Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg und die Zeit dazwischen

Am 28. Juni 1914 wur­den in Sara­je­wo der öster­rei­chi­sche Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand und sei­ne Frau ermor­det . Dunk­le, dro­hen­de Wol­ken hin­gen über unse­rem Vater­land. Am l. August kam der Don­ner­schlag. Er hieß „Krieg“. Wir hat­ten einen Bau­ern­bur­schen von hier als Knecht, der am 1. Janu­ar 1914 sei­nen akti­ven Wehr­dienst hin­ter sich gebracht hat­te. Wir waren drau­ßen auf dem Feld beim Getrei­de­auf­räu­men. Die Getrei­de­ern­te soll­te begin­nen. Gegen 10 Uhr kam mei­ne ältes­te Schwes­ter aufs Feld gerannt und rief atem­los: „Josef, du musst gleich heim. Ein Tele­gramm ist für dich ange­kom­men. Du musst sofort ein­rü­cken!“ Josef stand wie gelähmt da, auch alle Leu­te auf dem Feld schie­nen wie erstarrt. Die­se schlim­me Bot­schaft sprach sich wie ein Lauf­feu­er her­um. Allen war die Lust am Arbei­ten ver­gan­gen. Josef ging nach Hau­se, rich­te­te sei­ne Sachen, brach­te alles in Ord­nung und mit dem 12-Uhr-Zug fuhr er fort. Der Zug war voll von Sol­da­ten und Reser­vis­ten. Die Wag­gons waren mit Blu­men geschmückt, und es herrsch­te eine gro­ße Begeis­te­rung. Als der Zug die Sta­ti­on ver­ließ ‚sang man das Deutsch­land­lied. In Würz­burg klei­de­te man die Män­ner ein. Sie beka­men Uni­form, Gewehr, Muni­ti­on und die übri­ge Kriegs­aus­rüs­tung. Rich­tung Frank­reich hieß die Paro­le. Auf Wie­der­sehn! Bis Weih­nach­ten sind wir wie­der zu Hau­se! Wann Weih­nach­ten kom­men wür­de, wuß­te damals noch nie­mand.

Kurz nach Aus­bruch des Krie­ges muss­te auch mein ältes­ter Bru­der ein­rü­cken. Nach der Aus­bil­dung in der Kaser­ne kam er als Infan­te­rist 1915 an die West­front. Nun war ich 14 Jah­re alt, mein ande­rer Bru­der 13. Wir zwei waren die ein­zi­gen Manns­bil­der auf dem Hof. Ein schwe­res Stück Arbeit war­te­te auf uns. Zum Glück leb­ten noch Tan­te, Groß­tan­te und Groß­mut­ter auf dem Hof. Auch unser Onkel, mein Tauf­pa­te, stand uns mit Rat und Tat bei. Mein älte­rer Bru­der, der Arzt stu­dier­te, half uns in den Feri­en nach Kräf­ten bei der Ern­te mit.

Am ers­ten Mobil­ma­chungs­tag muss­ten auch unse­re bei­den Pfer­de um 5 Uhr nach­mit­tags zur Mus­te­rung nach Och­sen­furt gebracht wer­den. In aller Herr­gotts­frü­he wur­de der Klee noch geschnit­ten und tags­über Getrei­de. Immer wie­der trie­ben wir die Pfer­de zur Eile an. All­mäh­lich zeig­te sich bei den Pfer­den Müdig­keit. Mein Bru­der Adam und der Leh­rers Seppl, ein ech­ter Pfer­de­narr, der dau­ernd mit unse­ren Pfer­den umge­gan­gen ist, lie­ßen es sich nicht neh­men, die Pfer­de in Och­sen­furt vor­zu­füh­ren. Sie rit­ten im strengs­ten Galopp nach Och­sen­furt, wo sie bis 12 Uhr in der Nacht war­ten muss­ten, bis sie zur Vor­füh­rung kamen. Die Pfer­de, von der schwe­ren Arbeit und dem schar­fen Ritt müde gewor­den, hat­ten Mus­kel­ka­ter und hink­ten nur so. Ent­spre­chend war auch das Vor­füh­rungs­er­geb­nis. Sol­che Pfer­de kön­nen wir nicht gebrau­chen. Sie sind untaug­lich. Wir schlie­fen schon alle. Mit­ten in der Nacht, gegen 2 Uhr mor­gens, kamen sie mit den Pfer­den aus Och­sen­furt zurück, durch­nässt bis auf die Haut, denn es war ein Gewit­ter mit star­kem Regen. Aber sie jubel­ten. Wir stan­den auf, deck­ten die Pfer­de mit Decken ab und führ­ten sie in den Stall. Nach­dem wir sie kräf­tig abge­rie­ben hat­ten, beka­men sie noch eine kräf­ti­ge Hafer­zu­la­ge. Doch sie rühr­ten nichts an, so erschöpft waren sie. Am nächs­ten Tag durf­ten sie im Stall blei­ben. Wir hat­ten unse­re Pfer­de wie­der. Wäh­rend der ers­ten Kriegs­jah­re war noch öfters Mus­te­rung; wir sind aber immer gut davon­ge­kom­men.

Im Jah­re 1915 beka­men wir eine Aus­hil­fe aus Och­sen­furt. Der Mann, ein frü­he­rer Gau­kö­nigs­hö­fer, war 45 Jah­re alt, wohn­te in Och­sen­furt und hat­te im Stein­bruch gear­bei­tet, der aber geschlos­sen wor­den war. Er arbei­te­te von Mon­tag bis Sams­tag; über Sonn­tag fuhr er heim zu sei­ner Fami­lie.

1916 mel­de­te sich mein Bru­der Adam frei­wil­lig zu den Flie­gern. Der Leh­rer­sohn Seppl ging zur Artil­le­rie, nur, dass er ein Pferd bekam. Bald wur­de mein Bru­der Adam zum Flie­ger­leut­nant beför­dert. 1917 muss­ten wir dann doch noch ein Pferd abge­ben. Mein Onkel kauf­te uns wie­der ein neu­es. Der gute Onkel ist dann 1917 auch gestor­ben. Ich muss­te nun mit 17 Jah­ren die bei­den Betrie­be, unse­ren und den des Onkels ver­sor­gen. Dies war kei­ne leich­te Auf­ga­be. Ich habe oft wäh­rend der Ern­te von früh 10 Uhr bis abends 9 Uhr mit der Flü­gel­ma­schi­ne ohne Mit­tags­pau­se geschnit­ten. Ich war wohl rekla­miert, muss­te aber 1918 dann doch ein­rü­cken. Mein Bru­der wur­de m i t 17 1/2 Jah­ren geholt. Bei­de muss­ten wir das Ende des Krie­ges mit­ma­chen. Mein ältes­ter Bru­der war in eng­li­scher Gefan­gen­schaft und kam halb krank nach Hau­se. Er hat­te bei einem Gas­an­griff ver­gif­te­tes Was­ser getrun­ken.

