze Zeit auch einmal zinsloses Geld. Auch hatten sie sich im Dorfgeschehen gut bewährt. Sie hatten für viele Belange auch eine offene Hand. Ich sehe heute noch die Kristallnacht vor mir. Man glaubte, der Teufel sei los. Und wer waren sie? Meistens angesehene Leute! Ich sehe es noch heute, wie sie die Synagoge zerstört, und die Juden wie Vieh mit Schlägen und Fußtritten zu einem offenen LKW geschleppt haben. Das war ein Schandmal für die Deutschen. Der Lohn dafür ist nicht ausgeblieben.

Veröffentlicht unter 1899–1913, Arbeit, Judenverfolgung, Jugend, Kindheit, Landwirtschaft | Kommentare deaktiviert für Verschiedene Erinnerungen

Erinnerungen aus meiner Jugendzeit

Im Jahre 1907 wurde bei uns in Gaukönigshofen der Kindergarten gebaut. Der Platz gehörte der Pfarrei; es war ein Obstgarten. Während der Obstzeit trieben wir uns Kinder darin herum. Da gab es allerlei gute Sachen zum Naschen: Rotbackige Apfel und saftige Birnen.

Bei schöner Witterung im Frühjahr war das „Kügelesspielen“ unser Lieblingsspiel. Dabei war die ganze Jugend vertreten. Als wir älter waren, so 9 bis 10 Jahre alt, vertrieben wir unsere Zeit mit Stichlingsfangen am alten Bach, in dem es sie im Übermaße gab. Ein jeder Junge wollte die schönsten und meisten haben. Da wurde gefeilscht und gehandelt: „Gib mir den kräftigsten Stichling für 10 Pfennige!“ Zu Hause nahmen wir einen alten Kessel, belegten den Boden mit Steinen, pflanzten Wasserschierling hinein und gossen Wasser hinein. Das war dann unser Fischteich. Wir vergaßen auch nicht, sie zu füttern. Was war das für eine Freude für uns Buben!

An unserem Dorf fließt auch der Thierbach vorbei. Sein Lauf von Eichelsee bis nach Gaukönigshofen lief in schön geschlungenen Mäandern durch einen weiten Wiesengrund. Die beiden Ufer waren mit Schwarzerlen, Kopfweiden, Eschen, Pappeln und verschiedensten Sträuchern bewachsen. Auch die Wiesenstücke waren mit Bäumen eingefasst. Dieser Wiesengrund bildete ein artenreiches Vogelparadies. Bei uns in Gaukönigshofen lebte damals ein Tierarzt, der sagte immer: „Ich kann mir kaum einen schöneren Fleck auf Erden denken, und es gibt nichts schöneres, als einen Spaziergang durch diesen Wiesengrund!“ Im Jahre 1929 setzte die Flurbereinigung ein. Sie hat alles zerstört.

Am Sonntagnachmittag trieben wir uns Buben immer im Wiesengrund herum. Einmal passierte uns folgendes: Ohne etwas dabei zu denken sangen wir das Lied „Vom armen Dorfschulmeisterlein“. Es ist gewiss ein harmloses Lied. Auf einmal kam der Kaplan von Eichelsee. Er erzählte es dem Lehrer. Am nächsten Tag, vor Schulbeginn, fragte unser Lehrer: „Blomeier, was habt ihr gestern draußen im Wiesengrund für ein Lied gesungen?“ Blomeier gab zögernd zur Antwort: „Das arme Dorfschulmeisterlein.“ „Und wer war noch dabei?“ bohrte der Lehrer weiter. Blomeier schwieg. „Natürlich niemand! Aber ich weiß schon, wer dabei war.“ Nichts Gutes ahnend, hatten wir unseren Hosenboden schon mit Heften gepolstert. „Geht erst einmal hinaus und entfernt die Polster“, sagte der Lehrer, „dann fangen wir mit dem ersten an!“ Dann bekam jeder sechs Hiebe auf das Hinterteil.

Bei schönem Wetter im Frühjahr fand jährlich ein Unterrichtsgang zur Quelle bei Eichelsee statt. Erst später wurde sie für unsere Wasserleitung gefasst. Mit Eimer- und Litermaß zogen wir los. Während der Wanderung sangen wir schöne Frühlingslieder, z.B. „O wie lustig läßt‘s sich jetzt marschieren …“ An der Quelle wurde die Wasserschüttung gemessen. „Wieviel Liter Wasser schüttet die Quelle in einer Sekunde, in der Minute und in der Stunde? Würde es für‘s Dorf reichen?“ waren Fragen, die wir zu lösen suchten. Das war in der Zeit von 1909 bis 1913. Aber erst im Jahre 1927 wurde die Wasserleitung gebaut.