Dann kam das Jahr 1919. Die Spar­ta­kis­ten hat­ten das hal­be Land besetzt. Über­all in den Städ­ten hat­ten sich Frei­korps gebil­det zur Abwehr, so auch in Würz­burg. Über­all warb man dafür, auch in mei­nem Hei­mat­ort. Der Bür­ger­meis­ter sag­te zu uns Jun­gen, die den letz­ten Kriegs­jahr­gang bil­de­ten: „Ihr Buben, es ist eine Schan­de, dass sich von hier kei­ner zum Frei­korps mel­det!“ Drei von hier grif­fen es auf und mel­de­ten sich. Das war im April 1919. Mein Bru­der Adam war schon eini­ge Wochen zuvor zum Frei­korps gegan­gen und hat die Kämp­fe in Anna­berg, Schle­si­en, mit­ge­macht. Also fuh­ren wir am nächs­ten Tag mit unse­ren Köf­fer­chen nach Würz­burg und mel­de­ten uns in der Real­schu­le. Dort befand sich die Mel­de­stel­le. Als das Batail­lon zusam­men­ge­stellt wur­de, kam einer zum Maschi­nen­ge­wehr, einer zur Artil­le­rie und ich zur Infan­te­rie. Dann mar­schier­ten wir zum Ver­la­de­bahn­hof. Nachts fuh­ren wir ab nach Mün­chen, wo wir in der Schwa­bin­ger Bräu ein­quar­tiert wur­den. Der Auf­stand in Mün­chen war bald nie­der­ge­schla­gen. Danach bestand unse­re Haupt­auf­ga­be dar­in, Haus­durch­su­chun­gen durch­zu­füh­ren und nach ver­steck­ten Waf­fen zu suchen. Mit Stolz mar­schier­ten wir durch die Stadt, in schmu­cker Uni­form, das frän­ki­sche Wap­pen auf der Arm­bin­de und über­voll mit Hand­gra­na­ten behan­gen. Als die Ruhe wie­der her­ge­stellt und alles in Ord­nung war, wur­den wir auf­ge­löst. Uns wur­de ange­bo­ten, in die Reichs­wehr ein­zu­tre­ten. War es ein Feh­ler, dass ich es nicht gemacht habe? Ich war halt ein Natur­freund und der Natur ver­schwo­ren!

1923 in der Infla­ti­on kauf­te ich mir mein ers­tes Fahr­rad für 500 Mil­lio­nen Mark, Zwi­schen­zeit­lich hat­te mein Bru­der das väter­li­che Anwe­sen über­nom­men. Mei­ne Geschwis­ter und ich wur­den auch mit Mil­lio­nen abge­fun­den. Es wur­de aber spä­ter vom Amts­ge­richt für nich­tig erklärt, weil mei­ne jün­ge­ren Geschwis­ter noch unter Vor­mund­schaft stan­den. Es bekam dann jeder von uns 7000 Ren­ten­mark. Das war damals gutes Geld. Da nir­gends die Mög­lich­keit bestand, eine Arbeits­stel­le zu fin­den, blieb ich zu Hau­se. Ich tat es mit Rück­sicht auf mei­nen Bru­der, der krank aus der Gefan­gen­schaft zurück­ge­kehrt war. Ich bekam Lohn wie ein Groß­knecht, 300 Mark im Jahr.

Mit­te der zwan­zi­ger Jah­re wur­de der Krie­ger­ver­ein Gau­kö­nigs­ho­fen gegrün­det. Ich war zuerst Fah­nen­be­glei­ter, spä­ter Fah­nen­trä­ger. Es gibt fast kei­nen Ort im Och­sen­fur­ter Gau, wo wir nicht zur Fah­nen­wei­he waren. Zu die­ser Zeit hat­ten sich in der Kit­zin­ger Gegend schon die Nazis breit­ge­macht. Der spä­te­re Gau­lei­ter Dr. Hell­muth war ein Zahn­arzt von Markt­breit. Wir waren zur Fah­nen­wei­he in Obern­breit. Da pas­sier­te uns fol­gen­des: Ein Nazi hielt eine Fest­an­spra­che, danach wur­de die Natio­nal­hym­ne gespielt und gesun­gen. Unser Vor­stand sag­te zu mir: „Wir blei­ben sit­zen!“ Das war natür­lich ein Feh­ler. Plötz­lich stieg ein Mann auf das Podi­um und rief mit lau­ter Stim­me: „Es gibt Ver­ei­ne, die sich nicht die Mühe machen, beim Deutsch­land­lied auf­zu­ste­hen!“ „Du“, sag­te der Vor­stand, „wir müs­sen fort, sonst bekom­men wir Hie­be!“ Der Vor­stand hat­te einen guten Freund dort und zu dem sag­te er als Vor­wand: „Unser Zug geht bald in Markt­breit ab. Kön­nen wir unser Fah­nen­band bekom­men?“ Wir erhiel­ten es, pack­ten die Fah­ne ein und hau­ten ab.

Auch eine schö­ne Erin­ne­rung war die Fah­nen­wei­he in Wolks­hau­sen. Wir lie­fen zu Fuß hin­auf. Die Rei­ter und die Musik stan­den am Dorf­ein­gang bereit, uns in Emp­fang zu neh­men. Vom Regen in der Nacht stan­den noch gro­ße Was­ser­pfüt­ze auf der Stra­ße. Als plötz­lich die Musik ein­setz­te, scheu­te ein Pferd, bäum­te sich auf und der Rei­ter fiel mit Frack und Zylin­der vom Pfer­de in eine Pfüt­ze. Das Pferd aber saus­te auf und davon. Wir bogen uns alle vor Lachen.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg besaß fast jedes Dorf wegen der unru­hi­gen Zei­ten eine Bür­ger­wehr. Geweh­re und Muni­ti­on waren zur Genü­ge vor­han­den. Wir allein hat­ten drei Geweh­re. Fast jeden Sonn­tag war am Lager­haus zur mitt­le­ren Stei­ge Scharf­schie­ßen.

Erwäh­nen moch­te ich noch, dass wir Bur­schen fast jeden Sonn­tag mit dem Rad einen Aus­flug mach­ten. Ein paar­mal sind wir auf dem Schwan­berg bei Rödel­see gewe­sen. Am Fuße stell­ten wir unse­re Räder ab. Als wir sie wie­der holen woll­ten, waren sie voll mit Haken­kreuz­pla­ket­ten beklebt. So konn­ten wir nicht nicht Hau­se fah­ren. Was wur­den da die Juden den­ken? Da die Rah­men ganz voll geklebt waren, hat­ten wir eine hal­be Stun­de Arbeit, bis wir alle Pla­ket­ten wie­der weg hat­ten.

1929 began­nen die Arbei­ten für die Flur­be­rei­ni­gung. Jede freie Minu­te wur­de genutzt, um die Feld­ar­beit neben­bei zu erle­di­gen. Täg­lich wur­de bei der Flur­be­rei­ni­gung von 7 bis 12 und von 13 bis 18 Uhr gear­bei­tet. In der ein­stün­di­gen Mit­tags­pau­se lie­fen wir zu Fuß nach Hau­se und wie­der aufs Feld. Dafür beka­men wir 50 Pfen­nig Trink­geld zusätz­lich zum Lohn. Der Win­ter 1929 war äußerst streng. Die­se Käl­te­pe­ri­ode dau­er­te vom 10. Janu­ar bis zum 8. März. Dann war die Son­ne so stark, dass inner­halb weni­ger Tage der meter­ho­he Schnee ver­schwun­den war. 1934 war die Flur­be­rei­ni­gung abge­schlos­sen, und die neu­en Acker zum ers­ten Mal ange­baut. Noch neben­bei erwähnt: 1924/25 kauf­te mein Bru­der einen Bin­der­mä­her, da war die Getrei­de­ern­te leich­ter. 1934 hat­te ich die Gele­gen­heit, 2,26 ha Acker­land zu kau­fen. Es kos­te­te zur dama­li­gen Zeit nicht ganz 10.000 Mark. Nun war ich selbst Besit­zer und hat­te mei­nen Bau­ern­stolz. Nun konn­te mit dem Geld kom­men was es woll­te! Ich ver­pach­te­te mei­ne Feld­stü­cke und mit dem Pacht­zins und dem Lohn, den ich von mei­nem Bru­der bekam, wuchs mein Ver­mö­gen. Im Früh­jahr 1939 kauf­te ich mir ein Anwe­sen mit etwas Feld. Es war jüdi­scher Besitz gewe­sen. Nun war ich wirk­lich mein eige­ner Herr.

Doch die Rech­nung und mei­ne Träu­me gin­gen nicht auf. Es kam anders, als ich dach­te! Wie­der lag eine düs­te­re Stim­mung über unse­rem Vater­land. Soll­te wie­der ein Welt­krieg kom­men? Am 25. August 1939 hat­ten wir die Dresch­ma­schi­ne. Nach dem Abend­essen sag­te ich zum Maschi­nis­ten: „Mor­gen früh, wenn wir noch da sind, machen wir wei­ter!“ Er erwi­der­te: „Ich glau­be nicht, dass es soweit kommt, dass wir fort müs­sen!“ Ich leg­te mich müde ins Bett, doch ich brach­te den Gedan­ken nicht los: „Heu­te nacht wirst du aus dei­nem Schlaf gestört“. Mei­ne Vor­ah­nung war rich­tig. Nachts um 1 Uhr schlug der Hof­hund an. An der alten Pfor­te rum­pel­te es. Ich mach­te mein Fens­ter auf und frag­te: „Was ist denn los?“ Eine Stim­me ant­wor­te­te: „Mach mal auf! Du musst unter­schrei­ben!“ Es waren der Bür­ger­meis­ter und der Orts­grup­pen­lei­ter, die die Leu­te aus dem Schla­fe hol­ten. Mein Stel­lungs­be­fehl lau­te­te: Sofort ein­rü­cken nach Rand­er­sa­cker „Gast­haus Schmitt“. An Schlaf war in die­ser Nacht nicht mehr zu den­ken. Ich blieb auf, ord­ne­te mei­ne Sachen und früh 6 Uhr fuhr ich mit dem ers­ten Zug zu mei­nem Ziel. Beim Aus­stei­gen traf ich vie­le Kame­ra­den aus dem gan­zen
Gau. In Rand­er­sa­cker selbst ging es schon hoch her. Gegen Abend erhiel­ten wir das ers­te Essen: Ein Ein­topf­ge­richt aus der Küche des Gast­wirts Schmitt. Zum Schla­fen wur­de uns der Tanz­saal zuge­wie­sen. Wir muss­ten auf dem blan­ken Boden ohne Decke schla­fen. Am nächs­ten Tag beka­men wir die Uni­for­men und sons­ti­gen Aus­rüs­tungs­ge­gen­stän­de: Gas­mas­ke, Erken­nungs­mar­ke u.a. Auch die Feld­kü­che rück­te an. Unse­re Kom­pa­nie war 250 Mann stark. Sie bestand aus den bei­den letz­ten Jahr­gän­gen des Ers­ten Welt­krie­ges. Nach der Ein­klei­dung wur­den wir ver­ei­digt. Nun wur­de es bit­te­rer Ernst. Seit 1918 war es die vier­te. Bis zum 30. August wur­de noch flei­ßig exer­ziert, dann ging es nach Polen. Wir waren moto­ri­siert. Wir fuh­ren mit unse­ren Fahr­zeu­gen nach Kit­zin­gen, dort wur­den wir ver­la­den in Rich­tung Fein­des­land, d.h. für uns war es kei­nes. Begeis­te­rung kam kei­ne auf. Die meis­ten Kame­ra­den stamm­ten aus dem Spes­sart, aber auch vom Och­sen­fur­ter Gau war fast aus jeder Ort­schaft einer dabei.

Als der Krieg mit Polen zu Ende war, wur­den wir wie­der ein­ge­la­den. Wir hoff­ten schon, dass es wie­der nach Hau­se geht. Als aber in Gemün­den sich die Lok abhäng­te und sich am ande­ren Ende des Zuges wie­der anhäng­te, wuss­ten wir, wo der Wind her­weh­te. Es ging in Rich­tung Wes­ten.

Mein Bru­der zu Hau­se muss­te gleich ein Pferd für die Trup­pen stel­len, doch hat­te er die Gele­gen­heit, einen Trak­tor zu kau­fen. Er muss­te ihn aber selbst in der Fabrik bei Mann­heim abho­len. Das war einer der ers­ten im Dor­fe. Das jüdi­sche Haus, das ich gekauft hat­te, bewohn­te ich noch nicht. So wur­de es gleich zu Beginn des Krie­ges vom Flug­platz Gie­bel­stadt beschlag­nahmt. Die Räu­me nutz­te man als Wachstu­be, Schreib­stu­be und Kran­ken­stu­be. Im Hof wur­de noch eine Feld­kü­che ein­ge­rich­tet. Am Ende des Krie­ges waren die Fuß­bö­den und manch ande­res rui­niert.

Doch wie­der zurück zu mei­ner Kom­pa­nie. Von Gemün­den fuh­ren wir in Rich­tung Frank­furt nach Mainz. Dort wur­den wir aus­ge­la­den und mit Autos nach Kai­sers­lau­tern gebracht. Dort lud man uns aus und quar­tier­te uns in den umlie­gen­den Ort­schaf­ten in Mas­sen­quar­tie­ren ein. Von hier wur­den wir ins Saar­ge­biet ver­legt, spä­ter in die Pfalz. Täg­lich fuh­ren wir nach Baum­hol­der, dem größ­ten Trup­pen­übungs­platz Deutsch­lands, und am Abend wie­der retour. Dann beka­men wir erst unser Essen, zube­rei­tet von zwei Köchen aus Würz­burg. So ver­ging der ers­te Kriegs­win­ter bis zum 8. Mai 1940. Wir saßen gera­de in der Küche und putz­ten Pflück­sa­lat, als auf ein­mal unser Chef kam und sag­te: „Alles fer­tig machen. Jetzt geht es wie­der los!“ Schnell pack­ten wir die Sachen zusam­men. Durch die Pfalz ging es dann nach Luxem­bourg. Ein Stroh­hau­fen auf dem Fel­de war an der Gren­ze unser Nacht­quar­tier. Am nächs­ten Tag über­schrit­ten wir die Gren­ze, die die Mosel bildete,nach Luxem­bourg. Es gab kaum Wider­stand. Über Bel­gi­en, Bel­fort, gelang­ten wir nach Frank­reich. Den Haupt­wi­der­stand leis­te­ten die Fran­zo­sen bei den Ais­ne-Über­gän­gen, wo es unse­re Divi­sio­nen meis­tens mit Schwar­zen zu tun hat­ten. Da gab es für die Deut­schen her­be Ver­lus­te. War der Wider­stand gebro­chen, roll­te es wie­der vor­wärts. Wir gelang­ten bis nach Lyon. Da war der West­feld­zug am Ende. Ein jeder dach­te nun, dass der Krieg aus sei.

Doch das eigent­li­che Elend begann erst im Juni 1941, als der Über­fall auf Russ­land begann. Von Lyon kam ich ins Elsaß. Ich wur­de dann von mei­nem Bru­der rekla­miert und kam dann am 15. August zur Ent­las­sung nach Bam­berg. Eini­ge Tage spä­ter tausch­te ich die Uni­form gegen Zivil­klei­der ein. Vor­erst war der Krieg für mich zu Ende.

Im Herbst 1944 muss­te ich noch ein­mal zum Aus­bau des West­walls ein­rü­cken. Ich arbei­te­te dort sechs Wochen hart. Da die Front der Ame­ri­ka­ner immer näher kam, man hör­te schon die Maschi­nen­ge­weh­re knat­tern, erschien der Gau­lei­ter von Zwei­brü­cken und hielt eine schwung­vol­le Rede: Die Not sei groß, und ab mor­gen wer­det ihr mir für den Volks­sturm unter­stellt. Doch es kam am nächs­ten Tag der Gau­lei­ter von Würz­burg und sag­te zu ihm: „Mei­ne Leu­te kom­men heim!“ Schon am Abend wur­den wir ein­ge­la­den. Noch stan­den wir auf einem Neben­gleis. Plötz­lich heul­ten die Sire­nen auf: Flie­ger­alarm! Die Lok häng­te sich ab und ließ uns ste­hen. Die Bom­ben krach­ten, dass der Zug nur so wackel­te. Das waren Gefüh­le. Gegen Mit­ter­nacht war es so weit, dass wir end­lich in Rich­tung Hei­mat nach Würz­burg fah­ren konn­ten.