Zu meiner Kinderzeit war es üblich, dass die Kinder jedes Quartal ihren Schulzenweck bekamen, und zwar immer am Sonntag nach der Frühkirche beim Bürgermeister. Zuvor mussten drei Vater Unser für den Stifter gebetet werden. Da hatte der Kreutzers Engelbert mit seinem Stock eine schwere Aufgabe, wollte doch mancher zweimal einen Weck holen.

Wir Buben durften manchmal mit dem Vater auf den Säulismarkt nach Ochsenfurt. Nach dem Markt wurde in der „Schwanen-Wirtschaft“ eingekehrt. Jeder von uns bekam einen Weck mit Knackwurst. Am Tag zuvor haben wir geholfen, das Gäulsgeschirr auf Hochglanz zu putzen.

Als wir schon älter waren, ritten wir im Mai mit den Pferden in die Ostau, heute das Gebiet des Giebelstädter Flugplatzes, zum Maiglöckchen pflücken. Wir sammelten uns morgens um 4 Uhr und ritten dann los. Auch das Maikäferschütteln soll nicht vergessen werden. Die letzte Fuhre Getreide wurde mit Feldblumen besonders schön geschmückt, denn jeder wollte ja die schönste haben.

Am Schutzengelfest hatten wir Buben es besonders notwendig, die vielen Chaisen zu zählen, die ins Dorf hereingefahren waren. In manchen Höfen standen fünf und manchmal noch mehr. Für die Gäulsknechte war das ein guter Tag, bekam er doch für jeden Besuch seine zwei Mark Trinkgeld.

Einmal war ich unten am Bach. Ich hatte mein Schürzela an. Da kam auf einmal der Maiers Karl und sagte zu mir: „Bua, geh mit, mir fanga Forella!“ Ihm gehörte nämlich das Fischwasser. Er fing die Fische mit den Händen und warf sie hinaus auf die Wiese. Wenn sie sich ausgezappelt hatten, musste ich sie in meine Schürze legen. Es dauerte nicht lange, war meine Schürze voller Fische, einer schöner als der andere. Als Lohn bekam ich eine schöne große Forelle. Welche Freude für mich!

Am 20. Mai 1910 ging ein furchtbarer Hagelschlag über der Flur von Gaukönigshofen nieder. Am nächsten Tag liefen wir mit unserem Vater hinaus in die Flur, um uns den Schaden zu betrachten. Auf den Feldern fanden wir so viel erschlagene Hasen und Rebhühner, dass wir sie nicht alle tragen konnten. Das noch grüne Getreide musste gemäht werden. Es lag zerschlagen auf dem Boden. Heim Mähen hat sich Vater den Todeskeim geholt. Verschwitzt und erhitzt kam er nach Hause. Danach ging er in die kalte Kirche, wo er sich eine schwere Erkältung holte. An deren Folgen ist er dann am 19. Juli 1910 gestorben. Meine Mutter folgte ihm schon im Herbst 1913 nach. Da waren wir Kinder auf uns allein gestellt. Zum Glück waren noch eine Tante, die Großtante und die Großmutter da. Mit diesen harten Schicksalsschlägen war unsere Jugendfreude dahingegangen. Doch im ganzen gesehen, muss ich sagen: „O schöne Jugendherrlichkeit, wohin bis du entschwunden?“

Veröffentlicht unter 1899–1913, Dorfleben, Familie, Feste, Jugend, Natur | Kommentare deaktiviert für Erinnerungen aus meiner Jugendzeit

Die Dreschmaschine kommt

Wie freuten wir uns und welch ein Hallo gab es in unserer Kinderzeit, wenn es hieß: „Die Dreschmaschine kommt!“ Einige Tage zuvor wurden in der Wirtschaft die Dreschnummern gezogen, damit sich jeder Bauer darauf einstellen konnte und sich keiner benachteiligt fühlen konnte. Wir Buben erwarteten es kaum, bis Vater von der Wirtschaft heim kam. „Welche Nummer haben wir?“ war die erste Frage. „Nummer zwei“, antwortete Vater. Vor lauter Erwartung und Freude konnten wir die kommenden Nächte kaum schlafen.

Doch für die Erwachsenen bedeutete die Vorbereitung schwere Arbeit. Was gab es da nicht alles vorzubereiten! Besonders Mutter hatte es nicht leicht, für 20 Personen die Brotzeit herzurichten. Es musste gebuttert, guter Käse hergerichtet und aufgestellt werden. Für den Kaffeetisch am Morgen mussten beim Bäcker die Semmeln bestellt und noch vieles andere getan werden. Auch wir Kinder mussten da tüchtig mithelfen, z.B. das Butterfass drehen, die Laternen putzen und Einkäufe machen. Dann um sieben Uhr abends war es so weit: Der Maschinenzug musste beim Nachbarn abgeholt werden. Der Oberknecht zog mit seinen Pferden zur Dreschmaschine. Zuerst wurde die Strohpresse hergefahren, dann der Dreschkasten und zuletzt das Lokomobil. Jetzt ging der Rummel erst richtig los. Bis alles aufgestellt war, ging es schon auf 22 Uhr zu. Die Nacht vor dem Dreschen war kurz.