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Kindheits- und Jugenderinnerungen

Am 20. Mai 1910 war der gro­ße Hagel­schlag, der alles ver­nich­te­te. Abends, gegen 18 Uhr, wur­de es dun­kel, dass wir die Lich­ter anbren­nen muss­ten. Auf ein­mal begann ein star­kes Rau­schen. Wir waren allein der Stu­be. Unse­re Mut­ter hat­te die Gewit­ter­ker­ze ange­zün­det, und wir bete­ten. Die klei­nen Geschwis­ter wein­ten. Damit die Hagel­kör­ner nicht die Fens­ter­schei­ben zer­schlu­gen, mach­te Vater die Fens­ter auf. Hüh­ner­ei­groß knall­ten sie auf den Stu­ben­bo­den. Es dau­er­te eine gute hal­be Stun­de, dann war alles vor­bei. An den Bäu­men waren nur noch Ast­stum­pen zu sehen. Und wie sah es drau­ßen in der Flur aus? Das war ein schwe­rer Schlag für das gan­ze Dorf. Vie­le Getrei­de­fel­der muss­ten umge­pflügt wer­den, dar­auf wur­den dann Ran­ge­res gepflanzt. Das war eine arbeits­auf­wän­di­ge Tätig­keit. Gab es kei­nen Regen, muss­ten die Pflan­zen auf dem Feld gegos­sen wer­den. Damals gab es noch wenig Rüben, nur Ran­ge­res.

1911 war ein schreck­li­ches Mäu­se­jahr. Das Getrei­de wur­de von den Mäu­sen halb abge­fres­sen, und der zwei­te und drit­te Klee­schnitt fiel ganz aus. Wenn man hin­aus aufs Feld ging, muss­ten die Hosen unten an den Bei­nen zuge­bun­den wer­den, sonst muss­te man Angst haben, die Mäu­se klet­tern die Bei­ne hoch. Für die Krä­hen und Bus­sar­de war der Tisch reich gedeckt. War­um gibt es heu­te noch sel­ten eine Krä­he? Die Bau­ern haben sie ver­gif­tet, und die Jäger schos­sen ihre Nes­ter aus. Die Mensch­heit begeht da gro­ße Feh­ler!

Zu jener Zeit back­ten wir auch unser Brot noch sel­ber. Es waren immer unge­fähr 20 Lai­be. Nach dem Brot kamen noch eini­ge Ble­che mit Plotz in den Back­ofen. Die klei­nen waren so groß wie ein Nudel­plotz. Das war ein Fest für uns. Beson­ders viel wur­de auf Kirch­weih geba­cken. 50 Plotz und noch eine gro­ße Zahl Weiß­bro­te, so groß wie die Schwarzbrote,waren kei­ne Sel­ten­heit. Die Groß­mut­ter, die den Back­ofen besorg­te, hat­te da alle Hän­de voll zu tun. Hin­ter unserm Haus war ein klei­nes Gebäu­de, in dem der Back­ofen und die Schnaps­bren­ne­rei waren. Im Ers­ten Welt­krieg muss­ten die Kup­fer­kes­sel und die -roh­re abge­lie­fert wer­den. Die Muni­ti­ons­fa­bri­ken benö­tig­ten das Kup­fer.

Im Win­ter ging es etwas ruhi­ger zu. Die Knech­te dreh­ten Stroh­sei­le und die Mäg­de strick­ten oder näh­ten. Im Kin­der­gar­ten war eine Näh­stu­be. Dort­hin gin­gen die Mäd­chen und näh­ten ihre Klei­der selbst. Dabei brach­ten sie immer eine Neu­ig­keit mit nach Hau­se. Das Schlach­ten im Win­ter bil­de­te auch immer einen Höhe­punkt im Bau­ern­jahr. Das Schwein wur­de mit dem Beil geschla­gen und dann gesto­chen. Man hör­te es, wenn im Dorf irgend­wo ein Schlacht­tag war. Es kam schon ein­mal vor, dass der Metz­ger den Kopf des Schwei­nes ver­fehl­te und nur die Ohren erwisch­te. Dann war das Schwein nicht mehr zu hal­ten. Schrei­end rann­te es im Hof her­um.

Es gab auch noch kei­nen Kühl­schrank und auch kei­ne Tief­kühl­tru­he. Das Fleisch wur­de ein­ge­sal­zen, denn es muss­te ja für den Som­mer ein gro­ßer Vor­rat geschaf­fen wer­den. Ein Teil des Flei­sches wur­de auch geräu­chert. In der Zeit des Ers­ten Welt­krie­ges wur­de so man­ches Stück schwarz geschlach­tet. Meist geschah es in der Nacht. Das Maul wur­de mit einem Sack ver­bun­den, dass es nicht schrei­en konn­te. Man muss­te sich nur zu hel­fen wis­sen.

Mitt­ler­wei­le kam ich in die gro­ße Schu­le, in die vier­te Klas­se. Wir hat­ten Leh­rer Brön­ner, aber bloß eini­ge Jah­re. Da geschah eines Tages etwas Beson­de­res. Es war 1910. Der Leh­rer sag­te: „Da unten hält ein Auto. Wir gehen ein­mal hin und schau­en uns es an.“ Als wir das Vehi­kel sahen, ris­sen wir Mund und Augen auf, beson­ders als es anfuhr. Ja, gibt es denn so etwas? Der Leh­rer erklär­te uns alles, und am Nach­mit­tag muss­ten wir einen Auf­satz schrei­ben: Unser ers­tes Auto. So beka­men wir alle Wochen ein­mal einen gründ­li­chen Anschau­ungs­un­ter­richt. Wir hat­ten immer einen Rie­sen­spaß dabei. Für den Anschau­ungs­un­ter­richt durf­ten wir öfters eine Wan­de­rung oder einen Spa­zier­gang machen und nach­her in der Schu­le dar­über einen Auf­satz schrei­ben. Nach eini­gen Jah­ren wur­de er pen­sio­niert.

Nun beka­men wir einen Leh­rer namens Raupp. Er war ein gro­ßer Freund der Bau­ern­tracht. Er spiel­te in der Kir­che die Orgel und war der Vor­sän­ger. Nach dem Aus­läu­ten muss­ten wir uns vor der Kir­che zwei und zwei auf­stel­len. So führ­te er uns dann hin­ein. Wir hat­ten ein beson­ders gutes Ver­hält­nis zu ihm, weil sein Sohn Seppl ein Freund mei­nes Bru­ders Adam war. Sie stu­dier­ten ja bei­de zusam­men. Der Leh­rer besaß zwei Gär­ten und hat­te einen gro­ßen Bie­nen­stand. So gab es immer Abwechs­lung im Unter­richt. Er war auch ein gro­ßer Natur­freund. Er unter­rich­te­te uns öfter über Vogel­kun­de. Ja, man ver­gisst so etwas nicht in sei­nem Leben.

Mein Bru­der Adam, der stu­dier­te, kam an Weih­nach­ten auf Feri­en. Er war neben­bei ein lei­den­schaft­li­cher Musi­ker. Er ging mit sei­ner Trom­pe­te auf den drit­ten Boden hin­auf und schmet­ter­te das Lied „Stil­le Nacht, hei­li­ge Nacht“ über das Dorf. Da lach­te einem das Herz.

Die Zeit, als es noch kei­ne Eisen­bahn gab, habe ich auch in guter Erin­ne­rung. Da fuhr die Post­kut­sche. Wenn sie die Och­sen­fur­ter Stei­ge her­un­ter­fuhr, damals stan­den dort noch kei­ne Gebäu­de, noch kein Lager­haus, setz­te der Pos­til­li­on sein Horn an und blies ein schö­nes Stück. Die Post war sei­ner­zeit im Anwe­sen des jet­zi­gen Bür­ger­meis­ters Lesch, vor­mals Lieb­ler. Die Post­li­nie Och­sen­furt-Bütt­hard besaß in Euer­hau­sen eine Pfer­de­wech­sel­sta­ti­on.

Wer mach­te frü­her die Ein­käu­fe und Besor­gun­gen in der Stadt? Als noch kein Zug fuhr, war ein Fuhr­mann da, der besaß zwei Pfer­de und fuhr jede Woche ein­mal nach Würz­burg zum Besor­gen für die Leu­te. Sie teil­ten ihm ihre Wün­sche mit, er führ­te sie aus und erle­dig­te alles. Neben­bei besaß er noch eine klei­ne Land­wirt­schaft. Als im Jah­re 1907 die Eisen­bahn kam, wur­de alles mit der Bann hin und her trans­por­tiert, auch die Post.

Das Läu­ten der Kir­chen­glo­cken war Sache des Leh­rers und des Heil‘genmeisters, aber es wur­de meis­tens auf die Minis­tran­ten abge­wälzt. Zu mei­ner Zeit gab es 12 Minis­tran­ten. Da kam jedes Paar zwei­mal in der Woche zum Läu­ten dran. Auch das Fei­er­abend­lau­ten muss­ten wir Minis­tran­ten aus­füh­ren. Am Sonn­tag gab es für die soge­nann­ten Sonn­tags­schü­ler zwei Stun­den Unter­richt. Danach ging es in die Kir­che zur Chris­ten­leh­re. Sie dau­er­te eine hal­be Stun­de. Wer nichts konn­te, muss­te sich bis zum Schluss mit dem Gesicht zu den Leu­ten gewandt an die Kom­mu­ni­on­bank stel­len. Das war eine har­te Stra­fe. Daheim gab es dann noch den Hin­tern voll. Nach der Chris­ten­leh­re wur­de noch eine drei­vier­tel­stün­di­ge Andacht gehal­ten. Dann war der Sonn­tag gelau­fen.

Unser Pfar­rer war sehr streng. Er ging alle Tage nach dem Abend­läu­ten mit sei­nem wei­ßen Spitz durch das Dorf. Er woll­te sehen, ob auch alle Kin­der von der Stra­ße nach Hau­se gegan­gen waren. Wehe, wenn sich noch ein Kind her­um­trieb. Der Hund war oft­mals unse­re Ret­tung. Er lief näm­lich immer ein gro­ßes Stück vor­aus. Wenn der Ruf ertön­te „Der Spitz kommt!“, saus­te die gan­ze Kin­der­ge­sell­schaft nach Hau­se. Mit 13 Jah­ren wur­de man aus der Werk­tags­schu­le ent­las­sen. Zu sie­ben Jah­ren Werk­tags­schul­zeit kamen noch zwei Jah­re Sonn­tags­schu­le und die Chris­ten­leh­re. Sie war Pflicht.

Nach der Werk­tags­schul­zeit war es für die Schü­ler vor­bei mit dem Spie­len. Schon am nächs­ten Tag muss­te man früh in den Stall gehen und das Och­sen­ge­spann über­neh­men. So ist aus einem Schul­jun­gen ein Klein­knecht gewor­den. Ich muss­te zehn Stück Vieh füt­tern, das Was­ser mit der But­te auf dem Buckel vom Brun­nen in den Stall tra­gen und Fut­ter und Ein­streu her­bei­schaf­fen. Im Som­mer waren es sechs bis sie­ben But­ten. Oft ist ein Was­ser­schwall den Rücken hin­un­ter­ge­lau­fen. Im Som­mer stör­te es nicht, aber im kal­ten Win­ter war es nicht ange­nehm. Mein Vater war schon tot. Die Mut­ter war sehr gut zu mir und sie wür­dig­te mei­ne schwe­re Arbeit als Bub. Doch es dau­er­te nur eine kur­ze Zeit, denn im Herbst 1913 starb auch sie. Ich mein­te, der Him­mel stür­ze über mir zusam­men. Inner­halb von drei Jah­ren hat­ten wir Vater und Mut­ter ver­lo­ren. Sie war bis zum letz­ten Atem­zug bei Bewusst­sein. Kurz vor ihrem Tode ließ sie uns ans Ster­be­bett kom­men, gab jedem Weih­was­ser und seg­ne­te uns. Es war herz­zer­rei­ßend. Schen­ke Gott unse­ren lie­ben Eltern die ewi­ge Ruhe. Amen.

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Feldarbeit

Die Arbeit des Jah­res lief im Rhyth­mus der Jah­res­zeit nach einem gewis­sen Plan ab. Gene­ra­ti­ons­lan­ge Erfah­run­gen spiel­ten dabei eine wich­ti­ge Rol­le. Sobald im Früh­jahr die Fel­der abge­trock­net waren, begann man mit dem Kunst­dün­ger­streu­en. Er wur­de mit der Hand auf das Feld gestreut. Wenn dies gesche­hen war, wur­de mit dem Säen begon­nen. Der Groß­knecht fuhr mit dem Wagen das Saat­gut und die Schar­eg­ge hin­aus aufs Feld. Mit der Schar­eg­ge wur­de das Feld für die Saat vor­be­rei­tet. Das Feld konn­te dann etwas abtrock­nen. Spä­ter kam das Och­sen­ge­spann mit der Säma­schi­ne.

Nun wur­de mit dem Säen begon­nen. „In Got­tes Namen“ sprach mein Vater, als er mit dem Säen begann. Wirk­lich ein schö­ner Brauch. Der Knecht führ­te die Och­sen und Vater lenk­te die Säma­schi­ne. „In Got­tes Namen“, so war es immer Vaters Brauch, wenn er mit einer Arbeit begann. Wenn das Feld gesät war, wur­de es noch gewalzt. Ein ande­res Gespann egg­te die Klee­äcker und die Wie­sen, die es damals in gro­ßer Men­ge gab. War dies getan, wur­den die Kar­tof­fel­acker her­ge­rich­tet. Zur rich­ti­gen Zeit wur­den die Kar­tof­feln mit der Hand gelegt. Im Jah­re 1917 bau­ten wir 4 ha Kar­tof­feln an. Sie wur­den alle mit dem Karst her­aus­ge­gra­ben und mit der Hand zusam­men­ge­le­sen. Ein schwe­res Stück Arbeit!

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Tanzfeste

Im Ver­gleich zu heu­te gab es frü­her wenig Tanz­ver­an­stal­tun­gen. An Kirch­weih und an Fast­nacht wur­de lus­tig auf­ge­spielt. Ein belieb­ter Wal­zer war „Nun machen‘s wir den Schwal­ben nach“. Auch „Bau­ramäd­la hie, Bau­ramäd­la her“ und „Bau­er leg dein Pudel an“ wur­den oft gespielt. Die ver­hei­ra­te­ten und älte­ren Leu­te gin­gen mit ihrer Frau in die Wirts­stu­be und aßen und tran­ken etwas. Das war eine klei­ne Ent­loh­nung für die schwe­re Arbeit wäh­rend des lan­gen Bau­ern­jah­res

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Verschiedene Erinnerungen

Als ich sie­ben Jah­re alt war, muss­te ich daheim schon wacker mit­hel­fen, beson­ders in den Haupt­ar­beits­zei­ten. Bei der Heu­ern­te rech­te ich mit der Hand nach, bei der Getrei­de­ern­te brei­te­te ich die Stroh­sei­le aus und in der Kar­tof­fel­ern­te hieß es, Kar­tof­feln zusam­men­le­sen. Das geschnit­te­ne Getrei­de muss­te ja alles mit der Hand gebun­den wer­den. An einem Nach­mit­tag kamen an die 30 Scho­ber zusam­men. Ein Scho­ber waren 60 Gar­ben. Sie zu bin­den war schon ein Stück Arbeit. Da es zu die­ser Zeit noch kei­nen Gras­mä­her gab, wur­de alles mit der Sen­se geschnit­ten. Die berühm­ten Flü­gel­ma­schi­nen kamen all­mäh­lich auf und erleich­ter­ten wenigs­tens die Schnitt­ar­beit. Die klei­ne­ren Bau­ern muss­ten noch lan­ge nach dem Ers­ten Welt­krieg alles mit der Sen­se mähen, auch das gan­ze Getrei­de.