Um 4 Uhr in der Frühe kam der Maschinist zum Feueraufmachen im Lokomobil, damit um 5 Uhr der nötige Dampfdruck vorhanden war. Auch die beiden Ställe mussten bis zu diesem Zeitpunkt gefüttert sein. Mutter richtete noch den Kaffeetisch her, damit die Leute bis 5 Uhr gefrühstückt hatten. Punkt 5 Uhr heulte die Dampfsirene auf, und fauchend und stampfend setzte sich die Maschine mit lautem Gebrumm in Bewegung. Ja, das Dreschen war immer ein harter Tag, denn 12 Stunden Dresch-Zeit standen bevor. Wir Kinder hatten während der Dreschzeit einen besonderen Spaß, gab es doch bei jedem Bauern nach der Brotzeit der Dreschleute für die Kinder des Dorfes das übliche Maschinenbrot. Da musste bei 20 bis 30 Kindern schon ein ganzer Brotlaib herhalten. Ja, die Zeiten waren früher hart; sie hatten aber doch auch wieder ihre schönen Seiten. Mit Recht kann man sagen: „O glückselige Jugendzeit, wie bist du so weit, so weit!“

Veröffentlicht unter 1899–1913, Arbeit, Dorfleben, Landwirtschaft, Lebensmittel, Technik | Kommentare deaktiviert für Die Dreschmaschine kommt

Um unser Anwesen

Früher bestand im Dorf eine echte Dorfgemeinschaft, und man half sich so gegenseitig aus. Als wir unseren Betrieb im Jahre 1945 anfingen, hatten wir nur ein leeres Haus und einen leeren Hof: Keinen Wagen, keine Ackergeräte , keine Möbel im Haus und keinen Garten. Es war ein sehr schwerer Anfang, bis wir Stück um Stück herbeigeschafft hatten. Doch es gab immer wieder gute Leute, die uns aushalfen.

Es lebte im Dorf eine arme Witwe, die hatte ein kleines Häuschen, ein kleines Feldstück und einen Garten außerhalb des Dorfes. Ich hatte ihr zeitlebens, auch als ich noch zu Hause war, ihr Feldstück mit Kartoffeln oder Getreide bebaut. Zwei Tage vor der Währung kam ihre Tochter und sagte zu mir: „Die Mutter lässt sagen, du sollst heute noch zu ihr kommen, sie liegt im Sterben.“ Da sie in Ochsenfurt bei ihrer Tochter wohnte, fuhr ich in die Stadt und ging zu ihr hin. Da sagte sie zu mir: „Konrad, weil Du mir immer mein Feld bestellt hast , möchte ich Dir mein Feld und meinen Garten verkaufen.“ Das Häuschen hatte keinen Wert mehr. Für 12.000 Mark wurde ich Eigentümer eines Gartens. Gefälligkeit hat immer eine gute Seite.

Auch unserem Nachbarn, dem Spenglers Franz, habe ich seine Feldstücke mit bebauen helfen, als ich noch zu Hause war. Er war auch ein sehr gefälliger Mensch. Als wir mit unserem Betrieb anfingen, hat er uns, als es damals nichts zu kaufen gab, viel geholfen. Er fertigte für uns einen Gießer, einige Eimer und auch noch Küchengeschirr. „Es ist sehr schwer, Blech zu bekommen“, sagte er, „doch für dich, Konrad, werde ich schon etwas beibringen.“ Gute Leute helfen einem aus der Not; das hat sich damals gezeigt.

Auch von den Juden habe ich heimlich viele Sachen abgekauft. Sie mussten ja alles im Stich lassen. Nachts, wenn mich niemand sehen konnte, schaffte ich die gekauften Sachen nach Hause. Am Tage nach der Kristallnacht nahm ich mir unter Mittag eine halbe Stunde Zeit, um mir die Schäden zu betrachten, die die Nazis angerichtet hatten. Ich ging auch ins Haus, wo ich jetzt wohne. Ich habe die Leute bedauert und versucht, auch zu trösten. Die Frau war ganz ratlos und verzweifelt. Sie wollte mit dem Zuge zu ihren Eltern nach Wiesenfeld fahren. Ihren Mann hatte man ja schon abgeführt. Im Zimmer lag der Schrank auf den Türen, und sie wollte doch ein paar Kleidungsstücke mitnehmen. Sie sagte zu mir: „Herr Dürr, möchten Sie so gut sein und den Schrank aufheben?“ „Ja, selbstverständlich“, erwiderte ich. Es war nicht leicht, doch ich habe es geschafft. Ich verriegelte dann die Haustür von innen, denn das Türschloss war eingeschlagen, und ich stieg durch das Fenster hinaus. Es war ein großes Risiko. Wäre ich gesehen worden, wäre mir Dachau sicher gewesen. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich später einmal in diesem Hause wohnen werde. Ich glaube man kann sehen, dass Guttaten nicht vergebens sind. Ja, wer die Kristallnacht nicht erlebt hat, kann sich keine Vorstellungen machen, was da geschehen ist. Die SA-ler und manche andere hausten wie die Vandalen; es waren auch vornehme Leute dabei! Dass es in einem so zivilisierten Land so etwas geben konnte, ist unvorstellbar.