Vieh­händ­ler gab es in Gau­kö­nigs­ho­fen vie­le. Was war da alle Jah­re in den Mona­ten Febru­ar und März los im Dorf, wenn die nord­deut­schen Guts­be­sit­zer kamen, und Vieh ein­kauf­ten. In der Haupt­stra­ße und in den Neben­stra­ßen stan­den Och­sen­paar an Och­sen­paar. Ein jedes Paar wur­de ein­zeln vor­ge­führt und gemus­tert, denn die Guts­her­ren kauf­ten nur Qua­li­täts­wa­re und gut­ge­fah­re­ne Paa­re. Wenn dann der Kauf­preis aus­ge­han­delt war, alles per Hand­schlag, wur­den sie zum Bahn­hof getrie­ben und in Wag­gons ver­la­den. Oft war es ein gan­zer Zug, der in Rich­tung Nord­deutsch­land abfuhr. Der Blom­ei­ers Phil­ipp war ein robus­ter Vieh­trei­ber. Er beglei­te­te den Zug und füt­ter­te und tränk­te die Och­sen auf den Zwi­schen­sta­tio­nen. Von den jüdi­schen Vieh­händ­lern kauf­ten dann die Bau­ern meis­tens unge­wöhn­te oder wenig gefah­re­ne Och­sen ein, bis es im nächs­ten Jahr wie­der so weit war, dass sie als gute Zug­och­sen ver­kauft wer­den konn­ten.

Eini­ge Juden in Gau­kö­nigs­ho­fen waren auch Stoff­händ­ler. Neben den rei­chen gab es auch arme Juden. Ich muss sagen, dass sie alle in Ord­nung gewe­sen sind. Man hat ihnen ein gro­ßes Unrecht ange­tan und ihnen zu Unrecht Böses nach­ge­sagt. Im Not­fall bekam man von ihnen für kur­ze Zeit auch ein­mal zins­lo­ses Geld. Auch hat­ten sie sich im Dorf­ge­sche­hen gut bewährt. Sie hat­ten für vie­le Belan­ge auch eine offe­ne Hand. Ich sehe heu­te noch die Kris­tall­nacht vor mir. Man glaub­te, der Teu­fel sei los. Und wer waren sie? Meis­tens ange­se­he­ne Leu­te! Ich sehe es noch heu­te, wie sie die Syn­ago­ge zer­stört, und die Juden wie Vieh mit Schlä­gen und Fuß­trit­ten zu einem offe­nen LKW geschleppt haben. Das war ein Schand­mal für die Deut­schen. Der Lohn dafür ist nicht aus­ge­blie­ben.

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Erinnerungen aus meiner Jugendzeit

Im Jah­re 1907 wur­de bei uns in Gau­kö­nigs­ho­fen der Kin­der­gar­ten gebaut. Der Platz gehör­te der Pfar­rei; es war ein Obst­gar­ten. Wäh­rend der Obst­zeit trie­ben wir uns Kin­der dar­in her­um. Da gab es aller­lei gute Sachen zum Naschen: Rot­ba­cki­ge Apfel und saf­ti­ge Bir­nen.

Bei schö­ner Wit­te­rung im Früh­jahr war das „Kügeles­spie­len“ unser Lieb­lings­spiel. Dabei war die gan­ze Jugend ver­tre­ten. Als wir älter waren, so 9 bis 10 Jah­re alt, ver­trie­ben wir unse­re Zeit mit Stich­lings­fan­gen am alten Bach, in dem es sie im Über­ma­ße gab. Ein jeder Jun­ge woll­te die schöns­ten und meis­ten haben. Da wur­de gefeilscht und gehan­delt: „Gib mir den kräf­tigs­ten Stich­ling für 10 Pfen­ni­ge!“ Zu Hau­se nah­men wir einen alten Kes­sel, beleg­ten den Boden mit Stei­nen, pflanz­ten Was­ser­schier­ling hin­ein und gos­sen Was­ser hin­ein. Das war dann unser Fisch­teich. Wir ver­ga­ßen auch nicht, sie zu füt­tern. Was war das für eine Freu­de für uns Buben!

An unse­rem Dorf fließt auch der Thier­bach vor­bei. Sein Lauf von Eichel­see bis nach Gau­kö­nigs­ho­fen lief in schön geschlun­ge­nen Mäan­dern durch einen wei­ten Wie­sen­grund. Die bei­den Ufer waren mit Schwarz­erlen, Kopf­wei­den, Eschen, Pap­peln und ver­schie­dens­ten Sträu­chern bewach­sen. Auch die Wie­sen­stü­cke waren mit Bäu­men ein­ge­fasst. Die­ser Wie­sen­grund bil­de­te ein arten­rei­ches Vogel­pa­ra­dies. Bei uns in Gau­kö­nigs­ho­fen leb­te damals ein Tier­arzt, der sag­te immer: „Ich kann mir kaum einen schö­ne­ren Fleck auf Erden den­ken, und es gibt nichts schö­ne­res, als einen Spa­zier­gang durch die­sen Wie­sen­grund!“ Im Jah­re 1929 setz­te die Flur­be­rei­ni­gung ein. Sie hat alles zer­stört.

Am Sonn­tag­nach­mit­tag trie­ben wir uns Buben immer im Wie­sen­grund her­um. Ein­mal pas­sier­te uns fol­gen­des: Ohne etwas dabei zu den­ken san­gen wir das Lied „Vom armen Dorf­schul­meis­ter­lein“. Es ist gewiss ein harm­lo­ses Lied. Auf ein­mal kam der Kaplan von Eichel­see. Er erzähl­te es dem Leh­rer. Am nächs­ten Tag, vor Schul­be­ginn, frag­te unser Leh­rer: „Blom­ei­er, was habt ihr ges­tern drau­ßen im Wie­sen­grund für ein Lied gesun­gen?“ Blom­ei­er gab zögernd zur Ant­wort: „Das arme Dorf­schul­meis­ter­lein.“ „Und wer war noch dabei?“ bohr­te der Leh­rer wei­ter. Blom­ei­er schwieg. „Natür­lich nie­mand! Aber ich weiß schon, wer dabei war.“ Nichts Gutes ahnend, hat­ten wir unse­ren Hosen­bo­den schon mit Hef­ten gepols­tert. „Geht erst ein­mal hin­aus und ent­fernt die Pols­ter“, sag­te der Leh­rer, „dann fan­gen wir mit dem ers­ten an!“ Dann bekam jeder sechs Hie­be auf das Hin­ter­teil.

Bei schö­nem Wet­ter im Früh­jahr fand jähr­lich ein Unter­richts­gang zur Quel­le bei Eichel­see statt. Erst spä­ter wur­de sie für unse­re Was­ser­lei­tung gefasst. Mit Eimer- und Liter­maß zogen wir los. Wäh­rend der Wan­de­rung san­gen wir schö­ne Früh­lings­lie­der, z.B. „O wie lus­tig läßt‘s sich jetzt mar­schie­ren …“ An der Quel­le wur­de die Was­ser­schüt­tung gemes­sen. „Wie­viel Liter Was­ser schüt­tet die Quel­le in einer Sekun­de, in der Minu­te und in der Stun­de? Wür­de es für‘s Dorf rei­chen?“ waren Fra­gen, die wir zu lösen such­ten. Das war in der Zeit von 1909 bis 1913. Aber erst im Jah­re 1927 wur­de die Was­ser­lei­tung gebaut.

Zu mei­ner Kin­der­zeit war es üblich, dass die Kin­der jedes Quar­tal ihren Schul­zen­weck beka­men, und zwar immer am Sonn­tag nach der Früh­kir­che beim Bür­ger­meis­ter. Zuvor muss­ten drei Vater Unser für den Stif­ter gebe­tet wer­den. Da hat­te der Kreut­zers Engel­bert mit sei­nem Stock eine schwe­re Auf­ga­be, woll­te doch man­cher zwei­mal einen Weck holen.

Wir Buben durf­ten manch­mal mit dem Vater auf den Säu­lis­markt nach Och­sen­furt. Nach dem Markt wur­de in der „Schwa­nen-Wirt­schaft“ ein­ge­kehrt. Jeder von uns bekam einen Weck mit Knack­wurst. Am Tag zuvor haben wir gehol­fen, das Gäuls­ge­schirr auf Hoch­glanz zu put­zen.

Als wir schon älter waren, rit­ten wir im Mai mit den Pfer­den in die Ostau, heu­te das Gebiet des Gie­bel­städ­ter Flug­plat­zes, zum Mai­glöck­chen pflü­cken. Wir sam­mel­ten uns mor­gens um 4 Uhr und rit­ten dann los. Auch das Mai­kä­fer­schüt­teln soll nicht ver­ges­sen wer­den. Die letz­te Fuh­re Getrei­de wur­de mit Feld­blu­men beson­ders schön geschmückt, denn jeder woll­te ja die schöns­te haben.

Am Schutz­en­gel­fest hat­ten wir Buben es beson­ders not­wen­dig, die vie­len Chai­sen zu zäh­len, die ins Dorf her­ein­ge­fah­ren waren. In man­chen Höfen stan­den fünf und manch­mal noch mehr. Für die Gäuls­knech­te war das ein guter Tag, bekam er doch für jeden Besuch sei­ne zwei Mark Trink­geld.

Ein­mal war ich unten am Bach. Ich hat­te mein Schür­ze­la an. Da kam auf ein­mal der Mai­ers Karl und sag­te zu mir: „Bua, geh mit, mir fan­ga Forel­la!“ Ihm gehör­te näm­lich das Fisch­was­ser. Er fing die Fische mit den Hän­den und warf sie hin­aus auf die Wie­se. Wenn sie sich aus­ge­zap­pelt hat­ten, muss­te ich sie in mei­ne Schür­ze legen. Es dau­er­te nicht lan­ge, war mei­ne Schür­ze vol­ler Fische, einer schö­ner als der ande­re. Als Lohn bekam ich eine schö­ne gro­ße Forel­le. Wel­che Freu­de für mich!

Am 20. Mai 1910 ging ein furcht­ba­rer Hagel­schlag über der Flur von Gau­kö­nigs­ho­fen nie­der. Am nächs­ten Tag lie­fen wir mit unse­rem Vater hin­aus in die Flur, um uns den Scha­den zu betrach­ten. Auf den Fel­dern fan­den wir so viel erschla­ge­ne Hasen und Reb­hüh­ner, dass wir sie nicht alle tra­gen konn­ten. Das noch grü­ne Getrei­de muss­te gemäht wer­den. Es lag zer­schla­gen auf dem Boden. Heim Mähen hat sich Vater den Todes­keim geholt. Ver­schwitzt und erhitzt kam er nach Hau­se. Danach ging er in die kal­te Kir­che, wo er sich eine schwe­re Erkäl­tung hol­te. An deren Fol­gen ist er dann am 19. Juli 1910 gestor­ben. Mei­ne Mut­ter folg­te ihm schon im Herbst 1913 nach. Da waren wir Kin­der auf uns allein gestellt. Zum Glück waren noch eine Tan­te, die Groß­tan­te und die Groß­mut­ter da. Mit die­sen har­ten Schick­sals­schlä­gen war unse­re Jugend­freu­de dahin­ge­gan­gen. Doch im gan­zen gese­hen, muss ich sagen: „O schö­ne Jugend­herr­lich­keit, wohin bis du ent­schwun­den?“

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Die Dreschmaschine kommt

Wie freu­ten wir uns und welch ein Hal­lo gab es in unse­rer Kin­der­zeit, wenn es hieß: „Die Dresch­ma­schi­ne kommt!“ Eini­ge Tage zuvor wur­den in der Wirt­schaft die Dre­sch­num­mern gezo­gen, damit sich jeder Bau­er dar­auf ein­stel­len konn­te und sich kei­ner benach­tei­ligt füh­len konn­te. Wir Buben erwar­te­ten es kaum, bis Vater von der Wirt­schaft heim kam. „Wel­che Num­mer haben wir?“ war die ers­te Fra­ge. „Num­mer zwei“, ant­wor­te­te Vater. Vor lau­ter Erwar­tung und Freu­de konn­ten wir die kom­men­den Näch­te kaum schla­fen.

Doch für die Erwach­se­nen bedeu­te­te die Vor­be­rei­tung schwe­re Arbeit. Was gab es da nicht alles vor­zu­be­rei­ten! Beson­ders Mut­ter hat­te es nicht leicht, für 20 Per­so­nen die Brot­zeit her­zu­rich­ten. Es muss­te gebut­tert, guter Käse her­ge­rich­tet und auf­ge­stellt wer­den. Für den Kaf­fee­tisch am Mor­gen muss­ten beim Bäcker die Sem­meln bestellt und noch vie­les ande­re getan wer­den. Auch wir Kin­der muss­ten da tüch­tig mit­hel­fen, z.B. das But­ter­fass dre­hen, die Later­nen put­zen und Ein­käu­fe machen. Dann um sie­ben Uhr abends war es so weit: Der Maschi­nen­zug muss­te beim Nach­barn abge­holt wer­den. Der Ober­knecht zog mit sei­nen Pfer­den zur Dresch­ma­schi­ne. Zuerst wur­de die Stroh­pres­se her­ge­fah­ren, dann der Dreschkas­ten und zuletzt das Loko­mo­bil. Jetzt ging der Rum­mel erst rich­tig los. Bis alles auf­ge­stellt war, ging es schon auf 22 Uhr zu. Die Nacht vor dem Dre­schen war kurz.

Um 4 Uhr in der Frü­he kam der Maschi­nist zum Feu­er­auf­ma­chen im Loko­mo­bil, damit um 5 Uhr der nöti­ge Dampf­druck vor­han­den war. Auch die bei­den Stäl­le muss­ten bis zu die­sem Zeit­punkt gefüt­tert sein. Mut­ter rich­te­te noch den Kaf­fee­tisch her, damit die Leu­te bis 5 Uhr gefrüh­stückt hat­ten. Punkt 5 Uhr heul­te die Dampf­si­re­ne auf, und fau­chend und stamp­fend setz­te sich die Maschi­ne mit lau­tem Gebrumm in Bewe­gung. Ja, das Dre­schen war immer ein har­ter Tag, denn 12 Stun­den Dresch-Zeit stan­den bevor. Wir Kin­der hat­ten wäh­rend der Dresch­zeit einen beson­de­ren Spaß, gab es doch bei jedem Bau­ern nach der Brot­zeit der Dre­sch­leu­te für die Kin­der des Dor­fes das übli­che Maschi­nen­brot. Da muss­te bei 20 bis 30 Kin­dern schon ein gan­zer Brot­laib her­hal­ten. Ja, die Zei­ten waren frü­her hart; sie hat­ten aber doch auch wie­der ihre schö­nen Sei­ten. Mit Recht kann man sagen: „O glück­se­li­ge Jugend­zeit, wie bist du so weit, so weit!“

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Um unser Anwesen

Frü­her bestand im Dorf eine ech­te Dorf­ge­mein­schaft, und man half sich so gegen­sei­tig aus. Als wir unse­ren Betrieb im Jah­re 1945 anfin­gen, hat­ten wir nur ein lee­res Haus und einen lee­ren Hof: Kei­nen Wagen, kei­ne Acker­ge­rä­te , kei­ne Möbel im Haus und kei­nen Gar­ten. Es war ein sehr schwe­rer Anfang, bis wir Stück um Stück her­bei­ge­schafft hat­ten. Doch es gab immer wie­der gute Leu­te, die uns aus­hal­fen.