Veröffentlicht unter 1933–1938, 1939–1945, Judenverfolgung, nach 1945 | Kommentare deaktiviert für Um unser Anwesen

Von der Wiege bis zur Bahre

Wie war es bei einer Kindstaufe? Es war nicht so zeremoniell wie heute. Es wurden nur die nächsten Verwandten eingeladen und es gab Kuchen und Kaffee. Torte kannte man damals noch nicht so sehr. Das Mahl war einfach: Meistens wurden Bratwürste aufgetischt und dazu wurde ein guter Wein eingeschenkt. Die „Schrodsnanne“, die Hebamme, führte hauptsächlich das Wort. Sie erzählte aus ihrem Fach. Da durften wir Kinder nicht zuhören. „Ihr habt nicht hinzuhören! Ihr seid hinter den Ohren noch nicht trocken!“ hieß es.

Wie war es bei einer Bauernhochzeit? Da wurde zwei Tage gefeiert. Am Hochzeitstage wurden die Gäste mit der Chaise zum Hochzeitshaus gefahren. Der Fuhrmann, Knecht oder Bauernbursche, bekam in einem Extrastübchen ein leckeres Mahl und Wein nach Belieben. Dort blieb er sitzen, bis die Feier in der Kirche vorbei war. Beim ersten Böllerschuss hieß es dann „Platte putzen“. Ein jeder wankte zu seinem Gefährt und fuhr dann heim. Die Pferde fanden den Weg schon allein. Am nächsten Tag, so war es ausgemacht, war man bis mittag 2 Uhr wieder da. Wieder wurden gute Speisen aufgetragen. Es wurde Abend, bis es zur Heimfahrt ging. O glückliche Jugendzeit, wie bist du so weit, so weit! Bei der Hochzeit eines reichen Bauern war auch die Musik eingeladen. Sie bekam einen Extratisch und musste ab und zu ein Stück aufspielen. Auch ein Schütze war dabei. So oft die Braut oder der Bräutigam die Stube verließen, musste er auf der Lauer sein und ein paar Schüsse losknallen. Wir besaßen noch zwei alte Vorderlader vom 66er-Krieg. Sie wurden zu Hochzeiten immer ausgeliehen. Wussten die Brautleute, wer geschossen hatte, gab es immer ein paar Flaschen guten Hochzeitsweins.

Bei einer Beerdigung war es so Brauch: Die Vorbeter des Rosenkranzes bekamen je eine Flasche Wein. Auch die Sarg- und der Kreuzträger wurden in die Wirtschaft eingeladen. Das ist ja heute auch noch so. Auch die Dorfarmen gingen damals nach dem Leichenschmaus nicht leer aus. Die alten Sitten und Gebräuche verschwinden mit der Zeit. Beim Gebet-, Mittag- und Abendläuten entblößten die Männer ihre Köpfe zu einem kurzen Gebet, ebenso beim Freitagsläuten um 3 Uhr. Heute denkt niemand mehr daran. Alles ist dahin, alles vorbei.

Veröffentlicht unter Dorfleben, Feste, Kirchliches Leben | Kommentare deaktiviert für Von der Wiege bis zur Bahre

Unkraut

Unkraut gab es früher, das lässt sich gar nicht beschreiben. Die blühenden Feldraine und die Kornrade, die Kornblume und der Klatschmohn im Getreidefeld waren ein schöner Anblick. Die Disteln waren nicht so beliebt. Sie wurden bekämpft. Standen Disteln im Feld, hieß es gleich, man ist ein Schlamper. Das Distelstechen war eine leichte Arbeit. Man konnte dabei erzählen und Witze machen; dabei verging die Zeit sehr schnell. Es gab aber auch Bauern, die sich die Mühe nicht machten, und die Disteln stehen ließen. Da konnte man bei der Erntearbeit und beim Dreschen nicht ohne Handschuhe arbeiten.

Veröffentlicht unter Arbeit, Landwirtschaft | Kommentare deaktiviert für Unkraut