Es leb­te im Dorf eine arme Wit­we, die hat­te ein klei­nes Häus­chen, ein klei­nes Feld­stück und einen Gar­ten außer­halb des Dor­fes. Ich hat­te ihr zeit­le­bens, auch als ich noch zu Hau­se war, ihr Feld­stück mit Kar­tof­feln oder Getrei­de bebaut. Zwei Tage vor der Wäh­rung kam ihre Toch­ter und sag­te zu mir: „Die Mut­ter lässt sagen, du sollst heu­te noch zu ihr kom­men, sie liegt im Ster­ben.“ Da sie in Och­sen­furt bei ihrer Toch­ter wohn­te, fuhr ich in die Stadt und ging zu ihr hin. Da sag­te sie zu mir: „Kon­rad, weil Du mir immer mein Feld bestellt hast , möch­te ich Dir mein Feld und mei­nen Gar­ten ver­kau­fen.“ Das Häus­chen hat­te kei­nen Wert mehr. Für 12.000 Mark wur­de ich Eigen­tü­mer eines Gar­tens. Gefäl­lig­keit hat immer eine gute Sei­te.

Auch unse­rem Nach­barn, dem Speng­lers Franz, habe ich sei­ne Feld­stü­cke mit bebau­en hel­fen, als ich noch zu Hau­se war. Er war auch ein sehr gefäl­li­ger Mensch. Als wir mit unse­rem Betrieb anfin­gen, hat er uns, als es damals nichts zu kau­fen gab, viel gehol­fen. Er fer­tig­te für uns einen Gie­ßer, eini­ge Eimer und auch noch Küchen­ge­schirr. „Es ist sehr schwer, Blech zu bekom­men“, sag­te er, „doch für dich, Kon­rad, wer­de ich schon etwas bei­brin­gen.“ Gute Leu­te hel­fen einem aus der Not; das hat sich damals gezeigt.

Auch von den Juden habe ich heim­lich vie­le Sachen abge­kauft. Sie muss­ten ja alles im Stich las­sen. Nachts, wenn mich nie­mand sehen konn­te, schaff­te ich die gekauf­ten Sachen nach Hau­se. Am Tage nach der Kris­tall­nacht nahm ich mir unter Mit­tag eine hal­be Stun­de Zeit, um mir die Schä­den zu betrach­ten, die die Nazis ange­rich­tet hat­ten. Ich ging auch ins Haus, wo ich jetzt woh­ne. Ich habe die Leu­te bedau­ert und ver­sucht, auch zu trös­ten. Die Frau war ganz rat­los und ver­zwei­felt. Sie woll­te mit dem Zuge zu ihren Eltern nach Wie­sen­feld fah­ren. Ihren Mann hat­te man ja schon abge­führt. Im Zim­mer lag der Schrank auf den Türen, und sie woll­te doch ein paar Klei­dungs­stü­cke mit­neh­men. Sie sag­te zu mir: „Herr Dürr, möch­ten Sie so gut sein und den Schrank auf­he­ben?“ „Ja, selbst­ver­ständ­lich“, erwi­der­te ich. Es war nicht leicht, doch ich habe es geschafft. Ich ver­rie­gel­te dann die Haus­tür von innen, denn das Tür­schloss war ein­ge­schla­gen, und ich stieg durch das Fens­ter hin­aus. Es war ein gro­ßes Risi­ko. Wäre ich gese­hen wor­den, wäre mir Dach­au sicher gewe­sen. Damals ahn­te ich noch nicht, dass ich spä­ter ein­mal in die­sem Hau­se woh­nen wer­de. Ich glau­be man kann sehen, dass Gut­ta­ten nicht ver­ge­bens sind. Ja, wer die Kris­tall­nacht nicht erlebt hat, kann sich kei­ne Vor­stel­lun­gen machen, was da gesche­hen ist. Die SA-ler und man­che ande­re haus­ten wie die Van­da­len; es waren auch vor­neh­me Leu­te dabei! Dass es in einem so zivi­li­sier­ten Land so etwas geben konn­te, ist unvor­stell­bar.

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Von der Wiege bis zur Bahre

Wie war es bei einer Kinds­tau­fe? Es war nicht so zere­mo­ni­ell wie heu­te. Es wur­den nur die nächs­ten Ver­wand­ten ein­ge­la­den und es gab Kuchen und Kaf­fee. Tor­te kann­te man damals noch nicht so sehr. Das Mahl war ein­fach: Meis­tens wur­den Brat­würs­te auf­ge­tischt und dazu wur­de ein guter Wein ein­ge­schenkt. Die „Schrods­nan­ne“, die Heb­am­me, führ­te haupt­säch­lich das Wort. Sie erzähl­te aus ihrem Fach. Da durf­ten wir Kin­der nicht zuhö­ren. „Ihr habt nicht hin­zu­hö­ren! Ihr seid hin­ter den Ohren noch nicht tro­cken!“ hieß es.

Wie war es bei einer Bau­ern­hoch­zeit? Da wur­de zwei Tage gefei­ert. Am Hoch­zeits­ta­ge wur­den die Gäs­te mit der Chai­se zum Hoch­zeits­haus gefah­ren. Der Fuhr­mann, Knecht oder Bau­ern­bur­sche, bekam in einem Extrastüb­chen ein lecke­res Mahl und Wein nach Belie­ben. Dort blieb er sit­zen, bis die Fei­er in der Kir­che vor­bei war. Beim ers­ten Böl­ler­schuss hieß es dann „Plat­te put­zen“. Ein jeder wank­te zu sei­nem Gefährt und fuhr dann heim. Die Pfer­de fan­den den Weg schon allein. Am nächs­ten Tag, so war es aus­ge­macht, war man bis mit­tag 2 Uhr wie­der da. Wie­der wur­den gute Spei­sen auf­ge­tra­gen. Es wur­de Abend, bis es zur Heim­fahrt ging. O glück­li­che Jugend­zeit, wie bist du so weit, so weit! Bei der Hoch­zeit eines rei­chen Bau­ern war auch die Musik ein­ge­la­den. Sie bekam einen Extra­tisch und muss­te ab und zu ein Stück auf­spie­len. Auch ein Schüt­ze war dabei. So oft die Braut oder der Bräu­ti­gam die Stu­be ver­lie­ßen, muss­te er auf der Lau­er sein und ein paar Schüs­se los­knal­len. Wir besa­ßen noch zwei alte Vor­der­la­der vom 66er-Krieg. Sie wur­den zu Hoch­zei­ten immer aus­ge­lie­hen. Wuss­ten die Braut­leu­te, wer geschos­sen hat­te, gab es immer ein paar Fla­schen guten Hoch­zeits­weins.

Bei einer Beer­di­gung war es so Brauch: Die Vor­be­ter des Rosen­kran­zes beka­men je eine Fla­sche Wein. Auch die Sarg- und der Kreuz­trä­ger wur­den in die Wirt­schaft ein­ge­la­den. Das ist ja heu­te auch noch so. Auch die Dorfar­men gin­gen damals nach dem Lei­chen­schmaus nicht leer aus. Die alten Sit­ten und Gebräu­che ver­schwin­den mit der Zeit. Beim Gebet-, Mit­tag- und Abend­läu­ten ent­blöß­ten die Män­ner ihre Köp­fe zu einem kur­zen Gebet, eben­so beim Frei­tags­läu­ten um 3 Uhr. Heu­te denkt nie­mand mehr dar­an. Alles ist dahin, alles vor­bei.

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Unkraut

Unkraut gab es frü­her, das lässt sich gar nicht beschrei­ben. Die blü­hen­den Feld­rai­ne und die Korn­ra­de, die Korn­blu­me und der Klatsch­mohn im Getrei­de­feld waren ein schö­ner Anblick. Die Dis­teln waren nicht so beliebt. Sie wur­den bekämpft. Stan­den Dis­teln im Feld, hieß es gleich, man ist ein Schlam­per. Das Dis­tel­ste­chen war eine leich­te Arbeit. Man konn­te dabei erzäh­len und Wit­ze machen; dabei ver­ging die Zeit sehr schnell. Es gab aber auch Bau­ern, die sich die Mühe nicht mach­ten, und die Dis­teln ste­hen lie­ßen. Da konn­te man bei der Ern­te­ar­beit und beim Dre­schen nicht ohne Hand­schu­he arbei­ten.

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